Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 36 (9.9.1910)
- Date
- 1910-09-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35. Die Wahrheit -Seite 5. Der russische Czar kann bekanntlich in seinem eigenen Reiche den Anblick der Juden nicht vertragen und dieses Mißbehagen gegen seine jüdischen Untertanen, deren Knochen ihm wohl als Kanonenfutter gut genug sind, wird wahrscheinlich im Anslande noch mehr erhöht werden. Darum ist die deutsche Polizei eifrigst bemüht, während des Aufenthaltes des Zarenpaares in Deutschland, alle russisch-jüdischen Physiognomien aus dem Gesichtskreis der hohen Herrschaften zu entfernen und deutsche Beamte werden bereitwilligst zur Verfügung gestellt, um den russischen Polizeispitzeln Schergendienste zu leisten. Zu diesem Kapitel berichtet unter der Ueberschrifl: „Russische Polizei in Frankfurt am Main" die dortige „Kleine Presse": Außer dem Russen M a n d e l b a n m ist in den letzten Tagen noch eine Reihe von verdächtigen Personen festgevalten und größtenteils ansgewieseu worden, und zwar nicht bloß Russen, foiibern auch angeblich O e st er r e i ch e r. In Frankfurt halten sich zahlreiche russische Kriminalbeamte auf. Sie werden stets von deutschen Beamten begleitet. Am Mittwoch saß der jüdische Artist E i s e n b e r g in einer jüdischen Wirtschaft. Da erschien plötzlich im Lokal eine Anzahl Kriminalbeamter, russische und deutsche. Ein Russe, der ein Stück Papier in der Hand trug, deutete auf Eisenberg. Dieser wurde verhaftet und sofort in das Polizeigefängnis gebracht, wo er noch eine Anzahl anderer Leidensgefährten vorfand. Eisenberg lebt seit 16 Jahren im Ausland. Er ist verheiratet und trat gewöhnlich in einem Frankfurter Theater auf. Als Grund seiner Verhaftung führt man ein harmloses Gedicht an. welches Eisenberg nach Beendigung des Russisch-japanischen Krieges verfaßt und in London vorgetragen hatte. Im Polizeigefängnis wurde Eisenberg über Nacht behalten und mußte dort auf einem Brette schlafen. Am Abend des nächsten Tages wurde er wieder entlassen, aber erst nachdem er einen Schein unterzeichnet hatte, worin er sich verpstichtete, Frankfurt bis Montag abend zu verlassen. f&. - * * In nächster Zeit soll der Internationale Gynäkologenkongreß in Petersburg znsammentreten. Jüdische Gynäkologen des Auslandes sind ausgeschlossen und selbst das Auswärtige Amt in Berlin hat den jüdischen Gynäkologen ans Deutschland nicht den Zutritt zu verschaffen vermocht. Ob die Herren in Petersburg der deutschen Regierung angedeutet haben, sie solle vor der eigenen Tür kehren? Sie behandle die Inden differentiell, so könne es die russische Regierung auch tun, ohne auf das Berliner Gesuch Rücksicht zu nehmen, das vielleicht nicht einmal ernst gemeint sei. Spezifisch russisch dagegen ist es, daß jüdische Pianisten und Komponisten, auch russische Juden, die sich am 5. Internationalen R ub in ste in-W et tb ew erb zu beteiligen wünschen, sich nicht in Petersburg aufhalten dürfen. Rubinstein war Jude. Was die jüdischen Aerzte anlangt, so haben, wie erinnerlich, die preußischen Aerztekammern in vorigen Jahre an den Minister die Bitte gerichtet, durch Vermittlung des Auswärtigen Amtes bei der russischen Regierung eine Milderung der Paßvorschriftett für jüdische Aerzte zu erwirken. Das Auswärtige Amt hat sich daraufhin bemüht, aber nichts anderes erreicht, als eine Vertröstung auf die Zukunft. Als vor Jahren in Moskau der große internationale Aerztekongreß stattfand, war in Deutschland ein vorbereitendes Komitee unter dem Vorsitz von Virchow gebildet worden. Auch damals tauchte die Frage auf, ob ausländische jüdische Aerzte an dem Kongreß teilnehmen könnten. Virchow aber erklärte mit aller Deutlichkeit, daß er jede Mitwirkung an dem Kongreß a b l e h n e, wenn irgendeinem Arzte irgendwelche Paßbeschränknngen auferlegt würden. Daraufhin wurden diese für die Besucher des Moskauer Kongresses aufgehoben. Bisher hat man noch nichts davon gehört, daß das russische Organisationskomitee oder daß führende deutsche Gynäkologen sich im geringsten in gleicher Richtung bemüht hätten. * * -r- Bis zu