Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 31, nur in Israel! Nicht wird Dein Diener mehr fremden Göttern opfern, nur dem Ewigen allein!" (II. Reg. 6, 15). Durch den israelitischen Prophetismns wurde in Israel das Bewußtsein, die Heilsgüter für die gesamte Menschheit zu bewahren und dereinst alle Völker zum Dienste des Ewigen zu rufen, immer mehr verliest: „Der Ewige ist Adonai, Zebaot, Gott aller Völkerscharen. Er wird in der Zeit der Erlösung sogar die Erzfeinde Israels, Aegypten und Assyrien in Frieden mit ihm einen und alle werden in der Liebe zu Gott verbunden sein: An jenem Tage wird Israel das Dritte im Bunde sein mit Aegypten und Assyrien, ein Segen inmitten der Laude, so daß der Ewige der Scharen dann sie segnet: Gesegnet Mein Volk Aegypten, Meiner Hände Werk Assyrien und Mein Erbe Israel". (Jesaj. XIX, 24—25). — „Und die Tyrier, die jetzt das arme Israel verachten, werden dann gern mit ihren reichen Handelsschätzen den Tempel schmücken" — Jesaj. XXIII, 18). Israel lernt sich als den Gottesknecht begreifen, der anfänglich verachtet und verfolgt, schließlich dennoch von den Völkern in seiner Herrlichkeit anerkannt wird und die Genugtuung empfindet, daß die Nationen seine Sittenlehre annehmen und befolgen. „Siehe, das ist mein Knecht, den Ich erfasse, mein Liebling, den Ich erwählet Meiner Seele, ich lege Meinen Geist aus ihn, Gerechtigkeit soll er den Nationen künden. Nicht schreit er und nicht lärmt er, tlicht läßt er auf der Gasse schallen seine Stimme. Geknicktes Rohr bricht er nicht und glimmenden Docht löscht -er nicht aus, zur Wahrheit, (das heißt unverfälscht) kündet er das Recht. Nicht ermüdet er und nicht ermattet er, bis er feststellt auf Erden Gerechtigkeit und seiner Lehre harren die Eilande' (Jessaj. XLH, 1—4). Schon im babylonischen Exil verwirklichte sich ein Teil dieser Hoffnungen. Wie nachmals zur Zeit, da Israels zweites Heiligtum durch Rom in Trümmer gelegt ward, Millionen griechischer und römischer Proselyten durch die jüdische Diaspora gewonnen wurden, so spricht mancher Hinweis dafür, daß auch in Persien nnd Babel im sechsten vorchristlichen Jahrhundert das Jndentnm unter den Heiden begeisterte Anhänger fand. Im 56. Kapitel des Jesaias richtet sich dieprophetische Predigt an sie: „Nicht spreche der Fremde, der sich dem Ewigen znwendet: Mich hat der Ewige von Seinem Volke abgesondert, und nicht spreche der Verschnittene: Siehe, ich bin ein dürres Holz. Denn so spricht der Ewige zu den Verschnittenen: die meinen Sabbath hüten und erwählen, woran ich Gefallen habe und festhalten au Meinem Bund: Ich gebe ihnen in meinem Hanse und in meinen Mauern Hand nnd Namen, besser als Söhne und Töchter, einen ewigen Namen gebe Ich ihnen, der nicht ausgerottet werden kann. Und die Fremden, die sich dem Ewigen angeschlossen, Ihm zu dienen und den Namen des Ewigen zu lieben. Ihm Diener zu sein, jeden, der den Sabbath hält und Meinen Bund wahret, sie bringe ich zu Meinem heiligen Berge und erfreue sie in Meinem Bethanse, ihre Opfer und Gaben sind wohlgefällig auf Meinem Altar, denn mein Haus ist ein Bethans für alle Völker". Diesem bedeutsamen Thema sind zwei biblische Bücher gewidmet. Die liebliche altpalästinische Dorfidylle Ruth läßt den Messiaskönig von einer moabitischen Proselytiu abstammen, deren hingebende Liebe überaus innig geschildert wird; und das Buch Jona rügt die Engherzigkeit Jener, die sich um die sittliche Gesundheit der Heidenvölker nicht kümmern, und zeigt, wie der Ewige an der Bekehrung der Heidenstadt Ninive seine Freude hat. In den Sprüchen Salomos sind die Sittenlehren allgemein menschlich gefaßt. Im „Prediger Salomo" ist die philosophische Erwägung keineswegs national beschränkt. Im Buche Hiob wird die Frage, warum es den Frommen hinieden oft schlecht geht, an einem edlen Heiden zur Darstellung gebracht. Und in den Psalmen, wo sich die jüdische Volksseele so gewaltig und ergreifend ausspricht, wo sie ihre Freuden ausjubelt und ihre Schmerzen ausweint, wo schon lange vor dem „Neuen Testament" das Kindschaftsverhältnis auch des e i nz e l n e u Menschen zu seinem Gotte die Grundlage der Frömmigkeit bildet (vgl. Ps. 103, 13), find eit sich herrliche Aeußernngen, die keine nationalen Schranken kennen nnd