Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr, 29 Die Wahrheit Seite 7. Türkei Gebrauch zu macheu uud eine großzügige Kolouiiatiou osteuropäischer Juden nach gesunden, geschäftsmäßigen Prinzipien im Orient zu eröffnen, hat mm auch in England Änklang gefunden. Am 7. Juli ist von angesehenen englischen Glaubensgenossen eine „E n g 1 i s h Division of the •G ener al Je wish 0 o 1 o-u izing Organisation“ mit einem Londoner Komitee an der Spitze ins Leben gerufen worden. Nach mehrwöchentlichen Unterhandlungen und vorbereitenden Arbeiten, die der erste Vorsitzende der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation Dr. Isidor Ginsberg und Dr. Alfred N o s s i g. der Vorsitzende des geschäflsführenden Ausschusses, dnrchgesührt hatten, wurde im Saal Richelieu des Hotel Cecil in London ein Meeting veranstaltet. Den Vorsitz führte Mr. Leopold Joseph. Direktor des „Schweizer Bankvereines." Es ist der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisatlvns- Organisalion" gelungen — führte Direktor Joseph in feiner Eröffnungsansprache aus — Kreise, die sich der Kolonisations- Idee gegenüber ansangs mehr als zurückhaltend verhielten, von der Notwendigkeit ihres Werkes und den praktischen Vorzügen ihrer Methode zu überzeugen. Diese Methode besteht darin, die Kolonisäuonsarbeit auf gesicherter rechtlicher Grundlage und nach geschäftsmäßigen Prinzipien baldmöglichst zu beginnen und eine Verständigung zwischen allen jüdischen Organisationen ans diesem gangbaren Wege herbeiznführen. Die jüdischen Philantropen aller Länder werden das Unternehmen der ..Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" unterstützen und insbesondere die englische Jndenheit wird ihm ihren Schutz angedeihen lassen. Schon gelegentlich dieses Meetings sind dem Komitee zahlreiche Spenden und Sympathiekundgebungen zngekommen, die darin übereinstimmen, daß für eine Kolonisativnsorganisation von wirtschaftlich humanitärem Charakter in England Raum vorhanden sei. Der Plan, in der Türkei ein Ansiedlnngsgebiet für die Juden zu schaffen, kann nur im Einvernehmen mil der türkischen Regierung dnrchgesührt werden. Die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" ist die einzige jüdische Organisation, der es gelungen ist, die volle und offene Unterstützung der Pforte zu gewinnen. Die Znsichernngen, welche der Großvesier H i l m i Pascha Dr. Alfred N o s s i g erteilt hat. bestehen unverändert in Kraft. Unter den Kundgebungen, die der Vorsitzende nun zur Verlesung brachte und die unter anderem vom Chief-Rabbi Dr. Adler, David Allatini und James Carle llo herrührten, verdient ein Brief von Artur E. Franklin besonderes Interesse. Mr. A. E. F r a n k l i n, der seine volle Sympathie mit den Bestrebungen der ..Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" zum Ausdruck brachte, weilte vor kurzem in Konstantinopel, wo er als Schwager des Ministers Herbert S a m n e l bei den Mitgliedern des Kabinetts eingeführt wurde. In der Frage der jüdischen Einwanderung nach der Türkei erhielt Mr. A. E. F r a u k l i n von dem g e g e nw ä r l i g e u Großvesir Erklärungen, die mit den von H i l m i Pascha abgegebenen vollständig übereinstimmen. Die Geschichte würde hinsichtlich der Behandlung, die die ottomanische Nation den Inden angedeihen läßt, sicherlich ein günstiges Verdikt fällen. Wenn die jüdische Einwanderung nach der Türkei znnehmen sollte, so könnte er dafür bürgen, daß die Juden von dem Mohammedaiiern nie belästigt werden würden. Eine unbegrenzte Einwanderung von völlig mittellosen osteuropäischen Inden nach Jerusalem, die dorthin kommen, um von 'Almosen zu leben, könne nicht gestattet werden, weil das Elend dort schon zu groß sei und eine Gefahr für den Staat bilde. Insoweit aber die Einwanderung sich auf solche Inden beschränken würde, die über genügende Unterhaltungsmittel verfügen, die ein Gewerbe betreiben oder für deren Existenz eine Institution sich verbürgt, wäre er bereit, ihnen die Einwanderung zu gestalten und ihnen das ottomanische Bürgerrecht zu erteilen. Auch fei er geneigt, große Gebiete von den Staatsdomänen für russische und rumänische Emigranten, welche Ackerbauer werden wdllen, zu verkaufen. Die Schaffung industrieller Betriebe durch jüd-ifche Einwanderer würde er ebenfalls als Vorteil für den Staat betrachten. Aus den nun folgenden