Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063552--06805-3073839- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 32. Die Wahrheit Leite 5. welche vom Laude Galizien selbst durchgeführt werden sollte? l Die Konferenz Dr. Löwen sie i n s und Konsorten ist sonach einerseits die stärkste Widerlegung ihrer bisher betriebenen n a t i o n a l - P o ln i s ch en P o l i°t i k und das e k l a t a n t e st e Mißtrauen gegen die Leitung des.P-oleuk.lnbs, oder aber ein trauriger Beweis von dessen Feindseligkeit, zum mindesten Gleichgiltigkeit gegen die Jndeuschafl. Der natürliche Schluß ist klar. Denn der Polenklub betrachtet eben die Juden und seine Mitglieder nicht als Polen, nicht als gleichberechtigte und gleichwertige Elemente. Wäre dies nicht der Fall, dann hätte ja der Poleuklub als solcher und sein Präsid i u m für ein Volk im eigenen Lande Galizien in der Zahl von beiläufig einer Million mit seiner ganzen Autorität, seinem vollen Einfinsse und seiner beträchtlichen Macht nicht nur bei der Zentral-Regierung intervenieren müssen, sondern sollte vor allem im Lande selbst für die Sanierung jener Mißstände und Behebung der Ungerechtigkeiten eintreten sollen, für deren Abhilfe beim Staate Schutz gesucht wird. Der Schritt Doktor L ö w e n st e i n und Konsorten ist aber auch ein flagrantes Mißtrauen gegen die Gerichts- und Obergerichtspräsidenten, den Statthalter und Chefs der staatlichen Aemter, die sich eben die besagten Zurücksetzungen der Juden zu Schulden kommen lassen. Vielleichl dämmert endlich in Dr. L ö w e n st e i n und Genossen die Erkenntnis von ihrer verfehlten Politik. In den vorerwähnten, und auch in vielen anderen jüdischen Fragen haben die Mitglieder des ..jüdischen Klubs" und insbesondere Abg. Dr. Strancher seit 1897 unzähligemal beim Ministerpräsidenten und bei den anderen Mitgliedern des Kabinetts interveniert, ohne daß hievon irgend welches Aufsehen gemacht worden wäre, vielmehr wurden in den jüdischen und polnischen Organen der Herren Dr. L ö w e n st e i n und Konsorten der „jüdische Klub" und seine Mitglieder aus die nnqualifizierbarste Art angegriffen, beschimpft, ironisiert und herabgesetzt. Und als die Mitglieder des jüdischen Klubs in Interpellationen, Anträgen und Reden im Abgeordnetenhause ihre Agitation gegen den mm verflossenen Chef des militärärztlichen Korps Dr. von U r i e l geführt haben, da waren die Herren Dr. Löwe nst e i n, Dr. K o l i s ch e r und Dr. Gold ebensowenig zur Stelle, als in anderen jüdischen Angelegenheiten. Die nunmehrige Agitatiou der Herren Dr. L ö w e n st e i n. Dr. K o l is ch e r und Dr. Gold beweist zur Evidenz die Richtigkeit der Politik des „jüdischen Klubs". Denn nun sehen auch die Herren Dr. L ö w e u st e i n, Dr. K o l i s ch e r und Dr. Gold ein, daß sie sich nicht die Köpfe anderer Völker, sondern nur ihrer eigenen jüdischen Volksgenossen zu zerbrechen haben. Daß die Herren nach jahrelanger Untätigkeit einen „Schritt" getan, ist aber auch ein Beweis ihrer Angst vor den immer mehr zu Bewußtsein gelangenden jüdischen Wählermassen Galiziens, die berechtigtes Mißtrauen gegen diese ihre „Vertreter" empfinden. Die g em e i n s a m e Not, Verfolgung u n d B e d r ü ck n n g. denen wir Inden ausgesetzt sind, soll uns einigen, damit wir gemeinsam für die vitalen Interessen unseres Stammes eintreten. Dann werden wir die Streitaxt beiseite legen und in dem Schritte der Herren Dr. Löwen stein und Genossen einen Beweis ihrer Umkehr und Einkehr erblicken. Nur mögen sie keine zügellose Schandpresse gegen nns Jüdischnationale mobilisieren! 