Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 33. resp. Mohel ausgeführt wird, was ja auch ganz natürlich ist. Aber da wir ja Gott sei Dank an tüchtigen Aerzten keinen Mangel haben, so begehen jene Eltern, die die Beschneidung nicht vornehmen lassen, nicht nur eine unverzeihliche Sünd.e gegen Gott, der sie geboten, sondern auch ein u u s ü h n b a r e s Verbrechen gegen ihr geliebtes Kind, das sie in ihrer Affenliebe den zahlreichen, furchtbaren Gefahren preisgeben. denen die Unbeschnitlenen nach dem sicheren Zeugnis der Wissenschaft ausgesetzt sind! Die Judenpogrome in Rußland. (Fortsetzung.) Auch die Zurückgebliebenen beschäftigte in intensivster Weise die Auswandernugssrage. Eine mystisch-religiöse Bewegung begünstigte das Erwachen der Solidarität. „Wohin?" lautete für alle die Frage, um die sich heftige Diskussionen entspannen. Der Jgnatiewsche Vorschlag einer Besiedelung Trauskaspiens, wo die Juden gütig als Puffer gegen Englands Interessen dienen sollten, wurde abgelehnt. Auch Spanien, das sich zum eigenen Schaden vor vier Jahrhunderten so grausam seiner Juden entledigt hatte, wurde von unhistorischen Ratgebern in Betracht gezogen. Schließlich bildeten sich zwei Läger: Hie Amerika, hie Palästina. Die Tatsachen gaben denen Recht, welche die Neue Welt als Wandernngsziel empfahlen, dennoch dauert der Kampf um das Ideal der Kolonisierung Palästinas seither in unverminderter Stärke fort. Namhafte russisch-jüdische Schriftsteller traten damals in. die Reihen der Palästinophilen: Lilienblum, Gordon. Rosenfeld, Ben Jehuda, P i n sk e r, vor allem aber Sm o! e u sky. der eine unermüdliche Arbeit in Wort und Schrift begann. Auch zwei englische Christen griffen selbständig den Gedanken, dem Volk der Bibel seine Heimat wiederzugeben auf, wendeten viel Energie daran, blieben aber aus Gründen, die hier darzulegen zit weit führen würden, aus halbem Wege stecken. Man geht durchaus fehl, ihren Absichten politische Hintergedanken zu supponieren, vielmehr ist ihr Vorhaben sowie die Sympathien anderer englischer Judenfreunde für die Palästinaidee rein psychologisch zu erklären. Die Stimmen der Palästinaschwärmer fanden sofort ein Echo. Eine Anzahl begeisterter Studenten, die sogenannten Biluisten. entsagten bereitwillig ihrer Karriere und begaben sich in das Land ihrer Vorfahren, wo sie unter den größten Entbehrungen den Grund zur Kolonisation legten. Andere folgten dem Beispiele und fanden in Baron Ed m o n d de Rothschild einen warmen Freund, bis diese Richtung ihren stärksten Willenansdruck in dem später auch nichtrussische Juden ergreifenden politischen Zionismus fand. „In diesem Sinne", beendet A. Linden das Kapitel, „im Sinne dynamischer Kraft bedeutet der Beginn der achtziger Jahre eine Wendung im Leben der russischen Juden". Im nächsten Abschnitt werden unter dem Titel „Der permanente Pogrom gegen die russischen Juden" die als bekannt zu bezeichnenden Rechtsbeschränkungen in der Zeit von 1882 bis 1903 behandelt, welche die Regierung als Vorbeugungsmaßregeln gegen Pogrome hinstellen zu können glaubte. Sie gipfelten in dem bekannten Ausspruch Pobjedonoszews, des Vorsitzenden der heiligen Synode, daß ein Drittel der Juden in der anderen Landesbevölkerung restlos ausgehen, ein Drittel auswandern, ein Drittel aussterben müsse. Wenn sich auch diese als Prophezeiung gedachten Worte, in denen nach der Meinung Pobjedonoszews niemand eine Uebertreibung sehen könne, nicht ganz erfüllt haben, so wurde doch soviel erreicht, daß mau den Lebenskreis der jüdischen Bevölkerung systematisch Ring um Ring enger zog, um sie, auf ein geographisches, berufliches und soziales Zentrum zusammengedrängt, im Pauperismus ersticken zu lassen. Auch in Polen ist die Judenuot unbeschreiblich groß, der Effekt der antisemitischen Verfolgungen von dem