Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 85. Die Wahrheit Seite 9. hat mit einer großen Zahl von Gemeinden im Jnteresie der Besserung des Religionsunterrichtes verhandelt und sich auch der mühseligen Arbeit unterzogen, für solche Gemeinden, die bisher keinen Religionslehrer hatten, Lehrer und Rabbiner in benachbarren Orten ausfindig zu machen, die bereit sind, gegen geringe Entschädigung den Unterrichl zu erteilen. Er hat ferner mir der Anlegung eines Katasters über die Schulverhältnisse in Böhmen, soweit sie die Inden tangieren, begonnen und geht demnächst an die Vorarbeiten zur Errichtung einer jüdischen Volksschule in Prag für eines der nächsten Schuljahre. Soll der jüdische Schnlverein seine hohen Ziele tatkräftig verfolgen, so ist es notwendig, daß er über reichere Geldmittel verfügt, und darum werden alle, die Sinn und Interesse für das jüdische Schulwesen haben, ersucht, im Kreise ihrer Gemeinden und Bekannten für den jüdischen Schulverein einzucreten. Adresse für Zuschriften und Geldsendungen: Jüdischer Schulverein in Prag. Triesch. Anläßlich des 80. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers Franz Josef I. wurde von der hiesigen israelitischen Knlrnsgemeinde am 17. abends ein Festgottesdienst in der festlich geschmückten Synagoge in Anwesenheit der vollzählig erschienenen Gemeindemitglieder veranstalret. Der Gottesdienst, der sich sehr feierlich gestaltete, wurde mit der Reziriernng des Mah-Tanwn-Gebetes und des 21. Königspsalms eingeleitet. Dann hielt Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Nagelberg eine tiefempfundene eindrucksvolle Festrede. in der er die Gerechtigkeit und d>e Liede des Monarchen zu allen seinen Völkern in fesselnder Weise hervorhob. Nach Absingen der Volkshymne seitens des bewährten Oberkantors Lazar Laub im Vereine mit seinem gutgeschnlten Chore wurde der Festgottesdienst geschlossen. Boskowitz. Vor einigen-Tagen starb hier Herr Hermann B u chs ü h r e r im hohen Alter von 87 Jahren. Der Verblichene, der noch einige Monate vor seinem Tode seinem Kanfniannsbernfe nachging und in voller geistiger Frische bis an sein Lebensende sich befand, hat seine Gattin nur acht Monate überlebt. Nach demselben trauert eine einzige mit Herrn Jakob Ultmann verehelichte Tochter, sowie mehrere Enkel. Battelau. (Mähren.) Nach mehr als 12jähriger Unterbrechung veranstaltete unsere alte Chewra-Kadischa am 21. v. M. anläßlich des Kaiserlichen 80. Geburtstages das statutarische Festmahl. Am 18. fand ein besonders feierlicher Gottesdienst im mit duftendem Land herrlich dekorierten Tempel statt, die Festrede hielt Professor Mor. A n t s ch e r l aus Wien. Der k. u. k. Kämmerer Graf Joh. v. B l a n k e n st e i u als Bürgermeister und viele Honoratioren der Gemeinde wohnten der solennen Feier bei. Vorher ging eine Huldigungs-Depesche der Chewra- Kadischa ans k. und k. Hoflager ab. Das Brndermahl, drei Tage später, wurde mit feierlichem Minchagebet im Tempel eingeleitet, hatte einen echt jüdischen Charakter, und nach dem Kaiser-Toast, gesprochen von Professor A n t s ch e r l, wurde das Mahl durch Thora- und sonstige geistvolle Reden gewürzt. Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Nagelb erg- Triesch, Prof. Antscherl und die Chewra-Mitglieder teilten sich in den Vorträgen. Mit feierlichem Maariw-Gebete schloß diese schöne Jubel- „Chewra-Sude". Den geräumigen Schulsaal unserer jüdischen Gemeinde, in welchem das Mahl stattfand, zierte das Poranches der Chewra vom Jahre 5570. Außer den Chewra-Borsiehern mit dem wackeren Obmann, Herrn Hermann H a m l i s ch. hatten sich Herr und Frau Schulleiter S a l a m o n um das Gelingen dieses Mahles besonders verdient gemacht. Beuthen u. S. Zur Ergänzung, resp. Richtigstellung der in voriger Nummer dieses Blattes veröffentlichten Notiz aus Beuthen sei konstatiert, daß der Lektionskatalog des hiesigen Konservatoriums unter den Lehrkräften desselben Herrn Oberkantor Magnus Davidsoh n-Gleiwitz, u. zw. für Stimmbildung, Gesangstechnik und Musikgeschichte, ferner Herrn Oberkantor Simon S i n g e r-Kattowitz für Stimmbildung, Gesangstechnik. Oratorien- und Overngesang, sowie als Leirer der israelitischen