Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35. Die Wahrheit Seite 5. Presse beider Länder die sympathischeste Aufnahme gesunden; nur einige chauvinistische Blätter hüben und drüben — in Deutschland natürlich die mit antisemitischer Färbung — haben einige gallige Bemerknngen nicht unterdrücken können. Sie haben allerdings sofort eine schlagende Abfertigung erhallen durch die „K r e n z - Z t 9.", die 11. a. schrieb : „Welches immer nun auch der Zweck der Cassel-Stiftung sein möge, so meinen wir, daß dem Stifter Dank u n d A nertennnng für seinen Entschluß gebührt, armen Menschen zu helfen, die in fremdem Lande in Not und Bedrängnis geraten sind. Seine Tat sollte nicht zu spöttischer Kritik, sondern zur fleißigen N a ch e i f e r il n g anspornen." Sir Ernest Cassel hat eine merkwürdige Laufbahn hinter sich. Der hellte 58 jährige Mann verfügt über ein Vermögen, das jedenfalls 200 Millionen Mark übersteigt. Vielleicht war er der e n g st e persönliche Freund des verstorbenen Königs. Dennoch lst dieser selbe Manll, der Sohn des kleinen Bankiers Jakob Cassel in Köln, vor 42 Jahren mittellos nach England gekommen und froh gewesen, hier bei einem Liverpooler Getreidehändler Unterkllnft zu finden. König Eduard hat seinen Freund Sir Ernest in jeder Beziehung a n s g e z e i ch n e t, hat ihm, dem dentsch-jüdischen Bankier — was bis dahin kaum vorgekommen war — die Großkrenze des Michael-, Georg- und des Viktoria-Ordens verliehen und ihn in den Geheimen Rat anfgenommen. Der König hat ihn wiederholt, wie wir den ..Münch. Neuest. Rachr." entnehmen, in Brighton besucht und P a t e n st e l l e bei seinem Enkel übernommen; Cassel war der letzte Mann, mit dem er vor seinem Tode sprach. Die intimen Beziehungen des Königs zu Cassel haben ohne Zweifel viel böses Blut gemacht und manches nnliebsame Gemunkel erzeugt. Auf der anderen Seite ist anzlierkennen, daß Cassel dem König für seine Freunde wie für seine Humanitären Bestrebungen seinen Rat und feine Börse airfs freigebigste zllr Verfügung stellte. So hat er 1902 dem König für wohltätige Zlvecke 4 Millionen Mark geschenkt; seine Hilfe war es, die die Begründung des englischen Radin m- Institut s, für die sich der König sehr interessierte, möglich machte: Beispiele, die sich durch manche andere leicht ergänzen ließen. * Das Pariser Blatt „Le Matin" veröffentlicht in einer seiner letzten Nummern einen Artikel über Rumänien, der wörtlich wie folgt schließt: „Die friedliche Politik Rnmüniens, die steigende Blüte seiner Industrie, die ansgezeichuete Leitung seiner Finauzverwaltung, seine unwandelbare Treue in der Einhaltung d er e i n g e g a n g e n e n V e rp f l i ch t u n g e n, all dies stellt für uns und für alle übrigen Völker Europas Bürgschaften der Achtung und des Vertrauens diesen Lateinern gegenüber dar . . ." Also auch das „große französische Weltblatt" wagt es nicht, die ungeschminkte Wahrheit über Rumänien zu sagen und den rosigen Nebel von Reklame und Schönfärberei, der das wahre Bild des korrupten Bojarenstaates verhüllt, zu verscheuchen. Oder weiß der „Matin" nicht, daß die rumänischen Machthaber die Bedingung, an welche der Berliner Kongreß die Unabhängigkeit Rumäniens knüpfte, bis heute noch n i ch t erfüllt haben? Weiß in der Redaktion des „Matin" wirklich niemand was davon, daß die Behandlung der Juden iu Rumänien — trotz der e i n g e g a n g e n e n Verpflichtung im Berliner Vertrag — nichts als eine schamlose Verletzung von Recht und Menschlichkeit bedeutet? Kennt der „Matin" nicht die „Rechtszustände" in diesem „Kuliurstaat" an der unteren Donau, wo ans „gesetzlichem" Wege tausend und '.ansend Eingeborene wegen ihrer Konfession ihrer Menschenrechte beraubt nud durch eine Fiktion zu „Fremden" gestempelt werden!? Die lobhudelnde Schönfärberei sollte doch die Wahrheit nicht gar so frech ins Gesicht schlagen! * * * In Rußland drohen die rechtlosen Zustände von Kiew allgemeiner zu werden. In einem Artikel des „Berliner Tageblatts" „S chl i m m e r a l s P l e h iu e!" wird folgende schauderhafte Perspektive dargelegt: Fürs erste stehen den Inden keine leichten Tage bevor. Das, was sich in Kiew und Moskau abgespielt hat, wird sich iu anderen Städten wiederholen. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß auch für Petersburg die Stunde schlägt. Nicht umsonst ist genau sestgestelll worden, daß die Residenz allein gegen 8000 jüdische Zahnärzte und Zahntechniker zählt, von denen sich kaum ein Viertel mit ihrem Beruf beschäftigt, während die anderen kaufmännische Geschäfte betreiben. In anderen Bernfsklassen sieht es nicht besser aus. Obgleich der ermordete Minister des Innern v. Plehwe die Inden für das gefährlichste revolutionäre Element in Rußland hielt, war er doch menschlich genug, den jüdischen Handwerkern das Wohnrecht in Städten imb Flecken außerhalb des Ausiedlnngsrayons unter der Bedingung teilweise freizngeben, daß sie sich wirklich mit ihrem. Handwerk beschäftigen. Das hat manche Jndenfamilie ans dem Ansiedlungsrayons hinausgelockt. Jetzt haben viele dieser Leute die Folgen davon zu tragen. Das Streben der Regierung geht dahin, die Inden so viel wie möglich in den Ansiedlnngsrayon znrückzudrüngen und sie ihre ganze Rechtlosigkeit nach Möglichkeit fühlen zu lassen. Augenblicklich soll Smolensk von Juden „gesäubert" werden. Das geschieht sehr einfach. Zuerst werden die Papiere der Inden sorgfältig geprüft. Ist an diesen Papieren nichts auszusetzeu, so verlangt die Polizei jene unter Plehwe vor über ein Jahrzehnt erteilteErmüchlignng, außerhalb desAnsiedluugsrayous zu wohnen. Da diese Befehle seinerzeit ausgefertigt worden sind, so glaubten sich die Inden geborgen, doch erwies es sich, daß die Polizei-Archive die Wohnbefehle verloren oder verworfen hatten. Auch hierdurch ließen sich die jüdischen Handwerker nicht abschrecken und suchten um die Ausfertigung neuer Befehle nach. Da erklärte die Polizei, daß der Gouverneur von Smolensk einen mündlichen Befehl erlassen habe, der den Juden bis zur Klärimg der ganzen Frage das Wohnrecht in Smolensk raubt. Gegen eine solche Erklärung läßt sich nichts ansrichten, und so mußten einige Dutzend Handwerker mit Kind nnd Kegel ans Smolensk hinaus. Dieser Erfolg war der Administration zu gering. Den Handwerkern folgten nun die jüdischen Studenten, deren Eltern nicht das allseitige Wohnrecht besaßen. Ein entsprechendes Zirkular des Departemeuts für allgemeiue Angelegenheiten brachte die Sache in Fluß, mit) die jüdischen Studenten, die sich während der Ferienzeit in Smolensk anfhielten, wurden angewiesen, binnen fünf Tagen die Stadt zu verlassen, da sie sich nur in ihrer Universitätsstadt aufhalten dürften. , -i- * * Zu welch tragischen Konsequenzen die schreckliche Drangsalierung der Juden in Rußland führt, darüber weiß ein Warschauer jüdisches Blatt folgende wahrhaft ergreifende Geschichte zu erzählen: „Ein jüdischer Gymnasiast, Moses Hntnik mit Namen, hatte das Gymnasium absolviert und stand nun vor der Frage: vor Hunger sterben oder sich taufen, — denn anders konnte er in der Universität nicht ankommen. Nach langen inneretl Kümpfen ging er hin nnd taufte sich. Sein Taufpate, ein General, gab ihm als Geschenk ein goldenes Kreuz, 25 Rubel nnd ein Empfehlungsschreiben an einen hohen Beamten in Petersburg. Nikolai — wie er jetzt hieß — ging nach Petersburg nnd ließ seine Mutter, mit einer jungen Tochter zurück, die nachts Hüte anferligeu und damit ihre Mutter ernährte nnd das Schulgeld am Gymnasinm bezahlte. In Petersburg bestand Nikolai glänzend seine Nufnahmeprüfuna und erhielt ans Grund des Empfehlungsschreibens eine Stelle im Polizeipräsidium, wo er monatlich 30 Rubel verdiente. Davon schickte er 15 seiner Mutter nnd mit den anderen 15 ernährte er sich kümmerlich. So vergingen 2 Jahre. Inzwischen starb seine Mutter. Seine Schwester hatte das Gymnasium beendet; aber in der letzten Zeit hatte Nikolai von ihr kein Lebenszeichen erhalten. Eines Tages, als er im Polizeipräsidium saß nnd die Anmeldescheine ordnete, fand er in einen Schein, auf dem er las: Rebekka Hntnik, 18 Jahre alt, aus Smolewki, eine Prostituierte. Nikolai begab sich sofort nachhause und vergiftete sich. Er hinterließ noch folgende Zeilen: „Teuerste Schwester! Ich sterbe, stirb auch Du! In jener Welt werden wir uns wieder treffen. Dort im Jenseits gibt es weder Inden noch Prostituierte. Nikolai."