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Die Wahrheit · 1910-09-09 · Heft 36 (9.9.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 36 (9.9.1910)
Date
1910-09-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die -Wahrheit Nr. 35. den Wiener Mittelschulen und als Leiter der Religionslehrer- Büdungsattstalt. Er hatte eine hohe und ernste Auffäffnng von' seinem Berufe, sie war die Quelle seiner Erfolge und zugleich die Ursache manch bitterer Erfahrungen lind Enttäuschungen. Mag er auch in mancher Phase seitier Wiener Wirksamkeit verschiedenartig bemiestl worden sein, in einem Punkte herrschte einstinuuiges Urteil: in seinem ganzen Wesen war keine Mache, ungeschminkt und wahr war sein Streben und Walten, rein und edel sein Charakter. Allgemein wardaher die Trauer über sein unerwartetes Hinicheideu und ansrichtiger Teilnahme ivanüte sich seiner schweraeprnsten Gattin zu. die, /wahrend' er bereits 'mit dem Tode rang, von einem Besuche bei Verwandten in Deutschland ganz ahnungslos nach Wien reiste und, zuhause angelangt, nur mehr die entseelte Hülle des geliebten Galten wiedersand. Das Leichenbegängnis fand Montag, den 5. d. M. unter massenhafter Beteiligung der Gemeinde und in einer das Andenken des Heimgegangenen Seelsorgers überaus ehrenden Weise vom Trauerhanse, IL Schütlelstraße 15, stall. Hier und im Leopolditädter Tempel, wohin die Luche zunächst gebracht wurde, hatten sich nächst den Familienangehörigen, die ans weiter Ferne herbeigeeilt waren, der Präsident der Knltnsgemeinde mit den beiden Vizepräsidenten, zahlreichen Knltnsvorstehern und Belhausvorständen, fast sämtliche Wiener Rabbiner und auswärtige Amtskollegen, die Mehrzahl der Wiener Kantoren, fast der gesamte Beamtenkörper der Knltnsgemeinde, die Religionsschnlinspektoreu und die Religivnslehrer, die Vorsteher der Chewra Kadischa, die Vorsteher der Bethausvereine, die Mittelschnldirektoren Regierungsrat Dr. Waniek und Regiernngsrat Dr. S ch i s f n e r, Kustos Dr. Frankfurter, Gemeinderat Dr. S ch w a r z - H i l l e r. kais. Rat Lichten st a d t, Vertreter zahlreicher Hnmanitätsinstltnte, viele Gemeindemitglieder rc., eingefnuden. Mit wehmutsvollen Abschiedsworten, die ein Bruder des Verblichenen, Herr Hermann David aus Hamburg, namens der Familie sprach, nahm die Tranerfeier Punkt 3 Uhr nachmittags ihren Anfang. Dann stimmte Oberkantor Don Fuchs, assistiert von I. Kamor Jnrberger und Kantor Menkes mit dem Chore beider Tempel einen Tranerchoral an. worauf der Sarg gehoben und unter dem Geleite der Rabbiner im Ornate. des Knltnsvorstandes und der gesamten Tranerversammlung nach dem in dmterem Schwarz dekorierten und dichtgesnllten Leopoldstädler Tempel gebracht und vor die Bnndeslade gestellt wurde. Ergreifend und weihevoll erklang das vom Oberkantor Don Fuchs und dem Chore angestimmte ^Scliiwissi“, nach dessen Vorn ag Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n folgenden Nachruf hielt: Rede des Oberrabbiners Dr. Giidemann. „Zn einer Tranerknndgebrrny" sind wir hier versammelt. Sie gilt dem ehrwürdigen und verehrten Rabbiner unserer Gemeinde Dr. Elieser D a v i d, der uns durch einen plötzlichen Tod entrissen wurde. Sieben Jahre hat er in unserer Gemeinde gewirkt, nur sieben Jahre! Mikez schewa schonim taasse Sch’mitfco. „Am Schlüsse von sieben Jahren halte Erlaß!" Dieses Gebot des jüngstverlesenen Wochenabschnittes hat sich in schmerzlicher Weise an ihm erfüllt. Er wird diese Stätte, von der ans er so oft zu Euch geredet, nicht mehr betreten, sein Mund ist verstullimi. sein Auge erloschen, sein Herz hat ausgehört zu schlagen. Aber wir haben ihn trotzdem nicht verloren. Ki lau bemausso jikacli liakoli. Der Tod hat ihn uns nicht ganz genommen, lau fered ackarow kewaudo, sein wahres Wesen, seine Persönlichkeit tritt uns jetzt erst lebendig vor Augen, nachdem der Tod ihn verklärt und die Nebel verstreut hat, die naturgemäß jeder Mann in öffentlicher Stellung erst mühsam durchdringen muß, um sich durchzusetzen. Das ist ihm trotz der Kürze seines Wirkens ans einem Gebiete gelungen, das ohne Zweifel das Wichtigste im Gemeindeleben ist, aus dem Gebiete des Religionsunterrichtes. Er hat die neugegründete Religionslehrer-Bildungsanstalt ins Leben eingesührt, er hat sie mit Umsicht und Eingebung geleitet und ihre Zukunft gesichert. Er hat die Aufsicht über den Religionsunterricht