Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 32. Differenzen in den Verfolgungszeiten des 20. Jahrhunderts festzustellen. Bis in die achtziger Jahre, führt er dort aus, war der Begriff des Pogroms unbekannt gewesen. Die Juden vermeinten, daß sie in dem festgefügten antokratischen Staate vor einer Behandlung, wie sie nachmals zutage trat, sicher wären. Zwar gab es schon 1821 in Odessa. 1865 in Akkerman und Ostern 1871 wiederum in Odessa Ueberfälle, aber diese konnte man nicht als essentielle Erscheinungen des russisch-jüdischen Lebens betrachten. Da prasselten plötzlich im Jahre 1881 die Pogrome in ihrer ganzen Schauerlichkeit aus die Juden hernieder, aus war es mit dem Glauben an die Errungenschaften einer neuzeitlichen Kultur und es begann eine Epoche, welche ein ganzes Volk in tiefstes wirtschaftllches und seelisches Elend stürzte. Denn wenn die erste kontinuierliche Pogromzeit nach zwei Jahren aufhörte, haben die in den nächsten zwei Dezennien austaucheuden sporadischen Pogrome neben den sich vermehrenden Ausnahmegesetzen, die Massakers in Nischni-Nowgorod 1884, in Starodnb 1891, in Lodz und Jusowka 1892, in Spola 1897, in Nikolajew 1899 genügt, um die russische Jndenheit nicht zur Ruhe kommen zu lassen, bis die Unglücksjahre 1903 bis 1906 alle früheren Ereignisse in Schatten stellten und die leibliche und geistige Not ins Unermeßliche steigerte. Nun bedeutete freilich die erste Jndenhatz kein Vorspiel. Sie setzte schon mit aller Schärfe ein: der Gesamtschaden, von dem über 600.000 Juden betroffen wurden, bezifferte sich nach genauer Berechnung aus 9—10 Millionen Rubel, nicht ztt vergessen, daß damals das Geld im Werte höher stand. Das betroffene Gebiet deckt sich ungefähr mit dem der Oktoberpogrome. Auch der Hergang und Verlauf ist ungefähr der gleiche. Nur fehlte erstens eine der beliebtesten Motivationen, unter deren Zeichen die jüngsten Verfolgungen standen: die patriotische Phrase, von der noch später die Rede sein wird. Und zweitens machte sich eine Begleiterscheinung bemerkbar, melche bei den allerletzten Pogromen wenig beobachtet wurde: die natürlich nicht zufällig entstandenen Kolossalbrände in der sogenannten Tscherta, dem jüdischen Ansiedlungsrayon, durch die etwa siebenzig bis achtzig Städte ganz und teilweise verheert wurden. Es wäre jetzt der Vollständigkeit halber eine Schilderung des Pogromtypus am Platze, sie läßt sich aber im Hinblick auf die mehr oder minder bekannten realistischen Dichtungen von Gorki, I u s ch k i e w i s ch. K o r o l e n k o und Jargonschriststellern wie David P i u s k i umgehen, um so mehr, als die Registrierung der Wirkungen vollkommen ausreicht, um ahnen zu lassen, welche Orgien die in ihren niedrigsten Instinkten entfesselten Volksmassen feierten. Beim Vergleich der Ereignisse in den achtziger Jahren und des ersten Dezenniums im zwanzigsten Jahrhundert drängt sich die Frage auf, welche Rolle die Beamtenschaft seinerzeit gespielt hat. Ueberraschenderweise führen die sich in dieser Richtung bewegenden Untersuchungen zu einem negativen Resultat, indem Spuren zu einer die Pogrome leitenden Zentrale nicht gefunden wurden. Nichtsdestoweniger ist die Beamtenschaft, allen voran der berüchtigte Minister des Innern I g n a t i e w und der Generalgonvernenr von Kiew. Drenteln, dadurch schuldig, das heraufziehende Gewitter beobachtet und nicht beschworen zu haben. Aktive Teilnahme war ihr noch versagt, da Alexander HL ein ausgesprochener Gegner der Metzeleien war. in denen er anarchistische Umtriebe witterte. Dieser Umstand verhinderte viele Bnreaukraten. auch den nachmaligen Ministerpräsidenten P l e h w e. aus ihrer Reserve herauszntreten, manche Gouverneure fanden sogar recht beschwichtigende Worte an die Bevölkerung. Und doch dauerte es bis zur Wiederkehr der Ruhe -ein ganzes Jahr, nicht weil man der Exzedenten nicht Herr wurde, sondern dem Wunsche des Zaren zuwider nicht Herr werden wollte. In diese Zeit fällt trotz der sonst so strengen Zensur die Ueberschwemmung Rußlands mit antisemitischen Schriften im Geiste der reichsdeutschen und österreichischen Hetzer, nur daß sie, dem BildungKstande der russischen Bevölkerung angemessen, entsprechend vergröbert wurden. Darin taten sich insbesondere zwei Männer hervor, Lu tost an sky, der