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Die Wahrheit · 1910-08-19 · Heft 33 (19.8.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Im Walde sitzend, umweht von seinen süßen Düften und lauen Lüften, während ein Bächlein sein leises Murmeln melodisch an mein Ohr gelangen läßt, in der freien, herrlichen Natur, welche uns mit den reinsten, menschlichen Gefühlen erfüllt, das Herz erfreut, den Geist erfrischt, das Auge erleuchtet, lese ich in meiner geliebten Bibel das Wort unserer Propheten. Nirgends ist ein so richtiger und würdiger Platz geschaffen für diese Lektüre. Ich denke immer, daß diese gewaltigen Männer im Anblicke von Himmel und Erde, die sie als Zeugen ihres Wortes anriefen, zu ihren erschütternden und ergreifenden, aber auch tröstenden und erhebenden Reden begeistert wurden. Wenn sie den Himmel erblickten mit seinen leuchtenden Gestirnen, dann wieder zur ewig schaffenden Erde niederschauten, ihr Auge weit hinausschweifen ließen über das Meer, das belebt wurde durch zahlreiche Segel, dann erkannten sie die Kleinheit der Menschen, aber auch ihre Größe, die sich alle Geschöpfe zu Dienern gemacht. Und sie erkannten auch die Vergänglichkeit von menschlicher Macht und Größe, die es wagte, die Schwachen und Kleinen zu unterdrücken. „Alles Fleisch ist Gras und all seine Güte, wie die Blume des Feldes. Es trocknet das Gras, es welket die Blume, wenn der Hauch des Herrn sie angeweht, wahrlich Gras ist das Menschenvolk. Es trocknet das Gras, es welket die Blume, aber das Wort unseres Gottes besteht ewiglich." So verkündet jener Prophet, dessen tröstendes, wunderbares Wort wir an den folgenden Sabbathen lesen werden. Jesaias ist sein Name, und doch, wie verschieden ist seine Persönlichkeit von der des Geistesriesen, dessen Wort wir am Sabbath Chasou hörten. Strafe und Trost, Ermahnung und Erhebung mit diesen Worten wird der Abstand wohl am besten bezeichnet, der sich zwischen dem Palästinenser und dem Babylonier anftut. Aber in einem gleichen sie doch. Nicht in der Kraft und Gewalt der Sprache, nicht in den wunderbaren Bildern der Rede, die wir bei dem Jerusalemer in größerer Fülle finden, während der Babylonier volkstümlicher, verständlicher sprichl. Was sie vereinigt, das ist der hohe Gedanke, die unverbrüchliche Zuversicht, daß Israel nicht untergehen werde, denn unvergänglich ist die Lehre dieses Volkes vom Völkerfrieden und der Menschenvereinigung. Es ist der messiauische Gedanke, der wie der Sonnenstrahl aus dem Gewölke, aus dem Nebel der alten Zeit starren Aberglaubens und sinsteren Fetischdienstes, hervorleuchtet aus den Reden dieser überwältigenden Menschen, welche Heilsverkündiger geworden sind für alle Völker. Der Universalismus des Judentumes, welcher trotz seines nationalen Charakters, gerade aus dem Worte unserer Propheten deutlich und laut spricht, nirgends findet er sich so klar ausgeprägt wie bei Jesaias und besonders dem Babylonier. ..Den Heilsverkündiger, den Evangelisten des alten Testaments", nennt ihn Franz Delitzsch und so hat denn ihn das Christentum für sich ganz gleichsam mit Beschlag belegt. Wir aber wissen, daß sich im neuen Testamente, in den Evangelien wohl kein Satz sinder, der nicht schon in den Reden dieses Verkündigers einer neuen Botschaft enthalten wäre. Hat man doch in einem höchst anerkennenswürdigen Kapitel dieses Propheteubuches einen offenen Hinweis ans den Stifter des Christentumes finden wollen. Ein Freidenkerkongreß tagte jetzt in Berlin. Schade, daß sich nicht auch ein jüdischer „Theologe" fand, der vielleicht das Thema behandelt hätte, wie eine gerade Straße von Jesaias. dem Trostverkündiger, hinüberführt zu der Zeit, da eine neue Religion aus dem Judentum hervorging, die eigentlich nur die Schätze hob, welche im Schachte unseres Volkstums tief verborgen liegen. Wir glauben wohl das Recht zu haben, die Behauptung? aufstellen zu können: Ohne Jesaias dem Jerusalemer und insi besondere ohne den Babylonier, auch kein Christentum. Hier I sind seine Quellen zu suchen und nicht bei den Indern oder j wo sie diejenigen finden wollen, die mit Absicht ein sogenanntes „arisches" Christentum konstruieren möchten.! Aber für uns hat der Deutero-Jesaias. der Prophet des? Trostes, noch eine andere Bedeutung. Was sind die Völker, was! ihre Fürsten gegen den reinen, ethischen Gedanken vor dem I Gotte der Gerechtigkeit und Liebe, den Israels Propheten verj künden. „Siehe, die Völker sind wie der Tropfen am Eimer j und dem Stäubchen der Wagschale gleich gerechnet." Die Fürsten,! die Mächtigen der Erde sind gleich dem Nichts. „Noch sind sie! nicht gepstanzt, noch nicht ausgesät, noch hat nicht Wurzel j -gefaßt in der Erde ihr Stamm und schon hat er sie verweht! und ein Sturm, wie Stoppeln trägt er sie hinweg." Dieser! Babylonier Jesaias sah das mächtigste Reich der damaligen > Zeit Zusammenstürzen. Ueber Nacht ward Belsazars Macht! gefällt. Ein Mächtigerer kam: Kyros, der Gesalbte des Herrn. I Und so ging, es weiter im Verlaufe der Weltgeschichte. Was vermochten sie alle, die Despoten und Tyrannen, Juda anzutun? Es hat sie überlebt. Und darin liegt für uns der Trost. Der Herr, der im Himmel seinen Thron errichtet hat und deffen Fußschemel die Erde ist, er, der Allumfassende, war immer Israels Zuflucht und so vermochte es fortzubestehen, ohne irdischen Schutz, ohne irdischen Schutz, umgeben von Feinden und falschen Freunden. Unsere Zeit sollte uns darüber besonders eindringlich belehren. Vor den Feinden keine Furcht zeigen.

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