Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 35. Als man am folgenden Morgen seine Leiche ins Krankenhaus j brachte, übergab der Parlier des Hauses, in dem Nikolai ge- | wohnl hatte, dem Polizeibeamten zwei Priese. Der eine war von Nikolai an seine Schwester gerichtet; den zweiten hatte seine Schwester ihm gesandt. Er enthielt folgendes: „Teurer Bruder! Gestern bin ich hier iu die Uuiversilät aufgeuommeu worden. Ich habe das Aufeuthaltsrecht erlangt, weil unsere Tante mir ein „gelbes Zeugnis" verschafft hatte. Ich wollte Dich überraschen, und darum bin ich nicht sofort am Abend zu Dir gekommen. Deine Schwester Rebekka." Die Schwester erfuhr den Selbstmord ihres Bruders, wurde durch die Nachricht schwer krank — und nachdem sie nach langer Zeit ans dem Krankenhanse entlassen worden tvar, stürzte sie sich in die Newa. So trafen sich Bruder und Schwester in jener Welt wieder. . Ci» mährischer Gemeindepascha. Im staatlichen und polilischeit Leben erfreuen wir uns in Oesterreich schon seit Jahrzehnten verfassungsmäßig garantierter konstitutioneller Einrichtungen, die selbst von unserem weisen und gerechten Monarchen ungeschmälert anerkannt werden, aber in der Verwaltung mancher jüdischer Gemeinden herrscht noch immer die starrste mittelalterliche Autokratie und gerade das Jndengesetz vom Jahre 1890, ans das besonders die jüdischen Gemeindeangestellten so viele Hoffnungen setzten, hat dadurch, daß es alle Macht in die Hände des Vorstandes legte, die Verhältnisse nicht nur nicht gebessert, sondern in vielen Fällen noch verschlechtert. Ein solches Beispiel von Wilkürherrschast wird uns im Nachstehenden ans der Gemeinde Bisenz in Mähren gemeldet: „Am 23.^März 1910 hat Herr Sig. Glaser seine Knltusvorsteher-Stelle zu Gunsten des Herrn Jos. Fürst znrückgelegt und hiebei ausdrücklich betont, daß der neue Vorsteher, der unil von allen Parteien gewählt erschien, gerecht und gewissenhaft sein Amt versehen möge, damit der alte Parteikampf endlich eine friedliche Lösung finde. Herr Fürst hat in öffentlicher Sitzung gelobt, diese Worte zn beherzigen, jederzeit unparteiisch nnd gerecht gegen jedermann vorzugehen, ein Freund der Beamten zn sein, das Gemeindewohl zn fördern nnd seine besten Kräfte in den Dienst der Gemeinde zn stellen. Wir wollen nun sehen, wie der Herr Knltnsvorsteher diese seine Versprechungen und besonders seine damals hervorgehobene Friedensliebe eingehalten hat. Was ist seit dem 23. März 1910, da der alte Kultusausschuß, der ans ehren- und gewissenhaften Männern bestanden hat, einem neuen Manne Platz machte, geschehen? Hier die Antwort: Zuerst betätigte Herr Fürst seine Friedensliebe dadurch, daß für viele ruhige nnd anständige Gemeindemitglieder, die nicht unbemittelt sind, eine Knltnsstener nicht repartiert wurde, und zwar nur ans dem Grunde, um dieselben aus der Wählerschaft und Wählbarkeit auszuschalten. Sodann bewies er sich so unparteiisch, daß er dem hiesigen H. Kantor, Herrn A. Dnkesz, eine 6-w ö ch e n tl i ch e (!!) Kündigung zukommen ließ, nnd zwar dies ohne j e d w e d e A ngabe eines Grundes. Wie wir vernehmen, hat der entlassene Kantor der inzwischen in Dürnkrut akzeptiert wurde, die gerichtliche Klage gegen den Herrn Josef Fürst, Spiritnshändler in Bisenz, wegen ungerechtfertigter Entlassung eingereicht. Kaum verließ Herr Dnkesz den Bisenzer Posten, als Herr Fürst einen neuen Konkurs ansschreiben ließ, in welchem ein musikalisch gebildeter Kantor gesucht wird. Ganz Bisenz weiß nun, daß diese Ausschreibung gegen den h i e si g e n Oberkantor Herrn Wilhelm Steiner gerichtet ist, zumal Herr Fürst keinen II. Kantor sondern einen Oberkantor will, trotzdem Herr Steiner hier als O b e r k a n t o r akzeptiert wurde. Herr Fürst läßt keine Gelegenheit nnbenützt, um in seiner Beamtenfeindlichkeit den Oberkanlor Steiner, der ein tüchtiger Funktionär ist,seine „Macht" fühlen zu lassen nnd tritt dadurch die Standesehre der Kantoren mit Füßen. .Es wäre die höchste Zeit, Herrn Fürst dadurch eutgegenzntreten, daß sich kein Kantor