Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. Die Wahrheit 9ft. 36. dauern. Wir lernten uns kennen in einer Zeit, da der Charakter sich festigt, und ich darf wohl sagen, daß du im Wesentlichen schon damals derselbe, wie später, gewesen. Du vereintest zwei Eigenschaften, die einander scheinbar widersprachen: du hattest des Lebens ernstes Führen, hattest aber auch eine Frohnatnr. Du liebtest das Leben und suchtest es auch zu genießen in den Grenzen, die dein Beruf und deine ernste Lebensauffassung verstatteten; trotz mancher Widrigkeiten und Hemmungen im Kampfe ums Dasein wurdest du kein Verneiner, sondern bliebst ein Bejaher des Lebens und wurdest nicht ine an deinem gesunden, schaffeusfreudigen Optimismus. Mit tiefem, gründlichen Wissen und vielseitigem geistigen Interesse verbandest du einen lebhaften Sinn und eine große Empfänglichkeit für die Schönheiten der Natur und der Kunst und nutztest jede Gelegenheit, die sich dafür bot. So machtest du noch zuletzt, als ob du ahntest, daß es bald zu Ende gehe, eine Fahrt nach dem schönen, sonnigen Süden an die blaue Adria, nachdem du an einem der großartigsten Punkte unserer Bergwelt geweilt, und nahmst trunkenen Auges alles Schöne und Herrliche wahr, das Natur und Knust dort boten. Und nun diese schneidende Ironie! Von der Weife sandtest du begeisterte Berichte au deine Frau und hattest nur den einen Wunsch, mit ihr im nächsten Jahre die Reise zu wiederholen, und heimgekehrt, batest du deine Frau, die bei ihren Geschwistern weilte, ihre Heimkehr nur ja nicht deinetwegen zu beschleunigen, du seiest anss beste versorgt — und zwei Tage darauf legtest du dich hin und wurdest unversehens vom todbringenden Uebel befallen. Wenn auch der Schmerz über solches Leid uns schier überwältigen will, dürsen wir doch, zwar nicht nach Trost, den gibt es für solchen Jammer nicht, jedoch nach Gedanken ausblicken, die uns und auch die tiefgebeugte Gattin aufzurichten vermögen. Da möchte ich denn zwei aussprechen. Zum ersten: Wir dürfen unseren Freund glücklich preisen, denn ihm ward zu teil, was die auch von ihm so sehr verehrten Griechen als Höchstes schätzten: die euthanasia, der leichte, rasche und sanfte Tod ohne Schmerz, ohne Krankheit, ohne Siechtum. Und zum anderen: Dr. Elieser David hat nicht umsonst gelebt und hat nicht umsonst sieben Jahre um diese große Gemeinde, ja um diese Stadt geworben: er hat sie gewonnen. Dessen ist Zeuge die heutige Trauerseier und beweist die übergroße Fülle aus allen Kreisen, ans Nah und Fern kommender überaus warmer Trauerkundgebungen. Dafür bürgen die vielen Aeußerungen auch weiterer, seinem eigentlichen Wirken fernerstehender Kreise aus früheren, schöneren Tagen, die die Wertschätzung und Sympathie bekunden, die der Heimgegangene durch sein Wirken sich gesichert hat. Sein Andenken wird unvergessen bleiben. Dir aber, Freund meiner Jugend, rufe ich aus schmerzbewegtem Herzen zu: afaehip Ziehe hin in Frieden!" Hierauf wurde der Sarg gehoben und von Mitgliedern der Gemeinde zu dem von der Knltusgemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen. Am offenen Grabe rezitierte 1. Kantor Jurberger das „El mole rachamim“, dann wurden die sterblichen Reste Dr. Davids zur ewigen Ruhe gebettet und manchen Lippen in der großen Trauerversammlung entrang sich im Stillen der traditionelle Abschiedgrnß: p'irc “Ot 30««? Hahn. K«z. Am 27. August ist hier Herr Ignaz Hah n, Likörfabrikant, langjähriger Kultusvorsteher rc., im 70. Lebensjahr nach langem, schwerem Leiden gestorben. Mit Herrn Hahn yerliert die hiesige Kultusgemeinde einen ihrer besten, edelsten und vornehmsten Männer, die jüdischen Armen ihren größten Wohltäter. Herr Ignaz Hahn kam im Jahre 1865 nach Linz, war daselbst anfangs als Buchhalter in einer großen Fabrik tätig nnd errichtete bald darauf eine Likörfabrik. Seine hohe Intelligenz, sein biederer offener Charakter, sein fürs Judentum warmfühlendes Herz, bewirkten es, daß die Kultusgemeinde ihn bereits im Jahre 1876 in den Vorstand wählte, zn einer Zeit, wo gerade die ^Knltusgemeinde daranging, den ersten würdigen Tempel in Oberösterreich zu erbauen und mit rastloser Tätigkeit wirkte er im Tempelbaukomitee zum Gelingen, des imposantetr und gottgefälligen Werkes