Ansführnngen von Dr. Isidor Giusberg, die in Abwesenheit des zur Abreise gezwungenen Referenten vorgeleseu wurden, ersah mau, daß die Kolouisatiouspläne der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" mit den Anschauungen der lürklschen Regierung übereinstimmen. Die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" wird bestrebt sein, das neue Ansiedlungswerk ans eine gesunde wirtschaftliche Basis zu stellen. In erster Linie sollen bemittelte und bernstich qualifizierte Elemente als Pioniere der Kolonisation herangezogen werden. Es wird die Gründung einer Landkompagnie nach kaufmännischen Prinzipien vorbereitet, die Grundstücke in urbarem Zustande an die Kolonisten verkaufen wird. Eine Reihe von Mitgliedern der ..Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" hat sich gleich dem .Neserenlen bereit erklärt, an dieser Landkvmpagnie mil namhaften Beträgen sich zu beteiligen. Das Kolonisationswerk wird schon in baldiger Zukunft beginnen und sicherlich nicht nur den osteuropäischen Inden, sondern auch der Türkei Segen bringen. Die Laudkompagnie verfolgt einen Humanitären Zweck, aber das investierte Kapital soll wie bei jedem anderen geschäftlichen Unternehmen verzinst werden. Einem derartigen Plane wird die englische Jndenheit ihre Unterstützung sicherlich nicht verweigern. Dr. G i n s b e r g schloß mit der Aufforderung au die Anwesenden, eine englische Abteilting der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" zu gründen. Dr. Alfred N o s s i g, mit Beifall begrüßt, erstattete zunächst über die Slellnnguahme der türkischen Regierung zu dem Kolonisationsplane der ..Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation" Bericht und begründete dann ausführlich die Notwendigkeit der Beteiligung der englischen Glaubensgenossen an der Leitung und den Arbeiten der Organisation. Die politischen Verhältnisse in der Türkei bringen es mit sich, daß das jüdische Kolonisationswerk nur dann eine gesicherte Entwicklung nehmen kann, wenn es unter dem Schutze der jüdischen Bevölkerung aller Großmächte steht. Daher wurde die ..Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" vom Anfang an als internationale, allgemein jüdische Organisation begründet. Die deutschen Inden, deren Opferwilligkeit und Organisationstalent die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" io viel zu verdanken hat beanspruchen keinerlei Hegemonie. Gerade sie legen das größte Gewicht darauf, daß neben den Spitzen der russischen und österreichischen Jndenheit auch namhafte Vertreter der englischen und amerikanischen Glanbensgenosfen der Leitung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" angehören. Diesen Zusammenschluß aller Gruppen der Jndenheit erfordert auch schon die Größe des Unternehmens. In dem bedeutsamen Augenblick, wo eine liberale Regierung und ein judenfrenndliches Volk die Möglichkeit der Schaffung eines jüdischen Ansiedlungsgebietes bieten, müssen alle trennenden Momente überwunden werden. Es gilt, mit vereinten Kräften ein großes Retinngswerk dnrchzuführen. Nach den Referaten von Dr. G i n s b e r g und Doktor N o s s i g. die in englischer Sprache erstattet wurden, ergriff der bekannte Philantrop. Mr. Hermann Land a u das Wort. Ich habe den Orient auf mehrfachen .Reisen lennen gelernt — führte Mr. Land a u aus — und weiß, wie fruchtbar er ist. Der Minister der öffentlichen Arbeiten in Aegypten stellte mir einen hervorragenden Fachmann zur Verfügung, mit dem ich Palästina bereiste. Als wir das Jordantal durchquerten, sagte mir mein Begleiter: „Diese Landstrecke ist überaus fruchtbar und fast völlig unbebaut. Sie könnte eine halbe Million Menschen ernähren." Der Plan der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation" ist vortrefflich, aber er muß in größtem Stil durchgeführt werden. Es muß mit einem Kapital von vielen Millionen ein ..Credit foncier' für das jüdische Ansiedlungsgebiet geschaffen werden. Ich glaube, es gibt keinen Inden, der dieses Werk nicht nnlerstützen würde, wenn die türkische Regierung die genügenden Sicherheiten gibt. Ich selbst bin bereit, eine sehr beträchtliche Anzahl von Anteilen zu übernehmen und bin überzeugt, daß die einstnßreichsten Glanbensgenosfen diese Institution fördern werden. Wir müssen die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Organisation" in die Lage 'jSrS