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Die Wahrheit · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 37. Krvmmau. Sonntag, den 18. September, 11 Uhr vormittags, findet die feierliche Einweihung des hiesigen neuen Tempels statt. Znaim. Samstag, den 10. d. M., fand die Bar-Mizwahfeier des einzigen Sohnes Hans unseres Rabbiners Dr. K a h a n statt. Dieses Familienfest gestaltete sich zu einem wahren Fest der Gemeinde, welche ihren beliebten Rabbiner und desien Gattin aus diesem Anlasse überaus ehrte. Im Tempel fand ein Gottesdienst wie an Festtagen statt, dessen gesanglichen Teil Herr Kantor Handgriff mit Chor und Orgelbegleituug ui weihevoller und erhebender Weise durchführte. Den Höhepunkt desselben bildete der Moment, als Rabbiner Dr. Kahan an seinen Sohn eine Ansprache hielt und ihm die heiligen Gebote und Gebräuche unserer Religion ans Herz legte. Alles war tief ergriffen von seinen Worten. Im Hause fanden sich zahlreiche Gratulanten ein. Es waren erschienen: Der Kultusvorsteher Wotzilka und die übrigen Vorstandsmitglieder, der Präses der Chewra Kadischa Schlesinger, der Vorstand des Frauenvereines, Präsidentin Frau Louise Brüll, der Vorstand des Talmud-Thora-Vereines, Kantor Handgriff, viele Gemeindemitglieder mit den Damen, sowie die Großeltern des Konfirmanden, Oberkantor Bauer und Gemahlin. Oedcaburg. Dienstag, den 20. d. M. findet hier um 1 Uhr mittags im Horel „Panoma" die Trauung des Herrn Oberkantor Jenö W e i s z ans Neutra mit Fräulein Helene W e i s z, Tochter des Herrn Moriz W e i s z aus Czinfalva statt. Berlin. Der deutsche Jahresbericht der Alliance Jfraelire Universelle für 1909 ist in einem 208 Seiten starken Bande erschienen. Er bietet, wie die früheren Berichte, ein Bild der Tätigkeit der ältesten und größten jüdischen Hilfsorganisation, die sich über drei Erdteile erstreckt. Er zeigt, auf welche Weise die Alliance ihre Aufgaben seit ihrem 50 Jahre zurückliegenden Entstehen erfüllt. Das großartig angelegte Schulwerk wird von Jahr zn Jahr erweitert. Im Jahre 1862 wurde die erste Schule mit 8 Lehrern und 300 Schülern eröffnet. Zehn Jahre später halte die Alliance 17 Schulen mit 98 Lehrern und 2800 Schülern. Noch zehn Jahre später ivaren bereits 47 Schulen mit 290 Lehrern und 7600 Schüler vorhanden. Heute beträgt die Zahl der Schulen 149, die der Lehrer 1275, die der Schüler 41.000. Den Zahlen entsprechend sind auch die Aufwendungen für die Schulen gewachsen. Während im Jahre 1862 Frcs. 9800 für die Schule ausgegeben wurde, betrug das Schulbudget im Jahre 1909 zwei Millionen Francs. Dabei sind die Ausgaben für Mobilien, Schnlmaterial usw., deren Gesamtsumme annähernd 300.000 jährlich beträgt, nicht mitgerechnet. Moses. Von Babette Fried, Prag. I. „Sklaven des Pharao waren wir in Aegypten." Mit diesen Worten beginnt der Familienvater die Fragen zu beantworten, welche von seinem jüngsten Sohne bezüglich des Passahsestes an ihn gestellt werden. Kann sich aber der wißbegierige Knabe einen rechten Begriff von Sklaverei machen? Kann dies sein Vater? Kann man heutzutage den Fluch ermessen, welcher in dem Worte Sklaverei liegt? Man liest sehr viel über dieses Thema. Geschichtsbücher, Reiseskizzeu, nicht zum mindesten phantastische Erzählungen und spannende Romane bringen Schilderungen vom Sklavenleben. Könnte sich aber die lebhafteste Phantasie ein so getreues Bild von Sklaverei entwerfen, wie es die heilige Schrift in gewohnter Schlichtheit und Kürze tut? Einer Sklaverei, wie sie vor mehr als vierthalbtansend Jahren von einem despotischen Pharao an einem nnbewehrten Hirtenvolke ausgeübt worden, einem Hirtenvolke, welches in Aegypten Gastfreundschaft gesucht, und Knechtschaft gefunden? Die Peitsche des Frohnvogtes war nicht das Schlimmste, was diese Unglücklichen zn erdulden hatten, auch nicht die geistige Unterjochung, welche sie so weit herunterbrachte, daß sie fragten: „Wer ist dieser Gott unserer Väter?" Eine vollständige Vernichtung des Stammes der Hebräer war von dem grausamen Aegypterkönige geplant worden. Keine Spur sollte von ihm Zurückbleiben. Die männliche Nachkommenschaft sollte getötet, die weibliche am Leben erhalten werden, um einst unter dem Volke, dessen „Gäste" sie waren, auszugehen. Wenn unter diesen Verhältnissen nicht jede Spur von geistiger Regsamkeit verloren ging, ist das zu verwundern? Ist es nicht vielmehr sehr hochzuschätzen, wenn es in der allgemeinen Verkommenheit dennoch