Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 29 Die Wahrheit Seite 5. „Montefiore" und der Jndengemeinde Malaczka, der Präsident der. Loge „Buei- Brith"' in Wien Dr. K n öp f m a ch e r, der Vizepräsident des Vereines „Bnei Brith Eintracht" Ernst Götzl und-die Vizeprüsidentin des Franenhort Frau kais. Rat Fröhlich n. v. a. DieTranerfeier begann mit dem „Hazur tomimu, dasObelkantor frtij; Rat S i n g er, assistiertvon den Kantoren Jnrberger und Mattyas und dem Chorpersonale, in besonders ergreifender'Weise vortrug. Hierauf trat Oberrabbiner Dr. G ü bemann an die Bahre und hielt die Trauerrede, in welcher er mit wenigen aber höchst wirkungsvollen Worten das Leben und Wirken des Heimgegangenen schilderte, der in seinem ganzen glänzenden Lebenslaufeeinen seltenen Idealismus betätigte. Namens des Knltnsvorstandes hielt dann Präsident Dr. Alfred' Ster ü;: folgende Rede: „Wir wären güte Kameraden, gemeinsames Streben und Wirkest vereinigte uns ' durch ein Menschenalter in humanitären und gemeinnützigen, in' Politischen und nichtpolitischen Korpo- § rationell, im. Rate unserer Knltusgemeinde, im Rate unserer Vaterstadt. Wie in dem letzteren, in dem Genieinderale der Stadt Wien, der Dahingeschiedene sein vielninfasselldes, insbesondere sein berufliches und fachwissenschaftliches Könnett, seine Hervorragend künstlerische ideal veranlagte Persönlichkeit in den Dienst der Ällgemeinheit stellte, mag von anderer Seite gewürdigt werden. . Auch unserer gegenüber einer unseligen Bewegung gemeinsam geführten Kümpfe für unsere armen, verfolgten,'bedrückten Glänbensbrüder will ich heute hier an dieser Stelle nicht gedenken. An dieser Stelle des Friedens sei von mir allein und ansschließend ein schmerzbewegtes Abschiedswort für! den Vorstand unserer Knllnsgemeinde, dem' Dahingeschiedenen geinidmet und habe ich Zeugnis äbznlegeN über desien vielnmfasfende, segensreiche Tätigkeit im Dienste unserer Kaltnsgemeinde. Ein Menschenaller, dreißig Jahre im Knltnsvorstande! Welche Wandlungen haben sich innerhalb dieser 'Zeit ergeben! Welche neue Aufgaben sind immer und immer wieder an Den Vorstand herangetreten, an deren Lösung der Dahingeschiedene sich beteiligte, mit seinem ganzen Herzen, mit voller Seele, mit allen feinen Kräften, mit Sachkenntnis, mit aller Liebe und Hingebung! Mochte es sich handeln um Angelegenheiten des Gottesdienstes, des Unterrichtes, insbesondere der Wohlfahrtspflege, welch letztere angesichts der herrschenden Strömung eine weit über die statutarische Grenze hinansreichende Fürsorge des Vorstandes für nufere armen Glänbensbrüder erheischt. Hub da stellen sich dem Blicke entgegen, die Anstalten, die Bauwerke, die mit ihren Steinen Lob und'Preis ihrem Schöpfer sprechen. Da ist unser' Krankenhalls, entstammend einer Stiftung des Hauses Rothschild, erweitert durch einen, allen hygienischen Anforderungen der Neuzeit entsprechenden, herrlichen Znban für eine gynäkologische und eine chirurgische Abteilung. Da ist das Altersversorgnngshails mit senNer gleichfalls durch eine wohltätige Stif- ' tnng erweiterten Siechenabteilung. Da ist das in künstlerischer Ausstattung prangende Mero'res-Stiftnngshans für verwaiste Mädchen und nun das ans Anlaß des Kaiferjnbilänms gegründete Knabenwaisenhäns, dessen Vollendung und Eröffnung zu sehend d,ent Erbauer' leider nicht beschieden ist. Die Steine sprechen, saxa loquunfcur, fie greifen und loben den Künstler, der begeistert' durch ' den edlen Zweck, dem der Ban gewidmet war, sie so herrlich/ schön znsammengefttgt hat. Als Gründer des Hilfsvereines für Handwerker nnd Kleingewerbetreibende, als Vorsteher unserer altehrwürdigen Chewra- Kädischa,'als Gründer eines. Vereines für die Erhaltung und Aufbewahrllng jüdischer Kunstgegenstünde nnd Altertümer vereinigten sich in dem Dahingeschiedenen der edelste Wvhltütigkeitssinn, Hilfsbereitschaft mit. dem lebhaften Empfinden für das Schölle... . Wir,, dir ihir. gekannt, denen er nahegestanden, werden des edlen Mannes, des liebenswürdigen Kollegen gedenken, bis an unser Lebensende-. - Aber auch für unsere Nachkommen möge sein Bild in unserem Sitznngssaale, den Bildnissen jener ehlen Männer, die seit hundert und mehr Jahren in unserer Gemeinde hervorrä'gend