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Die Wahrheit · 1910-07-22 · Heft 29 (22.7.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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©eile 4. Die Wahrheit Nr. 29. Anderseits fragt mau sich, wie es möglich fein wird, die jüdi- > scheu Massen, in denen ein Jahrhundert staatlicher Bevormundung jegliche Initiative ertötet hat, ans dem Abgrunde der materialistischen Ideen unserer Zeit emporznziehen." % * Während der Debatte über die Aendernng des Textes des Königseides kam es zu einer vielbemerkten Auseinandersetzung zwischen dem zweiten Sohn Lord Roseberys Mr. Niel Pr im ro se, und dem einzigen Anlisemiten im englischen Unter- Hause. Mr. Bel lock. Bel lock, der Katholik ist, unterstützte die Gesetzesvorlage, wonach die Stellen im K'önigseide, die sich gegen die Katholiken richten, eliminiert werden sollen. Mr. B e llock berief sich hiebei ans die Toleranz, die den Konfessionen gegenüber geübt werden müsse. Hierauf ergriff Mr. Niel P r i mr o s e, der, wie bekannt, mütterlicherseits von den Rothschilds abstammt, das Wort, und wies die heuchlerische Berufung B e l l o ck s ans Toleranz energisch zurück: „B e l l o ck ist der letzte, der von Toleranz sprechen darf," sagte Primrose, „denn er selbst übt die schlechte Toleranz gegen eine Nasse, mit der verwandtschaftlich verbunden zu sein, ich stolz bin. Als meine Ureltern gezwungen wurden, in Aegypten die härteste Arbeit zu verrichten, waren es sicherlich die Urahnen B e l l o ck s, die in wilder Intoleranz die Marter für die Israeliten ausgeheckt haben. Ich bin stolz darauf, einem Volke zu entstammen,, das die Kraft in sich hat, Tausenden und Abertansenden solcher Bellocks mit Erfolg zu widerstehen." Die Rede Mr. Primroses, von dem erst jüngst berichtet wurde, daß seine Verlobung mit der Prinzessin von Connaught bevorstehe, hat im englischen Unterhause großes Aufsehen hervorgerufen. Daß in Rußland mit Hilfe der Obrigkeiten jede gegen die Juden gerichtete Schatidrat möglich ist, bedarf wohl nach den traurigen Erfahrungen der letzten Jahre keines neuerlichen Beweises, aber daß Pogromhelden im Dienste jüdischer Gemeinden stehen, ist dennoch ein Novum, das bisher unerreicht war und zur Illustration dieser fast unglaublichen Meldung wird dem „Ist." aus Odessa folgendes geschrieben: Die in den hiesigen Zeitungen wiedergegebene Notiz, daß der Verbändler Kapotzkin, A u f s e h e r des jüdischen S ch l a ch t h o s e s. zu einer zweiwöchentlichen Gefängnisstrafe verurteilt wurde, enthält einen ganzen Akt jener Tragikonlödie, deren Schauplatz seit einigen Jahren die hiesige jüdische Gemeinde und deren Regisseur General Tolmatschow, unser allgewaltiger Stadthanptmann, ist. Wenn ein Verbändler sich einer Körperverletzung schuldig macht, so weiß man von vornherein, wer das Opfer dieser echtrnssischen Heldentaten war: ein Jude. Diesmal ist der Echtrnsse ein Beamter der jüdischen Gemeinde. Und so gewährt uns der Fall einen Einblick in diese eigenartige Gemeindeautonomie von Tolmatjchows Gnaden, die in ihrer Komik doch der lieftraurigen Seiten nicht entbehrt. Bekanntlich läßt sich Tolmatschow die innere Organisation der jüdischen Gemeinde besonders in Knltusdingen sehr angelegen sein. Herr Awmowictzki unseligen Angedenkens, dem es gelungen ist, die „hohe Stelle" dergestalt für das Judentum zu interessieren und zum Lohne dafür vom General zum „Rabbiner" der Gemeinde ernannt ward, wird bei uns unvergessen bleiben. Also verfügte Tolmatschow, daß die Korobka (Fleischsteuer) „geregelt" werde, arbeitete eine Schlachthofordnung für die jüdische Gemeinde ans und stellte Beamte an, die von der Gemeinde besoldet, strikte über die Einhaltung der Verordnungen wachen. Undankbar, wie die Juden nun einmal sind, gibt es solche unter ihnen, die für die weisen Maßnahmen des Stadthauptes nicht das richtige Verständtiis habet! und etwas von unberechtigter Einmischung und Bevormundung sprechen. Sie werden mundtot gemacht und in sicheres Gewahrsam gebracht. Jetzt erst sängt die Gemeinde nach und nach an, die väterliche Liebe und Fürsorge des Generals zu erkennen und zu würdigen und fühlt sich unter dem Schutze