0. R. Die Judenpogrome in Rußland. Nur zu leicht vergißt der Mensch in seinem Lebensdrange vorübergegangener Gefahren. Mögen Naturereignisse die Früchte langen Schaffens zerstören, Kriege unermeßliches Unheil heraufbeschworen haben, ein unbeugsamer Tätigkeitstrieb läßt im Einzelwie Massenbewnßtsein den Gedanken an neue Gefahren nicht gern als in der Zukunft beschlossene Möglichkeiten aufkommen. So hat auch die zivilisierte Gesellschaft jene vor wenigen Jahren die gesamte Judenheit erschütternden Vorfälle wenn auch nicht vergessen, so doch ihrem Bewußtsein als unabänderlich und der Vergangenheit angehörig einverleibt und würde nicht au spätere drohende Tage glauben, wirkte nicht l eine neue Untersuchung der jüngsten Massakers in Rußland auf ihre Hoffnungen stark korrigierend. Man sah dem lange angekündiglen, vor wenigen Wochen im Jüdischen Verlag in Köln a. Rh. erschienenen Werke über „D i e I n d e n p o g r v m e i n Rnßl a n d" *) schon mit Spannung entgegen. Die vom Zionistischen Hilfsfonds in London zur Erforschung der Pogrome emgesetzle Kommission hat sich mit seiner Herausgabe unstreitig ein großes Verdienst erworben. Denn sie ist durch Gründlichkeit und maßvolles Urteil besser als alle bisher über den gleichen Gegenstand erschienenen Schriften geeignet, die unerträgliche, trostlose Lage der Juden jenseits der Grenze dem Gewissen der Knltnrgemeinde in ihrer Schwere und Düsterkeit vor Augen zu führen. Es lohnt sich deshalb, etwas näher auf ihren Gehalt einzugeheu, als es sonst bei Buchbesprechungen üblich sein mag. Natürlich war es nicht leicht, das dem Werke zugrunde liegende Material zusammenzutragen. Diese Vor arbeit hat schon ihre Geschichte. Von den Schwierigkeilen, die sich dabei ergaben, erzählt das Vviwort. Als der Plan zur Abfassung einer die Pogrome betreffenden, vom Tagesgespräch unbeeinflußten Untersuchung gefaßt wurde, dampfte noch das vergossene Blut zum Himmel. Was Wunder, daß sich in diesen Tagen viele gegen die akademi'che Art des Vorhabens wandten. Dennoch fanden sich genugsam Mitarbeiter, welche diesen einzig zu billigenden Weg beschreiten wollten. Von ihnen wurden die Vorgänge in insgesamt 85 Pogromstätten rn.d etlichen kleineren Orten erforscht. Daß sie dabei mit der russischen 'Imremifnuie im Kampfe lagen, ist selbstverständlich. Ausweisung. Versolgnug, Hintanhaltnug des Druckes der Euquetebvgeu, Beschlagnahme ausgefüllter, das Verschwinden der sieben Orte betreffenden Untersnchnngen beim Transport durch die russische Post erschwerten wesentlich die Arbeit. Allein das ans Euquetewegen gewonnene Material konnte nicht genügen, obwohl es zum Fundament der Arbeit wurde. Deshalb wurden noch die vor den verschiedenen Rechtskommissionen getanen Zeugenaussagen benutzt, welche mancherorts bis zu einem Dutzend dicker Foliobände angeschwollen waren, die Angaben des Hilfskomitees, die Presse, die stenographischen Protokolle der Reichsdumaverhandlnugen, sowie alles, was das Siegel der Zuverlässigkeit an sich trug. Ans diesem Wust von Zahlen, Reden, Artikeln, Antworten aus die 58 Fragen der Enquetebogeu verstand der sich nutet dem Pseudonym A. Linden verbergende Verfasser und Redaktor des Buches ein äußerst klares Bild der in Frage stehenden Vorgänge mit dem ganzen Komplex ihrer Wurzeln und Ausläufer zu entwerfen. Bevor er in das Thema eintritt, unternimmt ,'er eine Rechtfertigung der Spezialuntersnchnng. Ihm genügt nicht, „daß selbst das Interesse humaner Kreise allmählich gegenüber der abnormen menschlichen Erscheinung des Pogroms versagt", nicht, „daß selbst die Inden in den Ländern, in denen Pogrome unmöglich zu sein scheinen, das Leid ihrer Stammesbrüder in ihrer ganzen Tragik kaum voll und ganz zu erfassen vermögen", auch nicht die Tatsache, daß die Juden am allgemeinen Leiden der russischen Völker prozentualiter stärker beteiligt sind; nicht das Quantum läßt ihn seine Arbeit begründet erscheinen, sondern das Quäle, welches das Unheil in eine besondere Kategorie erhebt. Denn es zeichnet sich von den Kämpfen der Revolution und Kontrerevolution dadurch scharf ab, daß die Pogrome im Gegensatz zu den anderen gleichzeitigen Revolutionsakten ein ganzes Volk treffen wollen, sich nicht gegen einen Teil, sondern gegen die Gesamtheit als solche richten und damit ganz andere (als durch die Kontrerevolution) erwachte Instinkte heraufbeschworen und auf beiden Seiten potentielle und abseitsliegende Stimmungen zu Wirklichkeiten ausgelöst haben." Nachdem A. Linden in einer Eiuleitnng noch den Zweck und die Methode des Unternehmens erörtert hat, behandelt er den „Prototyp des Pogroms in den achtziger Jahren", immer bemüht, etwaige Parallelerscheinuugen oder *) Band I: Allgemeiner Teil. X. 407 S.; Band H: Einzeldarstellungen. VH, 536 S. Preis zusammen 8 M.