Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/3062972-3063520-3063549--06773-3073804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6. Die Wahrheit Nr. 29. ihm daher zur lebhaften Freude und inneren Befriedigung, als der Ruf an ihn erging, in den Vorstand der Chewra-Kadischa, der altehrwnrdigen Bruderschaft, einzutreten, dieser glänzenden Emanation der jüdischen Volksseele, die auf ihre Fahne „G-emilatk Chassodim". öas ift fcie Verkörperung der reinsten und lautersten, alle Menschen in brüderlicher Liebe umfassenden Humanität geschrieben hat. Ich erfülle eine schmerzliche Pflicht, wenn ich im Namen und im Aufträge der genannten Körperschaften dem edlen Dahingeschiedenen den heißen Dank für die Aufopferung und Hingebung, mit der er sich ihnen widmete, ansspreche und das Gelöbnis ablege, daß wir jene unbegrenzte Hochachtung und innige Verehrung, mit der wir zu ihm emporblickten, auch über das Grab hinaus Iren bewahren werden. Mögen wir Trost und Beruhigung in dem Bewußtsein finden, daß er unser war. in unserer Mitte lebte und wirkte, daß die leuchtenden Spuren seines Daseins nicht verlöschen, seine Werke noch in den spätesten Zeiten seinen Ruhm künden inid fein Andenken als eine Zierde der Menschheit und als ein Stolz des Judentums stets ein gesegnetes bleiben werde. Es sprachen weiter namens der politischen Freunde Gemeinderat Dr. Ritter v. Dorn, Professor Dr. Ehrmann für die Loge „Bne Brith" in Wien, Architekt Dr. Fa y a u s für die Zeutralvereinignng der österreichischen Architekten und Präsident S. B r o d namens des Vereines zur Förderung der Gewerbe. Hierauf wurde der Sarg gehoben und zu dem von der Kultnsgemeinde gewidmeten Ehrengrabe geleitet. Hier wurde vom Chore noch „Scliiwissi“ gesungen, und nachdem der Sarg ins Grab gesenkt worden war, rezitierte Oberkantor S ch o r r das traditionelleres mole racliamim“ in stimmungsvoller Weife, womit die Tranerfeier beendet war. Die beiden „D". Die große Ansmerksamkeit, die seitens der gefammten österreichischen Presse dem „Falle Hofrichter" auch nach Fällung des Urteils noch gewidmet wird, veranlaßt ein Schweizer israel. Familienblatt zu folgenden ebenso aktuellen als zntreffenden Bemerkungen: „Die Verurteilung des ehemaligen Oberleutnants Hofrichler zu zwanzigjähriger Kerkerhaft wird in der österreichischen Presse vielfach kommentiert. Alle aber stimmen darin überein, daß die österreichische Militärprozeßvrdnnng veraltet und durchaus nicht mehr zeitgemäß sei. Ein ernstes Blatt brachte die Meldung, daß selbst der oberste Kriegsherr sich über die noch immer in Kraft stehende militärische Prozeßordnung sehr abfällig geäußert und sie als sehr reformbedürftig bezeichnet habe. Die Vernrleilnng Hofrichters und die daran von der gesamten Presse und der breiten Oeffentlichkeit geknüpfte Diskussion bringt tms aber eine andere Verurteilung in Erinnerung, die in unserer schnellebigen Zeit als längst vergessen betrachtet wird: die Verurteilung Hilsners zum Tode und seine Begnadigung zn lebenslänglichem Gesünguis. H o f r i ch t e r und H i l s n e r! Welch gewaltiger Unterschied zwischen diesen beiden Verurteilten. Jener ein Soldat, ein Zögling des Generalstabes, an der Tour zum Haiipunann zu avancieren. Intelligent, den vornehmsten Kreisen angehörend, vermögend, wenn auch nicht reich, angesehen und geachtet, dazu berufen, die Mannschaften zu tüchtigen Verteidigern des Vaterlandes heranznbilden, eidlich verpflichtet, jederzeit Blut und Gut der Ehre und dem Ruhme des Vaterlandes zn opfern. Hilsner hingegen ein gewöhnlicher Schusterjunge, zn nnintclligent, dieses Handwerk richtig zn erlernen, halb verdummt, in einer ärmlichen Jndengasse anferzogen, vom Hausierhandel sich küm- Znerlich ernährend. Und trotzdem ist dieser tapferer, mutiger, heldenmütiger als jener. Der arme, halbverblödete Jude und Schusterjunge ein Held im Vergleich zn dem angehendeu Hauptmann der k.!. österreichischen Armee, dem absolvierten Zögling des österreichischen Generalstabes! Beweis: Hilsner wurde, wie es im Urteil ausdrücklich betont, nur wegen Mitschuld an der Ermordung des czechischen Mädchens verurteilt. Das Gericht nahm an, daß ihm zwei Helfershelfer zur Seite standen, da er allein, schon vermöge seiner schwächlichenKönstitntion, den Mord an dem ihn an 'Körperkraft bei weitem überlegenen Mädchen unmöglich ausziiführeu imstande wäre. Auch.die Zeugen im Prozesse Hilsnersprachen-Zimmer von drei Männern, unter denen sie Hilsner an eine Distanz -von 600 Schritt mit Bestimmtheit erkannh haben wollen. .Hilsner hatte also Komplizen, er muß Komplizen gehabt häbeui-dä:.er allein unmöglich den Mord vollbringen konnte,.'