Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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int Kremsierer Reichstage Sitz und Stimme hatte, zu Grabe getragen. In der Zeremouieuhalle würdigte Oberrabbiner Dr, G ü d e m a n n die Tugenden und Vorzüge des für sein Volk, insbesondere für seine engeren Landsleute, sowie für den genannten Bethausverein bis ins hohe Alter eifrig tätigen Mannes. Die kantorale Funktion versah in ergreifender Weise Herr Oberkantor Schor r. Der Tempelvorstand des Bethausvereines war fast vollzählig erschienen. — Er ruhe in Frieden! ' Wien. Im Alter von 93 Jahren wurde Mittwoch, den 17. d. M. Frau Fanni Ster », geb. Straßer aus Raab, beerdigt. — Rabbiner Dr. Max Bach hielt der edlen Verblichenen einen warmen Nachruf, in welchem er ihre Opferwilligkeit und Tüchtigkeit als Gefährtin ihres ihr im Tode vorangegangenen Gatten und als treue, liebevolle Mutter ihrer würdigen Söhne und Töchter rühmend hervorhob. Oberkantor Don F u cb s mit dem Tempelchor trug wesentlich bei zur Hebung und Weihe deö Traueraktes. Ihr Andenken sei gesegnet! Boskowitz. In imposanter Weise konnte die hiesige Studentenschaft ihre heurige Tischobeabfeier begehen. Am Samstag abends und Sonntag früh war sie fast vollzählig zum Gottesdienste im Tempel erschienen und stimmte daselbst die ergreifenden Tranergesänge: „Eli Ziaun“, „Theracliem Ziaun“ und „Belel se jif hojun“ an. die einige Tage vorher dank der Bemühungen des Herrn Oberkantors R a b i n ow i c z wohl einstudiert worden waren. Daran schloß sich am nachmittag ein großer Tischobeab-Konvent der Ferialverbindung „Laetitia" und des jüdischen Mädchenbundes „Judith". Die Herren Philipp Munk und K l i n g st e i n hielten längere Rede», in denen sie auf die große und vielseitige Bedeutung des 9. Ab hinwiesen. Unter Absingung der „Hoffnung" und des „Laetitienliedes" fand die Feier ihren Abschluß. Boskowitz. (Tschechische Gewaltakte gegen die jüdische Bevölkerung.) Seit einigen Tagen herrschen hier skandalöse Zustände. Der tschechische Pöbel nimmt sich unter der Leitung eine» hiesigen Gymnasiasten stehend die ärgsten Roheiten gegen die jüdische Bevölkerung heraus. Beispielsweise überfielen kürzlich zirka 40 Schlofferbnrschen vier jüdische Studenten, die ruhig im Walde promenierten, verprügelten sie und nahmen ihnen die Hüte weg. Ein anderesmal griffen sie wieder den Laetiten Siegfried Spitz tätlich au, und als er Polizei zu Hilfe hole» wollte, sperrten ihn die rohen Leute einfach in der Wachstube ab. Den Gipfel der Frechheit erreichten jedoch die gestrigen Geschehniffe. Die Damen R o t t e r und T o s i s wurden auf offener Straße mit einem Strome schwarzer Tinte übergoffen. so daß ihre Toiletten dadurch völlig unbrauchbar wurden. In der Jndenstadt wurde ein älterer Herr, der Hausbesitzer Karl Friedman n, von zwei böhmischen Radaubrüdern arg zugerichtet, als er eine von diesen provozierten Damen in Schutz nehmen wollte. Bei alldem ist es nur staunenswert, mit welcher Gemütsruhe diesen unerhörten Ereignissen die Polizei gegenübersteht, die den Pöbel ganz ruhig gewähren läßt und nur auf energische Aufforderung jüdischerseits einschreitet. Reicheuhall. Auf Anregung einiger jüdischer Kurgäste hat sich Herr Oberkantor T k a t s aus Budapest bereit erklärt, zugunsten der hiesigen armen Kurgäste ein Konzert zu veranstalten, das am 4. d. M. stattfand. Der große Bermannfche Saal war derart überfüllt, daß viele Gäste keinen Einlaß mehr finden konnten. Oberkantor T k a t s. der von Herrn Schnhkraft aus Wien am Klavier begleitet wurde, entzückte mit seiner herrlichen Heldenteuorstimme die Zubörer und führte dem wohltättgen Zwecke einen namhaften Betrag zu. Nach den Vorträgen wurde der Künstler durch viele Blumenfpenden ausgezeichnet. Czernowitz. Dank den Bemühungen des Abg. Dr. S t r a u ch e r ist es gelungen, dem schon lange gehegten Wunsch, die jüdischen Jntereffen im Landesschulrate durch einen jüdischen Adlatus vertreten zu sehen, in die Tat umzusctzen. Der Supplent am gr.