mit Ernst und Nachdruck ausgeübt und der Anschauung zur Anerkennung verholsen, daß die Aufgabe des Religionslehrers auch dessen gesamte Lebensführung durchhrillgen mild bestimmen mich. -Was er in ,diesen Richttingen geleistet hat, bleibt eine denkwürdige,' unvergeßliche Tat. Er war'üve'lchanpt vorzugsweise ein Mann der-Tat. Wir dürfen das Wort nicht unterschätzen. Es, bilde! die/Vermittlung zwilchen dem Rabbiner und der . Gemeinde. Aber-wir'-'dürfen nicht vergessen, daß Unsere . Religion, nicht, - wiees in -anderen Kulten der Fall-.ist/eineil „Dienst, am Wort'. kennt-.. Wir dürfen deshalb' das Wort .nicht überschätzen und nicht der Schöilredllerelverfallen, denn nilsereReligion lehrt lauliamidrasek .ikar’ ela kauia'a^8e.,/.,Nichk,dieMimstj,der-Mede, .sondern die vorbildliche Tat ist für die nachhaltige Wirkung rabbiilischer Tätigkeit entscheidend. Hinter dem Wort muß der Mann stehen, dieser muß für sein Wort auch durch seine ganze Lebensführung einstehen. So war seine Rede der Spiegel seiner Seele.. Wir erblicken in diesem Spiegel seine lautere Gesinnung. seine Frömmigkeit. seine Herzensgute, seine Friedensliebe, seine tiefe > Bildnng, lauter Schütze, die den reichsten Segen für unsere Gemeinde bilden und die ganz zu heben uns leider sein frühzeitiger Tod verwehrt hat. Wir klagen um ihn im Verein mit seiner gleichgestimmten und gleichgesinnten würdigen Gattin, mit den ehrenwerten Geschwistern, denen Chochom-schemess hakol kerauwow unsere ganze Gemeinde teilnehmend sich anschließt und tiefbewegt rufen wir ihm nach: Secker Zaddik liwrocko. „Dein Andenken wird geehrt und gesegnet bleiben!" Unter den Klängen des „Jausckew Bessesser“ wurde der. Sarg hieraus znm Leichenwagen getragen und in großem Tranerzuge nach dem Zentralfriedhofe überführt. Wieder erklangen hier ergreifende Tranergesänge und dann hielt Rabbiner Dr. D. Fenchtwang folgende Leichenrede: Rede des Rabbiners Dr. D. Fenchtwang. „Dem verehrten, uns so jäh entrissenen Amtsbrnder soll ich im Namen der Amtsbrnder den Abschiedsgrnß entbieten und auch im Namen der zahlreichen Lehrer, denen er Führer, Freund und Berater war. Auf das tiefste sind wir alle erschüttert. Groß und ansrichtig ist unser Schmerz. Vor wenigen Tagen war es, da ging ich mit dem nun entschlafenen Freunde lustwandelnd einen Berg hinan; es war ein freundlicher Abend; Sterne leuchteten vom Himmel herab. Hingerissen von der Schönheit der Natur und andächtig blickten wir ins Tal und ans die entfernten Berge. „Mein Auge erhebe ich zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe; meine Hilfe kommt von dem Ewigen, Schöpfer Himmels und der Erde", so sprach der Freund in seiner schlichten Art, aus welcher inbrünstige Frömmigkeit dem verständigen Ohre vernehmbar war. Und mir stiegen den sanften Abhang hinab, durchschritten einen stillen Waldpfad; an seinen Händen führte er zwei kleine Mägdlein; die sprachen traulich und lieblich zu ihm; denn sie merkten: Dieses Herz versteht die kindliche Sprache, dieses Ohr vernimmt der Kleinen nnschnldig-reines Wort. „Ja, mein Freund", so sprach er nun, „ans dem Munde der Lallenden und Kinder hast Du, o Gott, Deine Macht gegründet — -—" Sind nicht diese beiden so warm und echt gesprochenen Worte geeignet, den Grnndzug des Charakters unseres teueren Amtsbrnders zu zeichnen? Zeigen sie uns nicht seine wahrhaft große, unerschütterliche Gottesfurcht und die Güte seines edleu Herzens? Die rein m e n s ch lichen Tugenden, die ihn zierten, wie selten einen, sie zu betonen fühle ich mich berufen. Sind es denn nicht diese rein menschlichen Tugenden, welche zusörderst den geistlichen Führer der Gemeinde a u s z e i ch n e u und zieren sollen? Sein Lebensgrnndsatz wie auch Richtschnur in der Führung der heiligen Aemter war der Satz der Schrift: zedek, zedek tirdauf „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit verfolge eifrig, ans daß du lebest und besitzest das Land, das Gott dir gegeben hat". — Gerechtigkeit, das ist nach der Weisen Deutung das unbestechliche, unelttwegte, stets gewappnete Rechtsgefühl, diu, das redlich und ehrlich urteilt und entscheidet, der inneren Ueberzeugung klaren Ausdruck verleiht; ist die lautere, mutige Wahrheitsliebe, die Kraft, den Vornehmsten, Größten gegenüber die Wahrheit zu verteidigen, ihr in das oft harte

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