Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 37 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Als es semerzeil galt, das Landtagsmandat der Leopoldstadt den Liberalen zu entreißen, stellten sie Lueger als Kandidaten auf, und jetzt wird das Mandat dein Vizebürgermeister H i e r h a m m e r angeboten, dem wieder sämmtliche wohl durch dlverse Zwistigkeiten in verschiedene Lagergeteilte Antisemiten treue Gefolgschaft leisten werden. Ganz anders die Liberalen im zweiten Bezirke. „Hie Freiheitlichsoziale, hie Donanklub!" ertönt das Schlachtgeschrei und hartnäckig halten beide an ihrem Kandidaten fest, um einer Niederlage desto sicherer entgegenzngehen. Bei einer Einigung wäre em Sieg, zumindest eine Stichwahl gegen den Antisemiten nicht ausgeschlossen, bei geteilten Lagern ist die Schlacht von vorneherein verloren. Tiefer einfache Kalkül spricht zu deutlich, als daß er von ernsten Männern, die durch engherzigen Parteistandpunkt nicht verblendet sind, nicht beherzigt werden, sollte. Schließlich muß ja doch die Vernunft siegen. Aber eines steht fest, wenn man an jüdische Stimmen für einen jüdischen Kandidaten appelliert, darf man nicht, wie die Osuerpartei, resp. Baron Hock es lut, in Zeiten, wo wir als Juden angefochten und bedrängt werden, den jüdischen Standpunkt negieren. Von einem Arier verlangen wir diese Rücksichtnahme allerdings nicht, aber ein Jude, der ein Mandat von jüdischen Wählern erhalten will, muß sich als Jude fühlen. Das mögeu sich die Herreu Freiheitlichsozialen wohl gesagt sein lassen. Alle Welt weiß es, und die Spatzen pfeifen es auf den Dächern, daß die unersättliche Habgier der Agrarier die enorme Steigerung der Fleischpreise und einen schrecklichen Notstand bei einem großen Teile der Wiener und der städtischen Bevölkerung überhaupt herbeigeführt hat, aber da diese allgemeine Erkenntnis den Herren Antisemiten, besonders nach der Derome, die die Affaire Hraba unleugbar verursachte, recht uubequem ist, muß s e l b v e r st ä n d l i ch wieder einmal „der Jude" herhalten. Und so wurde in der Sitzung des Wiener Gemeinderates vom 13. d. M. — geradezu znm Hohne für Herrn Baron H o ck, der wenige Tage vorher den köstlichen Einfall hatte, für die Landtagswahl in der Leopoldstadt die Parole vom „Aufgeben des jüdischen Standpunktes" zu verkünden — durch einen antisemitischen Redner klipp und klar bewiesen, daß die Juden es sind, die an der Fleischteuerung schuld sind und sich aus den Taschen des armen Volkes bereichern. Die Juden sind am Wiener Viehmarkte omnipotent —Beweis dessen mußte i sogar im Vorjahre der Rindermarkt wegen des Versöhnungstages j verschoben werden — ergo haben sie auch die hohen Fleischj preise znm Schaden des hungrigen Kerls von Konsumenten ver-! schuldet. Der so kalkulierte, war allerdings Knnschak. der! Generaladvokat Geßmanns,.des Schutzpatroncs der Klerikalen 1 und antisemitischen Agrarier. Wir könnten ihm erwidern, daß ' Lng und Trug ist. was er behauptet, gemeine Verleumdung und; Verhetzung, dazu in die Welt gesetzt, um den schon etwas ver-! glommenen rüden Judenhaß neuerdings anzufachen; wir könnten i auch, ohne ernsten Widerspruch zu befürchten, nach dem Ans-! sprnche maßgebender öffentlicher Faktoren und ausgezeichneter! Kenner der Wiener Marktverhältnisse konstatieren, daß an dem! einträglichen Geschäfte des Fleischwuchers die hochvermögenden. I gutchristlichen Herren Agrarier und Fleischhauer einen viel i größeren Anteil als die jüdischen Viehkommissionäre haben, i Aber wir fühlen uns gar nicht berufen, ihr geschäftliches Ge-; bahren irgendwie zu beschönigen, und wollen freimütig bekennen,! daß wir den Fleischwncher, mag er von Inden oder Christen! betrieben werden, ausnahmslos verurteilen. Hingegen dürsten j diese Geschäftsleute, die immerhin ein besteuertes, ehrliches Gei werbe betreiben, das in Abwechslung von Prosit und Verlust gute j und schlechte Zeiten durchmacht, an Herrn Gemeinderat Knnschak i die Frage richten, warum er denn geschwiegen hat. als die diversen; Größen der antisemitischen Partei, wie Axmaun, Bielohlawek! und andere, die - vom Rachegeist Hraba noch nicht ereilt sind,! sich mühe- und arbeitslos Reichtümer erwarben, und ob es j durchwegs ehrliche Geschäfte waren, die diese Herren getrieben z haben? Auf diese Antwort des Herrn Knnschak wären wir doch i ein wenig neugierig.! ' * > Im Poleuklub soll jetzt, nachdem die Gegensätze scharf! aneinanderstoßen, eine neue Partei entstehen. Die blutarmen j Demokraten Krakauer Koulenr, die halben Allpolen. die wohl! Karriere machen, aber im Interesse des teueren Mandates nicht j den Statthalter vor den Kopf stoßen möchten, und schließlich! die vier Hausjuden, die unstett und stüchtig zwischen den Parteien j hernmpendeln, wollen sich zu einer neuen Fraktion zusammenschließen. Ihr Programm entspricht auch ganz dem Charakter ihrer Mitglieder: sie möchten und möchten nicht. Sie sind jndenfreundlich, aber. .. Der Judenpuukl des Programmes lautet: „In der Judensrage bedachten wir nach jeder Richtung, nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch, alle diejenigen Juden als Polen, die nicht nur mit ihren Worten (!) sondern auch mit ihren Taten Polen sind. Wir müssen entschieden alle separatistischen Strömungen bekämpfen. Wir müssen uns im