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Die Wahrheit · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 30- Seelsorger Lichthammer in Darmstadt, dessen Nachkommen noch dort existieren. Die junge, gemütvolle, von tiefer Religion durchdrungene Fürstentochter schreibt: „Ich reiße mich los von jenem herrlichen Buche, welches Ihre Güte mir vor einiger Zeit gab, tim nicht bloß meinen Dank Ihnen noch einmal mitzuteilen, sondern ich füge die Bitte hinzu, mir das Buch Mendelssohns von der Unsterblichkeit von Frankfurt kommen zu lassen. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr glücklich mich das Buch macht; die Lehren, die es enthält, sind so tvahr, so treffend unb gilt, daß es mir ein wahrer Schatz für meine Seele geworden ist. Meine Seele wünscht außerordentlich sich zu bilden und sich nützliche Kenntnisse der Menschen, des Geistes der vergangenen Welten zu sammeln. Verhelfen Sie mir dazu. Ich bitte Sie. Ich beschäftige mich immer, aber was ist eine Monatsschrift, eine hübsche Zeichnung, eine schöne Sonate für den Geist? Es zerstreut ihn wohl, aber gibt ihm keine Kraft, denn so gut wie der Kötzer nicht vom Anschaueu und Auhöreu leben kann, ebensogut kann die Seele keinen Fortschritt machen, wenn sie keinen Stoff zum Denken hat." * * Gegenüber den in einigen Blättern wiedergegebenen Berichten über Judenverfolgungen in Bulgarien wird aus Sofia nachstehendes berichtet: Die „Agence Telegraphiere Bulgare“ setzt den von Belgrader Blättern gebrachten Meldungen über angebliche antisemitische Verfolgungen und Ansivanderungen jüdischer Familien aus Bulgarien das formelle Dementi entgegen. Ein Zirkular des Ministers des Innern, das diesen phantastischen Nachrichten vermutlich als Grundlage dient, konstatiert bloß zwei oder drei vereinzelt gebliebene Fälle, wo hergelaufene Individuen die Naivität des Volkes auszubeuten suchten, indem sie die Legende von der rituellen Verwendung von Christenblut durch die Juden wieder anssrischten. In Bulgarien bestehen keinerlei antisemitische Regungen. Im Anschluß daran sei mitgeteilt, daß der König von Bulgarien, der vor kurzem in Paris weilte, im Hanse des bekannten Gelehrten und Publizisten Josef Re in ach an einem Frühstück teilnahm und sich sehr begeistert über die dort verbrachten, unvergeßlichen Stunden aussprach. Hoffentlich entnimmt er dem Umgänge mit so ausgezeichneten Vertretern des Jndentums eine gerechte Schätzung auch seiner jüdischen Untertanen. Der Präsident der russischen Reichsdnma G u t s ch k o w, der auf der Durchreise nach Sofia zum Panslavistenkongreß Odessa passierte, empfing den Vertreter der „Odeßkija Nowosty" und hatte mit ihm ein längeres Gespräch über die Judenfrage. Gutschkow sprach die Vermutung aus, daß die Gesetzesvorlage wegen Aushebung des Ansiedlungsrayons von der Duma mit der Einschränkung angenommen wird, daß den Juden das Wohnrecht in den Städten, keineswegs aber in den Dörfern eingeräumt wird. Bezüglich der jüdischen Schulnot erklärte Gutschow offenherzig, daß er gegen die Aufhebung der Prozentnorm für jüdische Aspiranten ist, da in diesem Falle die Juden sehr bald die autochthonen Elemente aus den Schulen verdrängen würden. Hingegen ist Gutschkow für eine Vermehrung der staatlichen Schulen; dadurch würden sich auch der jüdischen Schuljugend neue Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Gutschkow verwies schließlich auf die in den Kreisen der Rechten geplante Vorlage betreffs Schaffung einer speziellen Hochschule für die Jude ti, während die allgemeinen Hochschulen für sie ganz gesperrt werden sollen. Auf diese Weise würden die jüdischen Abiturienten Unterkunft finden und die russische Jugend von dem „demoralisierenden politischen Einfluß der Juden" bewahrt bleiben. Man sollte es