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Die Wahrheit · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Die Wahrheit Seite 9. Nr. 32. 'Behagen und die Wonne genießen, dieses Kind versorgt zu wissen. Meine Eltern waren reich und fromm, sie leiteten ihre Abkunft von großem jüdischen Adel her. auch zählten sie zn den Angesehensten und Geachtetsten in unserer Stadt. So fand sich auch bald für mich eine passende Partie. Mein Bräutigam war jung, von schlankem Wuchs und in seine hohe, edel gewölbte Stirne waren gleichmäßig zarte 'Linien eingegraben. Man sagte von ihm. daß so viele Fältchen seine Stirne anfweise. eben so viele Folianten des Talmud beherrsche er auswendig. Wenn mein Vater mit ihm über die talmndische Wissenschaft zn disputieren pflegte, begannen seine großen Angen zn glühen und zn leuchten und es schien fast, als ob sie Fenerfunken sprühten. Kam ich einmal gerade dazu und er richtete einen verstohlenen Blick nach mir, da erbebte mein zarter Körper und in meinen Träumen erschreckte mich oft dieser Augen Glnt. Nach unserer Hochzeit blieben wir. wie man sagt, „ans .Kost" im Hanse meiner Eltern, und dies so lange, bis mein Mann Rabbiner unserer Stadt geworden war. Als solcher ist er schnell berühmt geworden. Von weit und breit kamen streitende Parteien zn ihm, um sich seinem Urteilsspruche zn unterwerfen. Rabbinen, auch große und bedeutende, pflegten sich bei ihm einzufinden, um mit ihm über wichtige Fragen zn beraten. 'Die von ihm veröffentlichten Werke machten seinen Namen im Judentum bekannt nnd berühmt. Die allgemeine Sorge und Teilnahme konzentrierte sich aber nur darauf, daß ihm der Kindersegen versagt war; denn, sagte man allenthalben, seine Kinder müßten ja wahre Sterne der Gelehrsamkeit werden, diese würden ja berufen sein, das finstere Labyrinth der Diasspora -zn-erleuchten, unseres Volkes Stolz und Zier zu werden. Da begann auch ich zu fühlen, daß das Ende meines Glückes nahe bevorstehe. Ein ungeheurer Abgrund von Sorge, Kummer und Leid hat sich vor meiner Seele aufgetan; ich habe gelitten im stillen. Kein Mensch wußte, was iu meinem Innern vorging, auch nicht meine teuern Eltern, und doch sind beide meinethalben frühzeitig gestorben. Jahr um Jahr verstrich und meine Hoffnung schwand immer mehr und mehr. Die Welt um mich wurde immer düsterer nnd übers Firmament zogen große schwarze Wolken herauf. Ich sah. daß jede Lebenslust in mir schwindet; wozn -denn auch leben, ohne diesem Manne Kinder zn schenken? Nein, -ein solches Leben ist unerträglich! Da bemerkte auch schon mein Mann alsbald, daß ich schlaflose Nächte verbringe, er gewahrte, daß ich mein Lager mit heißen Tränen netze, und er versuchte, mir Trost und Zuversicht zuznsprechen. Je mehr gute und kluge Worte er mir aber spendete, desto intensiver wurde mein Schmerz, um so größer wuchs die Verzweiflung. So gingen die gewissen „10 Jahre" vorüber, wo mau berechtigt ist, zn warten und zu hoffen. Vielleicht wendet der Ewige seinen Sinn und erhört doch dein heißes Flehen? Im tiefsten Herzensgründe allerdings hatte diese Zuversicht schon lange keinen Platz mehr, und bis zum heutigen Tage ist es mir nicht recht zum Bewußtsein gekommen, warum ich so dachte und wie man gläubig ohne Gottvertrauen sein lann. Allein, wie es scheint, ist das menschliche Herz oft der Dolmetsch seines Schicksals. Ihr werdet mir glauben, die ganzen 10 Jahre schienen mir so, wie soll ich dies nur drastisch genug ausdrücken, als läge ich in einem offenen Sarge, bei vollem Bewußtsein, ohne mich aber rühren und regen zu können, nnd über mir hänge an einem dünnen Zwirne ein schweres Eiseustück, das jeden Augenblick sich abzulösen und mich zu erdrücken drohte. Wie gerne hätte ich den Faden selbst zerrissen! Ein Ende, diese unerträgliche Qual, es muß enden! Wir haben uns, versteht sich, scheiden lassen, wir sind doch Juden . . . Nun aber diese Scheidung . . . Meine Mutter, sie ruht im Eden, ist durch 48 Stunden aus einer Ohnmacht in