Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6. Die Wahrheit dir. 28. Und das Leben bot dem hochbegabten, vielbeschäftigten Manne wirklich eine Ueberfülle von Arbeit, die noch dadurch erhöht wurde, daß er in den vielfachen öffentlichen, Stellungen, die er bekleidete, als Geineinderat der Stadt Wien, als Vorsteher der Kultusgemeinde, als Präsident des politischen Vereines „Donauklub", des Jüdischen Museums, des Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Kleingewerbetreibender, sowie in den Kuratorien verschiedener humanitärer und kultureller Vereine mit selbstlosem, hingebungsvollem Eifer und heiligem Pflichtgefühle feine Obliegenheiten erfüllte. Als mit Beginn der christlichsozialen Herrschaft im Wiener Gemeinderate der politische Kampf immer weitere und häßlichere Formen auuahm, da fühlte sich die empfindsame, feinfühlige Natur Stiaßny's in ihrem innersten Wesen härter getroffen als mancher andere seiner Parteigenossen, aber trotzdem verlor er niemals die Hoffnung auf eine bessere Zukunft und als wahrer Friedensapostel war er immer bemüht, Gegensätze auszugleichen und Freunde und Gegner für die hohen Ideale zn begeistern die ihn erfüllten. Seit ungefähr 2 Jahren zwang ihn ein schweres Leiden, seinem beruflichen und öffentlichen Wirken engere Grenzen zu ziehen. Vor vier Wochen kam er nach Ischl und glaubte dort Stärkung und Genesung zu finden. Leider hat sich diese Hoffnung nicht verwirklicht und so schied er von hinnen, ein vornehmer, edler Mensch, ein hochbegabter Künstler, ein treuer Jude, ein glühender Patriot, dessen Leben und Wirken unvergeßlich bleiben wird. Die Kullnrtiitiglreit der Daran Hirsch-Stiftung in Galisten. (Schluß.) Der Pensionsfond und die Fürsorge für Witwen und Waisen sind Posten, die ganz erkleckliche Quoten vom Einkommen der Stiftung beanspruchen. Durch die Votierung des Pensionsfondes wurde den definitiven Lehrern ohne irgendwelche Beitragsleistung ihrerseits nach 5 Jahren eine W^ige, nach 30 Jahren volle Pension zngesichert; der seinerzeit von der Baronin Hirsch für diesen Zweck votierte Betrag belief sich auf K 642.000, die Beitragsleistnngen des Kuratoriums, welche bisher K 405 032 91 ausmachten, werden mit Rücksicht auf die Bestimmungen des neuen Pensionsversicherungsgesktzes vom 16. Dezember 1906 in Hmkimft eine bedentende Höhe erlangen und sind im Präliminare pro 1909/10 mit K 17.728.70 fixiert. Auch in den Fällen, wo nichtdefinitive Lehrpersonen arbeitsunfähig wurden oder mit Tod abgingen, wurden sie, bezw. ihre Angehörigen, vom Kuratorium mit größter Rücksicht behandelt. Diese Umstände machen es dem Kuratorium schwer, das Gleichgewicht im Budget der Stiftung aufrecht zu erhalten; ganz ausgeschlossen aber ist es. mit den vorhandenen Mitteln an neue Aufgaben zu schreiten. Im weiteren Teile des Berichtes wird über die Tätigkeit der Stiftung im Schuljahr 1908/09 Ausschluß gegeben: A. Volksschulen. Im abgelaufenen Schuljahre wurden in den 46 Schulen der Baron Hirsch-Stiftung von 169 Lehrpersonen, und zwar 138 Lehrpersonen für die Volksschulgegenstände und 31 Lehrpersonen für das Hebräische, in 149 Klassen 6929 Schüler unterrichtet. Ueber die Verteilung der wirkenden Lehrkräfte, die Kosten der einzelnen Schulen, des Unterrichtes der Bekleidung und Beköstigung enthüll die am Schluffe des Berichtes angeführte Tabelle nähere Daten. Die Zahl der Schulen, welchen seitens des hohen k. k. Ministeriums für Kultus und Unterricht das Oeffentlichkeitsrecht verliehen wurde, ist im Berichtsjahre 1908/09 gestiegen. Mit Erlaß des k. k. Ministers für Kultus und Unterricht vom 12. Jänner 1909, Z. 49.780 wurde der Stiftungsschule in Jagielnica das Oeffentlichkeitsrecht verliehen, so daß derzeit \ folgende 29 Schulen mit dem Oeffentlichkeitsrechte ausgestattet sind: Bohorodczany, Bojan, Bursztyu, D^browa, Delatyn, Dnkla, Gliniany. Gologory, Gwo^dziee, Jagielnica, Jezierna, Kolomea, Mielec, Monasterzyska, Obertyn, Ottynia. Rawa