-or. Gymnasium in Suczawa, Heinrich Teller, wurde dem Bukowinaer Landesschulrate als jüdischer Adlatus zugewiesen und bereits zur Dienstleistung einberufen. Szenicz. Die feierliche Enthüllung des Grabdenkmales für unsere unvergeßliche Rabbinerin M a r m o r st e i n findet am 24. d. M. statt. Budapest. Die Angelegenheit des jüdischen Obergymnasiums ist schon so weit vorgeschritten, daß sie auch schon das Oeffentlichkeitsrecht vom ungarischen Kultus- und Unterrichtsministerium erhielt und soll mit 1. September 1911 seiner Bestimmung übergeben werden. Zur Erhaltung des jüdischen Gymnasiums dienen folgende, durch die Pester israelitische Kultusgemeinde verwaltete Legate: Ritter Anton Freystädter de Kövesgyüri (weiland) deponierte im Jahre 1892 in der ungarischen Staatskasse eine Million Gulden mit der Bedingung, daß das Kapital erst nach 10 Jahren fernen Erben ausgefolgt werde. Bon den Zinsen aber soll ein vollständiges Obergymnasium errichtet werden. Diese Summe beträgt 1,400.000 Kronen. Das Alexander Wahrmannsche Mittelschullegar hat ein Grundkapital von 600.000 Kronen, das samt Zinsen 824.000 Kronen ausmacht. Das Salomon Taubsche Bermächttris für ein jüdisches Obergymnasium beträgt 163.400 Kronen. Insgesamt verfügt die Pester israelitische Kultusgemeinde über 2,310.400 Kronen für die Zwecke des jüdischen Obergymnasiums, das den Titel „Ritter Anton Freystädter de Kövesgyüri israelitisches Obrgymnasium" führen wird. . Frankfurt a. M. Das Gemälde von Stanislaus de Fabijanski „Pogrom iuKiew", das bekanntlich auf Anordnung des bayrischen Ministeriums, das sich russischen Wünschen gefügig zeigte, aus der Glaspalastausstellung in München entfernt wurde, ist seit einiger Zeit in Frankfurt, im. Kunstsalon Baum, Neue Mamzer Straße 25. ausgestellt. Nun hat es auch das Mißachten der Frankfurter Polizei erregt. Der Polizeipräsident hat durch einen besonderen Abgesandten den Inhaber des Salons ersucht, das Bild mit Rücksicht auf den bevorstehenden Zarenbesuch in Friedberg zu entfernen. Der Besitzer hat dieses „vorläufige" Ersuchen.höflich, aber entschieden, abgelehnt. „Vorläufig" 'kann älsö däs Gemälde/ - das -die ' Schrecken- '5ef Judenverfolgung in Kieiu am> l8.?Oktober Ü905:v in rrschüttÄndöp Dari stellung bringt, noch befichtigtiwerdejU'.Bei dteser^zPelegetzhMsti Witgehefitj, daß die Meldung einiger,P^tt^r^ .' da's^Blli) sei./nach'.AWrikaverkämt worden, nicht zutrifft. ^'%- London. KönigGevtg " hat^'das Hrbtektööät das Äondöntr jüdische Spital und Waisenhaus angenommen. Das linier einer Verwalt tung stehende jüdische Spital und Waisenhaus gehört zu den ältesten jüdischen Wohlfahrtsanstalten Londons. König Georg ist mit der Uebernahme des Protektorats . fpiitem verstorbenen Vater König Eduard VII. und seiner Großmutter Königin Viktoria gefolgt, die gleichfalls Protektoren des jüdischen Kränken- und Waisenhauses waren. Bradford. (E i »jüdischer L o r d m a y o r.) Stadtverordneter und Friedensrichter Jakob Moser in Bradford, bekanntlich Mitglied des A. K., hat der Einladung des Gemeinderates der Stadt Bradford, das Amt eines Lordmayors dieser Stadt für die Amtsperiode 1910/11 zu übernehmen, Folge geleistet. Die Einladung ging von der liberalen und konservativen Partei des Stadtverordnetenkollegiums aus und wurde Herrn Mose r durch eine Abordnung unter der Führung des gegenwärtigen Lordmayors übermittelt. Odessa. Die jüdischen Ackerbaukolonien in der Gegend von Jekatcrinoslaw wurden von einem verheerenden Gewitter heimgesucht und fast vollständig vernichtet. Ein schrecklicher Hagel ging über die Felder nieder und verursachte ungeheuren Schaden. Die jüdischen Kolonisten, die selbst in guten Erutejahren unter Mangel an genügendem Boden leiden, befinden