Kirchenmusikschnle anführt. Oberkantor de Beer in Beuthen ist unter den Lehrkräften nicht genannt. Szeniz. Am 24. d. M. fand unter zahlreicher Beteiligung sämtlicher Frauen und Herren wie auch Vertreter der Nachbargemeinden die feierliche und weihevolle Enthüllung des Grabsteines unserer allzufrüh verblichenen Frau Rabbiner Marmorstein. Die Verblichene war im wahren Sinne des Wortes ein >T! niPK wackeres Weib, ein leuchtendes Vorbild treuer Pflichterfüllung, die in ihrer Güte, Sanft- und Edelmut vorbildlich in unserer Gemeinde fortleben wird und dies zeigte sich auch jetzt durch die allgemeine Teilnahme. Der gebeugte Gatte, vom Schmerze ganz aufgelöst, unser allverehrter Herr Rabbiner D. M a r m o r st e i n, der Sohn, und Herr Rabbiner Dr. Marmorek ans Skotschau schilderten in herrlichen Farben das erhabene Bild, die Tugenden der Heimgegangenen und gaben mit beredten. Worten dem Schmerz des herben Verlustes, den die Familie und die Gemeinde erlitten, Ausdruck. Dann sprachen noch Worte der Verehrung Herr Dr. Stein aus Nagyszombat und Herr Oberrabbiner Dr. Levin ans Nikolsbnrg. Efseg. Die hier erscheinende „Jüdische Rundschau" erhält folgende Nachricht ans Dervent, einem größeren Orte Bosniens: Am 12. Angnst stand die Frau des Kaufmanns Moritz Stern vor ihrem Laden, als auf sie plötzlich der Kaufmann und Großgrundbesitzer Marko Petric, ein Serbe, zueilte und die aufs höchste erschrockene Frau m erregtem Tone beschuldigte, sie hätte sein Kind versteckt und abgeschlachtet. Es sei ihm ja bekannt, daß die Inden Christenblut benötigen. . . . Der Kaufmann Stern war zufällig nicht zu Hanse, als sich dieser bedauerliche Vorfall ereignete. Frau Stern begab sich' sofort znm Bezirksvorstand, um ihm die Sache vorzntragen. und machte gleichzeitig Strafanzeige wegen Verleumdung. Die Verhandlung wurde auch bereits für den 19. September l. I. angeordnet. — Vom Hause Sterns begab sich Petric in die Gendarmeriekaserne, wo er die Mitteilung machte, daß fein Kind von den Eheleuten Stern zu rituellen Zwecken abgeschlachtet worden sei. Der Zufall wollte es jedoch, daß Petric, als er von der Gendarmeriekaserne heimwärts ging. sein Kind aus dem Hanse seiner Wäscherin, namens Eva Situm herauskommen sah. Dort harre es mit anderen Kindern gespielt! Frau Stern, sobald sie von diesem Umstande erfuhr, stellte Herrn Petric zur Rede und befragte ihn, ob er sich der begangenen Verleumdung bewußt sei, worauf dieser einfach erwiderte: „Ich weiß, was ich gesagt habe!" In Derventer jüdischen Kreisen herrscht ob dieses Vorfalles große Beunruhigung, da sich bisher die bosnischen Inden über keine Anfeindungen zu beklagen hatten. Erst jetzt, nach der Annexion, wo die Serben in Bosnien immer stärker werden und sich bester organisieren, beobachtet man öfter antisemitische Ausfälle. Die bosnische Jndenschast fordert eine exemplarische Bestrafung des Verleumders. Leipzig. Gegen den bekannten Leipziger Antisemiten Ingenieur Theodor Fritsch har die Leipziger Staatsanwaltschaft Anklage erhoben wegen „Gotteslästerung" bezw. Beschimpfung der jüdischen Religionsgemeinde, und zwar ans Anlaß, einer in seiner Zeitschrift „Hammer" abgedruckten Artikelserie, die von Beleidigungen gegen Inden und Judentum geradezu strotzten. Berlin. Die „Boss. Ztg." berichtet ans Australien: Die Ansiedlung von (angeblich 100.000) Inden in Westaustralien auf einer Fläche von 400.000 Hektar soll in letzter Zeit in London Gegenstand von Verhandlungen zwischen dem zu Zeit dorr weilenden Premier Sir Newton Moore und Herrn Zangwill gewesen sein. Wer die Verhältnisse in Westaustralien kennt, wird zu solchem Plane den Kopf schütteln, denn der Staat umfaßt mit über 21/, Millionen Quadratkilometer wohl 1j3 des ganzen Erdteils und ist nahezu fünfmal so groß wie das Deutsche Reich, aber ein wie geringer Teil dieser nngehenren Flüche ist knltnrfähig! Von den sechs „Divisionen" (Provinzen) ist der die Hälfte des ganzen Landes einnehmende Ostdistrikt wasserlose Wüste; nur der Südwestdistrikc ist einigermaßen dicht besiedelt. Gute Weidegrüude hat auch der Norden. Die 275.000 Einwohner sind zum geringsten Teile als Ackerbauer tätig, zahlreiche Produkte müssen noch eingeführt werden. Dazu kommt, daß die fruchtbaren Striche mit Urwald bedeckt sind, der sehr schioer zu roden ist. Wesraustralien wird das „Land voll Süiide, Sonne, Schweiß, Sand, Salz. Sorge und — schlimmer Angen" genannt. Und Sir Moore hat vorläufig auch nur versprochen, „nach seiner Heimkehr den Plan dem Ministerinm zur Beratung vorzulegen". Galveston. Die von der „Jto" unternommene Beförderung von Auswaiidererii nach den Vereinigten Staaten über Galveston hat neuerdings durch eine ministerielle Verfügung eine erhebliche Einschränkung erlitten. 