Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1910-07-15 · Heft 28 (15.7.1910) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3063520-3063548--06761-3073791
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 28 Die Wahrheit Seite o. jüdische Bankier Gustav B r a u e r gegen einen klerikalen Kandidaten mit überwiegender Majorität zum Deputierten gewählt. Es ist dies feit dem hundertjährigen Bestände des spanischen Parlaments der erste Jude, der ins.Parlament als Deputierter entzieht, da ja die Juden seit ihrer Vertreibung ans dem Lande im Jahre 1492-zu öffentlichen Stellen nicht zugelassen wurden. Das Hanplverdienst. an dem Umschwünge der Volksstimmnng zugunsten der Juden , in Spanien gebührt - dem Senator Prof. Dr. Angel Pulido, der in zahlreichen Schriften und auch im Wege der persönlichen Propaganda für die Repatriierung der in der ganzen Welt verbreiteten Nachkommen der ans Spanien vertriebenen Inden Stimmung machte und diese Idee noch heute nicht anfgegeben hat. Es ist wahrscheinlich, daß diese Bewegung, die gegenwärtig von einer namhaften Organisation betrieben wird, jedoch seit Einführung der Konstitution in der Türkei weniger Aussicht auf Erfolg denn je hat, nunmehr mit größerem Nachdrucke ihr Ziel verfolgen werde. Der neugewählte Deputierte, Bankier Gustav Brauer, genießt sowohl als Bankier wie auch als Politiker in Madrid großes Ansehen. I Kanrat Wilhelm Stiatzny I gestorben am 11. Juli 1910. I Wieder ist eine der sympathischesten und vornehmsten Persönlichkeiten des Wiener Judentums von hinnen gegangen und trauernd stehen wir an der Bahre eines Mannes, für dessen bedeutsame Lebensarbeit das klassische Wort: „saxa loqimntur“ vollste Geltung hat. Zahlreiche Werke der Baukunst, die er in genialer Konzeption entworfen imd znm Preise Gottes wie zur Wohlfahrt der Menschheit errichtet hat, künden in allen Teilen unseres Vaterlandes seinen Ruhm für immerwährende Zeiten und geben ein beredtes Zeugnis von dem feingebildeten künstlerischen und hohen Sinn des Heimgegangenen. Allein Baurat Wilhelm Stiaßny, der am 11. d. M. seine irdische Laufbahn im 68. Lebensjahre allzufrüh beendet hat, galt nicht nur. in seinem Berufe als hervorragende Persönlichkeit, auch als Mensch, als Bürger und als treuer Sohn des Judentums hat er seine Pflichten voll und ganz erfüllt. Auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens war der nimmermüde Mann bei gemeinnütziger, fruchtbringender Tätigkeit anzntreffen und überall trug sein Wirken den Stempel hoher Bildung, umfangreichen Wissens und vielerprobter Erfahrung. Innig ist sein Name auch mit der Geschichte der Wiener Knltusgemeinde verknüpft, in deren Vertretung er vor mehr als drei Jahrzehnten gewählt wnrde, als noch Männer, wie Wertheimstein, Kuranda, Kompert und andere mit gleich klangvollem Namen das Wiener und das österreichische Judentum glänzend repräsentierten. Welch großartige Werke hat seit jener Zeit die Wiener Knltusgemeinde geschaffen, welch segensreiche Institutionen wurden da gegründet! Und all diesen Betätigungen jüdischen Gemeinsinnes hat Baurat Wilhelm Stiaßny, der trotz seiner Bedeutsamkeit immer ein bescheidener, liebenswürdiger, stets hilfsbereiter Mann geblieben ist, mit Rat und Tat teilgenommen. Von seinem feiusinitigen Verständnisse für die Bedürfnisse der Zeit zeigte unter anderem auch eine Schöpfung, die der Initiative des Heimgegangenen entsprungen ist, die „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums". Was schien natürlicher, als in einer Zeit, da vielen unserer Glaubensgenossen das Bewußtsein von der hohen Bedeutung des Judentums im Kulturleben der Menschheit verloren gegangen war, dieses wieder neu zu beleben durch den Hinweis auf die leuchtenden Bilder unserer glorreichen Vergangenheit? Aber das Natürlichste wurde lange nicht begriffen, bis es dem scharfblickenden Künstlerauge und dem organisatorischen Talente Wilhelm Stiaßnys gelungen ist, im Vereine mit gleichgesinnten Männern eine Stätte zu gründen, von welcher aus die Errungenschaften jüdischer Kunst und jüdischer Wissenschaft in die weitesten Kreise getragen werden sollten. Von