gewirkt, angereiht werden zur sichtbaren Erinnerung an den edlen, feinfühligen Mann, den gottbegnadeten Künstler, den ein Menschenalter hindurch unermüdlich wirkenden und schaffenden Vorsteher unserer Gemeinde, den treuen Glanbensbrnoer Wilhelm Stiaßny. Sein Andenken sei gesegnet!" Namens der Chewra Kadischa sprach deren Vizepräsident Dr. Markus Spitzer: Hochanfehnliche Tranerversainnilnng! Mit Banrat Wilhelm Stiaßny, an dessen Bahre wir schmerzbewegt und tief ergriffen stehen, hat ein Mann für immer die Augen geschlossen, dessen Leben erfüllt war von reichstem nnd herrlichstem Inhalte, der durch seine wahrhaft geniale Begabung, seine hervorragenden Charaktereigenschaften, den Reichtum an Kenntnissen auf den mannigfachsten Gebieten, seine bewlluderungswürdige Aufopferungsfähigkeit für das allgemeine Wohl und nicht minder durch den Zauber seiner Persönlichkeit und den Adel seiner vornehmen Gesinnung hoch emporragte über das Gewöhnliche nnd Alltägliche nnd dessen Wirken und Schaffen, entströmt der unversiegbaren Quelle glühender Begeisterung für sein Volk nnd dessen angestammten Glauben, ihm ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Knltnsgemeinde sichert. Der Verewigte gehörte zu jenen Gottbegnadeten, Denen die oft harten und schweren Kämpfe, welche die Entwicklung und Entfaltung schlummernder Anlagen und Fähigkeiten. das Emporstreben und Emporringen zu den höchsten Idealen so oft begleiten, erspart bleiben, der in jungen Jahren als vollendeter Meister den Schauplatz seiner Wirksamkeit betrat nnd fast am Beginne derselben der Schöpfer des Rothschild- Spitals, jenes unvergänglichen Monnmentes jüdischer Wohltätigkeit wurde, das allgemeine Bewunderung erregte, seinen Rns begründete, denselben in die weiten Lande trug und ihn in die erste Reihe seiner Bernfsgenosfen stellte. Wie der Verewigte als Künstler im Bereiche der Harmonien lebte nnd webte, betätigte er sich auch als harmonischer, in sich abgeschlossener Charakter, der in den zahlreichen Korporationen, zu deren Leitung er berufen war. als ein Bote des Friedens, der Eintracht nnd des segensreichen Zusammenwirkens erschien. Die Vertiefung in unsere heilige Schrift und die Lektüre der berühmten griechischen Uebersetzung der Septuaginta in der Ursprache bildeten seine Erholung nach des Tages Mühen nnd ist dies symbolisch für sein ganzes Wesen, das die Schönheit des Griechentums mit dem sittlichen Ernste, der Erkenntnis und der Erleuchtung des Judenttims in sich vereinigte, und ich möchte jene ehrenvolle Bezeichnung, mit welcher die Bibel die großen Künstler, welche das erste Heiligtum in der Wüste errichteten, geschmückt hat, auch ihm zuteil werden lassen, denn auch er gehörte zu den „Chachme Lew, 31t den Männern weisen Herzens, denen Gott die Weisheit ins Herz gelegt hat." das sind Männer, die ihre Weisheit. Einsicht, Gestaltungskraft nnd Phantasie mit den Anforderungen des Herzens und den zarten Regungen des Gemütes in Einklang zu bringen vermögen. Was Wunder, wenn der Verblichene, dem es gegönnt tvar, die herrlichsten Stätten der Andacht erstehen zu lassen nnd in dem die Worte des Psalmisten: „Es sehnt sich und verzehrt sich meine Seele nach den Höfen des Ewigen, mein Herz und Fleisch jauchzt dem lebendigen Gotte entgegen," einen mächtigen Widerhall gesunden, vor Dezeilnien in den Bethansvorstand der Knltusgemeinde berufen wurde, welchem das heilige Amt anvertraur ist, für die Würde, Schönheit, Veredlung nnd Verherrlichung des Gottesdienstes zu sorgen, in welcher Körperschaft er sich durch sein jüdisches Wissen, seine mlisikalischen Kenntnisse, fein ästhetisches Denken und Fühlen nnd seine tiefe Religiösität unvergängliche Verdienste erworben. Allein der Mann, der anserwählt. erforeu und „mit Namen berufen wurde," das Spital-, Altersversorgungsnnd Siechenhans, diese Bollwerke im Kampfe der sozialen Fürsorge gegen menschliche Not nnd Elend zu erbauen, wußte auch die düsteren Schattenseiten der menschlichen Gesellschaft, die Disharmonien in der Weltordnnng in den Kreis seines Denkens nnd Forschens einznbeziehen, als deren schönste nnd reifste Frucht die rastlose nnd unermüdliche Arbeit im Dienste der Wohltätigkeit nnd Barmherzigkeit gezeitigt wurde. Es gereichte ÜM