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Die Wahrheit · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 33. Oesterr.-ungar. Kantoren-Zeirung Seite 9. Dürfen traditionelle, dem alten Tonfystem (Steiger) gemäß strrnggefngte Synagogenmelodien modern Isarmonistert werden? Von kaiserl. Rat Josef Singer, Wien. In den letzten Monaten wurden nns mehrere, nicht uninteressante Synagogeukompositionen mannigfacher Autoren unterbreitet, bei denen das traditionelle Gepräge in wohltuendster Weise vorherrscht. — Wir gestehen es gerne zu, daß die liebewolle Pflege dieser in vergangenen Dezennien so stiefmütterlich behandelten Gesangsart uns herzlichst erfreute, indem wir die erhebende Wahrnehmung machten, daß unsere vor vielen Jahren veröffentlichte Studie „U e b e r die Entwicklung des Synagogengesanges" tatsächlich auf fruchtbaren Boden gefallen und bei den einschlägigen Arbeiten, namentlich eines uns seit vielen Jahren freundschaftlich nahe gerückten Autors, allerdings nur was den cantus firmus betrifft, entschiedene Berücksichtigung gesunden. Wie Stnrmesbransen zog es durch die beteiligten jüdischfantoralen Kreise, als wir vor nunmehr nahezu 25 Jahren den Nachweis veröffentlichten, daß unsere altehrwürbigen Synagogenmelodien beiweitem nicht als Spieleffekt zufälliger Tändelei, sondern vielmehr als Ergebnis eines strenggefügten Systems zu betrachten seien; ja noch mehr — unsere dazumal ausgestellten drei Tonsysteme (Steiger) dünkten den bedeutendsten verehrten Zeitgenossen, wie Josef Goldstein, Wien, Moriz Friedmann, Budapest u. a. noch zu wenig erschöpfend und sie versuchten den Nachweis zu erbringen, daß noch andere Synagogentouarten (Steiger) auznführen wären. — Diese scheinbare Erweiterung des Systems, die durch nns sofort als Gattnngsmischnng der allfgestellten drei Steigerskalen gekennzeichnet wurde, erbrachte jedoch gerade durch die angestrebte Erweiterung den zuverlässigsten Nachweis, daß ein g est a ltend es Prinzip überhaupt innerhalb des traditionellen «synagogengesanges auch von ihnen zngestanden wurde. Durch diesen wissenschaftlich erbrachten Nachweis eines spezifisch-jüdischen Tonsystems, d. h. einer spezifisch-jüdischen T o n s k a l a wurde der traditionelle Synagogengesang überaus bedeutungsvoll in die allgemeine Geschichte der Musik eingeführt und man gab sich der frohen Erwartung hin. daß nunmehr auf dieser, allgemein als richtig anerkannten Grundlage schaffensfrendig weitergearbeitet werden dürste. Doch welch absonderlicher Erscheinung begegnen wir bei den meisten unserer zeitgenössischen Synagogen-Komponisten? Wie bereits oben erwähnt, was die melodische Ausgestaltung ihrer in lobenswert-mannigfaltiger Weise gebotenen Weschomeru Haschkiwenu rc. betrifft, stehen sie — dem bigottesten Inden gleich — auf streng traditionellem Boden; doch in dem Momente, wo eine Mehrstimmigkeit als notwendig erachtet wird, tritt, wie es ja leider auch im Leben, was religiöse Anschauung betrifft, Gepflogenheit ist, im Handumdrehen ein rascher Wechsel ihres musikalischen Glaubensbekenntnisses ein; das will sagen, die geehrten Herren Komponisten schaffen, sicherlich in bester Absicht und augenscheinlich mit Selbstzufriedenheit, eine nach irgend einer Steigerskala strenggefügte Melodie nnd lassen dieselbe ruhigen Blutes, mit einer in modernen Harmonien ausgestatteten Orgel- oder Gesangsbegleitnng verbrämt, ohne jeden Gewissensskrnpel den gefahrdrohenden Weg hinaus auf den offenen Markt des Lebens antreten. Bevor wir dieser, wie bereits erwähnt, einer gewissen Bonhomie entstammenden Handlungsweise gegenüber irgendwie Stellung nehmen, oder gar theoretische Bedenken ins Treffen führen, gestatten wir uns, eine der praktischen Gepflogenheit entlehnte Gegenfrage zu stellen, und zwar die ergebene Frage an die Herren Komponisten, wie sie sich einer etwa ihnen zugemuteten Aufforderung gegenüber verhalten würden, irgend eine bekannte moderne Melodie, zum Beispiel die österreichische Volkshymne oder