Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Wahrheit Redaktion mtb Administration: Wien, II/, Novaragasie 27 Telephon: Redaktion 5107/VH1. Anaöhängige Aertfchrift für jüöifche Ne;ngspreis: Ganzjährig.K 14.— Halbjährig.I( 7.— Administration 4938/11. ff. k. österr. Posisparkaffa- Scheck-Konto Dir. 100.918. Anlereste«. Für Killtnsbeaittte: Gaiizjährig.K 10. — Inserate: Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Erscheint jeden Areitag. Für Ausland: Abonnements- und JnsertionS- Ganzjährig.8 Mark benage >ind in Wien zahlbar nnd klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel oder 10 Frc». Ur. 29 Wien, 22. Juli 1919. Inhalt: Aus der Woche. — Baurat Wilhelm Stiaßny. — Die beiden „H". — Eine englische Abteilung der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations- Organisation. — Verschiedene Nachrichten. — Austritte aus dem Judentum. Ans der Woche. ■ Gewalt, Roheit und Terrorismus waren seit jeher die; beliebtesten Mittel der christlichsozialen Demagogen. Und wie sie! zu Beginn der antisemitischen Bewegung die Macht der Arguj meine durch eine gedungene Knüttelgarde niederfchlngen, die * besserdenkenden Elemente der Bevölkerung zur politischen i Resignation zwangen und ihnen die Teilnahme am öffentlichen j Leben verekelten, so versuchen sie auch jetzt, da das freiheitliche! Wiener Bürgertum infolge der Enthüllungen Hrabas nach jahre-! langem Todesschlafe wieder zu Bewußtsein kommt, die alte,! 8 oftbewahrte Methode und sprengen alle Versammlungen, die; von fortschrittlicher Seite einberufen werden, um den Wählern! die Augen über die christlichsoziale Mißwirtschaft zu öffnen.! Christliche Bürger, ja bekannte und bewährte Anhänger der! herrschenden Partei melden sich zum Worte, um die skandalösen! Vorfälle zu besprechen, aber kaum daß sie das Podium betreten, I tönt ihnen der alte Schlachtruf „Nieder mit den Juden!" entj gegen und in lärmendem Getöse muß die Versammlung von! der Polizei geschlossen werden. Dieses eklige Schauspiel wieder-! holt sich einen Tag nach dem anderen. Aber die rohen Gewalti 8 akte werden den beginnenden Niedergang nicht aufhalten und j besonders wir Inden können ganz ruhig dem Reinigungsprozeß > zuschanen, der sich jetzt, angeregt durch die Macht unwiderleg-! barer Tatsachen, in den Kreisen des Wiener Bürgertums voll-! zieht. Wir haben auch besseres zu tun, als unsere Haut wieder für andere zu Markte zu tragen, und vor allem anderen gelte jetzt unsere ganze Aufmerksamkeit, die zunehmende Verelendung der großen Massen armer Glaubensgenossen in Wien, sowie in Galizien und der Bukowina zu bekämpfen, die durch das eben erlassene Hausierverbvt, durch die Einziehung der Schankgewerbe und andere ähnliche Verordnungen von ausgesprochen antisemitischer Tendenz hervorgerufen wurde. * * Der durch seine jüngste Pogromrede im Wiener Reichsrat bekannte tschechisch-klerikal-agrarische Abgeordnete M y s li ve c setzt den Feldzug gegen den alten jüdischen Friedhof und die ^Altneuschul" in Prag fort. Sein Antrag auf Entfernung des Friedhofes, der die christliche Bevölkerung provoziere (bei den letzten Reichsratswahlen hat der Bezirk Josefstadt mit dem Vorort Lieben zitsammen sozialistisch gewählt) ist vom Stadtverordnetenkollegium abgelehnt worden. Nunmehr hat Mysli v ec die Beschwerde an den Landesausschuß ergriffen. Die Be- .schwerdeschrift, die Beleidigungen des Judentumes enthält, ließ der Antragsteller in den Straßen gedruckt verteilen. Trotzdem in Oesterreich jede Kolportage verboten ist, hat die Behörde nichts einzuwenden, wenn Juden geschmäht werden. Man muß unwillkürlich an die jüdische Krämerin in Krakau denken, die ein Stückchen Käse in ein katholisches Zeitungsblatt gewickelt verkaufte und deshalb vom Obersten Gerichtshof zu einer Kerkerstrafe verurteilt wurde. * * * „Das freie Wort" in Frankfurt a. M. beschäftigt sich in ihrer letzten Nummer mit den russischen Judenpogromen. Mit Recht weist sie darauf hin, daß die jüdischen Großkapitalisten von dem wirksamsten Mittel, die russische Regierung in empfindlichster Weise zu treffen, bisher keinen Gebrauch gemacht haben: Boykott der russischen Wertpapiere. Ist es doch bekannt, daß ein Jude zur Durchführung der letzten Russenanleihe hilfreich beigestanden ist und daß viele Börsejnden skrupellos „Nüssen" kaufen und verkaufen. Der Artikel richtet daher an das jüdische Großkapital folgenden Appell: „Der jüdische Kapitalist, der Rußland Geld leiht, fördert indirekt die Pogrome. Warum hat man diese Binsenwahrheit noch in keinem der liberalen Kapitalistenblätter, deren Redakteure doch zumeist Juden sind, gelesen? Darum sei diesen Herren gesagt, daß es statt der aktuellen Leitartikelgerührheit über Judenansweisnngen ein besseres Werk zu vollbringen gibt: Den schärfsten Boykott gegen russische Papiere predigen und an alle Kapitalisten den Mahnruf gegen den Verkauf russischer Papiere ergehen zu lassen. Der Erfolg ist möglich, ob er wirklich eintreffen wird, bleibe dahingestellt. Aber des Versuches ist die Sache wohl wert. Hier könnte die liberale Presse wieder einmal, wie im Falle F er rer, ihre Macht und ihren guten Willen zeigen. Auf zur Tat!" * * In dem soeben erschienenen „Annuaire des Archive» Israelites pour l’an du monde 5671u schreibt H. Prague über das Judentum in Frankreich. „Der religiöse Niedergang nimmt immer mehr zu. Die jüdische:! Familien gehen dem Judentum verloren dadurch, daß sie die wesentlichen Kultusvorschriften nicht mehr beobachten, und infolge der Zivilehe und Mischehen, die sich in erschreckendem Maße hänfen. Die Rabbinerverfammlungen haben bisher gegen diefe Fahnenflucht, die unfere Gemeinden dezimiert, noch nichts tun können. Als glückliches Symptom kann man vielleicht die Gründung eines Vereines der Freunde des Religionsunterrichtes in Nancy bezeichnen, ein Verein, der die religiöse Unterweisung der Jugend energisch zn fördern gewillt ist. Was dem französischen Judentum zur Wiedergesundung fehlt, das ist die zielbewußte Leitung.