garnicht glauben, von welch zärtlicher Fürsorge für das Wohl der studierenden jüdischen Jugend die herrschenden Parteien in Rußland beseelt sind. Nun wollen sie sogar eine eigene jüdische Hochschule gründen... Man darf der angekündigten Vorlage der Rechten mit einiger Spannung entgegensehen. * * * In der Liste des „Birthday Hononrs", die am Geburtstag des verstorbenen Königs von England publiziert worden ist, befinden sich auch drei jüdische Namen: Mr. Alfred Mond, Mitglied des Parlaments, Mr. Adolf T it ck. ein bekannter Führer im jüdischen Gemeindeleben, und Mr. Carl M e y e r. Alle drei sind vom König in den erblichen Baron et stand erhoben worden. Adolf Soilneitlhal als Selrermer. Mit einem u n g e d r u ck t e n Briefe S o n n e n t h a l s. Von Adolf Kohut.Z Ueber Adolf S o n u e n t h a l, dessen Grabdenkmal jüngst in aller Stille auf dem Döblinger Friedhofe ausgestellt wurde, hat man eine kleine Literatur zilsammengeschrieben. — Bisher war jedoch seine Stellung zu religiösen Fragen noch nnbekannt, wenn man auch wußte, daß der von seinem Kaiser, Franz Joses I. und anderen Potentaten mit Titeln und Orden so ausgezeichnete Künstler fest am Glauben seiner Väter hing und dem Judeutuin treu ergeben war. Durch die Freundlichkeit des hervorragenden Kauzelreduers und namhaften Gelehrten, Predigers Dr. D. L e i m- Dörfer in H und arg, bin ich in die Lage versetzt worden, hier einen bisher ungedrnckten, hochinteressanten Brief des berühmten Meisters zum ersten Mal veröffentlichen zu können, der um so beachtenswerter erscheint, weil Sonnenthal sich darin als Bekenner in religiöser Beziehung und namentlich als schneidiger Gegner des Antisemitismus offenbart. Der an den Genannten gerichtete Brief hat folgenden Wortlaut: „E u er H o ch w ü r d e n! haben mir durch Uebersendung Ihrer höchst geist- und inhaltreichen Predigt eine anregende, ja andachtsvolle Stunde bereitet. Ihr Thema, der einalleinige Gottesgedanke, ist es ja, was uns zu Inden macht, und er allein ist der feste Kitt, nicht, wie Sie ganz zutreffend den Dichter verbessern, des „morschen", sondern des vielmehr unauflöslichen Bundes, der uns znsammenhält und der uns die Kraft verleiht, dieser verpesteten Seuche der sogenannten „neuen Zeit", dem Antisemitismus, die Stirne zu bieten. Ich selbst, wenn auch nach unseren heiligen Dogmen nicht religiös, doch bis in die innersten Fajern meines Herzens Jude, ich begrüße eine solche erhebende und nenbelebende Stimme wie die Ihrige jederzeit mit dankbarem Enthusiasmus, und wo ich selbst im stillen oder auch ganz laut mein Scherflein beitragen kann, tue ich es immer. — Als ich vor einigen Jahren zum erstenmal Lessings „Nathan" spielte, wurde mir von verschiedenen Seiten große Atterkennnng zuteil und auch eine fürstliche Gönnerin von mir ließ mich zu sich'rufen und überschüttete mich mit Lobeserhebungen. „Durchlaucht," erwiderte ich, „diesmal hat der Künstler weniger Anteil an dem Erfolge gehabt als vielmehr der Jude in mir, der mich für meine Aufgabe begeisterte. Es war mir geradezu Wollust, einmal von meiner Kanzel herab, mein schmerzerfülltes Herz anszuschütten." Die Fürstin sah mich eine Weile überrascht an, dann drückte sie mir stumm die Hand — es war die Fürstin Pauline Metternich. Noch ganz besonders Dank muß ich Hochwürden aber sagen, daß Sie in so warnten, schwungvollen Worten unserer unglücklichen Kaiserin gedachten, deren Schicksal wohl zu den entsetzlichsten und zugleich erschütterndsten unseres Jahrhunderts gehört. Nochmals Dank von ganzem Herzen, und empfangen Sie zugleich den Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung, mit welcher ich verbleibe Ew. Hochwürden ganz ergebener Sonnenthal." Wien, 8. November 1898.

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