Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 36. ber Mutter Erde übergeben, während dumpf hinabfallende -Schollen das letzte Liebeszeichen für einen der besten unter uns bildeten. Das Lebe» und Wirken der Inden in Oesterreich in norinnrstichen Zeiten. Ein Beitrag zur Kultur- und Sittengeschichte. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Wenn dann niemand in der Versammlung betreffs des -sittlich-religiösen Lebenswandels des Anfzuuehmenden etwas einzuwenden hatte, wurde dem Petenten der Eintritt in die Versammlung und die Aufnahme in den Chewra Kadisclia=$Bereiii gegen Entrichtung der festgesetzten Anfnahmsgebühr gestattet. Ein volles Jahr mußte sich ein solches nenemgetretenes Mitglied, welches den Namen „Ns1ad8obe^, von dem slawischen ^ruladi", jung, führte, zu jedem von den Vorstehern sowohl als von den älteren Mitgliedern ihm, im Interesse des Vereines aufgetragenen Dienste unweigerlich verstehen, wovon jedoch ein vornehmer „Meladsche“ mittelst Beschlusses der Generalversammlung enthoben werden konnte. Die. Dienste eines .„Meladscke“ wurden nicht nur bei traurigen Aufgaben des Vereines, bei Krankheits- und Todesfällen, sondern "auch bei den heiteren und munteren Versammlungen seiner Mitglieder in Anspruch genommen. Von den Vereinsvorsteheru wurde in der Regel nach einem Zyklus von drei Jahren ein Gastmahl „Chewra seuda“ veranstaltet, wobei es recht lustig mehrere Tage znging. Der .Zweck dieser Schmausereien, die teilweise auf Kosten des Vereines und teilweise auf die der Mitglieder veranstaltet wurden, war, einerseits die Vereinsmitglieder eng und innig aneinander LN' knüpfen und anderseits ihnen gewissermaßen einen Ersatz für ihre traurigen Pflichten, deren sie sich auf die würdigste Weise zu entledigen halten, bieten zu können. Bei diesem recht fröhlichen Mahle mußten die „Meladsches“ die Honneurs machen. Nebst dem Chewra Ladiaeha-Bereine bestand in den meisten Gemeinden noch ein Verein für Krankenpflege unter dem Titel .„Bikur Cholim“, der sich zur Aufgabe gestellt, armen Kranken ,den Arzt zu bezahlen, und sie überhaupt mit Medikamenten, Suppe und sonstigen Labungen zu versorgen. S ch l u ß b e t r a ch t u u g. Ans dieser hier geschilderten Lebensweise der Inden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten erhellt zur Genüge, daß nur :ber Glaube es war, der ihnen Kraft und Mut verlieben, um -das härteste Geschick geduldig ertragen zu können, ohne zu verzweifeln, ohne zu verzagen. Das religiöse Leben erfreute sich damals in den Gemeinden der schönsten Blüte, deshalb war auch das religiöse Gefühl des Israeliten befriedigt und sein Gewissen beruhigt, daher war auch seine Freude am Sabbath und an den hohen Festen eine innige, ungetrübte. Als aber die Morgenröte der sogenannten Freiheit zu dämmern begonnen hatte, da wurde das schöne, prachtvolle Religionsgebände in seinen Grundfesten erschüttert. Die einen glaubten, Religionsfreiheit heiße, sich frei machen von den Fesseln der Religion, während die anderen wieder für Assimilation schwärmten, um sich auf diese Weise die Liebe und Freundschaft der Nichtjuden erwerben zu können. Wie einst die Hellenisten in der Makkabäerzeit, riefen auch jene aus: „Auf, laßt uns einen Bund schließen mit den Völkern ringsumher! Denn seitdem wir uns von ihnen abgesondert haben, traf uns viel Unglück" (Makk. 1—11), ohne zu bedenken, daß, wie das zweite Buch der Makkabäer erzählt, die Hellenisten dadurch, daß Nachäffung die Hanpttriebfeder ihrer Handlungsweise gewesen, in eine traurige Lage gerieten, indem gerade diejenigen, deren Lebensart sie nachahmten und um deren Gunst sie sklavenmäßig buhlten, ihre größten und erbittersten Feinde und Peiniger geworden sind. Infolge dieser Assimilationssncht. die in den Gemeinden zumeist von begüterten und daher einflußreichen Strebern gefördert wurde, ist gar vielen das Judentum lästig, eine unerträgliche Bürde geworden, daher selbstverständlich die religiösen Anstalten und Institutionen, die den gewaltigen Stürmen der Jahrhunderte zu trotzen vermochten, allmählich verkümmern mußten. Die Taldmudschulen, die früher sich der schönsten Blüte erfreuten, gehören