sich zeitweilig der Gunst Alexanders III. erfreute, und Brafmann, ein getaufter Jude. Mitten in diese mit ungleichen Waffen geführten Kämpfe sah sich die Regierung einzugreifen veranlaßt, indem sie eine Enquete über die Judenfrage veranstaltete, und zwar dergestalt, daß die Fragen schon Beschuldigungen der Inden involvierten. Man kann sich denken, wie die Antworten der damals 'ebenso wie heute korrupten Beamtenschaft ansfielen. „Dieselben Beamten", schreibt A. Linde n, „die sich von Inden, die auch nur ein Stückchen Lebensdasein erringen wollten, jeden Schritt bezahlen ließen, fälllen über die Moral der von ihnen Ausgebeuteten die härtesten Urteile." Die Verwaltungsbehörden wurden gänzlich vom Antisemitismus infiziert, dessen Blüte sich in dem geflügelten Worte: „Den Inden sind die westlichen Grenzen geöffnet" offenbarte. Wie wahr es die Regierung haben wollte, beweist der Umstand, daß sie 20 Millionen Rubel, die Baron H i r s ch zur Errichtung von Schulen im Ghetto anbot, zurückwies, dagegen die Konstituierung der von ihm finanzierten Jewihsh Kolonisation Assoziation in Rußland mit Bereitwilligkeit genehmigte, ihre Ziele, die gesamte russische Jndenheit in 25 Jahren in ein anderes Land zu verpflanzen, durch Gewährung von Privilegien förderte und damit Answandernngsbestrebnngen, die bisher als Rebellionsversnche bestraft wurden, also ein Staatsverbrechen guthieß. So gern wollte sie ihre Inden loswerden! Die Absichten des Baron Hi r s ch entsprachen der unter den russischen Inden herrschenden Stimmung,, die mit wenigen Worten hier charakterisiert sei. Zuerst erfaßte sie eine an eine Massenpsychose grenzende Panik. Ratlos, wie sie waren, waitdten sie sich an ihre eigenen Peiniger um Schutz, die, in heuchlerischen Worten Hilfe versprechend, das verpfändete Wort brachen. „Wahrlich", meint A. Linden,- „es gibt vielleicht kaum noch ein Volk, daß bei einem so glänzend entwickelten Intellekt zugleich für die eigenen Schicksale, die damit verbundenen politischen und sozialen Realitäten ein so geringes Verständnis hätte. Kein Volk wird so oft überrascht, überrumpelt, über Bord geworfen. Boransschanend wirkt dieses Volk erst in den äußersten Momenten der Not. wenn das Voraussehen hart an die Grenze des Instinkts gelangt." Nach den fruchtlosen Selbsterniedrigungen folgte eine Besinnung auf sich selbst. Die Hilfe von außen versagte. Damals gab es noch griechisch-orthodoxe Priester, welche die Pogrome verdammten, es gab noch hier und dort Bauernschaften, die nur zum Schein „das (nicht bestehende) kaiserliche Manifest" befolgten. Doch was bedeuteten diese wenigen Ausnahmeerscheinungen? Was bedeutete das von Menschenliebe glühende Wort eines einzelnen, des Satirikers S ch t s ch e d r i n gegenüber dem Chorus einer haßerfüllten Meute? Reagierte doch die russische fortschrittliche Presse nur lau ans die Greneltaten und verkleidete ihre Vorschläge zu einer Revision der Gesetzgebung zugunsten der Inden mit vorurteilsvollen Anklagen. So erlebten die Juden Rußlands auch von dieser Seite, woher sie es am wenigsten erwarteten, Enttäuschungen. Ihre Kraftlosigkeit spiegelt am deutlichsten die „Konferenz jüdischer Gemeindevertreter", die im April 1882 in St. Petersburg tagte, wieder. Entgegen dem Willen der bessergestellten Juden, die durch Erörterung des Auswanderungs- Problems sich den Vorwurf „vaterländischer Gesinnungslosigkeit" znzuziehen fürchteten, mußte ans dieses Thema eingegangen werden. Zwei Meinungen traten zutage. Die Minorität unter Führung des bekannten und angesehenen Kiewer Arztes M a u d e l st a m m formulierte ihr Programm in den Worten: „Entweder gleiche Rechte oder Auswanderung." -Die Majorität konnte sich diese Alternative so wenig zu eigen machen, daß die Konferenz ergebnislos verlies, ohne allerdings die in Bewegung geratenen Massen von ihrem Vorhaben anfhalten zu können. Es begann eine lawinenartig ansteigende Flucht, mit der von 1880—1905 mehr als der fünfte Teil der russischen Juden, ca. 1.123.000 Seelen, sein Geburtsland verließ. Die meisten Auswanderer.wandten sich nicht etwa in die angrenzenden Staaten, „denn in Deutschland und Oesterreich gingen die liberalen Njchtjuden, wohl mit Rücksicht auf das Anwachsen des Antisemitismus im eigenen Lande, über ganz leise Verurteilungen