zum Probevortrag melde und die Gemeinde Bisenz boykottiert werde." Wir sind überzengt, daß diese Zuschrift, die uns von vollständig vertrauenswürdiger und unbeteiligter Seite zukommt, von den Kollegen des in seiner Existenz bedrohten Funktionärs beherzigt werden wird, aber auch alle rechtlich denkenden Elemente in der Gemeinde Bisenz sollten sich znsammenschließen, um eine das Ansehen der Gemeinde untergrabende und der jüdischen Tradition hohnsprechenden Gewaltherrschaft von sich abzuschütteln. Die Indenpograme in Rußland. (Schluß.) Dieselben Elsenbahner, durch deren Streik die freiheitliche Kundgebung des Zaren erzwungen wurde, waren lioch in ihrer menschlichen Entwicklung 311 rückständig, mit an dem Prinzip der Unantastbarkeit anderer sreiheitliebender Mitkämpfer festznhalten. Sie hatten vielfach in der Gewalt (dieAitfzählltng konkreter Fälle muß des Raumes halber itttterbleiben) Pogrome hintanznhalten, ohne es zn tun, vielmehr sind sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, Pogromfreunde. Für ihr widerspruchsvolles Vorgehen findet A. Linden folgende Erklärung: „Bei allen drei (die dritte Beamtenklasse ist die Feuerwehr) in Betracht gezogenen Beamtenklassen haben wir, soweit wir sie an den Pogromen beteiligt sahen, an manchen Nebennmständen die Wahrnehmung gemacht, daß zwar Reaktion und Judenhaß sich stets bei diesen Pogromelementen vereinigt finden, daß aber die Reaktion bei ihnen zumeist ein Ausfluß des Judenhasses nnd nur selten das Umgekehrte der Fall ist." Noch ist die Zusammensetzung der Exzedenten zn erwähnen. An erster Stelle stehen die „schwarzen Hundert", soweit organisiert ungefähr 45.000 Bürgerliche. Denn „die Versicherllng Bnlatzels, eines Hanptanführers des Verbandes des russischen Volkes, im Herzensteinprozeß 1909, daß allein der Verband über 3500 Abteilungen mit je 1000 Mitgliedern umschließe, ist zweifellos die reinste Erfindung." Ihnen schließen sich Gesinnungsgenossen ans allen Ständen an. Ferner findeil sich unter den Plündererscharen Frauen der sogenannten „Gesellschaft", für welche die Juwelierläden einen Hauptanziehungspunkt bildeten, Schüler nnd Schülerinnen, Dienstpersonal, Trunkenbolde, Dirnen, Zuhälter nnd Bauern, deren Gutmütigkeit und Grausamkeit so recht die paradoxe russische Seele enthüllt, und Arbeiter, von denen gleich etwas eingehender gesprochen werden soll. Was nicht aktiv an den Ausschreitungen teilnahm, sympathisierte aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen: Kommnnalbeamte, Bürgermeister, Kleinkanflente, Handwerker, kleinere Hallsbesitzer, Handlungsgehilfen, sie alle haben eine mehr oder minder wichtige .Rolle bei Organisierung oder Ausartung der Hetzereien gespielt. Nicht zu vergessen der „Honoratioren", der wirklichen oder eingebildeten „Gebildeten", der Rechtsanwälte, Lehrer, der Priester der Religion der Liebe, deren Majorität eine infame Haltung einnahm, nnd vereinzelter Hochschnlprofessoren. Doch meint A. Linden, dürften „Einzelvorkommnisse ans keinen Fall die russische intellektuelle oder gar akademische Welt charakterisieren". Ungerecht wäre es, der Gegellströinnngen nicht zu gedenken. „In dreifacher Art konnten sich die Schichten der Bevölkerung, die an den Pogromen nicht teilnahmen, betätigen: in Gewährung voll Asylen an die Bedrohten (durch die Tausende gerettet wurden), beziehungsweise in Beschütznng einzelner, in organisierter Abwehr nnd in Protestkundgebungen". „Und so stoßen wir ans dem gesamten Pogromterritorinm bald auf Bilder empörender Roheit, bald auf fast idyllische Beziehungen." Die gegen Pogrome gerichteten Ennnziationen waren meist schwächlicher Natur nnd zeugen von recht niedriger humaner Gesinnung. Denn während sie ans politischen Gründen die Haltung der Bnreankratie geißelten, erachteten sie es nicht für notwendig, die Razzia gegen die Inden als Mitmenschen zu beklagen. Noch erübrigt es, das Verhalten der anderen Fremdvölker zu den Vorkommnissen anzndeuten. Diese zeigten sich so weit für das Jndenleid empfänglich, als sie selbst ihre Be-