Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Die Wahrheit Nr. 35, neu besonderen rabbinischen Obliegenheiten seinerseits, die väterliche ÜeberwachiMZ derselben zu übernehmen und dem Lehrer, reods „Nslarnsd“ es zur religiösen Pflicht zu machen, auf die Talmud Thora-^iiifeer, wie diese Schützlinge gewöhnlich genannt wurden, ein vorzügliches Auge zu haben und die Fähigen unter ihnen,, den Kindern wohlhabender Eltern nicht im geringsten nachzusetzen, zumal- — wie dies oft der Fall zu fein pflegte — die elfteren die letzteren an Fleiß liiiö Talent überragten, selbe es daher im „Lernen" weiter als diese brachten. Bei den allwöchentlich, gewöhnlich am Freitag beim Rabbiner stattgefuudenen „Verhör" wurden eben die Talmud Tliora- Kinder von ihm, deren Waisenvater er war, besonders streng geprüft. Sobald die Besttalentierten unter denselben im Talmud bis zu einem gewissen Grade vorgeschritten waren, zog sie der Rabbiner zu seinen talmudischen Vorlesungen, „Schiur“, heran, wo sie während einiger Jahre sich zu tüchtigen „Bacliurim“ ansbildeten, um sodann eine der großen „Tesobibob", talmudische Hochschulen von Preßburg, Prag, Nikolsburg usw. zu besuchen. Der Talmud Thora-Verein bestritt aber nicht bloß das Schulgeld, sondern sorgte auch nach Möglichkeit für Bekleidung der armen Schulkinder, namentlich im Winter, wofür in größeren Gemeinden ein eigener Verein unter dem Namen „Malbisch-Arumim“ („Bekleidung dem Unbekleideten") in ausgedehnten Maßstabe sorgte. Der Talmud Thora-Sßereiu kaufte auch eine große Anzahl von Büchern aller hebräischen Fächer an und kreierte somit gewissermaßen eine unentgeltliche Fachbibliothek für arme Lehrlinge wie für Lernende („Bachurim“ und „Lomde Thoro“). Am großen ^Jescliiboswurden mehrere derartige Leihbibliotheken ausgestellt, wo jeder Lernende bei Tag und bei Nacht freien Eintritt hatte. Ein solches Lokal wurde „Bes hamidrasch“. Lehrhaus, genannt. Der Cliewra Kadischa-Üßereiii, einer der ersten, ältesten und würdigsten Vereine, dessen Entstehung gewissermaßen mit dem Entstehen der Gemeinden zusammensällt und dessen heilige Ausgabe, dem Israeliten in den letzten Stunden seines Daseins wie nach seinem Ableben Liebesdienste zu.erweisen, um, „den Staub der Erde wieder zurückzugeben", bekannt ist, gilt wohl noch heutzutage, wo der Nimbus alles Alten und Ehrwürdigen erbleicht, als ein „heiliger Bruderschaftsverein" nicht nur seinem Namen, sondern auch seinem Wesen nach.*) Indes hat die kalte Hand der Zeit so manche schöne Frucht vom Baume feiner statuarischen Einrichtungen, die zur Erhaltung seiner Würde und seines Ansehens das Ihrige beigetragen, abgestreift. Vor allem dursten in der Regel nur die makellosesten, achtbarsten und würdigsten Männer in der Gemeinde zn Vorstehern „Gabbaim“ gewählt werden, die ihrerseits, wenn sie sich auch sonst von allen Gemeindeangelegenheiten und Ehrenämtern fern hielten, es sich zur besonderen Ehre rechneten, Gabbaim der Chewra Kadiscba zu sein. Ihre Tätigkeit mochte noch so sehr von mannigfachen Beschäftigungen in Anspruch genommen worden sein, schenkten sie doch diesem „heiligen Vereine" wie dessen Statuten, „Tekanot“, die sie stets mit Argusaugen bewachten, ihre ganze Aufmerksamkeit. — Kein Mitglied des „heiligen Vereines", und wäre sein Ansehen noch so groß, seine gesellschaftliche Stellung noch so hervorragend gewesen, durfte es wagen und wagte