sich jetzt in der trostlosesten Lage, so, daß die Auswanderung auch aus den jüdischen Kolonien wieder größere Dimensionen annehmen wird. Stockholm. (Der i nt ernationale F r i e d e n s k o ngreßund die Jude n.) Der in Stockholm tagende internationale Friedenskongreß hat sich mit verschiedenen Fragen der internationalen Politik beschäftigt. Eine. Rußland betreffende Resolution, die einstimmige Annahme fand — die russischen Delegierten enthielten sich der Abstimmung — hat folgenden Wortlaut: „In dem Bewußtsein, daß kein Uebereinkommen durch einseitigen Beschluß einer Partei abgeändert werden kann, und daß das Verhältnis zwischen Rußland und Finnland auf rechtliches Uebereinkommen gegründet ist, das Finnland als Nation anerkennt, spricht der Kongreß sein lebhaftes Bedauern ans, daß die Reichsdnma und die Regierung rechtliche Uebereinkommen ohne Zustimmung der finnischen Nation abgeändert haben. Der Kongreß hofft, daß das russische Volk, nachdem es über die eigenen Interessen und die Wünsche der ganzen zivilisierten Welt aufgeklärt worden ist, nicht zögern werde, die rechtlichen Uebereinkommen zwischen dem Kaiserreiche Rußland und dem Großfürstentnm Finnland gemäß den Rechten beider Parteien in beiderseitigem Interesse wieder herzustellen. Für die Juden in Rußland fand der Friedenskongreß kein Wort. Kiteratnr. Neue Klavierschule von Alf. R o s e, Musiklehrer am Kamorenseminar zu Hannover. Es geschieht selten, daß eine neu erschienene Gesangs- oder Klavierschule unser Jntereffe irgendwie zu wecken versteht, fast immer ist das „gute" in solchen Schulen nicht „neu", das „neue" aber nicht „gut"; schon das Vorwort der uns vorliegenden Klavierschule des Musikdirektors Rose in Hannover, dokumentiert uns an vielen Stellen, daß der Autor diesmal seiner Aufgabe doch etwas mehr auf den Grund gegangen ist und nicht den ausgetretenen Weg vielfacher Vorbilder handelt; daß beispielsweise dem selbständigen Notenschreiben hier eine wichtige Rolle beigepflichtet wird, daß dss weiteren den verschiedenartigen Trillern und Verzierungen, den Spe^iäl-Etüden für einzelne Finger ein separates Feld eingeräumt wurde, schließlich auch weniger bekannte, doch tüchtige Meister ihr Plätzchen in diesem Werke finden, zeigt allesamt von großer Erfahrung auf pädagogischem Gebiete, sowie von bedeutsam künstlerischem Ernste für die Sache; da die Progression-hinsichtlich der . Schwierigkeit für die angegebenen Stufen so überaus günstig getroffen ist, io wird diese Schule jedem Lehrer willkommen.sein, welcher bestrebt ist. ein wahrhaft gutes, auf de» inneren geistigen Zusammenhang der alten Meister mit jenen der neueren Zeit begründetes Spiel zu fördern; die ganze Anlage des Werkes zielt darauf hin, nicht gewöhnliche Klavier-Pauker heranzuzüchten, sondern bietet, bei all pietätvoller BerWsichtigung der trockenen Theorie, in Metrik und Aesthetik dasjenige,- was - für die höhere' geistige Ausbildung des Pianisten unerläßlich notwendig erscheint;' von welcher Seite wir diese Schule betrachten, sie 'gibt sich stets' als ein aus Erfahrung und reifem Urteil hervorgegangenes,i-mst.künstlerischer Akkuratesse, verfertigtes Produkt zu erkennen, wertvoll in praktischer Hinsicht, da ' dem Studierenden für jedes Fortschreiten in seiner Ausbildung, das ausgiebigste, künstlerisch vollwertige Material an die Hand gegeben ist. Herr Ros e reflektier! allerdings nicht aus solche.jugendliche Spieler, die eine verkehrte Anleitung oft nur für. die Götzen "moderner Salonmusik inspiriert, vielmehr will er den Geschmack des Äfifaugers schon veredeln, ihn für das Verständnis unserer Meister reifen; fises scheint mir das wertvollste an diesem Buche. Ich erfülle demnach nur eine'Hflicht; wenn ich alle, klavierspielenden und klavierlehrenden KoWen .äM'düs in jeder Hinsicht exzeptionelle Werk aufmerksam mache. / /i :; Sin g e r—Kattywitz.