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Die Wahrheit · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 30 Die Wahrheit Leite 5. Kanrat Milhelm Stiaßny. E i n G e d e n! b l a t t. Der im September 1906 eingeweihte Jubiläum stempel in Prag gehört unstreitig zu den herrlichsten Schöpfungen des kürzlich verewigten Meisters der Baukunst S r i a ß n y. Mag auch das orientalisch farbenfrohe Aeußere dieses Tempels unser au die nüchterne Farbennniformität des Straßenbildes gewöhntes Auge beim ersten Erblicken befremden, so zwingt der Eintritt in das Hans jedem Beschauer höchsten Respekt vor der Kunst des genialen Architekten ab. Treffend zeichnete den zauberhaften Eindruck, den dieser Blick bietet, ein kunstsinniger Priester, Rabbiner Dr. Stern in Saaz, mit den Worten: Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht! —Und kais. Rat Dr. Lieben, der Sekretär der Wiener Kultusgemeinde, stellte diesen Tempel sogar als den schönsten Oesterreichs hin. Banrat S t i a ß n y widmete der Fertigstellung dieses Gotteshauses, wahrscheinlich des letzten, das er erbaute, seine brsten Kräfte. Er empfand es mit besonderer Freude, daß nunmehr auch im Weichbilde Prags ein heiliges Bauwerk den Ruhm seiner Knust künden sollte. (Bis dahin war nur der prachtvolle Tempel in Köuigl. Weinberge, einer Vorstadt Prags, von ihm erbaut worden.) Seiner Sorgfalt entging nicht das allergeringste Detail; jede Farbennuance der Malerei, jeder Buchstabe der Inschriften, die richtige Höhenlage des Ewigen Lichtes. Form, Größe und Anbringung der Beleuchtungskörper, Disposition und Aufstellung der Orgel — um nur einige wenige Züge zu geben — wurden von ihm angegeben, geprüft und wenn nötig, so lange geändert, bis es seinem künstlerischen Sinne entsprach. Er betätigte sich aber für den entstehenden Tempel nicht nur im Bereiche seines eigentlichen Berufes, auch außerhalb dieses wurde der Rat des so vielseitig begabten und gebildeten Mannes eiugeholt und hochgeschätzt. Vor allem interessierte ihn, den bestbekannten Amateurmnsiker, die Wahl des künftigen Oberkautors. Und als ich in seinem Beisein einen Probevortrag im Weinberger Tempel absolviert hatte, konnte ich es ilicht zum geringsten Teile seinem Urteil und Rat danken, daß ich fünf Tage später als Oberkantor des Jubilänmstempels bestellt wurde. Dieser Umstand ermöglichte es mir, viele genußreiche Stunden mit dem Meister zn verbringen. Bis zur Fertigstellung des Tempels dauerte es noch ungefähr ein halbes Jahr und die zahlreichen Konferenzen, zn denen das Exekutivkomitee mich berief, brachte mir beinahe jedesmal ein Zusammentreffen mit Banrat Stiaßny und seiner hochsinnigen Gemahlin; interessante Gespräche über die verschiedensten Themata, über akustische Probleme, über die Stellung des Kantors, die er sehrhoch wertete, hauptsächlich aber über Musik, folgten in der Regel den offiziellen Sitzungen. — Vieles ist mir davon in Erinnerung geblieben. Zum Beispiel interessierte ich mich dafür, ob den Architekten bekannt sei, welche Umstände einem Raume die mehr oder minder gute Akustik verleihen. Der Meister erwiderte, daß nicht alle Gesetze hiefür bestimmt seien und daß das Gelingen der „guten Akustik" meist ein Werk des Zufalls sei; jedoch habe jeder erfahrene Baumeister gewisse, aus seiner Praxis gewonnene „Vorteile", die er auwende; auch er habe bei seinen zahlreichen Tempelbauten manches konstatiert, und eine seiner Erfahrungen wolle er mir verraten: die gerade (nicht gewölbte) Decke. — Ein andermal bemerkte ich, daß das Anbringen des Chores und der Orgel oberhalb der Heiligen Lade akustisch sehr vorteilhaft sei, da hiedurch ein exaktes Zusammenwirken mit dem Kantor ermöglicht wird, was bei der rückwärtigen Plazierung wegen der relativen Trägheit des Schalles intb des dadurch bedingten, bei großen Tempeln geradezu meßbaren Zeitunterschiedes im Toneiutritte des Kantors und der Orgel, beziehungsweise des Chores, ausgeschlossen erscheint. Darauf replizierte der Meister, daß er dies wohl anerkenne. nichtsdestoweniger aber niemals Chor und Orgel vorne plaziert habe und plazieren werde, denn als Jude sowohl, wie als Aesthet müsse er daran festhalten, daß über der