Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 33. Die Wahrheit aber sich auch vor heuchlerischen Seelen hüten, die ihre Lockrufe ertönen lassen, wenn sie unser bedürfen, dies soll Israels Devise sein in der finsteren Zeit, die uns umgibt. Ich glaube immer, die Kunschaks und Bieloblaweks sind nicht so arg, wenn wir sie vergleichen mit den Renegaten in unserer Mitte, die jeden Anlaß, wie bei den Haaren herbeizerren, um ihr Mütchen an dem vielgehaßten Judentum zu kühlen und mit den Leuten, den naseweisen, grünen Jünglingen, die von Ausdrücken, wie Freiheit ilnd Menschlichkeit triefen, und voll von Vorurteilen sind, weit» Juden und Judentum in Betracht kommen. Hüten wir uns vor diesen Menschheitsbeglückern. Fern sei von uns jeder Chauvinismus, er wäre nicht im Sinne unserer Propheten, die uns lehren, unsere nationalen Güter hochzuschätzen, aber ebenso ferne wollen wir von uns den falschen Kosmopolitismus halten, der uns an unser Judentum vergessen läßt. Seine Ethik hat niemand so rein gelehrt, wie unser Jesaias, der Tröstende. Jede Aeußerlichkeit, jede Werkheiligkeit weist er weit von sich. „Das ist nicht ein Fasten, welches ich erwähle, wenn man beugt, einem Schilfstengel gleich sein Haupt, in Sack und Asche sich bettet." „Das ist . vielmehr ein Fasten, welches ich erwähle: Oeffnen die Knäuel der Bosheit, Lösen die Knoten des Joches, Senden die Bedrückten in die Freiheit, und wenn ihr jegliches Joch brechet." Was bedürfen wir einer neuen Moral, eines neuen Zeugnisses, wenn das alte so herrlich schön, so eindrucksvoll zu uns spricht. Wir glichen denjenigen, welche mit einem glitzernden Schmucke sich bekleiden und den alten, wertvollen, kostbaren, der vielleicht eine weniger gefällige Form aufweist, verachten. Wenn also die sieben Trosteswochen beginnen, die uns bis zu unseren heiligsteu Tagen geleiten, laßt uns mit Andacht das Wort des Trostes-Propheten lesen. Kein Dichter und Denker, kein Prophet und Religionsstifter hat ihn erreicht in der Höhe und Tiefe des Geistes, in der Kraft und Gewalt der Rede, in oer umfassenden, die ganze Menschheit beglückenden Liebe, in der Erhabenheit seiner allgemein menschlichen Sittlichkeit. Unser Stolz ist es, einen solchen Heilsverkündiger der Menschheit gegeben zu haben. Unser Trost aber ist es, daß sein Wort nie untergehen wird. Völker, Geschlechter, Staatswesen werden vergehen, bestehen aber wird das Wort unseres Jesaias, der uns die Großartigkeit der Natur und Geschichte erschließt und uns die ewige Macht zeigt, die sie regiert. Es rauscht in den Bäumen, es murmelt der Bach, der Duft des Waldes umgibt mich, ich erhebe mein Auge zu ben Bergen, deren Gipfel im rosigen Lichte erglänzen, während zu ihren Füßen die Schatten des Abends sich ausbreiten. Und oben am Himmel leuchten die Steine aus. Nochmals lese ich in dem Buche unseres Propheten: „Sehet, wer ist es, der sie alle erschaffen? Vor dem Uebermächtigen und Ueberkräftigen wird Niemand vermißt." Wir alle sind Teile des Alls, wir alle sind Kinder eines Vaters. Das ist und bleibt unser T r o st. Dr. M. Grünfeld. Rüsten! Bon I. Mendel. II. Sprach mau mit einer gewissen Sorte von Leuten, so konnte mair zum Lobe Luegers und auch Weißkirchners hören: sie sind gar keine Antisemiten, ihr Judenhaß ist nur politisch zu werten. Und flugs hatte man ein Histörchen: Da war ein Herr M. — natürlich mußte er ein Oftjude sein — er hatte ein Anliegen, lief sich seine Füße wund, jedoch vergebens. Endlich Audienz bei Lueger. Alle Wünsche selbstverständlich erfüllt — und obendrauf noch einen Zettel an die Kultusgemeinde. -So bildete sich — diese Schmach muß offen konstatiert werden — auch unter Juden ein Lueger-Kultus. Und die antisemitischen Organe aller Länder wiesen höhnend auf das für seinen erbittertsten Feind begeisterte „Israel." Selbst die hiesige sogenannte Judenpresse beugte sich beschämend, feig und erbärmlich. Die Presse zumindest hätte doch nicht vergessen sollen, daß Lueger persönlich es war, der nach Kischinew den