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Die Wahrheit · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 31. Die Wahrheit willenlos sich preisgegeben sieht, durch Opfer und Gaben sich zu verbinden. Vergöttlichung der Naturkräfte .charakterisiert die Religion auf ihrer niedrigsten Stufe. Daneben wird des Menschen Phantasie von der unwiderstehlichen He r rschaft des Todes energisch beeinflußt, und die Verehrung der abgeschiedenen Geister als Seelen- oder Ahnenkult, kommt auf. Leise hat auch in dieser primitiven Entwicklnngsphase sich das Sittliche in der Religion geregt. Die Götter gelten als Schntzmüchte für alle die Pflichten, die der Einzelne znm I Wohle der Sippe zu erfüllen har. Aber einerseits lassen Naturverehrung und Seelenkult den Glauben an ein höheres, sittlich gutes Wesen nicht recht zum Durchbruch kommen, anderseits liegt es zumal in der Eigenart des Seelenkults begründet, daß die sittlichen Pflichten nur als gegen die Genossen des gleichen Stammes oder derselben Sippe verbindlich anfgefaßt werden. Die Religion in ihren niederen Formen ist naturalistisch und partikularistisch. Das Sittliche steht im Hintergründe und wird überwuchert von allerlei Kultwerk, und soweit es als Verpflichtung empfunden wird, gilt es nur für die Angehörigen desselben Volkes. In Israel wurden die beiden Wurzeln der Religion, Naturverehrung und Ahnenkult, immermehr atrophisch, dagegen erstarkte allgemach die dritte Wurzel, die Ahnung eines höheren sittlich guten Wesens. Es ist das die einzigartige religiöse Genialität Israels, daß es die dritte Wurzel religiösen Lebens, die Vorstellung von einer ethischen Macht ans der Umschlingung der beiden anderen befreite. Diese instinktive Feinfühligkeit für das wahrhaft Wertvolle — in der Sprache der Religion nennt man es Offenbarung — bewirkte es, daß in Israel die naturalistischen und animistischen Wurzelfasern der Religion nach und nach abstarben, bis schließlich durch die Arbeit der religiös-schöpferischen Persönlichkeiten — der Propheten — die Religion als Wandel nach dem Vorbilde des heiligen Gottes erfahren und erfaßt wurde. Es war also die Guadengabe Israels, die Religion aus ihrer naturalistischen und animistischen Gebundenheit zu lösen und den sittlichen Eingottglauben, die ethische Weltreligion zu begründen. Im Folgenden wollen wir den universalistischen Charakter des Judentums dartun. Die christliche Theologie hat ein Interesse daran, die Religion Israels als national beschränkt auszugeben. Dadurch scheint die Existenzberechtigung des Christentums als höhere Religionsform, ja sein Daseinswert als die vollkommene Religion am bündigsten erwiesen. Dem gegenüber wird hier gezeigt werden, wie bereits im alten Judentum die allgemeine Menschenliebe gepredigt und Goit als der Vater aller Wesen erkannt worden ist. Vollständigkeit in den Belegstellen wird nicht angestrebt. Ist es doch nach einem bekannten französischen Worte das untrüglichste Mittel zu langweilen, wenn man alles sagen will, was man über einen Gegenstand im Kopse oder auf dem Her- I zen hat. Die alten talmudischen Lehrer liebten es in Religionsgesprächen, die Grundwahrheiten des Judentums als schon ans dem ersten Blatte der heiligen Urkunde enthalten, ausznzeigen. In der Tat enthalten der Bericht von der Weltschöpfung und die Ursprnngsgeschichte der Menschheit im Keime die Grundideen der ganzen Thora. Alle Menschen sind Nachkommen Adams und Evas, des einen Elternpaares, Ebenbilder und Kinder Gottes und Brüder untereinander. „Deswegen ward nur ein Mensch geschaffen. als Ahnherr aller späteren, damit sie nicht heftig einander befehden. Streit und Feindschaft herrscht auch jetzt; welcher heiße Kampf würde wogen, stammten die Menschen von verschiedenen Ureltern ab!" (Talm. Sanh. 37 a). Auch Mnhammed lehrt in seinem Koran diese tiessittliche Tendenz der biblischen Erzählung vom ersten Menschenpaar: ,.O Ihr Menschen, wir haben Euch von einem Manne und einem Weibe erschaffen und Euch hernach zu Völkern werden lassen, damit Ihr einander zu Liebe kennen möget". Dann wird die Urgeschichte der Menschheit von der heiligen Erzählung in großen Zügen dargestellt und in einer Völkertafel (Oenesis Lax. X) ein Bild der Verzweigung und Verästelung des Menschengeschlechtes ans Erden