Menschen gab, welche in diesem Sumpfe nicht gänzlich untergingen, sondern sich einen Rest von geistiger Energie bewahrten? Zu diesen wenigen zählten der Lewite Amram und seine treue Stammes- und Ehegenossin Jochebed. Nicht als ob der Stamm Lewy schon damals eine bevorzugte Ausnahmsstellung in Israel eingenommen hätte, und also die Angehörigen desselben vom Frohndieuste befreit worden wären, oder irgend eine Vergünstigung genossen hätte, nein, so wie jeder andere mußte er den Lehm graben und kneten und zu Ziegeln formen, und zur Erbauung der Städte Pithom und Ramses Steine herbeischleppen. Wenn er aber abends müde und traurig ob des eigenen harten Loses und dem seines Volkes nachhause kam, da machte sich seine Erbitterung nicht in Schmähworten und Flüchen gegen seine Unterdrücker Luft, sondern er suchte und fand Erleichterung und Trost im Schoße seiner Familie. Da setzte sich der totmüde Sklave an der Schwelle seiner Hütte nieder; sein Weib mußte ihre häusliche Arbeit unterbrechen und die Kinder zu ihm bringen. Die reizende, dem jungfräulichen Alter entgegenreifende Mirjam saß zwischen Vater und Mutter, der kleine Ahron auf dem Schoße des Vaters, und alle lauschten mit verhaltenem Atem den Geschichten aus der Vorzeit ihres Volkes, welche der Vater so schön zn erzählen verstand. Von den Erzvätern, welche dazu ausersehen waren, Gotteserkenntnis nnd Menschenliebe unter den im schändlichsten Götzendienste nnd finstersten Aberglauben lebenden Menschen zu verbreiten; von Joses, dem von seinen Brüdern verfolgten Lieblingssohne Vater Jakobs, demselben Josef, der ebenfalls als Sklave in dieses Land gekommen, durch seine Frömmigkeit aber und seine kluge Umsicht darin zu solch hoher Würde gelangt war, daß ihn nur der Namen und die Krone von dem Pharao selber unterschied. Alles das, was sich durch Jahrhunderte im Volksmnnde erhalten hatte und von Generation zu Generation fortgepflanzt wurde, erzählte Vater Amram seinem Weibe und seinen Kindern. Da drängte sich diesen gar oft die Frage auf: „Wo sind die Verheißungen geblieben, die Gott einst unseren Vorfahren gemacht, daß er unsere Ketten brechen und uns befreien werde? Wo ist die Dankbarkeit des Pharao gegen Josef, welcher durch seine Staatsklugheit das Reich von dem Untergange, das Volk vor dem schrecklichen Hnngertode gerettet hat?" Auf diese und mehrere andere ähnliche Fragen seines Weibes hatte Amram immer die e i u e Antwort: „Geduld, liebes Weib! Die Verheißung des Herrn, des Gottes Israels, wird in Erfüllung gehen, bis er es an der Zeit findet. Und daß Pharao jetzt von unserem großen Ahnen Joses nichts weiß oder nichts wissen will — fürchtet nichts, er wird ihn noch kennen lernen, in uns. Denn auch in uns, den geknechteten Nachkommen Israels, rollt das Blut von dessen Heldensöhnen, lebt der Geist des pnrpurgeschmückten Josef. Wenn wir auch jeder Einzelite zu schwach dazu sind, das große Werk der Befreiung zu vollbringen, so wird Gott den Retter senden, dem er Mut, Kraft und Weisheit verleihen wird, die unseren Vätern gemachte Zusage zu erfüllen." Diese unter angenehmen und belehrenden Gesprächen verlebten Abende der Familie Amram, des Leviten, fanden ein unerwartetes Ende. Nach des Tages Mühen nnd Qualen saßen nicht mehr Eltern und Kinder in traulicher Unterhaltung vor der Türe ihrer Hütte. Selbst diese kargen Mußestunden mußte sich der Sklave Pharaos entziehen. Im Innern seiner Wohnung mußte er graben nnd bauen Weib nnd Kinder halfen ihm mit ihren schwachen Kräften. Es galt, ein unterirdisches Versteck herzustellen, worin sich Jochebed mit dem erwarteten Kinde, falls dieses ein Knäblein sein sollte, verbergen könnte. Denn die Gesetze Pharaos waren gar strenge und lauteten ganz bestimmt: „Jedes Knäblein müsse getötet werden, aber die Mägdlein können am Leben bleiben." Eines Morgens kam Amram von seiner Familie Abschied nehmen, wie gewöhnlich, bevor er seitien Frohndienst antrat. Dieser Abschied war immer ein herzbewegender. Täglich mußte der Mann darauf gefaßt sein, daß er unter der Last der Arbeit zusammenbrechen, oder unter den Hieben eines erbarmungslosen Vogtes sein Leben aushanchen werde; er mußte darauf gefaßt sein, daß ihn einmal im Gefühle seiner Schuldlosigkeit der Zorn übermannen nnd der Geist der Widersetzlichkeit erfassen könne, dann wäre er verloren gewesen; denn auf Widersetzlichkeit standder Tod. ,v (Fortsetzung folgt.)

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