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Die Wahrheit · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion 1111b Slduiinisnalion:n Wien, H/j Nova rag affe 27 | Telephon: Redaktion 5107/V1I1. Adminislrarion -1938,11, K. k. öslerr. Vostsparkassa- Scyeck-Konlo Nr. 190.918. Juleraie: Die viermal gespaltene Nonpcireille-Zeiie lö Heller. IlbonnenieiilS- und Jnsertlonsberräge sind in Wie» zahlbar und klagbar. «abhängige Aerlschrifk für jüöischl Antere^en. Kezugspreis: Gaiizjatnig.lv 14.— Halbjäplig.K 7.— Für Stilltii-5bt*ainte: «^anzjabrig.K 10. - Erscheint jeden Ir eilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit Tvi'ir Ausland: j (Kniiiiiilni».8 Mark j. t> :>!»vel ober IS FrcS. h Mr. 32 Wie«, 12. August Inhalt: Rüsten! — Der Kaiser für das Kind und das Kind für den Kaiser. — Ein Wort an den Minister. — Die Judenpogrome ui Rußland. — Berschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Eine Mutter. — Austritt aus dem Judentum. Misten! Von I Mendel. I. Nicht gegen den Manager des Glückrades, der Hoteldirektoren nicht erlauben will, in bloßen Hemdärmelu herunter zu humpeln, auch nicht gegen die Verwaltung des Gänsehäufel, — auch nicht gegen die Schließung des Augartens: sondern gegen die antisemitische Bestie. Es ist Zeit zu rüsten. Höchste Zeit. Alles hat seine Zeit, sagte derselve Manu, der den Ausspruch tat: es gibt nicht neues unter der Sonne, das heißt, alles schon dagewesen — nur hieß der Verkünder dieser blasierten Theorie nicht Ben Aki ba, wie die Zeitnugsschmocks schmieren, sondern Salomon. Als die antisemitische Pest hereiubrach, stellte sich mancher kühne Verteidiger der wutschnaubenden Furie entgegen. Sie wurden entweder vernichtet oder grvßmächtige Königsmacher, die von der Hetze reich und rücksichtslos und brutal wurden. Die Leopoldstadt, die nie starke Ambitionen besaß, begann sich mit dem Regiment des „Trink ma no a Flascherl" zu befreunden. Unter uns gesprochen, was schadet die antisemitische Herrschaft? Sind wir vielleicht vom Budapester Orpheum ausgeschlossen? Nein. Na also! Was fehlt uns? Ging Lueger nicht gern zu jüdischen Leichenbegängnissen? Und hat er nicht Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner Dr. S ch m i e d l gesagt, der Chor soll sich zusammennehmeu, er höre gern jüdische Gesänge? Man begann sich mit dem herrschenden Regime zu befreunden, man weinte um den „großen Bürgermeister" und man kondolierte hochoffiziell-man versprach sich viel von der Festigkeit V e r g a n i s, Bankdirektorschaft G e ß m a n n s und Genußfrendigkeit B i e l o h l a w e k s — und hauptsächlich ans die Verschwägerung von Rathaus und Schottenring — — Da kam die Hraba-Affaire und in den Versammlungen, die ans diesem Anlasse veranstaltet wurden, ertönte plötzlich der Schrei „Außi Jud!" „Jnd außi!" Ich gestehe, daß trotz aller Gefaßtheit mich dieser Ruf säst starr machte, und nicht nur mich. „Jud!" noch immer eine furchtbare Waffe — eine tötliche. Sage man, was man will. Ich habe alle Versammlungen dnrchgemacht und hatte Gelegenheit zu beobachten, daß „Außi Jnd!" nicht nur von gedungenen Versammlnngssprengern gerufen wurde. Aber etwas noch belrübenderes konnte ich konstatieren. So oft ein Redner aus den Judeupunkt kam und auf die Söhne Abrahams dem Fleische nach — nickt vielleicht Lobhymnen anstimmte, sondern für sie nur ein gutes Wörtchen eiülegte, da verstummte jeder Beifall und man hatte das Gefühl: es war nicht am Platze, von i Juden zu reden. Man hatte das Gefühl, daß die liberalen! Versammluugsmitglieder sich einfach schämen, an „Israel"! erinnert zil werden — und mau schämte sich als Jude mit ihnen.! Ich halte es direkt für ein Verbrechen, daß die jüdischen! Blätter nicht für jede Versammlung einen speziellen Berichterstatter! haben. Ja meine Herren, man muß unter Umständen auch zahlen : und sich nicht alles umsonst leisten lassen. Nur auf diesem Wege und nur bei solchen Anlässen können wir die Stimmung l der Massen erfahren. Mein Gott! Wir leben ja nickt ans dem! Mars, um uns um die Meiuilng der „armen Erdenbewohner"? nicht kümmern zu müssen. Wir leben hier und es kann uns! unmöglich gleichgiltig seiu, was die Majorität der Bevölkerung! von uns und über uns denkt. Ich bewundere die Leute, die es i vermögen, in so einer ernsten Zeit der „Reichspost" Witze über i die Wiedereroberer zu liefern. Wer seinen Blick auch jenseits der! Marienbrücke wendet, wir sinden, daß es uns gar nicht zum Lachen! ist. O, dieses Lachen, wie wenig wirkte es — und wie schädlich ist es! > Von dieser Stelle ans schrieb ick im vorigen Jahre, daß! nach dem Tode Luegers die christlichsoziale Partei sich in ' eine klerikale und ein dentschnationale spalten muß, daß! wir dann schwerwiegende Entscheidungen zu treffen haben wer-! den und daß wir uns schon von jetzt an darauf vorbereiten! müssen. Selbstverständlich verhallte mein Ruf ungelesen i und ungehört, und nun stehen wir vor dem Kopf geschlagen,; rat- und tatlos. Beide Flügel der christlichsozialen Partei sahen! sich notwendig gedrungen, die negativen Seilen ihres Proj gramms hervorzukehren, sie müssen zum Radauantisemitismus! zurückkehren — wenn sie sich halten wollen. Das Hansier-! verbot ist nicht, wie man irrtümlich meint, ein Abschluß son-! dern der Anfang des praktischen Antisemitismus. j Der Kaiser Mr das Kind nnd das! Kind Mr den Kaiser. j (Z u m 80. Geburtstage unseres Kaisers u n d i König s.) Alljährlich, wenn der Geburtstag unseres erlauchten Herrschers wiederkehrt, gibt sich schon Wochen und Monate vorher in allen Gauen des Reiches eine lebhaft freudige Bewegung kund nnd alt und jung, groß und klein sind einmütig von dem Gedanken beseelt, diesen Tag festlich zu begehen und der Festesstimmung ein möglichst imposantes Gepräge zu verleihen. Als vor zwei Jahren zum 60. Male der Tag des Regierungsantrittes Sr. Majestät des Kaisers nahte und die Be-

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