Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Nr. 28 Die Wahrheit Ich danke dein hohen Gemeinderat. Für die mir erwiesenen Ehren, Und was ich früher gepflegt und. getan, , Nicht will ich's im Alter entbehren. Die Promulgierung der vielnmstrittenen Borromäus-Enzyklika in Ungarn durch den Erzbischof von Kalocsa hat zwei höchst bemerkenswerte Enunziationen veranlaßt. Zunächst gab Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary im Abgeordneteuhause die Erklärung ab, daß die Regierung jedenfalls die Pflicht habe, dafür Sorge zu tragen, daß d e r F r i e d e und die Eintracht zwischen den Konfessionen nicht gestört werde; aber auch der Erzbischof selbst fühlte das Bedürfnis, zur Vermeidung von Mißverständnissen sich in dieser Angelegenheit zu äußern. Er betonte, daß ihn bei der Veröffentlichung keinerlei gegen die anderen Konfessionen gerichtete Tendenz geleitet habe und fügte dann noch folgende, höchst bedeutsamen Worte hinzu: „Ich habe d e n F r i e d e n m i t d e n Konfessionen immer gepflegt. Als Zeuge hiefür rufe ich meine ganze Diözese, alle Handlungen meines Lebens führe ich dafür an. Wenn ich meine Diözese bereise, so kommen aus den Gemeinden auch Deputationen von Protestanten und Juden zn mir. Ich erwähne nur einen Fall. Einmal erschien eine jüdische Deputation, deren Wortführer mich in hebräischer Sprache begrüßte. Ich habe das Hebräische, das ich an der theologischen Fakultät erlernt habe, freilich schon vergessen, und ich mußte ihn bitten, feine Rede auch in ungarischer Sprache zu wiederholen. Ich will damit nur a u d e n r e n, daß d i e Anhängeranderer Religionen so sehr Vertrauen zu mir haben, daß sie mit mir in ihrer eigenen Weife in Berührung treten. Im übrigen ist mein Arzt, der mich behandelt, gleichfalls Jude. Ich erwähnte dies nicht, damit man es mir als Verdienst anrechnet, denn es ist dies auch kein Verdienst, sondern bloß, damit man sieht, daß ich keine Vorurteile habe; i ch w i l l b e w e i s e n, daß mich niemals eine gegen andere Religionen g e.r i ch t e t e Tendenz geleitet hat." Diese Art des hohen Kirchenfürsten die eigene Religion hochzuhalten, aber auch gegen andere Konfessionen nicht zu schüren und zn hetzen, könnte einem großen Teildes österreichischen Klerus als Muster dienen. * * Vor einiger Zeit hat unser Budapester Korrespondent über die Gründung eines jüdischen Patrouagevereines in Ungarn berichtet, dessen Tätigkeit durch folgende, gleichfalls aus Budapest kommende Mitteilung treffend illustriert wird: Der jüdische Patronageverein ist bestrebt, die verlassenen Judenkinder — es gibt deren in Ungarn weit über 1000 — bei Inden unterzubringen, nachdem sie bisher bei christlichen Bauern und kleinen Gewerbetreibenden nntergebracht sind. Bäneriunen nehmen diese kleinen, von ihren Müttern verlassenen Säuglinge in Pflege und kehren sich nicht im mindesten daran, daß es Judenkinder sind, sondern betrenen sie mit Liebe und Sorgfalt, nur mußte der Patrouageverein die unliebsame Bemerkung machen, daß diese Jndenkinder, wenn sie einmal größer wurden, zum größten Teile antisemitische Allüren annahmen. In Nagykata zum Beispiel wurden die Fenster der Synagoge eingeschlagen und man konstatierte, daß sich unter den kleinen Attentätern nicht weniger als acht Jndenbnben befanden. Ein zwölfjähriges Jndenmädchen, das einer Bäuerin abgenommen und bei einer jüdischen Familie nntergebracht wurde, weigerte sich, zu essen, weil, wie ihr ihre Pflegemutter erzählte, die Juden in ihre Speisen Christenblut meugeu. So ist zn befürchten. daß diese Jndenkinder, wenn sie einmal erwachsen sind, alle Antisemiten werden, da ihnen von ihren Pflegemüttern schon von der zartesten Kindheit an der Judenhaß eingeimpft wird. Da es nun eine eigentümliche Erscheinung ist, daß Jndenkinder zu Judenfeinde» erzöge» werden, bestrebt sich der isr. Patronageverein, diese zahlreichen armen verlassenen Wesen ihren bisherigen