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Die Wahrheit · 1910-09-02 · Heft 35 (2.9.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 7. Nr: 35. drückung empfanden. Dagegen sind die Griechen, die sich ungehinderter Freiheit erfreuen, arge Judenhasser. Nicht minder die -sich für wahre Inden haltenden Karäer, welche, pochend aus ihre Freizügigkeit, über das Unglück der Inden einer Hellen Schadenfreude Ausdruck gaben. Schwankend war die Stellung der Sozialisten. Parleidogmatismus und kleinliche Eifersucht verengten vielfach ihren britischen Horizvllt. In den achtziger Jahren führte der Ansbruch der Pogrome geradezu zu einer Verwirrung der Geister. Auch ihnen galten die Inden als Träger des Kapitalismus, eine Ansicht, die sie in das Kampfgeschrei mit einstimmen lieh. In den offiziellen, illegal erscheinenden sozialrevolutionären Schriften der Jahre 1881 bis 1885 sindet sich nirgends eine Sympathiekundgebung für die betroffenen Inden. Die Freiheitspioniere sahen io unklar, daß sie Pogrom und Aufstand, revolutionäre Bewegung und Jndenhetze in einem Atem nennen konnten. Erst später lehnten die Sozialisten aller Schattierungen die Pogrome als Gefahren für den Fortschritt ab. Trifft diese Wandlung in den Anschauungen der organisierten Sozialisten auch für die letzten Jahre zu, so fehlt es doch nicht au ganz -beträchtlichen Ausnahmen. Ein einziger Lichtblick fällt in diese schweren Zeiten, welcher sie von der Geschichte der Inden im Mittelalter unterscheidet: Pas Auftreten der Selbstwehr. Der erste Ruf nach ihr erscholl kurz nach 'dem Kischinewer Pogrom im Jahre 1903. Nichtsdestoweniger trafen die Oktobertage die Juden völlig unvorbereitet, aber schon die ersten Schläge ließen die Saal, welche die seit 6 Jahren Selbsthilfe predigenden Zionisten und Bundisten ausgeworfen hatten, anfschießen. Die letzteren kamen allerdings erst nach der Korrektur ihrer Anschauungen durch die harte Wirklichkeit zu einer uneingeschränkten Bejahung der bewaffneten Selbstverteidigung. Verhinderte doch die zwischen ihnen und den zionistischen Arbeitern bestehende Rivalität selbst in so ernsten Zeiten oftmals ein dauerndes Zusammenarbeiten im Dienste der gemeinsamen Volkessache. Aber angesichts der spontanen Vereinigung im Augenblicke der Gefahr, fei über die gewiß oft verhängnisvollen Differenzen kein hartes Urteil gefällt. Es braucht nicht hervorgehoben zu werden, ans welche Schwierigkeiten die Selbstwehrversnche stießen. Die von Sendlingen in Westeuropa um Geldunterstütznng angegangenen Inden verstanden nicht die Bestrebungen der Selbstwehr. Waffentransporte wurden abgesangeu. Militär setzte die Selbstschutzlente in den kritischen Stunden schachmatt. Und doch ist ihr Vorhandensein nicht hoch genug zu werten, bedenkt man ihren großen moralischen Einfluß. Allerdings erschöpft sich ihre Bedeutung darin. Denn mag sie auch hier und dort prohlbitiv -gewirkt haben, mangelhafte Organisierung und die Gewalt der Stärkeren legten fast allerorts ihre durch Mut und Energie vervielfältigten Kräfte lahm. Das Werk schließt mit einer Betrachtung der in Westeuropa und Amerika eingeleiteten Hilfsaktion. Die Großartigkeit derselben ist nicht zu leugnen und doch muß konstatiert werden, daß ein ganzes Drittel der Snbventionsgelder in Rußland selbst gesammelt wurde. Man sollte meinen, daß der seit Jahrzehnten ans die russischen Inden ansgenbte Hochdruck mit seinen unerwarteten Explosionen endlich die Einsicht schüfe, daß zur Verbesserung der Lage von palliativen zu radikalen Mitteln übergegangen werden müsse. Dennoch zeigt die von zionistischer Seite einberufene Brüsseler Konferenz, „die im Jänner 1906 ohne Rücksicht auf Parteiziele eine Vereinigung aller jüdischen Organisationen zur Abwehr außerordentlicher Katastrophen bezweckte". daß die Juden Rußlands vorderhand ihr Joch weitertragen müssen. So gesteht denn A. Linden: „Die Pogrome haben wohl das jüdische Herz tief bewegt, aber weder die jüdische Seele noch den jüdischen Geist geschärft." Auf einen Punkt ist A. Linde n in seinem Essai über die gesellschaftlichen Erscheinungen unerklärlicherweise nicht eingegangen. Er betrifft den Geschäftssinn jener jüdischen Finanziers. welche sich