gegeben. Dieser alle Nationen nmspannende Stanimbaum, der alle Völker unter dem Gesichtspunkt einer großen Familie betrachtet, ist schlechthin eine eigenartige und einzigartige literarische Erscheinung. Wo wäre es je einem heidnischen Geschichtsschreiber eingefallen, die verschiedenen Nationen von einem gemeinsamen Stammhause abzuleuen und sie damit alle als in gleicherweise adelig zu bezeichnen! Selbst in der hindostanischen Mahabharata und in Schriftwerken des christlichen Mittelalters sinden sich nur schwache Ansätze zu einer Anschauung, wie die hier in köstlicher Deutlichkeil ausgesprochene. Unter den Völkern haben die Nachkommen des Semiten Abraham die von Gott ihnen zugewieseue Aufgabe, für die Menschheit ein Segen zu werden, daß durch sie Heil finden alle Familien der Erde (Lienesis XII, 2). Kann wohl gleich beim ersten Auftreten des jüdischen Urahns schärfer betont werden, daß Israels ganzes Dasein nur Sinn hat in der treuen Hingabe an die höchsten Interessen der g e s amte n Menschheit? Diese Wahrheit wird bei der Gesetzgebung aus dem Sinai, wo Jsral die Grundlage seiner Volksknltnr empfängt, ihm noch einmal in feierlicher Eindringlichkeit eingeschärft. „Mir gehört die ganze Erde; Ihr aber sollt mir sein ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk" — eine Aufforderung, die einerseits hervorhebt, daß Israels Gott Herr aller Lande ist, anderseits die Heiligkeit Israels im Interesse der übrigen Nationen, deren Lehrer und Priester es sein soll, verlangt' (Ex. 19, 5 und 6). Bei aller vom Gesetz bewirkten Abgeschlossenheit der biblischen Gottesgemeinde gegen jedweden Einfluß des sie umgebenden Heidentums war sie doch wieder von Anfang an offen für den Fremdling. Die Rücksicht, die das Gesetz ans die inmitten des Bnndesvolkes lebenden Fremden nimmt, sind nach K a i ßlers „Biblische Altertümer" Beweise hochherziger Toleranz und edelster allgemeiner Mettschenliebe. Der Ausländer, der in den Städten Israels weilte, lebte ohne Verpflichtung zur Annahme der Beschneidung als Beisaß unter dem heiligen Volke mit dem Recht des Opfers und Gebets im Heiligtum (Lev. XXIII, 25) Das Gebot „Du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst" (Lev. XIX, 18), wird, um Mißverständnissen vorzitbeugen, Lev. XIX, 34) als auch aus den Fremde n anzuwenden, hervorgehoben. „Wenn bei Eltch in Euren Landen ein Fremder weilt, sollt Ihr ihn nicht bedrücken. Wie der Einheimische sei Euch der Fremde, der bei Euch weilt, und Du sollst ihn lieben wie Dich selbst. Auch Ihr wäret ja Fremde im Lande Aegypten. Ich bin der Ewige, Euer Gott." ('.Lev. XIX, 34). Die Verpflichtungen, denen der heidnische Fremde unterworfen war, begreifen sich aus dem Bestreben, das jüdische Volk vor Verführung zu götzendienerischen Unsitten zu schützen. So sind die auch für die Fremden verbindlichen Verbote, die Untersagung des Blutgennffes, der Gotteslästerung, desKindesopsers zu bewerten. Treffend sagt Lazarus: „Israel mußte partikularistisch bleiben, um universalistisch wirken zu können". Zu einer Zeit, wo die übrige Knlmrmenschheit keinerlei Schonung und Rücksicht gegen die Fremden kannte, betete ein israelitischer König (I. Reg. 8. 42—43): „Und auch der Ausländer, der nicht von Deinem Volke Israel ist und aus fremden Laude um Deines Namens willen kommt — denn sie werden hören von Deinem großen Namen und Deiner starken Hand und Deinem ausgebreiteten Arm — und betet in diesem Hanse, so höre Du im Himmel, der Stätte Deines Sitzes, und tue, wie zu Dir rnft der Heide, aus daß alle Völker der Erde Deinen Namen erkennen und Dich verehren wie Dein Volk Israel!" Man fühlt ans diesen Worten, die übrigens das katholische Rom beim Portiunkulasest in der Kirche Santa Maria degli Angeli sich angeeignet hat, die glühende Sehnsucht heraus nach jener Zeit, da die Fülle der Heiden die jüdischen Heilswahrheiten anerkennt. Und schon in früherer Königszeit wird uns wirklich von einer ergreifenden Bekehrnngsgeschichte berichtet. Ter mit Aussatz behaftete Syrierfeldherr Naeman wird durch eine jüdische Kriegsgefangene aus die Gotteskraft des Propheten Elisa gewiesen. Dieser heilt ihn körperlich und seelisch, und Naeman bekennt: „Keinen Gott gibt es aller Lande, reite o fi-* '

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