die andere verfallen, eine Kopsader ist ihr geborsten und sie ist gestorben. Mein Vater riß sich das Haar aus dem Kopfe, biß sich die Finger wund, und ich — kaum waren die sieben Trauerlage vorüber, packte ich auch alsbald meine Sachen und verließ die Heimat. In einer fremden Stadt und unter einem angenommenen fremden Namen ließ ich mich nieder; aber fast jeden Monat einmal pflegte ich wieder nach der Heimat zu kommen, stets so verkleidet, daß mich niemand erkannte. Da habe ich jedesmal vor der „Schul" iu einiger Entfernung gewartet, bis mein gewesener Mann aus derselben ging. Wenn ich ihn so gesehen hatte, kehrte ich dann wieder in meinen neuen Wohnort zurück. Des öfteren pflegte er aus der Schul in Begleitung meines Vaters zu treten; der Vater schritt zumeist hinter ihm, wie man hinter einem einzigen, geliebten Kinde geht, für dessen Leben man zittert. So war ein Jahr verstrichen. Die Gemeinde fing an zu murren: ein Rabbiner, ein junger Mann mitß heiraten. Man hat ihn verheiratet. Wie groß muß seine Freude gewesen sein, als nach Ablauf von neun Monaten seine Frau ihm einen Knaben gebar. Nicht nur er. nicht allein die Stadt, in der er wirkte, ich kann sagen, die ganze Welt teilte diese Freude. Vou weit nnd breit kamen Rabbiner, jüdische Gelehrte zn dieser Beschneidung. Der einzige Mensch, de.r sich nnglücklich, vom Schicksal niedergeschmettert fühlte, das war mein Vater. Als ich ihn später wieder sah. fand ich statt des stattlichen Mannes voll Leben. Kraft nnd Stolz einen gebrochenen, verkümmerten Greis. Nun war mein einziges Sinnen und Trachten darauf gerichtet, wie es möglich wäre, daß auch ich im gewissen Sinne Mntteranteil an den Kindern meines Mannes erlange. Mein gewesener Mann wechselte unterdessen seinen Posten, er übernahm das Rabbinat einer anderen Stadt, wohin er auch naturgemäß übersiedelte. So pflegte ich auch von Zeit zn Zeit dortbitt, in die fremde Stadt zu fahren, um ihn von der Ferne einmal sehen zn können. Später pflegte ich sehr oft die Bibelschule anfznsnchen. in welcher sein Kind Unterricht nahm, und demselben, ohne daß es irgendwie auffällig wurde. Liebesgaben zu verabreichen. Der Knabe war dreizehn Jahr alt geworden und wurde ans eine talmndische Hochschule in eine entfernte Stadt geschickt. Ich übersiedelte sofort nach jener Stadt, wandte mich an den Vorstand der Schule mit dem Anerbieten, einem Schüler die ganze Verpflegung unentgeltlich verabreichen zu wollen, und wählte ans der Schülerzahl, wie zufällig, den Sohn meines Mannes. Als man mir bedeutete, daß es auf dieser Schule ärmere junge Leilte gebe, zitmal für diesen Knaben, der der Sohn eines bedeutenden Rabbi sei, gezahlt werde, so sagte ich, daß ich besonderen Wert darauf lege, das Kind dieses Rabbi, der mir nicht ganz unbekannt sei, zn pflegen und die für ihn geleistete Zahlung solle für die Mittellosen verwendet werden. So habe ich alle seine drei Söhne bis zn ihrer Hochzeit erzogen. Alle drei waren sie doch an der hiesigen Rabbinatsschule und haben bei mir, als ihre Pflegemutter, ihre Jugend verlebt. Mutter haben sie mich auch genannt. „Ihr seid unsere zweite Mutter", pflegten sie oft und oft zu sagen. Alle drei schwuren mir, nach meinem Ableben für mich das Kadischgebet zu verrichten, ohne daß ich es je gefordert hätte. Schwer war es jedesmal sich herausznwinden, einen triftigen Vorwand zn finden, wenn einer von ibnen heiratete und mich bestürmte nnd beschwor, auf die Hochzeit mitzufahren. Oft erhielt ich Briese von ihren Eltern, voll des Lobes und des Dankes; auch diese nannten mich die zweite Mutter ihrer Kinder. Gegenwärtig sind alle drei als Rabbiner in geachteter Stellung. Der Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen. Sie schreiben mir: „Jetzt sind Sie unsere einzige Mutter . . ." Ihre leibliche Mutter war indessen gestorben. Vereins-Zahnarzt Dr. Max Weisz. Wien, II., Circusgasse 47. Ordination von 9—6. Telephon 18399.

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