seiner für sie bestellten Beamten wohl geborgen. Und nun ereignete sich, daß einer dieser Beamten Juden schwer verletzte. Gewiß nicht zum ersten Male. Aber diesesmal nicht im Amte, im jüdischen Schlachthose, sondern außeramtlich, vor dem Wahllokal. Es war just zur Zeit, da man sich in Odessa nach einem neuen Dnma-Abgeordneten nmsah. Die Leute von der echtrussischen „Propaganda der Tat" standen mit Knütteln und Gnmmischlänchen bewaffnet, am Rathause und schlugen der Sicherheit wegen aus jeden Inden ein, auf Wähler und Nichtwähler. Und Ansübrer der Gnmmischlauchheroeu war — der Aufsichtsbeamte des jüdischen Koscherschlachtweseus. Wie mau hört, wird Kapotzkin ans ein Gesuch seines Generals, in dem ausdrücklich betont wird, daß er amtlich unabkömmlich sei... begnadigt werden und seine Dienste nunnterbrochen der Gemeinde weitertvidmen können. Kanrat Wilhelm Stintzny. Donnerstag, den 14. d. M. wurde der in Ischl verstorbene Banrat Wilhelm Stiaßny am Wiener Zentralfriedhose zur ewigen Ruhe bestattet und die hohe Wertschätzung, deren sich der Heimgegangene in allen Kreisen der Wiener Gesellschaft erfreute, manifestierte sich in der ungewöhnlich großen Beteiligung am Leichenbegängnisse. In der israel. Zeremonienhalle des Zentralfriedhoses hatten sich nebst den Mitgliedern der Familie folgende Tranergäste eingefunden: Der Präsident der israel. Knltusgemeiude Dr. Alfred Stern, Vizepräsident Hosrat Dr. Rapaport, die Mitglieder des Vorstandes Dr. Leopold- Kohn, Ignaz Knffner, Artur Kur an da, Schramek, Dr. Markus Spitzer und S. Steiner, die beiden letzteren auch namens der Chewra Kadischa, die Betyansvorstände Theodor Kohn, Dr. M ü n z und W a s s e r v o g e l, Sekretär Dr. A d le r, Vizebürgermeister H i er h a m m e r. die Univerfitätsprofefforen Hofrat Dr. Schanta, Hofrat Dr. Oser, Dr..- Benedikt un§ Dr. Ehrmann mit Gemahlin, die Vertreter der Wiener Bauhütte Hofrat Schoen mit den Architekten K a t t n e r, W e g e l e und K r o n e s, Reichsratsabgeordneter Dr. Mahle r, die Gemeinderäte Dr. Ritter v. Dorn, E d e r, Dr. Hein, Hohen sinn er, Melcher, Dr. Mittler, der ehemalige Gemeinderat Allmeder, Oberlandesgerichtsrat Dr. Spitz köpf, Direktor Heller vom Blindeninstitnt auf der Hohen Warte. Direktor Fischer von der Kinderbewahranstalt, die Dozenten Dr. Brau n und Dr. SSreite r, Kustos Dr. Frankfurter, die Bankdirektoren Kux und Kraus, Oberinspektor Engel der Nordwestbahn, der Pfarrer der englischen Botschaftskirche Reverend William Hechler, die Rabbiner Dr. S ch m i e d l. Dr. G e l b h a u s, Dr. Reich und Papo, die Kantoren Dünmann, Löwit, Rafael Moor, Rosenberger und Schlesinger, der Präsident der türkisch-israelitischen Gemeinde Licco Adutt, Religionsinspektor Professor Kanitz, der Präsident der Suppen- und Teeanstalt kais. Rat L i ch t en st a d t und Gemahlin, der Präsident des Vereines zur Förderung der Gewerbe S. Brod. die kais. Räte Hirsch, N a n m a n n, S ch e f f t e l. A r n o l d, F r ö l i ch und Z a b o r s k h, Magistratsrat K o n j a k o w s k y, der Verwalter des katholischen Zentralsriedhofes Ingenieur Frank, der ehemalige Abgeordnete Noske. die Architekten Gärtner und Schöne, Professor Josef Snlzer. Konsul Hartwig, Konsul Stiaßny, die Advokaten Dr. Julius und Dr. August B a n m g a r t e n, Dr. Moriz Schnabl, Dr. Isidor S ch o rstein, Dr. Adolf Stein und Dr. Geza Winter, die Kommerzialräte Gottlieb Kantor und Alfred P o l l a k v. R n d i n, die Industriellen Emil K arp eles, Johann Krem en ez k y, Karl Lemberger, Isidor v. Löti und Julius Wolf, Malerin Emma Löwen stamm, Abordnungen des jüdischen Museums in Wien, des israelitischen Taubstnmmeninstiluts, der Zentralvereiniguug österreichischer Architekten, des Kuratoriums des Josefine Königsbergschen Kinderspitales, des Philantropischen Rekonvaleszentenheimes „Providentia" in Lainz (Vizepräsidentin R v s en b a u m), die Vorstandsmitglieder des Tempels in der Josefstadt Architekt Modern, Josef Mittler imd Hermamr P o l l a k und die des Vereines „Beth Israel" Obmann Max Rosen selb, Obmannstellvertreter Ignaz - I o l e s und Grub e r, dann eine Abordnung des Vereines

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