bei. So betätigte er sich mit einer kleinen. Unterbrechung durch 15 Jahre hindurch als Vorstandsmitglied in der nützlichsten Weise zum Wohle der Gemeinde. Kein Wunden daher, daß sich dieselbe veranlaßt sah, ihn im Jahre.189A andie Spitze der Gemeinde zu stellen und zu ihrem Vorsteher zu erwählen, welches Ehrenamt er bis zum Jahre 1906 mit der größten Umsicht und der treuesten Pflichterfüllung ununterbrochen, bekleidete, bis er durch ein tückisches Leiden gezwungen war,, dasselbe in andere Hände zu legen. Unter seiner glänzend bewährten Führung erblühte die Kultusgemeinde immer mehr und mehr bis zu jenem Aufschwung, der sie berechtigt, sich in die ersten Reihen der österreichischen Kultusgemeinden zu stellen. Das Jahr, in welchem Herr Hahn znm Kultusvorsteher erwählt wurde, fiel gerade in jene Epoche, in welcher die Regelung der Rechtsverhältnisse der Juden in Oesterreich zum Gesetze wurde, und dies veranlaßte ihn, der Kultnsgemeinde Linz, jene moderne Richtung zn geben, die den jetzigen Zeitverhältnissen entspricht und der Kultnsgemeinde einer Landeshauptstadt würdig ist. Unter seiner Aegide wurden die neuen Statuten verfaßt (1894) nnd er brachte es dahin, daß der Kultnsgemeinde Linz, alle Ortschaften Oberösterreichs und Salzburgs (mit Ausnahme Steyr) einverleibt wurden, so daß die Anzahl der Mitglieder der Kultusgemeinde von 70 auf zirka 400 emporwuchs. Herr Hahn war es aber auch, der im Vereine mit dem verstorbenem Herrn Jonas T r e i ch l i n g e r und Herrn Bernhard T a u s s i g das Armenwesen in der hiesigen Gemeinde regelten und eiir Armeninstitut begründeten, das sich bis heutigen Tages glänzend bewährte und vielen tausenden jüdischen . Armen, die unsere Stadt durchzogen, aus der äußersten Notlage heraushalf. Herr Ignaz Hahn zählte auch zu den Mitbegründern des All-- gemeinen Oefterreichisch-Jsraelitischen Bundes. Aber nicht nur unter den Juden erfreute sich Herr Hahn der größten Wertschätzung und Hochachtung, sondern auch bei den Andersgläubigen unserer Stadt. Er wurde in den k. k. Stadtschulrat berufen, war der Begründer der Bezirkskrankenkasse, bei welcher er durch eine lange .Reihe von Jahren die Obmannstelle bekleidete und die Genossenschaft und der Verband der Likörfabrikanten erwählte ihn zum Präses und in letzter Zeit zum Ehrenpräsidenten. In Anbetracht seines Wirkens znm allgemeinen Wohle wurde ihm von der Stadtgemeinde das Bürgerrecht verliehen. Diese außerordentliche Beliebtheit, Hochachtung und Verehrung, deren sich Herr Hahn erfreute, dokumentierte sich auch im reichsten Maße durch die große Beteiligung am Leichenbegängnisse, das Dienstag, den 30. August, stattfand. In den überaus zahlreichen Trauerversammlung waren zu bemerken: Der Präses der Kultusgemeinde, Herr Benedikt Schwager, mit dem Gesamtvorstande. Herr Jakob v. Mauthner mit berr Chewra Kadischa, Frau Alois Spitz mit dem Frauenvereine, Herr Vizebürgermeister Beyer mit einer Abordnung der Stadtgemeinde, Herr Negierungsrat Realschuldirektor Commenedcr mit Herrn Bürgerschullehrer Flier als Vertreter des Stadtschulrates, eine Abordnung des Verbandes der Genossenschaften der Likörfabrikanten und der Bezirkskrankenkasfa, Herr Rabbiner Schön in Vertretung der Knltusgemeinde Steyr und viele andere Abordnungen. Herr Oberkantor L ö w e n s o h n intonierte mit seiner herrlichen Stimme unter Assistenz eines verstärkten Männerqnartetes die Tranergesäuge, worauf Herr Rabbiner M. Friedmann dem Verstorbenen einen tiefempfundenen Nachruf hielt, in welchem er die trefflichen Eigenschaften des- Dahingeschiedenen als Mensch, als Vorsteher der Kultusgemeinde, als Gatte und Vater in beredten Worten schilderte und für seingemeinnütziges Wirken, für das jedermann entgegengebrachte Wohlwollen, den Dank in seinem Namen, im Namen der Kultnsgemeinde und Beamten znm Ausdrucke brachte. Nun trat der Präses der Knltusgemeinde, Herr Benedikl Schwager, an die Bahre und beklagte in warmfühlenden Worten in dem Verstorbenen den vielgeliebten Führer der Gemeinde, welcher den andern Vorstandsmitgliedern als leuchtendes Vorbild vorschwebte und versprach, stets in seinen Intentionen weiterzuwirken und schloß mit dem Gelöbnisse, sein Andenkein stets in Ehren zu halten. Nun wurde der Sarg gehoben und-