rnska, Rozwadow. Sadagora, Saisvw, äniatyn, Solouvina, Taruow. Tysmieuica, ZMvlow, 2abno, Zaleszczyki, Zborow, Ztoczow. Von den 44 in Galizien errichteten Schulen sind 19 höheren und 2b niederen Typus, 32 Schulgebäude sind Eigentum der Stiftung. In Pomorzany wurde das Schulgebäude im Herbst 1908 fertiggestellt, an 14 Orten wurden Schulrüume gemietet. Neben den Volksschulgegenständen wurde an 6 Schnlen von 6 Lehrern in 9 Abteilungen an 123 Kinder Unterricht in Handfertigkeit (Slöjd) erteilt. Ueberdies wurde den Lehrern nahegelegt, der Pflege der Jngendspiele, dem Turnunterrichte und der Veranstaltung von Ausflügen vollste Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es haben am Turnen 6066, an Jugendspielen 4847 und an Ausflügen 3900 Schüler teilgenvmmen. Der Schulbesuch sowie die durch den Unterricht erzielten Resultate können in den meisten Schulen als sehr befriedigend bezeichnet werden. Nicht allein durch die von den Stiftungsschulinspektoreu, sondern auch von mehreren Landesschuliuspektoren und fast sämtlichen Bezirksschulinspektoren vorgenommenen Visitationen wurden beinahe durchgehends sehr gute, in einzelnen Fällen ansgezeichnete Erfolge konstatiert. Seitens des Stiftungsschulinspektors Wilhelm E n gl ä n d e r wurde dem k. k. Landesschulrate für Galizien der Plan eines versuchsweise in drei Stiftungsschulen einznführenden, abgeänderten methodischen Verfahrens beim Lese- und Schreibnnterrichte in der ersten Klasse vorgelegt, welche Mitteilung vom k. k. galizischen Landesschulrate mit Erlaß vom 7. Mai 1909, Z. 64.050, genehmigend zur Kenntnis genommen wurde. Angesichts der im vorigen Jahresberichte ausführlicher dargelegten finanziellen Situation der Stiftung hat das Kuratorium nach sorgfältiger Prüfung aller obwaltenden Umstände und eingehenden Beratungen sich zu feinem lebhaften Bedauern gezwungen gesehen, mit Ende des Schuljahres 1908/09 die Stiftnugsschulen in Nen-Sandez, Zaleszczyki und Zlozow aufzulassen. Wegen Unterbringung der bisherigen sowie der sich neu meldenden Schüler hat das Kuratorium sich nicht bloß damit begnügt, den k. k. galizischen Landesschulrat', die zuständigen Bezirksschulräte und die Gemeindevertretungen um die erforderlichen Vorkehrungen rechtzeitig zn ersuchen, sondern auch insbesondere in Zaleszczyki und Zloczow, wo die Stiftung eigene Schulgebäude hatte, ein weitgehendes Entgegenkommen bewiesen. So wurde der Gemeinde Zaleszczyki über ihr Ansuchen vorläufig für die Dauer von sechs Monaten die unentgeltliche Benützung der Schulränme und des Inventars konzediert und für den Fall der käuflichen Uebernahme ein außerordentlich günstiges Offert gestellt. Ebenso wurde der Gemeinde Zloczöw unter der Bedingung, daß das Gebäude für Schulzwecke erhalten werde, das Schulhaus, für welches die Stiftung 48.766 Kronen 10 Heller verausgabt hatte, um den Betrag von 25.000 Kronen überlassen, und hinsichtlich der Bezahlung des Kaufschillings große Zahlungserleichternngen gewährt. In dem Bestreben, auch an anderen Orten die Erteilung des Volksschulnuterrichtes für jüdische Kinder in Galizien tunlichst zu fördeen, hat das Kuratorium für die von der Israelitischen Allianz in Wien in Aussicht genommenen Schulgründungen in Budzanow und Olesko nicht bloß zwei Lehrer unter Karenz der Bezüge beurlaubt und sie auf dem Pensionsetat der Stiftung belassen, sondern auch das durch Schulauflasfungen disponible Inventar, Lehrmittel und Anschauungsgegenstände derselben unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Das Kuratorium erklärte "sich auch bereit, diese Schulen, d eren Organisation und Lehrpläne, denen der Stiftung gleichen, durch seine Organe fortlaufend inspizieren zn lassen. . Durch die erfolgten Schnlanflassungen und den Eingang des Kaufschillings für die veräußerten Gebäude konnte nicht I allein für einige Jahre die Gefahr eines Defizits, das natur-