Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 38 (23.9.1910)
- Date
- 1910-09-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 38. wacker in Hietzing nnd lassen Sie die geistigen Ghettojuden in Ruhe! Nein, wenn wir noch nicht alle Scham verloren haben, so müssen wir unsere ungebetenen Freunde so kräftig abschütteln, daß sie ans Wiederkommen nicht mehr denken. Es ist unerhört, sich Menschen, die man im Innern haßt, als Vertreter aufzudräugen, in der kühlen Voraussetzung, sie müssen mich doch wählen — und wenn ihnen auch die Galle vor Zorn und Wut springt — denn sonst wird der offizielle Judenfeind gewählt. Wir wollen den Herren sagen, daß wir ihren Kalkül mehr als genug kennen, und daß es uns ganz gleichgiltig ist, ob ein Feind der Inden oder des Judentums gewählt wird. Es muß in der Leopoldstadl dasselbe geschehen, wie bei den Gemeinderatsmandaten in der inneren Stadt: alle jüdischen Parteien müssen sich aus einen Kandidaten einigen, und wenn Herr Dr. Schwarz-Hiller nicht gutwillig zurücktreten will, so muß er rücksichtslos bekämpft werden, auf die Gefahr hin, daß die Christlichsozialen das Mandat weiter behalten. Knltusgemeinde, Nationalisten, Zionisten und der Verband der östlichen Juden müssen sich verständigen, um das Joch der Meschumodim ein für allemal zu brechen. Wir verfügen über genug Männer — und Juden, die fähig und würdig sind, unsere Interessen zu vertreten. Sagen wir unseren liberalen und demokratischen, nichtjüdischen Bürgern offen lind ehrlich, was wir wollen nnd sie werden uns unterstützen. Auf zur Arbeit. Heraus mit Versammlungen und Aufklärungen. Die jüdischen Wähler in der Leopoldstadt müssen beweisen, daß sie reif für selbständiges politisches Denken sind und sich nicht von Jenen am Gängelband führen lassen, die darauf ausgehen ihr Judentum zu verwässern. „Inden anßi!" tönte es in letzter Zeit wieder ans den antisemitischen Versammlungen, „Meschumodim anßi!" sei unsere Parole. Ans der Woche. Von dem streng religiösen Sinne unseres Thronfolgers Erzherzog Franz Ferdinand, der nicht nur den eigenen Glauben, sondern auch den Glauben anderer hochhält, gibt die folgende Episode Zeugnis, die vom vorjährigen Besuche des Thronfolgers am Berliner Hofe berichtet wird : An einem Freitag ließ der Erzherzog Franz Ferdinand dem Berliner Kunsthändler Goldschmied ankündigen, daß er ihn an einem der nächsten Tage besuchen werde, um einiges einzukaufen. Tags darauf, am Sabbat, erschien schon der Erzherzog bei Goldschmied, der ihn empfing und sagte: „An welchem Tage immer stehe ich Eurer kaiserlichen Hoheit ergebenst zur Verfügung, aber heute ist Samstag und ich bin ein strenggläubiger Jude . . ." Der Erzherzog fiel ihm ins Wort: „Um nichts in der Welt möchte ich Sie stören; halten Sie nur ruhig Ihren Feiertag. Morgen komme ich wieder." Tags daraus erschien der Thronfolger wieder bei Goldschmied und machte seine Einkäufe. * * $ Für die bevorstehende Landtagswahl in der Leopoldstal? ist eine Einigung der beiden liberalen Parteien im Bezirke nick? zustande gekommen. Bei einer diesbezüglichen gemeinschaftlichen Konferenz zeigten die Delegierten des Donauklub das größte Entgegenkommen und erklärten sich bereit, behufs Nominierung eines gemeinschaftlichen Kandidaten, ihren eigenen, den Gemeinderat Dr. Mittler, znm Rücktritt zu bewegen, falls das gleiche seitens der Freiheitlichsozialen betreffs Dr. Schwarz-Hiller geschähe. Aber Reichsratsabgeodneter Dr. Ofner gab die strikte Erklärung ab, daß, mögen die Herren was immer beschließen, er und seine Parteigenossen unbedingt an der Kandidatur Doktor Schwarz-Hilters festhalten, nnd damit war ein weiteres Verhandeln ausgeschlossen. - Die jüdischen Wähler werden den Justament-Standpnnkt der Herren Dentschdemokraten kaum begreifen und hoffentlich auch mit ihrem Votum klar und deutlich znm Ausdrucke bringen, wem sie die politische Führung im Bezirke anvertraut wünschen. * * 4- Die Umwandlung Prags ans einer vorwiegend deutschen Stadt in eine Metropole des Ttschechentnmes soll das Prager Judentum verschuldet haben — also behauptet keck und unverfroren Herr Paul Dehn in der letzten Nummer der „Alldeutsch. Bl." (Iß. 9.). Er schreibt