Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Die Wahrheit Antlitz zn schauen; oft genug auf Kosten des Seelenfriedens, und der Herzensruhe. U n d diese G e r e ch tigkeit, ij n s e r , ed ler- Bru Öer hat sie geübt. - Gemildert und gelindert soll aber din durch jene andere Gerechtigkeit werden, welche unsere Lehrer in dem wiederholten/ ersten Wortedes Schriftverses sehen, die Versöhnlichkeit und Bereitschaft znm friedenstiftenden Ausgleich. Und auch diese h o h e T n ge nd de s a ß der En t s ch l a s e ne. Mußte er Kraft" seiner Uebe^engung ein ungutes Wort sprechen, rasch,, reichteer. öw'-smifte,'milde Hmtd znm FriebÄisbnnöe und ''Hütte' gar bald alles Böse vergessen; denn er war gut, Herzensgut, kannte keinen Neid oder Haß. vertrug den Gedanken nicht, jemanden durch Wort oder Tat das kleinste Leid zugefngt zu. haben. Und wer von uns, liebe Amtsbrüder, möchte sich solcher- Tugenden nicht gerne bemühen wollen. Wodurch aber vermochte unser Freund und Bruder diese Eigenschaften zu erwerben und zn bewahren? In Befolgung der Thora-Weisnng: „Er nehme sich eine Abschrift dieser Thorah; sie begleite ihn. er lese darin sein Leben lang, auf daß er lerne, Gott fürchten, die Worte der Lehre und deren Gebote hüten und üben." Sein ganzes Leben war ein inischiiek Thora, eine Wiedergabe der heiligen Lehre, für die sein Herz so heiß glühte, die er lernte und lehrte und übte in diesem ganzen, ach so kurzen Leben, deren Wahrheiten er mit Mut, Kraft und fester Ueberzeugung verkündet hat. So war er uns allein ein Beispiel und Muster, war eine Zierde seines Standes. Er hat der Wahrheit gedient, der Gerechtigkeit gelebt und gelehrt, in seiner Ueberzengung zn leben und für sie zn leiden. i ..Wie der Baum ans dem Felde ist der Mensch"; man > fällt ihn, wenn er seine Frucht nicht mehr trägt; das ist, so! deuten die Weisen, der Talmid chochom hogun, der Gottesj gelehrte, der diesen Titel verdient. Und unser Bruder, um den! wir trauern und weinen, er war ein echter Talmid chochom. i Doch er wurde gefällt, bevor er alle Frncht gespendet, welche! reich zn spenden er berufen und befähigt war. Er ziehe hin in j Frieden, sein Andenken sei gesegnetj!"! Der Sarg wurde von der Estrade abgehoben, dann trat > der Präsident der Knltnsgemeinde, Dr. Alfred Stern vor die! Bahre und widmete dem Heimgegangenen Rabbiner folgende ' Abschiedsworte:! Rede des Präsidenten Dr. Alfred Stern. i „Der Tod hält in diesem Jahre eine reiche, traurige Ernte; in unserer Gemeinde. Noch, es sind wenige Tage her. daß —! als wir einem um unsere Gemeinde hochverdienten Manne das letzte Geleite gaben — an dieser Stätte des Todes, in dieser Halle, der Mann, der heute hier im Sarge ruht, mir gegenübertrat in voller Lebenskraft, erfüllt vom Schaffensdrang, so daß er und ich, wir Beide uns noch reichen Segen von seiner Tätigkeit für unsere Gemeinde erhoffen durften. Und insbesondere ein Gebiet war es, ans welchem er segenbringend wirkte. Um * einem momentan dringenden Bedürfnis abznhelfen, hatten wir vor einigen Jahren eine Neligionslehrer-Bildnngsanstalt ins Leben gerufen. Wenn diese Anstalt, welcher nur ein vorübergehendes, ephemeres Dasein beschieden sein sollte, nunmehr zn einer festen, dauernden Institution wird, so ist es der hervorragenden, nicht genug zn rühmenden Tätigkeit, dem Pflichteifer des Dahingeschiedenen zu danken. Der Pflichteifer — Zedek, Zedek tirdauf, wie soeben von ehrwürdiger Seite gesagt wurde — der von keiner persön'lichen Rücksicht beirrte, nicht vor drohenden Widerwärtigkeiten znrückschreckende Eifer in Erfüllung seiner Pflicht in beruflicher Tätigkeit, als Leiter der Lehrerbildungsanstalt, in der Inspektion des Religionsunterrichtes und wo sonst er zn wirken hatte, war eine hervorragende Charaktereigenschaft, ein hochanznerkennendes Verdienst des Dahingeschiedenen — Pflicht und Recht zu üben, aber auch iUitöe und Güte walten zu lassen — das ist es. was ich aus Grund jahrelanger, unmittelbarer Wahrnehmungen und Erfahrungen ihm nachrühmen muß. Und so mögen insbesondere jene in seiner vielseitigen