Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 38. Die Wahrheit Seite 5. bezeichuete, so braucht er dabei nur au die bekannte starke Blutmischung der Südsranzoseu mit Phöniziern gedacht haben. Daß aber zwischen den Juden und den übrigen Orientalen ein recht großer Abstand besteht, und daß schon die alten Araber zum Beispiel nicht weniger scharf über die bekannten Eigenschaften der Hebräer geurteilt haben, als heute die orientalischen und europäischen Wirtsvölker der Juden» dürfte auch der „Bossischen Zeitung" bekannt sein. Dem phönizischen Bluteinschlage aber würde es gar nicht widersprechen, daß sich die Bernadottes im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot in allerhand kleinbürgerlichen Bernsen verdient haben, daß znm Beispiel noch ein Vetter des zweiten schwedischen Bernadottes Kohlenschipper war, und daß sich der Marschall Bernadotte durch große militärische Tapferkeit auszeichnere. Bringt die „Bossische Zeitung" den Beweis für ihre Behauptung nicht bei, so wird man ihr neuestes Judenkompliment entsprechend bewerten müssen." Es handelt sich hier um gar kein „Kompliment", das den Juden gegenüber gemacht werden soll. Unseres Wissens ist zuerst von antisemitischer Seite die jüdische Abstammung Bernadottes öffentlich behauptet worden. Und zwar war es ein antisemitischer Schriftsteller Hermann von S ch a rf - S ch a rffeilst ein, der in seiner Broschüre „Das geheime Treiben, der Einstuß und die Macht des Judentums in Frankreich seit 100 Jahren (1771—1871)", erschienen im Jahre 1872 bei Heinrich Killiuger-Stuttgart, u. a. schreibt: „Bernadotte, König von S ch w e d e n. Napoleon war es, welcher durch die Hamburger Logen, die schon gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts vom Judentum infiziert worden waren, die Wahl zum Kronprinzen von Schweden auf Bernadotte, der ebenfalls (— wie Navoleo n nach der Behauptung des Verfassers d. R. d. M.!) aus Judenstamm gewesen sein soll, zu lenken wußte. (S. 16.)" In diesem Herrn Scharff von Scharffenstein hat man den Vater der ganzen internationalen antisemitischen Bewegung zu erblicken. Ans ihil haben sich die Fritsche, Paasch, Ahlwardt und Genossen von jeher berufen. -i- * Dieser Tage ist in Rußland ein interessantes Buch erschienen, das sehr wichtige Dokumente und Berichte über die letzten Pogrome enthält. Diesem Buche sind folgende statistische Angaben zu entnehmen: Die Opfer der Pogrome im Jahre 1905 sind in den Gonvernementen: Bessarabien 110 Tote, 350 Verwundete, 48 Witwen, 125 Waisen; Cherson 371 Tote, 300 Verwundete, 180 Witwen, 768 Waisen; Tannen 53 Tote, 50 Verwundete, 8 Witwen, 27 Waisen; Jekaterinoslaw 131 Tote, 380 Verwundete, 40 Witwen, 187 Waisen; Poltava 18 Tote, 105 Verwundete, 8 Witwen. 37 Waisen; Tschernigow 23 Tote, 125 Verwundete, 4 Witwen, 31 Waisen; Kiew 31 Tote, 300 Verwundete, 5 Witwen, 15 Waisen; Podolien 31 Tote, 85 Verwundete, 25 Witwen, 83 Waisen; Minsk 49 Tote, 15 Verwundete, 1 Witwe, 6 Waisen; Mohilew 31 Tote, 15 Verwundete, 1 Waise; Witebsk 12 Tote, 11 Verwundete. 2 Witwen; Don 16 Tote, 40 Verwundete, 4 Witwen; Gesamtzahl 876 Tote, 1197 Verwundete, 325 Witwen und 1280 Waisen. Fügt man die Pogrome des Jahres 1906 in Hömel, Siedler und Bialystock hinzu, so sind 1918 Juden als Opfer der Pogrome in der Zeit vom Oktober 1905 bis zum Jahre 1906 zu beklagen. Der den Inden durch die Pogrome zugefügte materielle Schaden beziffert sich in den Gonvernementen: Bessarabien (von 12.500 Juden) ans 3.4 Millionen; Cherson (63.000) auf 10.1 Millionen; Tannen (3500) 0.5 Millionen; Jekaterinoslaw (21.500) ans 13.2 Millionen; Poltava (14.100) 5.2 Millionen; Tschernigow (23.000) auf 7.4 Millionen; Kiew (32.000) aus 11.0 Millionen;. Podolien (19.000) auf 3.4 Millionen; Wolin (700) auf 0.175 Millionen; Minsk (200) auf 0.003 Millionen; Mohilew (800) ans 0.016 Millionen; Witebsk (600) ans 0.075 Millionen; Don (6500) ans 6.0 Millionen; andere Orte (8300) aus 2.2 Millionen. Insgesamt haben die Inden durch die Pogrome direkt und indirekt etwa einen Schaden von 62,000.000 