Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34. Die Wahrheit Seite 5. Ist der Mensch auch sehr verständig geworden, ist er in den Besitz vieler nützlicher Kenntnisse gelangt und es fehlt ihm die angemessene Ausbildung des Gemütes, dann fehlt ihm die H aupt sa ch e,/die Krone des Menschentumes. Halten wir einmal zur Erhärtung dieser Behauptung eine Rückschau in unsere eigene ferne Jugendzeit! Wie verklärt sich das Andenken an unsere Eltern am gefühlvollsten, was erregt unser dankbares Gemüt, unsere kindliche Opferwilligkeit, den Willen, ihre Wünsche zu respektieren, am meisten? Wenn wir uns unsere Eltern segnend vorstellen, wie sie liebevoll die Hand auf unseren Kopf rnben lassen und den Segen des Himmels für uns erflehen. Wenn wir uns jene Szenen ins Gedächtnis zurnckrnfen, mit welcher Liebe unsere Eltern für Abhaltung der Sederabende vorsorgten, mit welchem Entzücken wir am Sedertische an der Feier teilgenommen haben. Nur solche gemütvolle Jugenderinnernngen treiben uns an den Jahrzeittagen in den Tempel, um das Seelengebet für die dahingegangenen trauten Eltern nicht zu versäumen, wenn uns zu solcher regelmäßiger Neligionsübung auch die Zeit fehlt. Nicht strenger Religionszwaug, nicht umfassende Religionskenntuisse, sondern nur gemütvolle religiöse Uebung in der Familie und Achtung vor dem jüdischen Volkstume vermögen dem Abfälle lvirksame Hindernisse zu bieten. Nur ehrlich gefühlte und religiös und national geäußerte Liebe zu den Kindern und dem angestammten Volkstume vermag jüdische Eltern vor dem schwersten und gefürchtetsten Schicksale zu bewahren, von ihren Nachkommen einst vergesse n oder gar gehaßt und v e rachtet zu werden. R. L ö w. gjofi'rtl Professor Dr. Leopold Oser gestorben am 22. August 1910. Knapp ein Jahr ist verstrichen, seitdem eine große Schaar dankbarer Verehrer und tiefergebener Freunde die Freude hatte, dem ausgezeichneten Menschen, Gelehrten und Arzte, der durch seine bestrickende Liebenswürdigkeit, seine unermüdliche Hilfsbereitschaft und seine gewissenhafte Pflichterfüllung sich die Herzen vieler Tausender erobert hatte, zu seinem 70. Geburtstage die herzlichsten Glückwünsche zu entbieten, und nun hat ihn der Tod uns für ewig entrissen und eine große Gemeinde steht trauernd an seiner Bahre. In stiller, unauffälliger Weife hat Hofrat Oser als Lehrer, Forscher und Organisator ein großes Lebenswerk geschaffen und ebenso still und geräuschlos ist er von hinneu gegangen. Den weiten Kreisen kam sein Tod ganz unvermutet und nur die ihm näher standen wußten, daß schon seit einigen Jahren ein schlveres Herzleiden den im Dienste der Wissenschaft und der Menschheit unermüdlich tätigen Forscherbedrohte und schließlich auch sein allzufrühes Ende herbeiführte. Was Hofrat Oser für die Wissenschaft bedeutete und für die zahlreichen Institutionen, die er geschaffen und gefördert hat, das wurde im Vorjahre in erschöpfender Weise geschildert und sein Wirken ist so allgemein bekannt und populär, daß eine Wiederholung vollkommen überflüssig erscheint. Ueberall wird sein Hingang tief und schmerzlich empfunden und fein Verlust ist unersetzlich. Besonderes unersetzlich im Spital der Wiener israelitischen Kultnsgemeinde, das sich unter seiner langjährigen, ausgezeichneten Leitung zu einer Mnsteranstalt ansgestaltete und eine vielgesuchte Stätte wurde, die Tausenden und Abertausenden durch die Segnungen der Wissenschaft und durch die ärztliche Kunst des Leiters und seiner Mitarbeiter Gesundung und Heilung brachte. Dem Rotschildspital, wie es gewöhnlich genannt wird, galt seine besondere Fürsorge. Unter seiner zielbewußten Leitung wurde das Institut, das anfangs einen sehr kleinen Wirkungskreis hatte, ausgestaltet und auf seine heutige Höhe gebracht. Die chirurgische Abteilung und das Röntgeninstitut, die für ein modernes Krankenhaus unumgänglich notwendig sind, hat Oser mit Einsetzung feines persönlichen Einflusses zur Entstehung gebracht. Die großen finanziellen Mittel, die hiefür erforderlich