34 der jüngst nt Galveston eingerroffenen Emigranten wurden zurückgewiesen. Dieser Vorfall hat in den jüdischen Kreisen von Newyork nicht geringe Aufregung verursacht. Die Arbeit der „Jto", welche die Auswanderung von den überfüllten östlichen Städten nach dem inneren Süden und Westen des Landes ablenkc, hat stets eine kräftige Unterstützung in dem humanen Wirken des Herrn Jakob Schiff gesunden und auch das Interesse anderer Persönlichkeiten wachgerufeu. Wie behauptet wird, ist die vom Departement für Handel und Gewerbe verfügte Zurückweisung der 34 Emigranten auf das Ungeschick eines Reporters zurückznführen. der die Aufmerksamkeit der Regierung auf die in jüdischen Zeitungen Rußlands erscheinenden Inserate der „Jto" gelenkt hatte. Daß diese Inserate nicht allzu weise abgefaßt waren und eine gewiffe Unkenntnis von dem amerikanischen Einwanderungsgesetz bekunden, ist der allgemeine Eindruck aller an der Einigrationsarbeit beteiligten Personen. Newyork. Auf den Bürgermeister von Newyork, Gaynor, ist, wie bekannt, im Augenblick, als er den Dampfer betrat, um sich zu einer Erholnngsfahrt nach Europa einzuschiffen, ein Schnß abgefeuert worden, der ihn lebensgefährlich verwundete. Gaynor ist einer der beliebtesten Männer in den Bereinigten Staaten. Der Charakter dieses seltenen Mannes offenbarte sich auch in seinem Verhalten zu den Juden. Zn einer Deputation der Rabbiner aller Synagogen des East End, die bei ihm mit der Petition erschienen waren, um Inden, welche am Sabbat feiern, von der Pflicht der Sonntagsruhe zu befreien, äußerte sich Mr. Gaynor unter anderem: „Sie sind die Kinder einer Rasse und einer Bolksfaunlie, deren Ursprung am Anfang der Geschichte m jener Grenzlinie liegt, wo die Legende aufhört und die Geschichte beginnt. Sie gehören einer Rasse und einer Bolksfamilie an, die in königlichen Palästen gewohnt hat, zu einer Zeit, da die Sachsen und Kelten, vielleicht auch die Römer noch nackt durch die Wälder streiften und in Höhlen wohnten. Das Christentum hat allen Grund, stolz zu sein, aber es bleibe stets eingedenk, daß es Ihre heiligen Schriften gänzlich übernommen und sich angeeignet hat. Das neue Testament, das darauf kam. ist gänzlich oder fast gänzlich — denn es kann hierüber Meinungsverschiedenheiten geben — von Angehörigen Ihrer Raffe verfaßt worden. Die ganze Welt hat ihnen viel zu danken. Zunächst in der Religion, dem Glauben an einen einzigen, wahren Gott, von dem Sie niemals abwichen. Sie dankt Ihnen auch viel auf dem Gebiete der Wissenschaft, Literatur und Staacsknnst und alles dessen, wovon die Aufklärung, das Glück und die Zivilisation unserer Zeit abhängt. Die Christen hatten niemals wahre Gründe, Sie zu hassen. Der Haß entstand aus Böswilligkeit, entstand in Zeiten der Finsternis, der großen Mißverständnisse. Dieser Haß kann sich heute nur noch bei jenen Völkern halten, die noch in Unwissenheit verharren, die noch ans einer niederen Kulturstufe stehen, als die übrigen, und die noch der Einwirkung der wahren Zivilisation bedürfen, um von diesem Haß befreit zu werden". Gaynor versicherte, der Mayor aller Bürger zu sein und dafür Sorge zu tragen, daß die am Sabbat feiernden Juden nicht gezwungen würden, auch noch die Sonntagsruhe zn halten. Und die treffende Antwort, die Bürgermeister Gaynor einem Miffionsprediger gab. der sich an ihm mit dem Ersuchen wandte, ihm zu erlauben, in der Newyorker Judenftadt Missionspredigten zur Bekehrung der Juden zu veranstalten, dürfte nuferen Lesern noch frisch in Erinnerung sein. So repräsentiert sich in diesem echten Bolksmann einer der edelsten Menschen des nordamerikanischen Staatswesens.