es auch nicht, den Anordnungen derselben zn widersprechen, da jede Art Verletzung der Disziplin s ch on u n g s l o s geahndet wurde. Einer solchen Gefahr aber wollte sich kein anständiger Mensch aussetzen. Einer besotiders strengen Subordinatiotl hatten sich die neneintretenden Mitglieder ohne Unterschied ihres Standes zu unterziehen. So durste ein solches nicht sofort persönlich bei der alljährlich abgehaltenen Generalversammlung, die gewöhnlich am 7. Adar, „dem Sterbetage Moses", stattfand, eintreten, um sein *) Neben der Chewra Jvadischa bestand in jeder Gemeinde auch die sog. „Weiber-Chewra“, die ähnliche Zwecke verfolgte. Die achtbarsten Frauen in der Gemeinde „Xasehiw Zidkonot“ waren mit seltener Aufopferung und völliger Hingebung bemüht, am Krankenlager wie in Sterbefällen ihren bedauernswerten Schwestern Liebesdienste zn erweisen. Und jetzt? — Ansuchen um Aufnahme in den .„heiligen Verein", cm. dieselbe zn stellen, sondern mußte erst dieses durch 'ein älteres Veresnsmitglied anmelden lassen. ' (Fortsetzung folgt.) •’ Verschiedene Nachrichten Wien. (Israelitische Knl t u s g e m e j u b e.).Die:Betsitzkarten, die von den bisherigen Inhabern, bis nun nicht erneuert wurden^ gelangen ab 1. September l. I. zum allgemeinen Verkaufe-? und.'’'zivilr? j' Für die Gemeindetempel Stadt und Leopoldstadt: I., Seirenstettettgasir4j für Fünfhaus: XV., Tnrnergasse 22; für Ottakring: XVI., Hnbergaffe 8 p für Währing: XVIII.. Schopenhanerstraße 39; für Floridsdorf: XXI., Holzmeistergasse 12. Der Kartenverkauf findet täglich, mit Ausnahme von Samstag, in der Zeit von 9 Uhr vorm, bis 2 Uhr nachm, statt. Wien. Samstag, den 3. d. M. vormittags Predigt im Tempel XXI. Holzmeistergasse. Wien. Montag, den 29. August beging der Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Ster n, im engsten Familienkreise seiner, 79. Geburtstag. Ans diesem Anlasse sind in seiner Villa in Baden,' wo Herr Dr. Alfred Stern sich den ganzen Sommer über anfhält, zahlreiche Grarnlationen eingelaufen. Wien. (T a l m u d - T h o r a - F ü n f k l a s s i g e V o l k s s ch u 1 e für Knaben, W i e n. II. M a l z g a s s e 16.) Die Schülereinschreibnngen für das Schuljahr 1910/11 finden am 6., 7. und 8. September von 8—12 Uhr statt. Erforderliche Dokumente: für neu eintretende Schüler der 1. Klaffe: Geburts- und Impfschein, sowie Heimatschein. Ist ein Kind noch nicht 6 Jahre alt. so muß beim Bezirksschulräte, II. Sektion, II. Karmelitergaffe 9r um Dispens rechtzeitig eingereicht werden. Kinder aus anderen Schulen brauchen die Schnlnachricht mit Uebersiedlungsklausel. Am 9. September um 9. Uhr Früh Eröffnungsfeier, am 11. September Beginn des Unterrichtes. D e r V o r st a n d. Wien. Montag, den 29. v. M., halb 3 Uhr nachmittags, fand im Etablissement „Rndolfsbos" in Grienzing in Anwesenheit zahlreicher Familienmitglieder und Gäste die Traunng des Fräulein Fritzi Baue r mir Herrn Hans I r a n y i, k. u. k. Leutnant i. R., Beamter des Oesterr. Lloyd, statt. Den Trannngsakt vollzogen der Vater der Braut, Oberkantoi Bauer und Chachain P a p o, und Rabbiner Dr. K a h a n hielt an das Brautpaar eine überaus herzliche und sinnvolle Ansprache. Die Trauungsgesänge wurden vom Chore der türkischen Gemeinde unter der Leitung des Chordirigenten Kantor I. L ö w i t höchst wirkungsvoll exekutiert. Wien. Bei der am 25. v. M. stattgehabten Versammlung des vom