dergleichen, mit einem der ahawo-raddo-Tonart (Steiger) entnommenen Jntervallengefüge harmonisieren zu sollen? — Wir vermeinen, daß die Beantwortung dieser Frage uns der Arbeit entheben würde, bezüglich der an der Spitze dieses Aufsatzes gestellten Anfrage noch ein Wörtchen verlieren zu müssen. Allein, es ist immerhin nicht ausgeschlossen, daß namentlich unter den geehrten Herren Komponisten der oben angeführten Synagogengesangsgattung sich einzelne der ehrlichen Anschauung einer solchen, dem Jntervallencharakter der Melodie widersprechenden Harmonisierung zuneigten, denen gegenüber fühlen wir nns verpflichtet, nachfolgende Aufklärung geben zu müssen. Ein allgemein bekannter Fnndamentalsatz für Harmonisierung lautet: „Eine Har m o n i e g e st a l t u n g kan u lt urdann al» k ü n st l e r i s ch vollwertig e r a ch t e t w e r d e n, wenn a u ch d i e formelle A u s g e st a l t n n g derselben. d. h. d a s j e n i g e I u t e r v a l l e n v e r h ä l t - n i s, nach welchem der cantus firmus gebildet i st, unbeschränkte Berücksichtigung finde t." „Selbstverständlich!" hören wir allgemein rufen; man kann doch beispielsweise einen cautus firmus, welcher auf der As-dur-Skala ansgebant ist. nicht gewallsam mit einer D-rnoll- Harmonie vergewaltigen!? „Selbstverständlich!" nnd „Bravo!" rufen auch wir, indem wir ergebenst darauf Hinweisen, daß hier in den uns vorliegenden, sonst ganz interessanten Kompositionen, dasselbe Sakrilegium begangen wird, indem man eine offenkundig auf der jüdischen Skala 0. F, Gis, A, H, C, D, E aufgebanten Melodie ohne jegliche Notwendigkeit mit einer einer fremden Jntervallen-Skalen-Sphäre entnommenen Harmonie versieht, indem man abermals gewaltsam schon im dritten Takte das leitereigene I) auf Dis nnd in weiterer Folge das F nach Fis zu erhöhen sich bemüssigt findet. — Einer der verehrten Autoren zeigt ja in dem vorausgegangenen vierstimmigen Likras schabdos-Fragmentchen für sefirah, wie bei den ersten vier Takten des Männerqnartettsatzes von Boi wescholom des erwähnten Lecho dodi, daß er ganz prächtig versteht, die oben angeführte Sleigerskalenreinheit auch in der Mehrstimmigkeit aufrecht zu erhalten, ohne zu Erhöhungs- und Verminderungszeichen seine Zuflucht nehmen zu müssen nnd hiedurch eine so unnatürliche mnsikalifche Ausgestaltung zu erwirken, wie sie — man verzeihe uns die für diesen ernsten Aufsatz unpassende Bemerkung — in dem bekannten Jargonwortspiele „Mazzelokseh mit Chaser" so trefflich gekennzeichnet wird. Wir dürften sicherlich als die allerletzten zu erachten sein, die sich dem Machtgebote des errungenen, modern-musikalischen Aufschwunges irgendwie zu entziehen beabsichtigen, allein wir verlangen denselben Respekt vor den musikalischen Errungenschaften unserer Altvordereu, die vor Jahrhunderten mit feinfühligem, zielbewnßtem Streben unsere traditionellen Sleigerskalen in die Welt gesetzt. Besitzen dieselben eine wissenschaftlich musikalische Eignung, nun so tändle man mit ihnen nicht, indem man sie hie und da lediglich als gewissermaßen Prickeln erzeugendes Surrogat zur Gefolgschaft einlädt, fondern spreche ihnen die ihnen gebührende Machtvollkommenheit voll und ganz zu; entbehren sie jedoch der notwendigen, musikalischen Qualitäten, nun, so werfe man sie, altem Eisen gleich, zum Plunder unseres synagogal-gesanglichen Hausrates. Wir. als Schöpfer der wissenschaftlichen Arbeit: „Ueber die Entwicklung des Synagogengesanges," vindizieren uns das Recht, eine solche Aufforderung stellen zu dürfen. Auf die sonstigen Qualitäten der anderen, wie bereits erwähnt uns interessierenden Kompositionen beabsichtigen wir später einmal znrückzukommen. Baden bei Wien. August 1910. Ein nnnr-Vorbeter welcher auch imstande ist mit Chor und Orgel vorzubeten, wird für eine grössere Gemeinde gesucht. Anmeldungen an die Redaktion. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordinatiou von 9—6. Telephon 18399. W:V,

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