nämlich: „Prag zeigte noch vor vierzig Jahren äußerlich deutsches Gepräge und macht heute deu Eindruck einer tschechischen Stadt. Innerlich hat sich aber wenig verändert. Prags Bevölkerung war schon lange überwiegend tschechisch nnd ist durch die starke Zuwanderung vom Lande noch tschechischer geworden. Die äußere Uunvandlnilg - erfolgte durch den Ueb ergänz der Prager Juden ins tschechische Lager. Die Inden beherrschen das Prager Geschäftsleben nnd halten dort wie anderwärts aus geschäftlichen Gründen zu den Machthabern. Käme in Oesterreich ein neuer Josef II. auf den Thron, so würde Prag binnen kurzer Zeit durch die dann sicher erfolgende Germanisierung der Inden äußerlich wieder wie früher einen deutschen Charakter annehinen. Dasselbe gilt von Pilsen, Brünn und anderen Städten, auch von Pest, wo sich die Inden magyarisieren ließen, weil sie dabei bessere Geschäfte machten. Wer über den Rückgang des Dentschtnms in Oesterreich und Ungarn schreibt und nicht den Mut hat, die nationalen Wandlungen des österreichischungarischen Judentums zu berühren, unterschlägt eine wichtige und wesentliche Tatsache." Das gerade Gegenteil ist richtig. Die Juden in Böhmen werden von den Tschechen gerade deswegen am schärfsten angefeindet, weil sie in ihrer erdrückenden Mehrheit — einzelne Ueberlänfer ausgenommen — treu zum Deutschtum halten. Das hat erst kürzlich ein Gesinnungsgenosse des Herrn Dehn, Herr Dr. Winterstein in Kassel, in einem Reisebriefe des „Heimdall" offen zngestanden; er hatte nämlich bei seinem letzten Besuche Prags die Erfahrung gemacht: „. . . Wer einen Menschen von arischem Aenßern auf Deutsch um Ansknnft bittet, gerät damit leicht an einen Tschechen und erhält dann häufig gar keine Antwort oder eine absichtlich verkehrte. Man tut da also am besten, sich an einen der zahlreichen Juden zu wenden, wenn man etwas wissen will." * Welch traurige Erfahrungen die österreichischen Inden, sobald sie sich der einen oder anderen nationalen Partei anschließen, mit der Bnndestrene der betreffenden Nation machen, das zeigt sich jetzt wiederum in der Bukowina, wo trotz eines angeblich bundesfrenndlichen Verhältnisses zwischen den Inden und den Rnthenen das rnthenische Banernblatt „Narvdnei Halos" in fast jeder Nummer Artikel publiziert, welche in Inhalt und Form Jndenfeindlichkeiten propagieren mib durch entstellte unwahre Behauptungen die bäuerliche Bevölkerung aufzuhetzen geeignet sind. So wird der rnthenischen Bevölkerung allmählich suggeriert, daß sie von den Inden benachteiligt werden und sich daher gegen die Inden auflehnen müssen. Wir sind peinlich darauf bedacht, so heißt es im Organ der jüdischen Nationalpartei der Bukowina, in unserem Organe weder dem rnthenischen Volke, noch deren Führern auch nur mit einem Worte irgendwie Unrecht zu tun, daß aber die rnthenischen Führer uns gegenüber die gleiche Rücksicht nicht üben. Es muß doch eigentümlich berühren, wenn einerseits behauptet wird, daß das bnndesfrenndliche Verhältnis zwischen Rnthenen und Juden bestehe und daß die rilthenischen Führer den Bestand dieses Verhältnisses wünschen, während andererseits ihre Organe die blutrünstigen antisemitischen Hetzartikel veröffentlichen und jeden Anlaß dazu benützen, um bei der rnthenischen Bevölkerung eine judenfeindliche Stimmung zu erzeugen. * * * Vor kurzem hat die „Voss. Ztg." auf den jüdischen Ursprung der Dynastie B e r n a d o t t e in S ch w e d e n hingewiesen nnd dazu bemerkt: B e r n a d o t t e, der Feldherr Napoleons I., hatte südische Eltern und war s e l b st a l s I u d e geboren. Noch als Advokat soll er sich zur jüdischen Religion bekannt haben, und erst später, nachdem er die Juristenlaufbahn zugunsten der militärischen anfgegeben.trat er zum Christentum über." Die^antisemitische „Deutsche Tages-Ztg." will daran nicht glauben und erklärt: „Wir möchten die „Vossische Zeitung" bitten, ihren Gewährsmann endlich einmal den Beweis für diese Behauptung antreten zu lassen. B etz a u p t e t ist ja der jüdische Ursprung Bernadottes öfter worden, der Beweis ist aber jedesmal, wenn er verlangt wurde, ausgeblieben. Wenn Björnson den König als Orientalen im Gegensatz zum Nordländer