christlichen Pflegemüttern abznnehmen und bei Inden unterzubringen. Die Antisemiten sind von jeher Meister in der burlesken Behandlung öffentlicher Angelegenheiten gewesen. Den Gipfel unfreiwilliger Komik pflegt aber der von Theodor Fritsch herausgegebeue „Hammer" zu erklimmen. Bringt er es doch sogar fertig, zwischen den verhaßten Juden und der Allensteiner Offizierstragödie einen Zusammenhang zu konstruieren. Der Artikelschreiber beschwert sich über die „gerichtliche Barbarei", wie er die Gerichtsverhandlung nennt, und wer trägt die Schuld daran? „Man kann nicht annehmen, daß ein Gericht beivußt sich dazu hergeben wollte, der öffentlichen Klatschpresse für die Sanregurkenzeit einen willkommenen Sensationsstoff zn liefern; und so möchte man fast annehmen, daß die treibenden Kräfte in jenen Kreisen zu suchen sind, wo von jeher ein fanatischer Haß gegen den Offiziersstand und Adel genährt wird, und daß man sich dort die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte, seine Rachsucht an den genannten Ständen zu üben und sie aufs neue in der öffentlichen Meinung herabzusetzen: wir meinen die Kreise des skaudalsüchtigeu Hebräertums." Der Vorsitzende des Gerichtshofes, Landgerichtsdirektor Broese, wird am meisten erstaunt sein, daß er als Werkzeug der Juden gehandelt haben soll. * * Ueber die mit unverdrossener Hartherzigkeit fortgesetzten Schikanierungen der Inden in Rußland wird aus Petersburg geschrieben: Das Ministerium .des Innern hat sich bekanntlich vor kurzem redlich bemüht, im Senat ein generelles Verbot des Sommeraufenthaltes der Juden auf dem Lande durchznsetzen. Das warnicht gelungen. Der Senat wies die Zumutung ab, weil das Gesetz ein solches Verbot nicht enthält. Damit sollte die Sache als erledigt gelten: was nicht verboten ist, muß natürlich als erlaubt betrachtet werden. Dieser logische Schluß wird jedoch von der russischen Administrativbehörde und namentlich in bezug auf Inden nicht anerkannt. Die Ausweisungen aus den Erholungsstätten, wo Inden Jahrzehnte lang den Sommer verbrachten, werden mit imgealjiiter Grausamkeit fortgesetzt; sogar Kranke und Bettlägerige werden nicht verschont. So schreibt man zum Beispiel aus dem 'Dorfe Orlowtzina (Gonv. Jekaterinoslaw): Hieher pflegten seit Jahren Inden aus Jekaterinoslaw und Umgebung, die lungenkrank sind, jeden Sommer zn kommen. Es war ein naher, billiger und bequemer Kurort. Die Ortsbauern errichteten speziell für die Sommergäste eine Reihe Landhäuser und legten darin einen erheblichen Teil ihres Vermögens an. Auch dieses Jahr wurde den Juden, die ärztliche Zeugnisse besaßen, vom Gouverneur erlaubt, in Orlowtzina zu wohnen. Am 16. Juni erschien aber der Urjadnik und erklärte, er müsse auf Verfügung der Behörden sämtliche Juden aus Orlowtzina answeisen. Deputationen und Depeschen seitens der Juden und der Bauern wurden nach Jekaterinoslaw sowie nach Petersburg entsandt. Es half aber nichts: gerade am Sonnabend, den 5./18. Juni, wurden die Juden samt ihren Habseligkeiten von Polizisten expediert und mußten den Weg bis zur benachbarten Stadt Nowomoskos zn Fuß machen. Aehnliches wird auch aus Kiew, Smolensk, Schitomir, Poltawa, vom Rigaer Strand usw. gemeldet. Hiezu wird noch aus Kiew depeschiert: Die Judenschikanieruug beim Landaufenthalt hat auch bereits wirtschaftliche Folgen. So weigern sich in Anbetracht des Verbotes des Aufenthaltes von Inden ans dem Lande die Versicherungsgesellschaften, die Villen zur Versicherung anfzunehmen, indem sie sich auf deren enorm gesunkenen Wert berufen. v ¥ Daß das spanische Volk tatsächlich entschlossen ist, die Gleichberechtigung aller Konfessionen im - Lande durchznsetzen, dafür spricht eine Tatsache, die noch vor ganz kurzer Zeit kaum , denkbar gewesen wäre. Wie nämlich Pariser und Londoner j Blätter übereinstimmend melden, wurde bei. den letzten spani- I scheu Parlamentswahlen im Bezirke Corögna der Madrider