Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 37 vitalsten nationalen Interesse, welches in der Anzahl polnischer Mandate im Osten des Landes, sowie in der Notwendigkeit der Loslösung der Juden vom Sozialismus und von dem uns feindlichen Zionismus zum Ausdruck kommt, bemühen, die jüdischen Volksmassen für unsere nationale Politik zu gewinnen — und zwar durch eine ernste Berücksichtigung des jüdischen Massenelends bei unserer volkswirtschaftlichen Arbeit und durch Unterlassung alles dessen, was als eine Zurücksetzung der Juden angesehen werden könnte." Zu diesem gewundenen Programm bemerkt ganz richtig die „Volkswehr" : „Der Verfasser dieses Programmpnnktes meint es vielleicht gut, aber er scheint die letzten Jahre verschlafen zu haben. Auf diesen Leim gehen heute keine jüdischen Gimpel mehr." * -i- * In Rußland wurde unlängst ein Wettbewerb veranstaltet zwecks Errichtung eines Denkmals für Kaiser Alexander II. Dieses Denkmal soll bekanntlich in zwei Exemplaren ausgeführt werden, für Kiew und eines für den Square St. Michel in Petersburg. Auch der in Paris lebende berühmte jüdische Bildhauer Aronsohn erhielt eine Aufforderung, sich an dem Wettbewerb zu beteiligen, und zwar war es eine einflußreiche Persönlichkeit in Kiew, die mit dieser Einladung an ihn herantrat. Aronsohn folgte dem Rufe seines Gönners nach Kiew. Dieser aber, im Vertrauen auf seine allmächtigen Beziehungen, wollte den Künstler veranlassen, auch an der Petersburger Konkurrenz teilznnehmen, obwohl es den Juden gesetzlich verboten ist, die Ufer der Newa zu betreten. Der Mäzen glaubte, seinen Schützling durch das Gewicht seines Namens und seiner Empfehlungen decken zu können. Aronsohn entschloß sich denn, auf das Drangen derselben hochgestellten Persönlichkeit hin. nach Petersburg zu gehen. Er sagte sich mit Recht, daß er persönlich den Ort in Augenschein genommen haben müsse, dem er vielleicht ein Werk einverleiben sollte. Ausgestattet mit feierlichen Dekreten von der Hand eines hohen Freundes, reiste Aronsohn völlig beruhigt nach St. Petersburg. Arglos stieg er im Hotel d'Europe in der Nähe des Squares St. Michel ab und unterzog seinen Reisepaß seiner vorschriftsmäßigen Prüfung. Dann suchte er sofort die Würdenträger, an die er empfohlen war, auf, und übergab ihnen seine Kiewer Dokumente. Unverzüglich machte er sich dann an das Studium der Oertlichkeit und konzipierte seine Entwürfe. Er war mitten im Schaffen, als man ihm seinen Reisepaß znrückstellte, der die lakonische Bemerkung trug: „Jenseits der den Inden zugänglichen Region: in 24 Stunden St. Petersburg verlassen/' Der unglückliche Künstler wollte dieses traurige Ansinnen nicht für Ernst nehmen. In aller Eile suchte er die Verwaltungsbehörden auf, setzte ihnen den Zweck feines Kommens auseinander und nannte insbesondere die einflußreiche Persönlichkeit, auf deren Antrieb er die Reise unternommen habe. Er bat, ihm nur einen zweitägigen Aufenthalt zu gewähren, um Platz und Umgebung, wo das Denkmal wirken sollte, notdürftig seinem Künstlergeiste einznprägen. Sein Flehen fand kein Gehör. Getäuscht in seinem Künstlertraum, tief verletzt in seiner Menschenwürde, entschloß sich Aronsohn sofort abznreisen. Wohl erließ der Zar einen Gnadenakt, der es dem Künstler gestatten sollte, sich einige Tage in Petersburg aufzuhalten, doch kam derselbe erst auf dem Bahnhof in die Hände des Vertriebenen, der weiter keinen Gebrauch von dieser Duldung zu machen wünschte. Ein patriotisches Werk mit voller Ueberzengungskraft zu schaffen, fühlte sich der so Gekränkte nicht mehr fähig. Gerade dieses Manifest künstlerischen Gewissens aber beweist, eine wie feine Kraft der Petersburger Wettbewerb verloren hat — und ähnlich mag es oft ergehen, wo eine kurzsichtige Politik die Gesellschaft eines ganzen Menschheitselements beraubt, das doch dazu von Gott erschaffen wurde, um seine eigenen Triebe und Kräfte in die der übrigen Menschheit zu mischen. Warum sind Leute, die sich keines Vergehens schuldig gemacht haben, die keine Verbrecher sind, der allerprimitivsten Freiheit, der Wandersreiheit, beraubt? Warum verbietet man