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Die Wahrheit · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 32. Rabbiner von Lemberg nnd Rabbiner Dr. Brande aus Lodz befanden. Nachdem die rirnellen Gebete gesprochen wurden, bewegte sich der' iinposanre Zug unter Leitung einer großen Zahl von Ordnern durch die Stadt gegen den Friedhof. In den Straßen, die der Leichenzng passierte, waren alle Geschäfte geschlossen. Vor der Zeremonienhalle des Friedhofs wurde der Sarg hingestelll und hier sprach zuerst der Rabbiner Brande, der den Toten als Verfechter des zionistischen Gedankens feierte. Nach ihm sprach Rabbiner Dr. Löwe n st a in m in polnischer Sprache, der ausführlich die Tätigkeit des Verblichenen im Dienste des jüdischen Volkes beleuchtete. Im gleichen Sinne sprach Rabbiner S ch m e l k e s. Hierauf sprach namens der galizischeu zionistischen Orgauisarion Dr. Schreiber. Hierauf ergriff Dr. Straucher für den jüdischen Klub das Wort zu einer die Persönlichkeit des Heimgegangenen lebensgerren schildernden, mächtig ergreifenden Trauerrede, die auf die Anwesenden einen riefen Eindruck machte. Sodann sprach namens der ukrainischen Nationalpartei der Nachfolger des Dr. Gabel im Mandate Abg. C e g i e l s k i. Redner feiert den Toten als einen Repräsentanten des demokratischen Gedankens und der Zusammengehörigkeil der Ruthenen und Inden im österreichisch-politischen Leben und erklärte schließlich, daß er sich bemühen werde, die jüdischen Wähler seines Wahlkreises ebenso zu vertreten und den verwandten Wahlbezirk im Sinne des Toten zu beschützen. Sodann sprach namens der Wähler Dr. Wechsler ans Bnczacz. Schließlich sprach Dr. Mayer Ebner namens der Bukowiner Zionisten. Zum Schluffe sprach noch der Arbeiterführer Herz in jüdischer Sprache. Szenicz. Die Frauen der hiesigen Knltnsgemeinde errichten aus eigenen Mitteln einen prachtvollen Grabstein für die im Vorjahre Heimgegangene unvergeßliche Gattin unseres ehrwürdigen Herr Rabbiners. Die Enthüllung soll noch im Laufe dieses Monares in überaus weihevoller und feierlicher Weise statlfinden. Kattowitz Herr Oberkantor S. Singer in Kattowitz ist für das neugegründere Konservatorium der Musik in Beuthen (Oberschlesien) zum Profeffor für Gesang, Oper, Klavier, Orgel nnd Theorie, sowie zum Bildner jüdischer Kantoren ernannt worden. Die Aufnahme dieses letzt erwähnten Unterrichtszweiges an einer Anstalt, die nicht aus jüdisch-konfessionellen Mitteln erhalten oder subventioniert wird, ist für die Interessen des Gesamtkantoreittums von großer Bedeutung. Berlin. (Die Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation in England.) Die vor kurzem von der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation in England eingeleitete Bewegung ist nicht nur von der Londoner Jndenheit, sondern auch von der dortigen Tagespresse sympathisch begrüßt worden. Von Bedeutung ist ein anläßlich der Konstituierung der englischen Abteilung der A. I. K. O. in der „T i m e s" erschienener Artikel „The Settlement of Jewish Emigrants in Türke y“, in welchem die von der A. I. K. O. vertretene Idee volle Würdigung findet. „Diese Organisation — schreibt das führende Londoner Blatt — ist gegründet worden, um für die osteuropäischen Juden ein Asyl und ein Ansiedlungsgebiet zu finden. Die großen nordamerikanischen Zentren, in denen die Heimatlosen früher gastliche Aufnahme fanden, werden jetzt durch eine restriktive Gesetzgebung immer mehr verschloffen. Als geeignetstes Territorium wird gegenwärtig der Orient betrachtet. Hier hat die vor mehr als einem Vierteljahrhundert eröffnete jüdische Kolonisation bereits einen vielversprechenden Ausgangspunkt