welcher selbstmörderischen Verblendung sich der Judenhaß versteigen kann, das sieht man auch an dem Verhalten der russischen Behörden gegenüber den jüdischen Aerzten in den choleraverseuchten Bezirken. Aus Petersburg wird darüber folgendes berichtet: „Die Cholera hat das ganze Zarenreich ergriffen und einen Umfang angenommen, der die Bevölkerung in panischen Schrecken versetzt. Was die Ausbreitung der Epidemie noch unheimlicher gestaltet, ist der Mangel an Aerzten und Sanitätspersonal. In Petersburg. Odessa, Charkow, Nikolaew, Kiew und noch vielen anderen Herden der Seuche macht sich dieser Mangel besonders fühlbar. Für die Zustände in Rußland ist jedoch die Tatsache äußerst charakteristisch, daß die Regierung und ihre Beamten trotz der erschreckenden Ausbreitung der Cholera ihren Antisemitismus weiter kultivieren und die A u f n a h m e v o n jüdischen Aerzten und jüdischen Sanitätsmännern, die mit Todesverachtung in den Kampf gegen die Seuche ziehen wollen, rundweg a b w e i s e n. Der Petersburger Oberbürgermeister Glafnnow ordnete an, daß Gesuche jüdischer Aerzte um Aufnahme in den städtischen Dienst zur Bekämpfung der Cholera a b g e w i e s e n werden müssen. Vergebens traten einige rechtdenkende Stadträte für die Aufnahme jüdischer Aerzte ein: das Oberhaupt der Stadt blieb seiuem Antisemitismus ireu, wiewohl die Epidemie erschreckend um sich greift. Noch verhängulsvvllere Folgen zeitige dieser Antisemitismus im südrnisischin Kohlenrayon. Dort erkranken täglich gegen zweitausend Kohlenarbeiter und sterben gegen tausend Personen, w daß alle Kohlenarbeiter die Flucht ergreifen und die Arbeit im Stich lassen. Wer aber hat die Schuld an der erschreckenden Verbreitung der Epidemie im Kohleugebiete? Das Charkower Blatt „Utro" erklärt offen, daß es die Behörden sind, die seil dem Ansbruch der Cholera alle jüdischen Aerzte und jüdischen Sanitätsmäntier aus dem Dienste vertrieben und ganze Ortschaften ohne ärztliche Hilfe beließen. Dasselbe tut der berüchtigte Stadthanptmann von Odessa. General Tolmatchew. der die Ernennungen jüdischer Aerzte im Choleragebiete annullierte und kategorisch erklärte, daß er die Aufnahme von Juden nicht zulasfen würde. Und während die Regierung so ihren Judenhaß betätigt, macht die Cholera tmbeschreibliche Fortschritte nnd ruft unter den Volksmassen sogenannte Cholerannruhen hervor, die in vielen Ortschaften bereits blutig unterdrückt werden mußten. In Charkow fand neuerdings eine Beratung der Ver- . treter der von der Cholera am meisten betroffenen Gouvernements statt. Es wurde wiederum ein allgemeiner, weitgehender Mangel an ärztlichem Personal festgestellt, der im wesentlichen darauf zurückzuführen ist. daß das Ministerium des Innern jüdischen Aerzten nnd Heilgehilfen den Sanitätsdienst im Choleragebiete nicht gestattet. Die Epidemie zeigt schon jetzt die schwersten Folgen für Industrie und Handel, besonders der Kohlenbergbau leidet darunter". |Rabbiner Dr. Mieser David. £ In der Vollkraft des Mannesalters ist Donnerstag, den 1. d. M. der Rabbiner der Wiener Kultnsgemeinde. Dr. Elieser David, infolge eines mit katastrophaler Wirkung auftretenden Leidens plötzlich gestorben. Im ernsten Milieu eines jüdischen Gelehrtenhauses herangewachsen, suchte der Heimgegangene durch gründliches Studium sichere Grundlagen für die Festigung seines Charakters, wie für sein späteres amtliches Wirken zu schaffen. Seine hohe, .klassisch-philologische und pädagogische Bildung, sein reiches jüdisches und allgemeines Wissen, sein tiefreligiöser Sinn prädestinierten ihn für den Beruf eines Seelsorgers und Lehrers im Judentum, aber sie bewahrten ihn auch vor Verknöcherung, und so war er trotz seiner streng konservativen religiösen Richtung ein durch und durch moderner Mensch. In der Wiener Kultnsgemeinde, die ihn vor sieben Jahren von Düsseldorf als Rabbiner für die Leopoldstädter Synagoge an die Seite Dr. Schmiedls berufen hat. erschloß sich ihm auch ein reiches pädagogisches Arbeitsfeld und ungeteilte Anerkennung fand seine, von großem Pstichtbewußtsein erfüllte Tätigkeit als Religionsschnlinspektor an