seiner treuen Anhänglichkeit am Judentume und seiner glühenden Liebe für das heilige Land, das er ans eigener Anschammg kannte, zeigte auch seine besonders in den letzten Jahren lebhafte Anteilnahme an den Kolonisationsbestrebnngen in Palästina, und sein schöpferischer Geist arbeitete an einem großartigen. Plane, das Land unserer Väter wieder zu einstiger Kultur und Blüte zurückznsühren. Um jedoch die Bedeutung Stiaßnys und den großen Verlust, den das Judentum und die Menscheit durch seinen Heimgang erlitten, ganz erfaffen zu können, müssen wir einen, wenn auch kurzen. Ueberblick über seinen Lebensmtö Werdegang bieten: Wilhelm Stiaßny wurde am 13. Oktober 1842 als Sohn eines Wiener Bürgers und Kaufmannes geboren und absolvierte die Unterrealschule bei St. Anna, die Normalschule auf der Landstraße. Sein häuslicher Erzieher war Dr. Eduard Schwarz, der Schiffarzt der „Novara"-Expednion. Mit fünfzehn Jahren kam Stiaßny an tue Technik und mit 19 Jahren verließ er die Hochschule, wo er im Verein mit anderen Studenten für eine Studienreform, insbesondere in einem Memorandum für die Eiusühruug von Spezialschule» und Hilfsdisziplinen der Technik gewirkt hatte. An der Wiener Akademie waren V a n der N ü l l, S i c c a r d s b n r g und Schmidt seine Lehrer und als Akademiker begründete er mit gleichgesinnten, strebsamen Kollegen die „Wiener B a n h ü t t e" und wurde ihr Präsident. Mit einem akademischen Preis verließ er die Kunstschule und wurde 1866 Architekt. Das Jahr daraus sandle ihn das Handelsministerium zu den Weltansstellungsarbeiten der österreichischen Kommission nach Paris. Er war Juror der internationalen Kommission für Arbeiterwohlmngen, studierte ans ausgedehnten Reisen die Wohnungssrage und hielt einen Vortragszyklus im Gewerbeverein mit Anregungen zur Wohnungsreform. Von 1868 bis 1877 war Stiaßny im Gewerbeverein in der Leitung als Referent für Ban- und Knnstgewerbesragen und als Vortragender hervorragend tätig. Bedeutsame Aktionen des Vereines, wie jene über den Notstand nach der Krise von 1873. über Lokalbahnen und Kettellschiffahrt rühren von ihm her. Stiaßny erbaute eine unübersehbar große Zahl von Wohngebäuden, Familienhäusern, Palais, Fabriken, Schulen, Spitälern u. s. w. in Wien und auswärts. Er errichtete das Rothschild-Spital und das Blindeninstitut aus der Hohen Warte. Für seine Kunst und seinen vornehmen Geschmack spricht die in italienischer Renaissance gehaltene Reithlegasse in Döbling (frühere Hermannsstraße), eine der schönsten imb elegantesten Straßen im 19. Bezirk sowie die Anlage der israelitischen Abteilung des Zeutralsriedhofes. Er beteiligte sich auch an den Weltausstelluitgsbauten 1873, errrichtete das Altersversorgungshaus der WienerKnltnsgemeinde, dasRvthschild- Spital in Smyrna, zahlreiche Synagogen, das Seehospiz in Rovigno und eine seiner letzten Bauten ist das israelitische Knaben-Waisenhans in Döbling. Auch als Restaurator mehrerer Schlösser hat er sich einen Namen gemacht lind als Mitglied der Donauregulierungs-Kommission. der Rathausban-Konimission, der Kommission für die Wiener Verkehrsanlagen, in welche Körperschaften er zur Zeit der liberalen Aera vom Gemeinderate delegiert wurde, eine fruchtbringende Tätigkeit entfaltet. Baurat Stiaßny, der für sein vielseitiges und gemeinnütziges Wirken von Seiner Majestät dem Kaiser wiederholt ausgezeichnet wurde, war ein Mann der Arbeit, aber sein tiefes, gründliches Fachwissen, seine hohe allgemeine Bildung, seine reichen musikalischen und sprachlichen Kenntnisse boten ihm die Möglichkeit, sich von den Niederungen des Alltagslebens emporznheben zu den Sphären der reinsten Ideale, die er überall zu betätigen suchte. Mit feltenem Verständnisse folgte er allen Erscheinungen der wissenschaftlichen und schöngeistigen Literatur, seine Lieblingslektüre blieb aber bts an sein Lebensende Homer und die Heilige Schrift, die er beide im Originaltexte vortrefflich zu lesen verstand, und aus diesen reichen Quellen ewiger Schönheit und Wahrheit schöpfte er fast alltäglich Erholung von den schweren Mühen des Tages.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.