Rubel erlitten. * . * Ueber die Aussichten der russischen Wohnrechtsvorlage wird der „Welt" aus Petersburg berichtet: ' Die russische Regierung scheint zu glauben, daß es ihr gelingen wird, die nunmehr von der öffentlichen Meinung des ganzen Landes als unabweisbar anerkannte Forderung nach Abschaffung der W o h n r e ch t s b e s ch r ä n k n n g e u. diese gebieterische Forderung primitivster Menschlichkeit und elementarster Staatsräson, die selbst von der Oktobristenpartet und einen großen Teil der ausgesprochen jndenfeindlichen Presse unterstützt wird, durch geringfügige Konzessiönchen aus der Well zu schaffen. Angesichts der bevorstehenden Dumadebatte über diese nicht nur für die Inden, sondern für das gesamte russische Wirtschaftsleben hochbedeulsame Frage hat sich der Ministerrat dazu ausgerafft, ganze acht Dörfer innerhalb des An siedlungsrayons den Juden zu öffnen. Tiefe befreiende Tat soll als Beweis dafür dienen, daß das Kabinett des Herrn Stolypin ans eigenem Antrieb die Judenfrage „stufenweise" lösen will, daß somit jede parlamentarische und anderweitige Aktion nach dieser Richtung hin überflüssig sei. Man darf demnach auf das Schicksal der von 160 Dnmaabgeordneten verschiedener Parteien Unterzeichneten Vorlage wegen Abschaffung des Ausiedlungsrayons mit Recht gespannt sein. So wenig man sich einer Illusion darüber hingebeu kann, daß die Annahme dieser Vorlage etwa die Lage der russischen Inden mit einem Schlage radikal umgestatten wird, so ist die Hoffnung doch nicht unbegründet. daß mit der Aufhebung der Wohnrechtsbeschränknngen unfern Brüdern im Zarenreiche gewissermaßen der a r ch i m ed i s ch e Punkt gegeben wäre, von dem aus sie die Erringung ihrer Vollberechtigung in Angriff nehmen könnten. Und es darf nicht übersehen werden, daß das national-kulturelle Bewußtsein der russischen Judenheit denn doch zu sehr entwickelt, ihr nationales Gewissen durch die Kämpfe und Enttäuschungen der jüngsten Revolutionszeit zu sehr geschärft ist, als das man befürchten müßte, der Kampf um die bürgerliche Gleichstellung könnte bei ihnen dieselben verhängnisvollen Begleiterscheinungen zeitigen, die im Westen zur Entjndung unserer weitesten Volkskreise geführt haben. * --- * Wozu die Juden in Rußland gut sind, hat jetzt in drastischer Weise die Stadtverwaltung in Homel gezeigt. Während der Odessaer Despot T o l m a t s ch o w es wieder einmal zuwege gebracht hat, Rußland vor der ganzen Welt zu blamieren, indem er die Einführung des E h r t i ch s ch e n Mittels in Odessa verbot, weil Ehrlich Jude ist imb anderseits die russische Regierung — was noch nicht bekannt sein dürfte — auf das Ehrlichsche Mittel einen Einfuhrzoll setzte, hat die Homeler Stadtdnma jetzt einen Beschluß gefaßt, die Kosten zur Bekämpfung der Cholera in Homel einfach den Juden anfzubürden. Die Stadtduma hat nämlich einfach beschlossen, die mit 7000 Rubel veranschlagten Kosten für die Bekämpfung der Cholera der jüdischen Fleischstener (Korobke) „leihweise" zn entnehmen. Da die Juden aus Erfahrung wissen, daß solche Entlehnungen auf „Nimmerwiedersehen" zu geschehen pflegen, haben sie gegen einen solchen Beschluß protestiert. Der Gouverneur verwarf jedoch den Protest, und so werden die Inden die Kosten der Homeler Cholera zu tragen haben. Mannheimer nnd das Jahr 1848. Von Dr. M. Rosenmann. Aus dem im heurigeuUuion-Kalender veröffentlichten Essai „Jiak Noah Mannheimer" geben wir im Nachfolgenden mit Einwilligung des Autors eines der interesiantesten Kapitel wieder. Die Redaktion. Unter der still fürsorglichen Leitung Jsak Noah M'a n nh e i m e r s gewann das Judentum an Selbstbewußtsein und Selbstachtung nnd gleichwie in des Winters Starre eine geheinie Kraft im Innern der Bäume alle Säfte anfspeichert, um sie beim ersten Nahen des Frühlings bis in das äußerste Geäste zu treiben, also hatte Mannheimer während der Zeit der Unterdrückung alle edlen Kräfte innerhalb der Gemeinde gesammelt und als der Völkerfrühling des Jahres 1848 heranbrach, als am 13. März in den Straßen Wiens die Stunde