waren, wurden dank den eifrigen Bemühungen des Gelehrten, der keine Mühe und kein persönliches Opfer scheute, in verhältnismäßig kurzer Zeit aufgebracht. Vor etwa drei Jahren wurde das Spital auf Anregung Osers mit einem großen chemischen Laboratorium ausgestattet, das glänzend eingerichtet ist. Unermüdlich war er im Interesse der Kranken tätig und mit großer Genugtuung erfüllte es ihn, wenn eine neue Einrichtung zur Linderung der vielen Heilungsuchenden getroffen war. Nicht genug kann man den meuschensreundlichen Verkehr Osers mit seinen Spitalpatienten rühmen. Stundenlang durchwanderte er Zimmer um Zimmer, hörte jeden Wunsch an und richtete tröstende Worte an die Kranken. Dann erwog er genau, welches Medikament diesem oder jenem Patienten zu veabreichen sei und ob es dem Kranken nicht irgendwie von Nachteil sein werde. Jeder Wunsch eines Kranken wurde berücksichtigt, jedwede Erleichterung gewährt, sofern es in Bereiche der Möglichkeit lag. Wurde ein Patient ans dem Spiral entlassen, so erhielt er eine Unterstützung arr Bargeld oder eine Empfehlung an eine wohltätige Persönlichkeit, die immer von Erfolg begleitet war. So wurde er bald als großer Wohltäter der Leidenden gefeiert, zumal er auch ans eigenen Mitteln nnzähligen Verlassenen Hilfe angedeihen ließ. Freilich wurde seine oft nur allzu große Güte und Nachsicht wiederholt auch mißbraucht. Hofrat Oser war in seiner Eigenschaft als Leiter des Rothschildspitals von einer nie erlahmenden Arbeitskraft und peinlichen Gewissenhaftigkeit. In den letzten Jahren, da seine körperlichen Kräfte infolge seines Alters und des anfgelretenen Leidens abznnehmen begannen, besuchte er trotzdem mit der gewohnten Pünktlichkeit seine Kranken, sprach mit ihnen in väterlicher Weise und überwachte nach wie vor die Ausführung der getroffenen Anordnungen. Am Tage vor seiner Abfahrt nach Vöslau erschien er noch im Spital und bat die anwesenden Aerzte, auf die Patienten zu sehen und es nicht an Sorgfalt fehlen zu lassen. In der Kuranstalt, in der er weilte, empfing er oft den Besuch der Aerzte des Rothschildspitals. Seine erste Frage galt dem Krankenhanse. Er erkundigte sich genau nach dem Gesundheitszustände der Kranken, fragte welche Behandlung man diesem oder jenem Patienceti angedeihen lasse. Beim Abschied vergaß er nie, neuerlich feine Wünsche in bezug auf die Leidenden zu wiederholen. Das Verhältnis zwischen Hofrat Oser und den ihm so nahestehenden Kranken war naturgemäß das herzlichste. Diese hingen an ihrem Primarius wie an einem Vater, und Oser behandelte sie wie Kinder und gute Frennde. Die Trauer um den Heimgegangenen ist eine allgemeine und aufrichtige und sein Andenken wird von Tausenden und Abertausenden gesegnet werden. Er ruhe in Frieden! Das Leichenbegängnis fand Mittwoch, den 24. d. M. %11 Uhr vormittags unter überaus großer Beteiligung der Vertreter der Behörden, der Kultnsgememde, der medizinischen Kreise und zahlreicher Frennde vom Tranerhaitse I., Neulorgasse 20 nach dem Zentralfriedhofe statt. Nach stimmungsvollem Vortrag des „Hazur tomim“ durch Ob er kan ton Don Fuchs entwarf Oberrabbiner Dr. Gü bemann ein lichtvolles Bild des Heimgegangenen als Arzt ilnd Mensch uub hierauf hielt der Präsident der Kultnsgemeinde Dr. Alfred Ster u folgenden Nachruf: In meinen Händen ist ein kleines Blättchen. Eine Danksagung für ein Beglückwünschungstelegramm, lvelches ich dem Dahingeschiedenen vor Jahresfrist zu seinem 70. Geburtstage gesendet hatte. Und aus diesem Blättchen spricht so viel Liebe und Güte, herzinnige Freundlichkeit und Wohlwollen, wie sie eben dem Verblichenen eigen waren und wie er sie immer am Krankenbette betätigte. Zeuge dessen war ich am Krankenbette meiner Angehörigen, vor wenigen Jahren an meinem Krankenbette uub es ist mir eine unabweisbare Herzenspflicht veriönlich ein Wort des innigsten Dankes dem Dahingeschiedenen an seiner Bahre zu sprechen. Und nun zur Gemeinde. Was er für dieselbe war, das bezeugte die Festversammlung, welche ihm vor kaum Jahresfrist