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Die Wahrheit · 1910-09-16 · Heft 37 (16.9.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 37 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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.Nr. 37. Die Wahrheit Leite 5. O welches Wort in diesem Idiome, Das sonst nur tönt in lauter Zischakkorden! Melodisch tönt» und nicht wie Sturm des Norden — Da sprach man nur von Einem Axiome, Von Souveränität und Nichteinmengen. Die Theorie verteidigt'man mit Wärme; Doch jetzt läßt man die Ohren hängen. Man hört nichts mehr von weisem Staatsrecht lärmen, Denn Pest und Brechruhr will herüber drängen, Der Grenzen spottend, grad in uns're Därme. II. Seht, euer Darm und Unterleib muß büßen, Was euer Herz, was euer Kops verbrochen! Ihr halst die ew'gen Rechte unterjochen, Die Menschlichkeit, ihr tratet sie mit Füßen. So stellt die H ö ll' sich ein mit Dankesgrüßen Und läßt die Pest an eure Türe pochen. Das eigne Urteil habt ihr euch gesprochen, Als ihr nnschnld'ge Kinder ließet spießen. Der Boden, der gedüngt mit soviel Leichen. Kann wohl nicht anders, schickt euch Pestilenzen; Ihr hättet Rußland von der Karte streichen. Es stürzen sollen, nicht vor ihm scherwenzen. Sorglose seht, jetzt müßt ihr doch erbleichen. Weil ihr bedacht nicht solche Justnenzeu! _ S. Vineta. Zur galipjchen Guqnete. Der Tag der Enquete über die galizische Jndennot ist in nächster Nähe. Es soll ein Jom hadin werden, an dem alle bösen Geister, welche die Proletarisiernug des galizischjüdischen Volkes herbeigesührt haben, vor den Angen der Oeffentlichkeit vorüberziehen und gleichzeitig Mittel und Wege zur Abhilfe des Elends gefunden werden sollen. Die erste Frage, aus die wir vorweg stoßen, ist wohl die, ob es auch wohl nur im entferntesten im Bereiche der Möglichkeit liegt, all das Unheil znr Sprache zu bringen nnd all jene offenen und versteckten Mittel und Mittelchen, welche von tausenden großen nnd kleinen Amaleks in Anwendung gebracht wurden, um das jüdische Elend so grenzenlos zn gestalten? Und sintemal dies alles an einem Tage durchgepeitscht werden soll, muß von vornherein der Verdacht aussteigen, daß das ganze Werk nicht ernst genommen wird und nur dazu inszeniert wird, um, wie es die Medizi in alten Zeiten in schweren nnd verzweifelten Füllen, denen sie machtlos gegenüberstanden, taten, die Umgebung zu täuschen, die Trostlosigkeit des Status praesens zur Not zu maskieren und den Laien durch das nt aliquid fiere videatur zu beschäftigen!! Gehen wir nun ans die geplante Aktion näher ein. Wer soll helfen? Die großmütigen Polen. Welch eine Phrase! Wir. die wir seit Beginn der konstitutionellen Aera und der Emanzipationserteilnng an die Inden in voller politischer Tätigkeit das große Unheil wachsen sahen, haben uns ihm oft selbst znr Wehre gesetzt und daher auch das Recht erworben, unsere Ansicht offen und freimütig zu äußern. Der Grundgedanke aller polnischen Politik war nnd bleibt: den Juden als einen Unebenbürtigen und Angehörigen einer inferioren Rasse und Religion — so niedrig als möglich zu achten und ihn in dieser niedrigen Position zn erhalten. Den fcyd in der verschmierten Bekesche, den Arrendar mit ungewichsten Stiefeln hat selbst Graf Agenor Goluchowski in seinem Privatbureau empfangen — einer Deputation, bestehend aus den angesehensten Gemeindemitgliedern und Vorstehern unter Führung des seligen Predigers Löwenstein hingegen, donnerte er die Worte entgegen: „Ihr seid ein schlammiges Volk!" Mir ist noch die große Zahl der Hotelfaktoren erinnerlich, die ihre „Prizim" hatten, denen sie alles vermittelten, was nur ein szlacheic für sich und seinen Hof benötigte. Alle diese tausende jüdischen Familien lebten dazumal von jenen „Prizim," welche noch obendrein ihren Geldbedarf bei Inden deckten, da damals (1850) noch keine Banken existierten. Wir müssen der Wahrheit die Ehre geben, daß der polnische Adel zn jener Zeit an den devoten Faktorjuden sein Woalgefallen fand, daß er