nicht entblödeu, der russischen Regierung auch in Tagen höchster Judennot die Mittel zu ihrer Verfolgungs- Politik in die Hand zu drücken. Hatte es doch der Wiener Ritter von T a u s s i g, über den Oberrabbiner Güdem a n u sagte, seine Religion wäre ihm Geschäft, sein Geschäft Religion gewesen, es wohl in den Oktoberpogromtagen in der Hand gehabt, durch Verweigerung oder Verzögerung der Anleihe von der russischen Regierung gründliche Konzessionen zu erzwingen. Einen trostlosen Ausblick gewähren aber die Verhältnisse in Rußland. Seit einigen Jahren haben die lauten Pogrome aufgehört. Sie wurden ersetzt durch die nicht minder verhängnisvollen schleichenden, von denen uns in den letzten Monaten schaurige Kunde wird. Rußland geht zwar langsam einer konstitutionellen Aera entgegen, den Inden aber harrt das Schicksal ihrer Unglücksgefährteu in Rumänien. Kein Wunder, daß man das Bnch in gedrückter Stimmung ans der Hand legt. Die Materie wird eigentlich nur diejenigen zum Eindringen reizen, die sich durch innere Baude den von so harten Geschick Ereilten verbunden fühlen. Das soll nicht die übrigen von der Lektüre abschrecken. Wenn das Werk anch wie in einem Brennipiegel die grelle Wahrheit jüdischen Leidens zusammensaßl, so behandelt es doch weit über das Thema hinaus, wenn auch immer im engen Zusammenhänge damit, die russischen Verhältnisse mit so bewunderungswürdiger Objektivität, von einem so hohen philosophischen Standpunkt, mit einem so weitsichtigen Horizont, daß auch der am wenigsten Beteiligte durch die Lektüre in seinem Wissen und in seiner Erkenntnis gefördert werden wird. Nicht genug damit, bereitet es durch die künstlerische Form, die Eleganz der Diktion, jedem literarischen Feinschmecker gewiß einen uneingeschränkten Genuß. Das Lebe» und Wirken der Inden in Oesterreich in vormiireichen Zeilen. Von Dr. M. H. Friedländer. (Forrsetzun;;.) Die Wohltätigkeit wird gewöhnlich mir dem Worte Zedoko, Tugend. Gerechtigkeit bezeichnet, das heißt, man soll in der Ausübung der Wohltätigkeit anch streng gerecht sein, man muß wissen, w i e und iv e n man unterstützen, wie und gegen iven man wohltätig sein soll. Wahrhaft verdienstlich ist und gottgefällig jene Wohltat, die im geheimen geübt wird. „Eine Gabe im Geheimen löscht den Zorn." (88,1. Spr. 21,14). Wer öffentlich dem Armen eine Gabe reicht, um dadurch gleichsam mit seiner Mtmisizenz und Freigebigkeit flunkern und pritnken zu können, begehr mehr Sünde, als wenn er überhaupt gar nichts gespendet hätte. (Chag. 5, Sabb. 104). „Wehe dem. der den Armen öffentlich beschämt. (Naim. h. matn. anij. 11, 5). Mar U k b a. ein hervorragender Lehrer in der taldmndischen Zeit, spendete stets in der Weise, daß der von ihm unterstützte Arme nie erfahren durste, wer eigentlich sein Wohltäter sei. (Ket. 67). Der Talmud enthält m der Tat zahlreiche Beispiele von opferwilliger Wohltätigkeit. Philanthropie und Munisizenz unserer alten Weisen. In ihrem Geiste haben anch die Juden Oesterreichs in vormärzlichen Zeiten gelebt und gewirkt. Jede Gemeinde hatte nicht nur für Schule und Gotteshaus, Thora und Abodah, sondern auch für die Wohltätigkeitsanstalten. Gemillus-Chassodim, bereitwilligst die größten Opfer gebracht. Da gab es Vereine für Armennnterstütznng Zedaka, für Unterstützung armer Schulkinder Chewra Talmud-Thora, für Krankenpflege Bikur Cholim, für Leichenbestatlnng Cliewra Kadischa, Gemillus Chassodim usw. Der Zsdoko-Verein hatte nicht für Ortsarme, sondern auch für arme Durchreisende zu sorgen. Für die letzteren bestand in jeder Gemeinde eine Herberge. ..Schlasstätte" genannt, wo sie gratis Nachtlager bekamen. An Werktagen erhielten sie in jedem jüdischen Hause gekochte Speisen und Geldunterstütznng, und wenn sie über Samstag in der Khille blieben, wurden ihnen vom Chewra Gabbai „Platten“ erteilt. — In einer großen Gemeinde hat es anch ein Krankenhaus „Hekdesch“ genannt, für arme Durchreisende, die dort plötzlich erkrankten, gegeben. Der Talmud-Verein stellte sich hauptsächlich die Ansgabe, das Schulgeld für die armen Kinder, namentlich für Waisenkinder, zu zahlen und rechnete es der Gemeinderabbiner zu sei-

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