geschaffen. Was England betrifft, wäre es von der größten Tragweite. wenn der Strom der jüdischen Auswanderer von Osteuropa direkt nach dem Orient hingelenkt werden würde." Auch „Daily Chronicle", „Moruiug Post" und andere Tagesblätter beschäftigen sich in wohlwollender Weise mit dem Unternehmen der A. I. K. O. Die Londoner Berichterstatter der englischen Provinzpreffe widmen der Gründung der englischen Abteilung der A. I. K. O. eingehende Besprechungen. So schreibt der Korrespondent der „Liverpool Daily Post": „Wie ich erfahre, hat die Zweigorganisation, welche in unserem Lande gegründet wurde, um die jüdische Kolonisation im Orient zu fördern, einen bemerkenswerten Erfolg zu verzeichnen. Biele der namhaftesten englischen Juden haben ihre Bereitschaft erklärt, sich diesen Bestrebungen anzuschließen. Der Plan wird durch den Umstand empfohlen, daß hervorragende Jungtürken mit ihm übereinstimmen." Eine besondere Förderung hat die A. I. K. O. durch die L o ndonerLoge des U. O. BneiBrith erfahren. Die neue Organisation erfreut sich bekanntlich der wohlwollenden Unterstützung des Ordens. Der Großpräsident des Ordens in Deutschland, Geheimer Justizrat Dr. B. Timen dorfer und ein zweiter verdienstvoller Leiter desselben Sigmund Berget, gehören dem Vorstand der A. I. K. O. an. Auch das Komitee der A. I. K. O. in Hamburg hat den dortigen Logen manches zu verdanken. Insbesondere war ein Vortrag von Direktor Jacques S o n n e b o r n in der Steinthal-Loge von Bedeutung für die Verbreitung der Idee des A. I. K. O, in Hamburg. Direktor Sonn eb o r n und Herr E. L u r i a, ebenfalls Mitglied der Steinthal-Loge, haben auch die Aktion der A. I. K. O. in London unterstützt. Die Londoner Loge des U. O. B. B. lud Dr. Alfred N o s s i g ein, im Kreise ihrer Mitglieder über die Bestrebungen der A. I. K. O. zu berichten. Dem Vortrag von Dr. N o s s i g schloß sich eine angeregte Disknffion an, welche die volle Uebereinstimmnng der Anwesenden mit dem Plan der A. I. K. O. ergab. Besonders warm wurde das Unternehmen von dem Präsidenten der Londoner Loge. Herbert B e n t w i ch. Rabbiner Dr. Gaste r. sowie von dem Ehrensekreiär Dr. Epstein befürwortet. Auch die Ausführungen des bekannten Londoner Finanziers A. R e i t l i n g e r. welcher die praktischen Vorzüge des Planes hervorhob, erregten lebhaftes Jntereffe. Wilna Der jüdische Unteroffizier der rufflscheu Armee K. D o. n bat durch den Wilnaer Gouverneur um das unbegrenzte' Wohnrecht in Rußland. Vor einigen Tagen erhielt er nun eine Antwort, die verdient, als Dokument russischer V.erwaltungseinsicht (aufbewahrt zw werden. Sie lautet kurz und unklar: „D o n, der im Kriege im. fernen Osten ehrlich (!) gedient hat, gleich den alten Nikolai-Soldaten,( Wohnrecht im ganzen Reiche, jedoch ... -— erstreckt sich dieses Wohnrecht'nicht auf jene Orte, bezüglich welcher besondere Begrenzungenhinsichtlichdes Wohnrechtes der Juden bestehen." Welche Orte" aus dem Wohnrechte des tapferen jüdischen Unteroffiziers ausgenommen sind, ist nichtcrecht klar. Klar ist nur das eine, daß die Administration in. diesen Beschluß alle Slädte und Dörfer außerhalb des jüdischen Ansiedlungsgebiet'es hineindenten wird. Man bedenke jedoch, ein Jude, der so tapfer gekämpft hat,, daß er zum Unteroffizier beförderr wurde, von dem es selbst im amtlichen Dokumente heißt, daß er ehrlich gedient hat, hat nicht einmal das Recht in seinem Baterlande, für welches er sein Leben in die Schanze schlug, sich frei zu bewegen. Smolensk. Mau mag sich wohl noch der Verordnung des wahnwitzigen Odessaer Wüterichs T o l m a t s ch e w erinnern, man solle an dem Zarenemblem, das auf der großen Odessaer Synagoge