Heiligen Lade sich nichts befinden dürfe; sie muß die Krönung des ganzen Baues sein. — Einst erwähnte er, daß in jedem seiner Tempel als Ornament ein stylisierter Baum, der „Ez chajjim“ angebracht sei, und er deshalb bei jeder Tempeleinweihnng den gleichnamigen E-dnr-Chor Snlzers zu hören wünsche. Ueberhaupt bol die Feststellung des musikalischen Programmes für die Einweihungsfeier eine Fülle des iuleressantesten Gesprächsstoffes. Dabei zeigte Banrai Stiaßny eine tiefe, ja rührende Verehrung für Sulzer und sein Werk. Als ich mich darüber erfreut äußerte, erzählte er, daß einer der größten Bewunderer Snlzers der ehemalige, nunmehr verstorbene Fiuauzminister Dr. Emil Sleinbach gewesen sei; er hätte ihm gegenüber oft geäußert, daß die ganze Poesie seiner Kindheit vor ihm aufsteige, so oft er eine Melodie Snlzers höre. =— Nebst dem oberwühnten „Ez cliajjim“ wünschte Banrai Stiaßny auch das Es-dnr-Od’cho und das populäre „Hallelujah“ (Psalm 150) aus dem Schir Zion ausgenommen zn wissen. Mein Hinweis aus den nicht gerade imponierenden ästhetischen Hochstand des letzten Chores rührte den „geaichten" Sulzerianer natürlich nicht; erst meine Bemerkiina. daß er überhaupt kein Werk Snlzers sei, ließ ihn meiner Wahl, die aus eine Vertorinng Lewandowskys gefallen war. sofort znstimmen. Nach der Einweihnngsseierlichkeit äußerte er ieiti ganz besonderes Wohlgefallen über diesen Chor, der während des Einzuges der Tborarolleu (deren der Tempel 51 besitzt, von denen jedoch wegen der Ranmverhälrnisse der Heiligen Lade nur 14 Verwendung finden konnten) erklang. Die Einweihung bot dem vielseitigen Meister Gelegenheit, eiu weiteres seiner zahlreichen Talente zn offenbaren: die Rednergabe. Die Rede, die er als Architekt an die Gemeinde und an die vielen erschienenen Dignilüre. an deren Spitze den Statthalter von Böhmen, richtete, war ein Meisterwerk. Unvergeßlich bleibt mir insbesondere die Wärme, mit der er von Prag, „dieser wahrhast königlichen Stadt" sprach. Die ganze große Bewunderung des Kenners für ihre ntivergleichlichen Schönheiten und die helle Freude darüber, in ihrer Mitte ein Denkmal seiner hohen Kunst errichtet zn sehen, sprach daraus. Baurat Wilhelm Stiaßny ist nun von hinnen gegangen. Aber in den Gotteshäusern, die er erbaut, wird man noch nach Jahrhunderten Gottes Lob singen und preisen. L'maan j‘sammercho chowöd w'lö jiddöni. Leo Kornitze r. Indentanfen. lieber dieses höchst aktuelle Thema hat vor kurzem Herr- Rabbiner Dr. Werner in München einen Vortrag gehalten, dessen nachfolgende auszugsweise Wiedergabe, bei dem großen Interesse, das sowohl das Thema als auch der Vortragende allseits erregt, unseren Lesern willkommen sein dürfte. Als Rabbiner der größten Gemeinde Bayerns habe ich in meinem Amt nur allzuoft die Möglichkeit, in die Seele der Täuflinge zu schauen. Nach preußischem Gesetz har derjenige, welcher das Judentum verläßt, um sich der christlichen Religion zuzuwenden, bei dem zuständigen Gericht seinen Austritt ans dem Judentum zn erklären; dann vollzieht der Geistliche die von dem Apostaten gewünschte Taufe, Anders sind die betreffenden gesetzlichen Bestimmungen in meinem engeren Vaterlande. Da muß ein jeder, der die Zugehörigkeit zu seiner angeborenen Religion aufgeben will, nicht vor dem Richter, sondern vor dem zuständigen Geistlichen seine Willenserklärung persönlich abgeben. Erst nachdem dies geschehen ist, kann er zu einer anderen Religion übertreten. Der Gesetzgeber wollte es dem Geistlichen ermöglichen, seinen Einfluß zur Geltung zu bringen. Fünfzehn Jahre walte ich jetzt meines Amtes in Bayern und während dieser langen Zeit halte ich oft, ach, zu oft, Erklärungen entgegenzunehmen, mit denen Juden sich von ^der Mutterreligion lossagten. Selbstverständlich habe ich, treu der gebotenen Pflicht, zu retten gesucht, so weit noch zu retten war. In den allermeisten Fällen war der Entschluß der zum Abfall Bereiten unabwendbar; zu den feltenfteu Ausnahmen gehörte es, wenn es mir gelang, solchen Entschluß zum Wanken zu bringen. In die Tiefe der Seelen dieser Renegaten konnte ich oft schauen und Stunden habe ich dabei erlebt, in

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