verstorbenen Herrn Samuel M e i s e l s gegründeten Vereines „Esrath Israel" sind folgende Herren in den Vorstand gewählt worden: A. Schwa in in, M. H a in in er, S. K o in e t, Jsak S ch a p i r a. Chajiin K r a in p l e r. Berisch Falk, Abraham H o ch st e t t e r,. Jsak Schwarz, Josef K a n i t e l. Herm. W e r t h e i m. Der Vorstand hat sich zur Aufgabe gemacht, den Verein nach den Intentionen des verstorbenen Herrn Samuel Meisels zn fördern. Wien. (Tragischer Todesfall.) Die Hochzeit der Tochter des Milchhändlers und Kore im Minjan-Vereine der Brigittenau „Linass Hazzedek“ sollte am Sonntag in Brody stattfinden. Deren Vater Abr. Wachs fungierte noch am Sabbat beim Gottesdienste — doch am Nachmittag ereilte ihn ein plötzlicher Tod im Alter von 58 Jahreu. Herr Abr. Pallenberg würdigte am Montag an seinem Grabe namens des obgenannten Vereines dessen Frömmigkeit und vornehmen Charakter. Wien. (D r. Arnold Weiße.) Am 24. August d. I. verschied dieser geistvolle Schriftsteller in Wien und wurde unter großen Ehren aus dem jüdischen Friedhof zu Vagujhely, wo sein großer Vater, Oberrabbiner Josef Weiße und der gelehrte Großvater, R. Jsak Weiße, ruhen, zu Gräb> getragen. Dr. Arnold Weiße, geb. den 28. August 1842 zu Prerau, trieb in seiner Jugend gründliche hebräische Studien, ging zur Medizin über und wurde dann einer der geistvollsten deutschen Schriftsteller. Seine Gedichte und Novellen im „Hamburger Fremdenblatl", dessen Redakteur er durch fast 25 Jahre war, wurden besonders gerne gelesen, seine objektiven Theater-Kritiken in Hamburg waren feine Spezialität. Mit Frau Charlotte Emden, Heinrich Heines Lieblingsschwester, die auf ihr Judentum viel hiell. war Dr. Weiße sehr befreundet. Seine Festspiele „Ghanaisch’ osor“ und „Megillas Esther“ sind wahre Meisterwerke, für das jüdische Hans, däe er sehr liebte und höchschätzte, geschrieben, ebenso einige seiner jüdischen Novellen, wie „Die Sedernacht", „Ein jüdischer Student". „Ein jüdisches Mutterherz" rc. Unvergessen sei, daß er bei der großen russischen Judenverfolgung in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts im großen „Hamburger Fremdenblatt" die Leiden der armen jüdischen Flüchtlinge poetisch so tief ergreifend schilderte, daß in Hamburg viele Tausende Mark bor jüdischen und nichtjüdischen Menschenfreunden für die armen gehetzten Juden beim Blarte, deffen Redakteur der Verewigte war, einliefen. Sem einziger Bruder, Herr Tr. Samson Weiße, wirkt als verdienstvoller Rabbiner schon Je;r vielen Jahren in der großen Berliner jüdischen'Gemeinde und eilte ast-- der Fxrne herbei, dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen'.: Arn'ö-'ld Weiße ruhe sanft und sein Andenken sei gesegnet!; , 'Prag. Der jüdische Schulverein in Prag, der erst seit sieb,en Monaten besteht, blickr bereits auf eine segensreiche Tätigkeit zurück. Ha: er auch in dieser kurzen Spänne Zeit sein letztes Ziel, Errichtung jüdischer Schulen, noch nicht erreichen können, so bildet er doch bereits ein Foruch bei welchem die Zerfahrenheit in den jüdischen Schulzuständen Böhmens speziell des Religionsunterrichtes,, häufig bekannt gegeben wird. Her .jüdische Schulverein hat bisher.bereits über 300 Schriftstücke ausgesendet, hc de UI L> bft B di ei Z IN jü ka in F 1' A T di § di NI s ei v> E H v! Ä b x\ T sc K st h v g 3 $ ii q •I <S 9 d d <s k i ii 1 l T l i t i c l .$ i i l t <