bereits der Geschichte an. Wenn in irgend einem Staate eine theologische L e h r a n st a l t. in der Talmud gelesen wird, kreiert wird, so ist es ein Ereignis. In vielen Gemeinden — im Lande A'. — fühlt man um so weniger das Bedürfnis, einen talmudisch gelehrten oder seminaristisch gebildeten Rabbiner anzustellen, als man die Ueberzeugung gewonnen, daß solch ein gebildeter Rabbi durchaus nicht geneigt sei, sich von irgend einem Gemeindepascha tyrannisieren zu lassen; man begnügt sich daher mit irgend einem obskuren Individuum, das sich duckt, beugt unb krümmt, auf einen Wink pariert, das beim Anblick der „Allgewaltigen" in Ehrfurcht erstirbt, weil sonst das Damoklesschwert der Kündigung über seinem Haupte schweben würde, und macht es zum Raw,! selbst wenn es nie eine 6-smara gesehen, heißt es doch: aseh | lecho raw. j Mit einem Worte, der Rabbiner wird dort als ein nvt- > wendiges Uebel betrachtet, daher selbst die gelehrtesten und ver-! dienstvollsten Rabbiner eine klägliche Rolle in den Gemeinden | spielen. Schon vor mehr denn vier Dezennien rief der selige l Prediger Dr. I e l l i n e k in einem Vortrage ans: „Israeliten! i Ein Chilull ha-Schem, eine Entwürdigung des Judentums ist | es, wenn Ihr die Völker und deren Regierungen in der Ansicht i bestärkt, bei Euch Jeder tun dürfe, was ihm beliebt, daß bei i Euch Jeder berufen und berechtigt sei, in religiösen Angelegen- | heiten mitznreden, mitznraten, mitznstimmen; Ihr sollt mir sein! ein Reich von Priestern (II. B. M. 10 b) wird das heran- ' nahende Fest der Offenbarung uns bald zurufen, und ich selbst habe diesen wichtigsten Punkt, diesen Ruhm Israels heute vor einem Jahre ausführlich besprochen; allein seit der Zerstörung! des Tempels anerkennen wir einen anderen Unterschied, den i Unterschied zwischen Talmide Chachamim und Ame hoorez, zwischen gelehrten, fach- und fachkundigen Männern und unwissenden, wenn auch vornehmen Leuten, welch letztere nimmer eine entscheidende Stimme haben dürfen bei religiösen, den! Kern und das Wesen, die Entwicklung und die Zukunft des! Judentums betreffenden Beschlüssen, Einrichtungen uud Fortbildungen. Wer mit Sicherheit im Leben einhergehen will, dem genügen nicht bloß Beine, der muß auch Angen haben. Wer aber sind die Augen, die wachenden, prüfenden, in die Ferne schauenden Augen der Gemeinden? Die Männer des Geldes oder die Männer der Thora? Die Häupter des Handels oder die Lehrer des Judentums? Die Spitzen der Industrie oder die Führer Israels? Mit einem Eifer, der einer bessern Sache wert wäre, wird in den großen israelitischen Gemeinden, um unter dem Vorwände keine jüdische Priesterherrschaft auskommen zu lassen, in der Tat aber die eigene Herrschaft z u befriedigen, das Ansehen, der Einfluß und die Autorität der Lehrer i n I s r a e l u n t e r io ü h l t und untergrabe n." (Forrs. folgr.) Uerschiedene Nachrichten. Wien. (Israelitische K n 11 u § g e m e i n b e.) Die Belsitzkarteu. die von den bisherigen Inhabern, bis nun nicht erneuert wurden, gelangen ad I. September l. I. zum allgemeinen Verkaufe und zwar: Für die Gemeindetempel sradr und Leopoldsradr: I., Seirenstetlengasse 4; für Fünfhans: XV.. Turnergasfe 22; für Ottakring: XVI., Hnbergasse 8; für Währing: XVIII. Zchopenhauerstraße 39; für Floridsdorf: XXI., Holzmeistergasse 12. Der Karrenverkauf findet täglich, mir Ausnahme von Samstag, in der Zeit von 9 Uhr vorm, bis 2 Uhr nachm, starr. Wien. In der Monrag, den 5. d. M. startgehabten Sitzung des Bethansvorstandes der Wiener Kultusgemeinde hielt der Vorsitzende. Vizepräsident Dr. Gustav K o h n dem io jäh dahingeschiedeneu Rabbiner Dr. Elieser David einen sein vielsemges. ersprießliches Wirken würdigenden Nachruf. Wien. (B i l d n n g s a :r sr a l r für Kindergärtnerinne n.) Anmeldungen zur Aufnahme in d:e Ecne Bildungsanstalt für K.ndergärtnerinuen mit Oeffentlichkeicsrechr (gegründet 1868), II.. Schiffamtsgasse 15. (Erfordernis: das zurückgelegre 16. Lebensjahr) und in den Bonuen-Bildungskurs (Erfordernis: das zurückgelegte 14. Lebensjahr) werden vom 1.—20. September bei der Direktion entgegengenommen. »•- " -:y; y -»yfejy '■-y-r.. :jy'■ -