Rußlands nicht verschieden. Und doch liegen hier die Verhältnisse wesentlich anders. Auch Polen hat seine Pogrome in den achtziger und und jüngst verflossenen Jahren gehabt. Alles in allem nur sieben. Sie sind nicht durchwegs den Polen in die Schuhe zu schieben. So z. B. wurde der letzte große von Sjedletz einzig und allein von Soldaten ausgeführt. Um sich zu Brutalitäten, wie sie in Rußland üblich sind, hinreißen zu lassen, ist das Volk denn doch zu zivilisiert. Mit Pathos lehnte jedesmal die polnische Gesellschaft die. Möglichkeit lebenbedrohender Barbareien in ihrem Gebiet ab, schon deshalb, um nicht znm Werkzeug der ihr feindlichen russischen Regierung herabzusinken und sich nicht einen inneren Feind zu schaffen, aber sie ist stets bereit, den Juden mit dem Pogromgespenst zu drohen und sie damit zit schrecken. Darin tun sich ganz besonders die Nationaldemokralen hervor, zu deren Anhang das in ökonomischer Konkurrenz zu den Juden stehende Kleinbürgertum gehört. Diese Gruppe zeigte ihr wahres Gesicht stets bei den Dumawahlen, indem sie vor keinem Terror zurückschreckte, um die Wahl von jüdischen Deputierten zu hintertreiben. Daß aber mit dem Antisemitismus auch alle anderen Schichten des polnischen Volkes durchseucht sind, zeigt das Wort S w e n t o ch o w s k i s, des geistigen Führers der positivistischen Bewegung; „Das polnische Volk haßt die Inden ans religiösen und Rassegefühlen." So kommt der Verfasser des Abschnittes „Die Pogrome in Polen", I. G r ü n b a u m, nach Abwägung aller Umstände zu dem Schluffe: „Völlige Assimilation oder Verdrängung durch ökonomischen Kampf, Boykott und Pogrome (was vorläufig nicht wünschenswert ist. aber eintreten kann, falls die Juden sich nich t aufraffen) — das ist die Quintessenz ihrer . (der Polen) Ansfassung der Judensrage in Polen." (Fortsetzung folgt.) Das Leben »nd Wieben dee Inden in Oesterreich in vormiirsiichen Zeiten. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Da jedoch die Juden ihre Synagoge, sowohl als ihre sämtlichen rituellen und kulturellen Anstalten selber erhalten mußten, so wurde auch in den Synagogen der österreichischen Länder, der Brauch, am Sabbath und an sonstigen Feiertagen den Vortritt zur Thora im Wege der Auktion, zu erteilen schon vor Jahrhunderten eingeführt, denn das hiedurch, wie durch die üblichen „Mischeberachs“ erzielte Einkommen hat zur Erhaltung der erwähnten Institutionen wesentlich beigetragen. Aus eine andere Weise wäre es sehr schwer möglich gewesen, die durch besondere Juden steuern belästigten Inden Oesterreichs zur Förderung der religiösen Anstalten und Humanitären Jnstimtionen und Vereine veranlassen zu können. Wer, sagt der Midrasch sehr treffend, sich durch eine Dornenhecke durcharbeitet, bleibt, während er an der einen Seite sich losmacht, mit den Kleidern an der anderen Seite hängen, gerade wie es Einem in Edoms Reich ergeht. Man hat kaum die Grundsteuer gezahlt, wird das Kopfgeld eingefordert, und während dies eingetrieben wird, ist schon der Tributexekutor da. (Gr. Pesikta Nr. 10 und synagogische Poesie des Mittelalters. S. 9). vm. Die Wohltätigkeitsan st alten. Die schönste, herrlichste und duftverbreitendste Blume im Kranze der Tugenden, die Israel schmücken, ist unstreitig die Wohltätigkeit, die Humanität. Das Judentum ist eine Religion der tätigen Liebe „lorat chesed“, seine letzten Ziele können nur durch Wohltätigkeit, durch wahre echte Menschenliebe erreicht werden, daher wird so oft, sowohl in der Bibel als in der' talmudischen Literatur dem Bekenner des Judentums eingeschärft, daß die Mildtätigkeit zu den vorzüglichsten Eigenschaften gehört, die der Mensch sich aneignen soll, wenn er überhaupt sich seiner hohen Aufgabe als Sohn Israels, als edler humandenkender Menschenfreund auf die würdigste Weise entledigen