Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063551--06796-3073829
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Nr. 31 Die Wahrheit -Leite 7. .pflichtnng Nachkommen. Will ein Jude einen Nichtjuden töten, Vieser aber nicht jenen, so müssen wir dem Nichtjuden beistehen. In dem Verkehr mit Nichtjuden befleißige Dich derselben Redlichkeit wie mit Juden. Fliehet ein Mörder zu Dir, so gewähre ihm keinen Schutz, auch wenn er ein Jude ist. begegnet Dir aber ans schmalem, schlechtem Wege ein Lastträger, so mache ihm Platz, auch wenn er kein Jude ist." Ungefähr zur selben Zeit sprechen christliche Prediger in ihren Reden von den Juden m den allergehässigsten Ausdrücken. Selbst der milde Berthold von Regensbnrg empfiehlt die völlige Ausrottung der Juden für den Fall, daß sie sieh allzusehr vermehren sollten. Immer weiter breitet sich im 12.—16. Jahrhundert unter den Christen die Vorstellung ans, Inden hinznschlachten sei ein gottgefälliges Werk. Christlich-Deutsche Familien setzen ihre „Ehre" drein. sich „Jndenbreter das heißt Jndeubrater zu nennen aus Stolz darüber. Inden verbrannt zu haben!! Niemals ist einem Inden trotz aller unsagbaren Unbill der Gedanke gekommen, es sei ein frommes Tun, den -Christen Unrecht znzufügen. Auch in den finstersten Jahrhunderten der Verfolgung hütete Israel den Lichtgedanken der Menschenverbrüderung. den es zuerst gedacht, und für den es geduldet und gelitten Hane. Das heidnische Altertum mit seinen autochtonen Völkern hatte große nationale Geschichtsschreiber, aber das Wort „Menschheit", das, wie Max Müller sagt, nie über die Lippen eines Sokrates, Plato. Aristoteles gekommen ist, kannte es nicht. And deshalb wußte das heidnische Altertum nichts von einer zusammenhängenden Entwicklung des Menschengeschlechts. Steinthal sagt irgendwo: „Dächten wir uns die Griechen noch begabter, als sie waren, so hätten wir vielleicht zehn Sophokles, zehn Phidias statt des einen, oder schönere Tragödien, noch vollendetere Bildsäulen, aber keinen Gottes- und Menschheitsgedanken. Diesen den Völkern gebracht zil haben, ist und bleibt Israels unvergleichliches kulturgeschichtliches Verdienst (allen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Judenfeinden zum Trotz)". Das Keben nnd Wirken der Inden in Oesterreich in vormiirziichen Zeilen. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Die Synagoge, die zumeist in ihrem Innern reichhaltig ausgestattet war, wurde gewöhnlich im Mittelpunkte der „Judengasse" erbaut. An der östlichen Wand stand nach üblicher Weise die heilige Lade „Oraun hakaudesch“, in der die Gesetzrollen aufbewahrt wurden. Zur selben führten einige Stufen hinauf. Im Zentrum der Synagoge stand die Lima, auch Almemor genannt, zu der ebenfalls einige Treppen führten. Hier wurde die Thora — so oft Kriat hatora stattfand — verlesen und das bekannte Lied zur Bewillkommung des Sabbalhs „Lecho dodi“ vom Vorbeter, Chasan, melodisch vorgetragen. Alle übrigen Gebete aber mußte der Ollasarr vor dem an der rechten Seite neben der ersten Stufe, die zur Lade führte, angebrachten Betpnlte, Amud, vortragen. Jeder der Betenden hatte bei seinem Synagogensitze ein Betpnlt, das man „Ständer" nannte. An Wochentagen mußte der Unterschames. Gemeindediener, täglich morgens und abends, nachdem er zuvor den Rabbi hievon in Kenntnis gesetzt, durch die „Judengasse" schreiten, um durch drei — ivenn ein „Bar minanu, Toter, in der Gasse war. durch zwei — Hammerschläge an jeder jüdischen Haustür zu machen, daß es Zeit sei, in die Synagoge „Schul" zu gehen.