prangt, ein Kreuz anbringen, damit das Zarenemblem keine Unvollständigkeit aufzuweisen hat. T o l m a t s ch e w macht Schule. Vor kurzem kam ein Beamter des Ministeriums des Innern nach Smolensk, um die dortigen Aemter zu inspizieren. Unverhofft entdeckte er nun ein großes Verbrechen. Während er nämlich durch die Stadt fuhr, bemerkte er zu seinem Entsetzen die hohe Kuppel, die über dem Neubau der jüdischen Synagoge emporragt. Er äußerte dem Gouverneur seine Entrüstung über die jüdische Chuzpe und ordnete die Abbrechung der allzu stolzen Kuppel au, was natürlich sofort geschah. London. Die Reformpartei, deren geistiger Führer Clande G. M o u t e f i o r e ist, hat ein großes Gebäude in dem vorzugsweise von reichen Juden bewohnte» Park Laue-Viertel gekauft. Das Gebäude ivird in eine Synagoge verwandelt, die vor den großen Feiertagen eröffnet werden soll. Der Gottesdienst wird fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und die Richtung im allgemeinen die der äußersten Reform in Amerika sein. Die Synagoge wird ein Novum in England darstellen, wo mau bisher für derartige Reformen kein Verständnis hatte. Mr. M o nt e f i o r e ist soeben ans Amerika zurückgekehrt, wo er sich einige Zeit aufgehalten hatte, um die verschiedenen Reformgemeiuden kennen zu lernen und einen passenden Rabbiner ausfindig zu machen, den er in England nicht auftreiben konnte. London. Mr. Zangwill steht jetzt in Unterhandlung mit der westaustralischen Regierung wegen eines Territoriums von über eine Million Akres. Die Lokalität des Territoriums ist einstweilen noch unbekannt, es soll aber groß und gut genug sein, um eine Million russischer Juden aufnehmen zu können. Sir H. Newton Moore, der Premier der australischen Regierung, soll dem Plane sehr geneigt sein, den er als einen ernsten Geschäftsvorschlag betrachte. Die Angelegenheit soll demnächst im westaustralischen Parlament behandelt werden. Mr. Zangwill scheint jeden Gedanken von Autonomie u. dgl. aufgegeben zu haben. Das Unternehmen soll einen rein philautropischen Charakter tragen. Mr. Zangwill erklärt daher, daß es nur ein Teil seines Landsuchens sei und daß er zu gleicher Zeit nochandere Territorien im Auge habe. Newyovk. In einer im Juni dieses Jahres abgehalteueu Spezial- Versammlung der „Cantors Association of America“ wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, dem berühmten glaubensgenöffischeu Komponisten Karl Goldmark anläßlich seines 80. Geburtstages die aufrichtigsten Glückwünsche und die ergebenste Verehrung der genannten Korporationen in entsprechender Form zum Ausdruck zu bringen. Dieser Beschluß würde in künstlerischer Ausführung dem Jubilar im Monate Juli übermittelt. Feuilleton. Kine Mutter. Von M. B. Aus dem Jüdischen nach dem „Lemberger Jüdischen Tagblatt" übertragen von N. Chameides. Was Ihr mich nur quält, daß ich aus meinem Leben erzählen soll. Das kann doch kaum Euer Interesse erregen; denn was bedeutet das Leben einer überaus einfachen jüdischen Frau? Es ist ja auch schon so lange her, mehr als 30 Jahre sind seitdem in der Zeiten Strom hinabgeflossen. Ueberdies habe ich beinahe ein Gelübde getan, über die Vergangenheit nicht zu sprechen. Ihr aber zwingt mich, eine alte, offene Wunde vor Euren Augen zu entblößen. Tie langen und bangen Jahre vermochten es nicht dieselbe zu vernarben, sie blutet noch immer. Und doch, es sei denn: Als ich 18 Jahre alt geworden war, da sagte mein Vater, er wolle mich verheiraten. Erstens, so meinte er, deshalb, weil ein Mädchen, wenn es dieses Alter erreicht hat, in den Ehestand treten solle; nnd zweitens möchte er auch das

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