sie in wahrhaft splendider Weise für ihre Mühewaltung belohnte, und andererseits haben auch die Juden in ihrer Stellung als Propinatoreu, Hausjuden, Hausfaktota, ihren „Herren" die wesentlichsten Dienste geleistet. Aber wie bald änderte sich die Situation! Kaum daß die Juden 1867 als gleichberechtigte Bürger mit den polnischen Proklamiert wurden, schlug das Blatt um. Die Gleichstellung hat es dem Adel, der Geistlichkeit, wie dem intelligenten Bürgerstand geradezu angetan. Was hat nicht Graf Goluchowski an der Verfassung gemäckelt, um den Gütererwerb durch Inden zn beschränken und denselben nur der jüdischen Intelligenz zu gestatten. Der Kampf gegen das jüdische Element setzte somit gleichzeitig mit der Verfassung ein nnd auch die Publizistik konnte ihre Jndenfeindlichkeit nicht maskieren. Allen voran der unselige Jan Dobrzanski, Redakteur der „Gazeta narodowa,“ der Brandartikel gegen die Zylinderjnden schrieb, aber auch die Zizil tragenden Juden schmähte. Dieser Hamau verleumdete die Juden, wo immer er nur dazu Gelegenheit fand, und forderte zum Kampfe gegen dieselben ans ökonomischem Gebiete auf. weil es heutzutage nicht möglich ist, sie mit Feuer nnd Schwert anszurotten. Und so geschah es und geschieht es mit immer zunehmender Gewalttätigkeit. Jans Gebeine modern, allein seine giftigen Worte wirken nnd wuchern fort nnd vergiften die polnischen Herren wie nicht minder den Bauernstand, ja sie drangen auch über die polnische Volksgrenze hinaus in die rutheuischen Kreise ein. Versuchen wir einmal in knappen Umrissen die judenfeindlichen Anschläge der Polen anfznzählen. Znnüchst führten sie das Wnchergesetz ein, wodurch lausende Familien das Geldleihgeschäft anfgeben mußten; der galizische Landesausschuß übernahm das Salzmonopol in Wieliczka, wodurch Hunderte Familien, die jüdischen Fuhrleute nnd die Verschleißer, brotlos gemacht wurden; der galizische Landesansschnß subventioniert nnd unterstützt die christlichen Unternehmungen ans dem Lande mit Geld und Einstnß, während für jüdische Institutionen absolut nichts getan wird. So entstanden die kolka rolnicze, die das Land mit tausenden christlichen Kleinhandlnngen versahen nnd den Bauer vom jüdischen Geschäftsmann unabhängig machten. Natürlich haben auch die polnischen Bezirkshanptlenie ihre Gendarmen gehörig instruiert, um dem Bauer den Weg zum Skiepik zu erläutern. Wir wollen uns die Mühe ersparen, die weiteren Chikanen an jüdischen Landbewohnern anfznzählen, und erwähnen bloß noch die unerhörte Beschränkung der Juden auf dem Gebiete der Intelligenz, die Ausschließung der Inden von Amt und Würden bei den autonomen Behörden, aber auch aus landesfürstlichen Aemtern. Kann nnd wird es geschehen, daß die Antisemiten des Landtages und des Reichsrates ihren Machtbesitz anfgeben zugunsten der Juden? Kann diese Eintagsstiege Enquete ernstlich daran gehen, den Inden, welche seit 43 Jahren so schändlich beraubt werden, zn ihrem Rechte zu verhelfen? Sollte aber diese ganze Machination wirklich eine Hilfsaktion sein, weshalb zögerte die Kommission über drei Jahre mit ihrem Elaborate? Schließlich, was werden die jüdischen Schänker tun, denen ihr Stück Brot, ja ihr ganzer Lebensnerv abgeschnitten wird? Fügen wir nach unserer oberflächlichen Betrachtung dieses seit drei Jahren angekündigten Hilfswerkes noch eine bescheidene Frage hinzu: Was gedenkt Herr Dr. L ö w e n st e i n mit seinen Helfern aus dem galizischen Landtage gegen die Verelendung der jüdischen Jntelligenzklassen zu tun? Wird nicht durch diese ein Rückschlag auf die Generation dadurch bewirkt, daß tausenden von Intelligenzlern die Ehemöglichkeit benommen wird, weil dieselben keine Stellung in den Aemtern finden? Darf es geschehen, daß die Statthalterei, die Polizei, ferner der Landesansschuß und der Magistrat jndenrein bleiben? Wer da weiß, mit welch hohem Prozentsatz die galizisch-jüdische Jugend sich am Studium beteiligt, wird es bald herausfinden, welcher

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