*) Freitag abends hingegen mußte der erste Schames, nachdem ec vom Rabbi hiezn den Auftrag erhalten hatte, durch die „Gasse" gehen und „Zu Kebolas Schabbos“ ebenso am Sabbatbmorgen vor dem Schachanis- und Mussaf- und nachmittags vor dem üllrnoba-Gottesdienst „in Schul" rufen. In manchen großen Gemeinden war es Usus, *) Dieser Usus scheint schon in der talmudischen Zeit allgemein werbreitet gewesen zu sein, denn Beb doset zu 0.0b. 338 erwähnt seiner, indem er fid) auf jer. Beza, 5, 2. berust. daß, ivenn am Freitag abend oder Samstag vor dem Mussafgebet der Rösch hakohol, Gemeindevorsteher, in Gemeindeangelegenheit bei den k. k. Behörden beschäftigt war, man mit dem Beginn des Gottesdienstes ein wenig gezögert, damit er, der Vorsteher, rechtzeitig in der Synagoge erscheinen kann. Außer dem Rabbiner war der Vorbeter beim Gottesdienste in der Synagoge der wichtigste Funktionär, da er an jedem Sabdath wie an den hohen Feier- und Festtagen den ganzen Gottesdienst allein zu leiten halte. Bloß beim Beginne des Morgengottesdienstes „Pesuke desimra“, wurde er, wenn diese Funktion nicht am 8imchas T'bora veräußert wurde, so wie beim Ninollagebele vom ersten 8cbame8 assistiert. *) In den größeren Gemeinden hatte ein Männerchor beim Gottesdienste mitgewirkt. Es standen nämlich dem Chasan. ein Bassist, ein Tenorist und ein oder mehrere Solosänger (Mesehorerim) zur Seite, die von der Gemeinde besoldet wurden. Bei der Ausnahme eines Cha8an wurde, wie es die hervorragendsten rabbinischen Autoritäten früherer Jahrhunderte verlangten, besonders ans einen sittlich reinen und moralischen Lebenswandel Gewicht gelegt. Es mochte der Chasan als Sänger der größte Künstler gewesen sein, wenn er in s i l k l i ch e r Beziehung nicht tadelnnd makellos dastand, so wurde er von dem Rabbiner, wie überhaupt von den frommen Baale Batim als Scheliaeh Zibbur zu fungieren für u n w ü r d i g erklärt. Wie auf einen moralischen Lebenswandel ebenso wurde ans Kenntnis der Bibel, der hebräischen Sprache und auf wahrhafte ungeheuchelte Frömmigkeit besondere Rücksicht genommen. Er mußte vor allem „meruzo lekohol“, das heißt sich der allgemeinen Zufriedenheit erfreuen; daher man bei der Anstellung des Vorbeters io skrupulös war. daß man die Majorität der Stimmen nicht beachtete, wenn eine Minorität in der Gemeinde ans erheblichen Gründen dagegen protestierte. Der würdige Vorbeter erfreute sich auch tatsächlich der allgemeinen Hochachtung und Wertschätzung. R. S a l o m b. Ad. „erklärte den würdigen Vorbeter für unabsetzbar und erklärte seinem Sohne das Sukzessionsrecht zu." (Tur. 0. Ch. 5, 3). Es hat aber anch viele Chasanim in früheren Zeiten gegeben, die gegen das jüdische Gesetz gesündigt haben, indem sie sich fremde Melodien aus allen möglichen Opern für den Synagogengottesdienst verschafften, um nur den Beifall des Andilorinms sich erringen zu können. Gegen diese Art Chasanim haben aber anch die angesehensten rabbinischen Autoritäten geeifert. (Vgl. Rechtsgmachten R. Alfaßi 281). Auch spätere Autoritäten haben das Vorgehen solcher Vorbeter getadelt. So znm Beispiel schrieb R. Efraim Len czycz in seinem bekannten Werke „Amude schesch“: „Ich kann es nicht unterlassen, das Vorgehen jener Vorbeter, die beim Gesänge jedes Wort ohne jegliche Andacht lange dehnen, um hiedurch die Gunst und hen Beifall des Auditoriums erzielen zu können, schonungslos zu tadeln." — „Den Vorbetern und Sängern." schreibt R. Jesaias Hurwitz in seinem großen Werke „Schelah 254): „Die mit ihren Vorträgen nichts anderes beabsichtigen, als durch ihre Stimmen die Bewunderung des Publikums zu erregen." rufe ich zu: „Das Hauptgewicht ihres Gebetes legen sie auf ihre Stimmen, darum sind sie verhaßt." Verschiedene Unchrichlen. Wien. Der ReichsratSabgeordnete Dr. Heinrich Gabel. Mitglied des jüdischen Klubs im österre chischen Abgeordnetenhaus?, ist Samstag, den 30. Juli mittags im Cafe Maendl in der Rotenturmstraße plötzlich gestorben. Dr. Gabel, der im Hanse Nr. 6 der Landesgerichrsstraße wohnte, war auf dem Heimwege begriffen. Als er durch die Rotenstnrmstraße ging, wurde er plötzlich von heftiger A t e m n o t befallen. Er trat noch atemringend in daS Cafe und brachte mühsam die Worte „Hilfe! Hilfe!" bervor. Man geleitete ihn zu einem Srnhl und wollte ihn mir Wasser nnd Kognak laben. Ein Sicherheitswachmann wurde berufen, die Rerrungsgefellschafr verständigt. Doch nach wenigen Sekunden verfärbte sich Dr. Gabel und sank um. Die Ambulanz der *) Am Neujahrsfeste wie am Bersöhnungstage haben sich auch Gemeindemitglieder, Baale batim, die die Fähigkeit als Vorbeter, Baale Teülob, fungieren zu können, besaßen, am Gottesdienste als Funktionäre beteiligt, so daß der Chosan bloß Musafim allein vorzmragen halte.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.