Tätigkeit hervorragenden, nachhaltigen,' eigentümlichen Leistungen znm Wohle unserer Gemeinde dem Dahingeschiedenen ein dauerndes Gedenken sichern"; Namens des Lehrkörpers des Religionslehrer-Bildungsänstalt sprach Professor Dr. Ludwig Singer und hierauf .nahm der Abiturient dieser Anstalt Aron Schwertfinger namens der Schüler folgenden rührenden Worten Abschied von dem geliebten Lehrer: . „Äkit schwer verwundetem.Herzen stehen wir Zöglinge der .israelitischen Religionslehrer-Bildnngsanstalt an der Bahre klagend und jammernd nm den Tod unseres Direktors und Lehrers, den ein furchtbarer Schicksalsschlag ans unserer Mitte gerissen hat. Von dem Werke, das sein hoher Geist ins Leben gerufen, das sein liebevolles Herz mit aller Wärme geleitet, ist er in der Vollkraft seiner Jahre hingerafft worden. Erfüllt von der höchsten Begeisterung für das Ziel seiner Schüler, getragen von dem Pflichlbewnßtsein. würdige Lehrer der jüdischen Jugend zn erziehen, war er uns stets mit dem Beispiele der höchsten sittlichen Vollkommenheit vorangegangen. Als Direktor und Lehrer, da leuchtete nns sein Beispiel der wahren Erkenntnis, der Liebe znm jüdischen Volke und jüdischen Religion entgegen, als Vater seiner Schüler, da ließ er sie an seinem Tische speisen, da bat er sie oft an ihrem Krankenbette besucht. So lebte er nns. so starb er uns; und so stehen wir heute, denen sein Tod eine so furchtbare Wunde geschlagen hat, nm an seiner Bahre unseren letzten Dank niederzulegen. Habe Dank für all die Mühe, die Du nns geopfert, tausend Dank für all die Güte und Liebe, die Du uns erwiesen hast. Und wenn wir in den nächsten Tagen in der Schule znsammentrereu und Dein väterliches Auge nicht mehr wahrnehmen. so werden wir nns dessen bewußt sein, daß Du uns nur körperlich verlassen hast; Dein Geist lebt ewig fort; dieser hat sich in unserem Herzen ein herrliches Denkmal errichtet, das bis in die fernsten Zeiten bestehen wird. Und da Du nns jetzt ans ewig verlaßt, da wir den letzten schmerzlichen Abschied von Dir nehmen müssen, so geben wir Dir die Versicherung mit.-daß nns Dein Beispiel der Liebe znm jüdischen Volke und jüdischen Religion jederzeit eine Triebfeder sein wird, daß wir den Wunsch Deines liebevollen Herzens — würdige Lehrer der jüdischen Religion zn sein — erfüllen werden." Als letzter Redner sprach Kustos Dr. Frankfurter, der Freund und Ltndiengenosse Dr. Davids, die folgenden liesempsnndenen Worte: „Mein Frellnd David! Mit diesen drei Worten habe ich das Verhältnis gekennzeichnet, das mich mit dir, dem so jäh Gefällten, dessen Bahre wir tiestranerud umstehen, verbunden hat. Heute vor sieben Jahren bot ich dir, als dn mir deiner Frau in diese Stadt einzvgst, die dir die zweite Heimat und die Stätte eines neuen, reichen Wirkungskreises werden sollte — es war derselbe Kalendertag, nur mit dem Unterschied, daß es damals ein warmer, schöner Sommersonntag war, heule ein düsterer, herbstlicher Montag ist. aber genau zur selben Smnde — den Willkommgruß, und heute muß ich. der Aeltere, dir den letzten Scheidegrnß entbieten. Es war ein für dich und deine von dir so sehr geliebte edle Gattin besonders freudiger Erinnernngstag: der 12. Jahrestag eurer Verlobung, und heute, am 19., begrübt deine Frau mit diesem Sarge, der ihr Liebstes birgt, alle die schönen Hoffnungen, die ihr beide, und mit Euch die Familie, die Freunde, diese große Gemeinde an jenen Einzug in diese Stadt geknüpst haben! Bon den Rednern, die vor mir gesprochen, wurde dein Wirken und Wesen von verschiedenen Seiten beleuchtet. Ich jedoch kann sagen: mir aber warst du mehr! Dn warst mir der Freund aus den ungebnndenen, frohen Jngendtagen. da wir beide gemeinsam mit dem dritten im Bunde. Alfred Feilchenfeld, an der Berliner Universität der klassischen Philologie oblagen, -p-'fror •imp: idpi Ich gedenke dir der treuen Freundschaft, die du mir von deiner Jugend her bewahrtest. Wir lernten uns kennen in einer Zeit, da Freundschaften für das Leben geschlossen werden, die die Zeiten überwinden und über das Grab hinaus Seite 7. k- «r’