Juden mit Pogromen drohte. Die Heldentat des Handelsministers gegen die Wien und das ganze arische Volk knechtenden Hausierer war also nur die direkte „Nachfolge" seines Herrn und Meisters und bildete, wie wir schon erwähnten, keinen Abschluß, sondern den Anfang. —- Man kann darüber streiten, wer tiefer steht. Ob derjenige, der eine gewisse Menschengruppe ehrlich und intensiv haßt, oder der diesen Haß zu seinen persönlichen politischen Vorteilen ausnützt? Eine Entscheidung zu treffen, fällt hier sehr schwer; denn der ehrliche Haß ist in Wahrheit ganz gewöhnliche tierische Bestialität. Der Wolf haßt das Lamm auch naiv und ehrlich. Und die gleichgiltige Aufopferung fremder Existenzen, um für sich politische, soziale oder persönliche Vorteile zu ergattern, ist wiederum Bestialität. Dies im allgemeinen, objektiv ethischen Sinne. Subjektiv ist es dem Schaf gleich, ob es der Wolf auffrißt, weil er Hunger hat, oder weil er nach Blut lechzt, oder weil er — das fremdartige haßt. Uns kann es gleich sein, ob Schönerer uns ehrlich haßt, und Weißkirchner — politisch gefressen werden wir auf alle Fälle. Es ist unbedingt nötig, sich über diesen Punkt klar zu werden, wenn man nicht auf Abwege geraten will und wenn wir nicht die Lnsl verspüren, von den Tatsachen aus unserem Schlafe sehr unangenehm aufgerüttelt zlt werden. Man glaube nicht, daß die Krisis der Christlichsozialen im Abflauen begriffen ist, weil die Liberalen wieder in die Sommerfrischen schlafen gingen. Der Zersetznngsprozeß schreitet unaufhaltsam fort. Die atttisemitische Bestie ist angeschossen und daher am wildesten und gefährlichsten. Man vergegenwärtige sich, aus welchen heterogenen Elementen die antisemitische Partei zusammengeschweitzt wurde: Deutsche, Tschechen, Polen. Italiener, Wodanaubeter. Erzklerikale, Protestanten — man kann ruhig behaupten, daß die hiesigen Protestanten relativ noch mehr jndenfeindlich sind, als die Katholiken — Feudale, Beamte aller Kategorien, bis hinauf zu den Sektionschefs und bis hinunter zum Diurnisten, Hausbesitzer. Gewerbetreibende, unorganisierte Proletarier, rote Demagogen und pechschwarze Konservative, Fabrikanten und deren Arbeiter. Sachlich stehen und standen diese Elemente zu einander im schroffsten Gegensatz. Haben Prinz Liechtenstein und Herr Nawratil, Schneidermeister, wirklich dieselben Interessen? Sicher nicht! So gescheit ist auch ein Flickschneider ans Dobrisch. Ebenso wenig Interessengemeinschaft besteht zwischen dem christlichen Bäckerjungen und dem Herrn Sektionschef. Positiv haben die einander nichts zu sagen, aber negativ genügte das Wort „Jnd", um alle kulturellen, nationalen, sozialen Unterschiede verschwinden zu lassen und sie zu einer unüberwindlichen Phalanx zu formieren. Eine negative-Ideologie, von Ehrgeizlingen und Klassenverrätern ausgebeutet, brachte dieses erstaunliche Wunder zustande. Die Seschneidmrg vom hygienischen Standpunkt. Von Dr. Kahan, Znaim. Dem religiösen Juden braucht man die Beschneidung nicht anzupreisen. Für ihn ist sie ein Gebot Gottes, das beobachtet werden m u ß und von ihm auch mit Freuden beobachtet w i r d. Ja, für den religiösen Juden ist die Beschneidung nicht bloß ein Gebot unter vielen anderen Geboten, sondern ein Gebot, das alle anderen Gebote aufwiegt (Nedarim 32 b). Es ist das Zeichen des Bundes Gottes mit Abraham und seinen Kindern, es ist die Grundbedingung für die Existenz der siidischen Gemeinschaft, weswegen auch ein Antiochus Epiphanes ans die Beschneidung die Todesstrafe setzte, und seine Nachfolger unter den römischen Kaisern haben es ihm nachgemacht. Sie wußten wohl, daß mit der Beseitigung der Beschneidnng bald anch das ganze Judentum aufhören würde zu existieren. Der moderne Jude aber wird von religiösen Skrupeln wenig geplagt. Er ist nur Jude, so weit und so lange es die Verhältnisse erlauben und die Bequemlichkeit gestattet. — Sein geliebtes Kind beschneiden lassen, wie es Gott geboten? Gott bewahre! Es tut ja weh! Weg mit dieser Grausamkeit! —