den Geist reinster, edelster Menschlichkeit atmen. Ren ans Vorbild folgend, weisen wir als Belegstelle nur ans den fünfzehnten Psalm hin. Hier wird d i e F r a g e aufgeworfen, lv e r der Ger, d. h. der S ch ü tz l i n g Gottes i st n n D a l s solcher d a s A11 r e et) t h a t, in d e r N ä h e s e i n e s T e m p e l s zu wohnen? Wie w i r d d i e s e F r a g e beantwortet? Wird gesagt, daß nur der Hebräer, der bestimmte kultische Handlungen übt, vorgeschriebene Satzungen beobachtet, dieses Vorrechtes sich erfreut? Weit gefehlt! „Wer in Gradheit wandelt und Recht übt nnd Wahrheit redet in seinem Herzen. Nicht Verleumdung trägt auf seiner Zunge, seinem Nächsten nichts Böses tut und Schimpf nicht znfügt seinem Nebenmenschen. In dessen Ang der Wicht verachtet ist, und der des Ewigen Verehrer schätzt und sein Gelübde nimmer bricht; sein Geld nicht gibt auf Zins nnd Bestechung gegen den Unschuldigen nicht nimmt: wer solches tut. der wanket nimmer." Eine Gottesverehrung, wie die hier geforderte, bei der es vor allem auf die Betätigung des sittlich Guten ankommt, ist ihrer ganzen Anlage nach universell; ihr Gipfel und Ziel ist Errichtung der Gottesherrschaft auf Erden, die Erfüllung aller Nationen mit den Idealen der Sittlichkeit nnd Gerechtigkeit. Aber der Talmud! Dieses vielgeschmähte jüdische Nationalarchiv eines Jahrtausends, das ein „zeremonielles Ghetto um Israel geschaffen", dieser Talmud ist doch gewiß von der prophetischen Höhe universaler Welt- und Menschenauffassnng weit herabgeglitten? Der Talmud ist ein großer Sprechsaal, wo Tausende zu Worte kommen. Ein Mann, dem der Haß die Eltern gemordet, das Weib geschändet, die Kinder geraubt, hat ein Anrecht, seinen Schmerz zu äußern, und es wäre unmenschlich von ihm zu verlangen, daß er sich jeder Anklage nnd jedes Ausrufs des Unwillens enthalte. Darum liest man im Talmud — allerdings auffallend selten — Aussprüche, die ans den ersten Blick und aus dem zeitgeschichtlichen Zusammenhang heransgerissen, wohl partikuralistisch klingen. Die überwiegende Mehrzahl der Meinungen aber, die in seinen Debatten zu Worte kommen, sind getragen von der oben gekennzeichneten prophetischen Gesinnung, die durch kein Hnmanitätsideal. in den Schatten gestellt werden kann. So wird Sabb. 86 b betont, daß die sinaitische Gesetzgebung in siebzig Sprachen erfolgte, das heißt bestimmt ist. dereinst Gemeingut aller siebzig Erdvölker zu werden. — Wer das Recht des Fremden beugt, beugt das .Recht Gottes (Cbagiga 54 a). — Während der christliche Kirchenvater die Tugenden der Heiden glänzende Laster nennt, preist ein rabbinischer Zeitgenosse die Wohltätigkeit der Heiden als ihr Gott wohlgefälliges Opfer. (Saubedrin 105a). Talmudischer Grundsatz ist es, daß die Frommen aller Völker Anteil am ewigen Leben haben. Wie schreibt noch Luther: „Die gottlosen Heiden Sokrates, Aristides, ja der gottlose Numa, der zu Rom alle Abgötterei erst gestiftet hat,sind mit nichteu selig zu nennen." Hören wir weiter! Sanh. 39 b heißt es: „Als die Aegypter in dem Meere versanken, bereiteten sich die Engel vor, ein Freudenlied anzustimmen. Da sprach der Herr: Meine Geschöpfe sinken ins Meer nnd Ihr wollet Lieder singen?!" Im Jalknt lesen wir S. 20b „Israelit oder Heide, Mann oder Frau, Knecht oder Freier, Alle sind gleich für mich; jedes gute Werk ist vom Lohne begleitet." Ebendaselbst S. 20 b und weiter S. 267 a: „Siebe den Ewigen Deinen Gott — dies zeigt an, sich geliebt zu machen von allen seinen Geschöpfen, sich fern zu halten von der Sünde nnd dem Betrug sowohl in Bezug auf Israel, wie a u s d i e H e i d e n und auf jeden Menschen. Wer ein Dieb ist gegen den Götzendiener, wird auch ein Dieb sein gegen ganz Israel. Das Gesetz wurde gegeben um den großen Namen Gottes zu heiligen." Mit diesen beiden, Jalknt-Slelleu haben wir bereits die talmudische Epoche (im engeren Sinne) verlassen und befinden uns im 10. Jahrhundert. Daß die Juden solche Gesinnung auch in den Zeiten fürchterlichster Verfolgung bewahrten, zeigen viele Aeußerungen. R. Inda der Fromme (1217 gestorben) schreibt in seinem Sittenbucbe: „Wenn zwischen Juden und Nichtjuden ein Vertrag zu gegenseitigem Beistand abgeschlossen wurde, müssen erstere Beistand leisten, wenn letztere ihrer Ver-