.wie das Gericht ausdrücklich .betont. Und trotzdem gibter feine Komplizen-- micht an! Er wurde zum Tode verurteilt,-aber.-er wahrtfern Geheimnis und gibt seine Helfershelfer wicht an:: er.::wurde.!.' zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt, mndchchweigt -trotz .dein; er schmachtet seit 10 Jahren -im -Kerker .und .-verrät trotzdem seine Komplizen nicht. Ist es nicht eiltiHeldenstück...wie es größer und vornehmer nicht gedacht werden, kann. Ein Wort, ans feinem Munde und das Urteil gegen, .ihn wird annulliert und eine neue Verhandlung wird anberanmt und zwei andere -Angeklagte nehmen ans der Anklagebank Platz. Er-könnte gerettet werden, aber er schweigt unb gesteht nichts — dieser feige Jndenjnnge, dieser arme Schnstertehrliiig. Und wie benimmt sich der intelligente, mutige Oberlentstasst -Hvfr.ichter! Schon. in der Untersnchiingshast gesteht eralles.ansFurcht, ausFeigheit, in der Hoffnung, dadurch eine mildere. ^Strafe zu .bekommen. 8 Es ist dies 'keineswegs Seelengröße^. aber die Erleichterung.des 1 schuldbeladenen Gewissens. Dann vor und während der/Per- 1 Handlung widerruft er sein eigenes Geständnis. iiub verlegt .sich 1 abermals aufs Leugnen. Er .-leugnet"stuid" ..reitet.'.- dadurch.-,sein I Leben. Denn dadurch, daß er fein. Geständnis widerrief, sah 8 sich das Militärgericht, genötigt, das. Urteil auf, Grund , her | Indizienbeweise zn fällen, und diese schloßeiidie Todesstrafe.atis. I Hilsner ist also wütiger und tapferer als der. angehende 8 Hauptmann, der sozusagen schonvon Bernfsweßen mutig, und 1 tapfer sein sollte. Jener schweigtrttld /önldft,/dieses leugnet, 1 gesteht und widerruft und rettet dadurch, fein Lebeii, Und da | spricht man noch von der Feigheit der Juden und der Tapfer- | feit der berufsmäßigen Tupfern! / , ' ’. I Aber vielleicht ist der halblstöde- Jndenjnnge weniger 8 vornehm, als man annimmt; vielleicht ist er ebenso feig und 8 vielleicht noch feiger als Hofrichter.- Daß er seine. Komplizen I nicht namhaft macht, mag vielleichtdarailf znri'l^slfnhren. fein, E daß er — gar keine h a t. Hat er' aber -keine Komplizen | und konnte er, iuie das Urteil selber zngibt, allein, ohne fremde Hilfe den Mord nicht begehen, damit ist er nicht der Mörder und schmachtet seit 10 Jahren unschuldig. inr -Gefängnis. Man ist versucht das letztere anznnehmen, obwohl. Hilsner seines Glorienscheines als Held beraubt' wird- Denn warum soll der «Lchnstei junge auch heldenmütiger sein als. ein angehender aktiver Hauptmann? Ist aber dieses der Fall — inib nach, der ganzen Sachlage ist es auch entschieden der Fäll, danp .ist /die Verurteilung Hilsners viel u n g e rechter . u n.dhärter als die Ho frich ters. Und trotzdem wird über die Verfirteilnng Hofrichlers so viel geschrieben., nnh:.gespr.öcheil,-'.'während die Verurteilung Hilsners schon läirgst vergesseii ist.- Vergleicht man ferner die Verurteilung Hilsners zu iebeilslänglichem -Gefängnis mit der Verurteilung - Hofrichters zit./zwauzigjahrigenl Kerker, dann sieht man erst ein, 'daß---har -Mn^.'-Mjmd,.''vy--r-lWt, gegen die österreichische Militärstrasprozeßördliinig loszuziehen und sie gewisser Härten zu zeihen. Denn siesist viel chnmaner lind moderner als die Zivilstrasprozeßördnung. Oder liegt chenn der Grund - wo anders, daß Hilsner eineh" Ritnlnlördes wegen verurteilt wurde? Füllt das Leben.eines czechifchest - Drellstmädchens mehr ins Gewicht, als das/ Leben.: Dles/ Hauptnsaisils und 11 feiner -Kameraden? Möglich,. ^edest-stzÜs-.! .geben.-biejHeiden H. viel zn denken." / . - /'"/,/' ■ Eine englische Abteilung der „Allgemeinen Indischen /KpldnMtiong- Organijation." Der von der „AllgemeilWl.-Zifdischesl' ^ospttifatWtZ- Organisation" vertretene Gedanke,- von heyl,Wlschwnngh,'ist.der