ihnen den Aufenthalt in einem großen Teile Rußlands? Man bebanptet, die Juden seien der Bevölkerung schädlich und obiges Gesetz sei nur eine Schutzmaßregel für Mittelrußland gegen die jüdische Ausbeutung. Doch gerade diese Geschichte beweist, daß die praktische Durchführung eines solchen Gesetzes unmöglich ist. Die schädlichen Bestandteile, d. h. die Schlauen, Durchtriebenen-, setzen sich von selbst überall durch. Jedermann weiß, daß es für die Inden tausend Mittel gibt, um in die berüchtigte „verbotene Region" einzndringen und sich dort jahrelang ausznhalten und alle gewünschten Zwecke zu erreichen. Gerade den Edelsten unter ihnen aber, für die selbst hohe russische Würdenträger sich zu verwenden nicht verschmähen, mißglückt der Versuch, sich der Reichshauptstadt nützlich zu machen, insbesondere, weil Gnadenerlasse für solche „feineren Naturen" meist zu spät kommen. S * Der R e g i e r n n gs a u r i s e m i t i s m n s in Rumänien ist nun von seinem Sommerschlaf erwacht und ist nun wieder an der Arbeit. Das rumänische Amtsblatt veröffentlicht jetzt einen Erlaß an die Regierungsanstalten, in welchem diese ausgefordert werden, bei allen Arbeilsvergebltngen rumänische Arbeiter und Unternehmer den Fremden vorznziehen. Damit jedoch darüber kein Zweifel obwalte, wer unter den „Fremden" in erster Reihe zu verstehen sei, betont der Erlaß ausdrücklich, daß „Fremde a u ch s o l ch e s i n d, b i e feine R n m änen sin d, w e n ngleich sie beim rumänischen Militär gedient haben." Von Juden steht kein Wort in den Erlässen. Und da sage noch jemand, Rumänien verfolge die Juden! . . . * * Nachrichten sehr entmutigenden Charakters kommen ails den jüdischen Kolonien in Galiläa. Die zwischen den eingeborenen Mohammedanern und unseren Glanbensgenossen jenes Gebietes bestehende Feindseligkeit ist täglich im Wachsen begriffen, und Plünderungen armer jüdischer Einwohner gehören nicht zu den Seltenheiten. Die örtlichen Behörden selbst erklären sich machtlos,-um Ruhe herzustellen und durch Bestrafung der Schuldigen eine gewaltige Explosion des Fanatismus, gegen die Inden zu verhindern. Die Kolonie Jamma, Bethgan. Sedjerah, Messha, Melhamilia, Kinereth und Mizpa haben am meisten zn erdulden. In der Nähe dieser Ortschaften befinden sich fünf von algerischen Mohammedanern bewohnte Dörfer, deren Einwohner jede Gelegenheit ergreifen, mit unseren Glaubensgenossen Streit anzusangen und sie ihrer Habe zu berauben. An diesen Gewalttaten nehmen auch oft wilde Bedninenstämme teil, und es geschieht nicht selten, daß jüdisches Blut dabei vergossen wird. Während in der Regel die Missetäter unentdeckt bleiben, ist jetzt die Identität eines Mannes, der den jüngsten Mord verübte, sestgestellt worden. Er darf jedoch unbehelligt umhergehen, und diese übermilde Nachsicht dem Mörder gegenüber kann nur ermutigend aus andere, die es werden wünschen, wirken. Die im vorigen Monat in Sedjerah stattgefnndenen Ausschreitungen übertreffen an Schrecken alle jene, die sich schon vorher dort ereignet hatten. Diese Kolonie wurde mit Sturm von den Beduinen genommen, welche alles forttrngen, was den Kolonisten gehört. Truppen, die zum Schutze heranrückten, kamen zu spät, denn die Banditen waren bereits außer allem Bereich, die geplünderten Einwohner in äußerster Verzweiflung zurücklassend. Auf die vielen Bittschriften, die dem türkischen Oberrabbiner von allen jüdischen Kolonien zngingen, hatte dieser am 23. August im Ministerium des Innern eine lange Unterredung mit Talant Bei, den er bat, energische Maßregeln gegen die Ansschreitungen in den palästinensischen Kolonien zu ergreifen. Talant Bei erwiderte, daß diese Gewalttaten durch Fanatismus und Eifersucht hervorgernfen seien, und er versprach, an den Statthalter von Beirut ein Telegramm zu senden, welches ihn anweisen sollte, alle nötigen Schritte zu unternehmen, um die Ruhe in den Kololonien zu sichern. ßholerasonelte. Motto: „Denn jede Schuld rächt sich auf Erden." Goethe. I. Als an der Newa und der Wolga Strome Sich badeten in Blut die wilden Horden, Als man zum ersten Male Menschenmorden Betitelte als Pogrom und Pogrome: