Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 84. Die Wahrheit huldigte Als vor 38 Jahren die Gemeinde von munifizenter privater Hilfe unterstützt, daran ging, ein neues Krankenhaus zu errichten, wurde zu dessen Leiter der DahingeschtedeNe berufen und seinem Verdienste, seiner Schöpferkraft, seiner unermüdlichen Tätigkeit ist es zu danken, daß heute die Gemeinde mit Stolz auf diese Mnsteranstalt hiuznweifen in der Lage ist. Ueber 2000 Personen werden alljährlich in diesem Spitale verpflegt, weit über 15000 werden jährlich in den verschiedenen öffentlichen Ambulatorien ärztlich behandelt. Und diesen! ganzen ausgedehnten Betriebe drückte Hofrat Oser sein persönliches Gepräge ans. das Gepräge eines von warmer Begeisterung für seinen Berus, von edlem Mitgefühle für den Kranken erfüllten, von unermüdlichem Drange zu helfen, beseelten guten Menschen. Die Schöpfung war sein Kind, feine stete Sorge, ob er hier oder ans der Reise war, bis noch wenige Wochen — ich berichtige dies — noch wenige Tage vor seinem Lebensende. Wie dies dankbar von all denen, welche jene Heilstätte verlassen, anerkannt. insbesondere dem Dahingeschiedenen Dank und Lob gespendet wird, deß Zeuge bin ich und mit mir die Mitglieder des Kultnsvorstandes. Ueber seine wissenschaftliche Bedeutung, über seine ärztliche Tätigkeit wird nach mir von berufenerer Seite gesprochen werden. Mir aber ist es, als ob ein Chor von Tausenden und Tausenden, denen er, der Heilung bringende Arzt, der Retter und Helfer und Tröster war, hier an dieser Bahre mit mir in den Ras einstimme: Gesegnet sei das Andenken des frommen, edlen Mannes! * $ Ueber die Nachfolge Hosrats Osers wird von einer Wiener Korrespondenz folgendes mitgeteilt: Die Leitung der Direktion des Rotschildspitales, welche bekanntlich viele Jahre hindurch Hosrat Oser inne hatte, hat bis zur desinitiven Ernennung eines Direktors Professor Doktor Otto Z uck e rkan d l. der Vorstand der chirurgischen Abteilung, übernommen. Die Abteilung für innere Medizin an der Allgemeinen Poliklinik und am Rotschildspital, deren Vorstand Professor Oser war, werden provisorisch vom Dozenten Dr. Katz und Dr. Donath geleite: werden. Die Iudeupogrome in Rußland. (Fortsetzung.) So war die Situation vor, um und nach 1905 in Polen. Wie gestaltete sie sich in Rußland? Statt nun einen Angriff ans die Nerven der Leser durch Einzelschildernngen von Plünderungen, Schändungen, Verstümmelungen und Mordtaten zu unternehmen, wollen wir nackte Zahlen sprechen lassen, von denen die Phantasie ein Bild der Zerstörung nachschaffen kann, ein Bild, das sich doch der Wirklichkeit nicht nähern wird. Die an etwa 660 Orten znm Ausbruch gekommenen Pogrome fanden zwischen dem 18. und 29. Oktober 1905 statt. Das Territorium deckt sich, wie schon oben erwähnt, ungefähr mit dem der achtziger Jahre, dazu tritt das Rumänien benachbarte Gouvernement Bessarabien als Beweis, welche Weiterungen eine niedrigsten Instinkten schmeichelnde Agitation annehmen kann. Diese Provinz hatte sich nämlich 1881 bis 1883 ganz ruhig verhallen. „In Bessarabien haben sich seit Jahrzehnten die Gesamtverhältnisse nur wenig geändert, sowohl das Wirtschaftsleben als der Einfluß der Juden ans dieses sind einen rein evolutiouistischen. nicht sprunghaften Weg gegangen." Eine Kongruenz kann man also nur in bezug auf die räumliche Ausdehnung seststellen. Aber den 224 Pogromen innerhalb 21/2 Jahren von damals stehen 1905 dreimal soviel, 725, in ungefähr 10 Tagen gegenüber und der zugefügte Schaden war mehr als sechsmal so groß. Ferner zählte man vom 15. Oktober 1905 bis znm Herbst 1906 1002 Ermordete, 386 Witwen. 177 Voll-, 1464 Halbwaisen, 1918 Verwundete, wobei zu bemerken ist, daß die letzte Zahl nur die registrierten Verwundeten betrifft, von der Wahrheit weit entfernt ist und die Zahl der Vermißten zum Beispiel der vielen im Schwarzen Meer ertränkten Judeit überhaupt nicht ermittelt werden konnte. Der direkte materielle Schaden stieg in dem Jahre 1905/06 ans 66 Millionen Rubel, denen laut Angaben des Hilfskomitees an Unterstütznngsgeldern etwas über 6 Millionen Rubel, das sind 9-Prozent gegenüberstanden, ein Tropfen im Meer des Elends. Denkt man nun noch cm die mittelbaren Wirkungen, an die in sämtlichen Berufen ruinierten Existenzen, än die bankrottierenden Kanflente, entlassenen Handlungsgehilfen, arbeitslosen Handwerker, die hungernden, von der Hand zum Mund lebenden zahllosen Kommissionäre, an all die überflüssigen Lehrer der privaten Ghettoschnlen und ihre seelische Verfassung, dann ist das Jammerbild vollendet. >,Materielles Elend und seelische Panik! Es ist schwer zu bestimmen, was nach den Pogromen im jüdischen Leben das Primäre wurde." Wo ist nun die treibende Kraft der Pogrome zu suchen? Nirgends wo anders als bei der Bnreankratie, deren Beziehungen zur Pogromorganisation in einer durch seine gründliche, methodisch musterhafte Arbeit ganz besonders glänzenden Monographie ergründet worden sind. Im ersten Abschnitt derselben werden die allgemeinen Wandlungen der russischen Bnreankratie verfolgt und dargetan, daß der absolute Zarismus nur als der notwendige Deckmantel für die eigenen Geschäfte dient, daß der kaiserliche Wille nicht im entferntesten zur Geltung kommt, in Aneignung des preußisch-junkerlichen Grundsatzes: „Uiid der König absolut, wenn er uns den Willen tut". So regierte die Bnreankratie, satt und fett von Volkes Mark, bis auch ihr durch die Freiheitsbewegung die Stunde schlug. „Die Bnreaukratie begann an die unverwüstliche Kraft der Revolution und an den eigenen baldigen Sturz fatalistisch zu glauben, und eine fieberhafte Angststimmnng bemüchrigte sich ihrer beim Gedanken aus Schwinden ihrer Machtquelle. „Wenn nach Gorki Unglück der beste Kitt zur Vereinigung selbst der verschiedenartigsten Charaktere ist, so fanden sich diese gleichgestimmten Seelen ohne weiters in dem Versuch, die Freiheitsbewegung aus jede mögliche Weise zu ersticken. Als Exempel für ihr Wüten mögen die Zahlen der Todesexekntionen der letzten Jahre dienen: sie betrugen 1905 96, 1906 1251, 1907° 1621, 1908 1959, ganz zu schweigen von allen anderen Repressalien. Galten der Bnreankratie die Fremdvölker an und für sich als Träger des freiheitlichen Gedankens, so die Inden, deren Anteil an der Revolution ihren Prozentsatz notabene nicht überstieg, im besonderen. Natürlich gestaltete sich das Verhältnis zwischen Inden- und Beamtenschaft am wenigsten liebevoll. Das Anschwellen des Selbstbewnßtseins der jüdischen Massen konnte die Beamtenschaft weder sich reimen noch verwinden. Das würde doch allmählich das Versiegen der Nebeneinnahmen bedeuten, die sich nach den Angaben des F ü r st e n U r n s s o w in seinen berühmten Memoiren für die Polizeibeamten Bessarabiens, also in einem einzigen Gouvernement, jährlich aus über eine Million Rubel beliefen. Sind damit die eigentlichen Gründe des zu jeder Tat bereiten Judenhasses gekennzeichnet, so überraschen noch mehr die offen zngestandenen. die Lügen, mit denen die Agitation gegen die Inden offiziell betrieben wurde. Ans den Schwindel des jüdischen Kapitalismus fiel das Proletariat nicht mehr herein, da die soweit vorhandene Industrie meistens in russischen Händen ist und das Judenelend zu deutlich in Erscheinung tritt. So mußten politische und nationale Momente in den Vordergrund gerückt werden. Also wurde, wie erwähnt, die Revolution zum Machwerk der Inden gestempelt. Unwahr, aber wirksam. Und damit wußte die Korruption trefflich zu arbeiten. Denn die Pogrommöglichkeit diente den lokalen Machtfaktoren auch weiterhin nicht allein als politisches, sondern vorzüglich als materielles Erpressnngsmittel. Daß die Bnreankratie eine weitverzweigte Pogromorganisation schuf, deren Leiter in Petersburg in engster Fühlung mit den Staatsmännern standen, ist zu geläiffig. um im Rahmen dieser Uebersicht nochmals besprochen zu werden. Aber die Hervorhebung des Faktums dürfte von Interesse sein, daß der Pogrompntsch als Warnung nach oben und unten schon vor dem Oktobermanifest erfolgen sollte, nur durch den überraschenden allrussischen Eisenbahnerstreik aufgeschoben wurde, der die Emissäre ihrer Bewegungsfreiheit beraubte und Verwirrung in die Plane der Jndenver-