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Die Wahrheit · 1910-07-15 · Heft 28 (15.7.1910) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion und Slbiiiinifnntiou: Wien, II/j Novaragasse 27 Televdon: Redaktion 5107/VII1. Administrarion 1938,11. K. k. önerr. Posliparkassa- Scheck-Koino Nr. 1000.918. Inserate: Die vierüial geivaltene Stonpareille-Zcile 25 Heller. Slbonneineiils- und JiiserkionS. betrage sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige Seitschrift für jüöischl Interessen. VeZugspeeis: Ganzjährig.K 14.— ij Halbjährig.K 7 — Für Dillusbeoiiite: Ganzjährig.K 10.— Erscheint jeden KreiLag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!4* Für Ausland: i| ÄnnziäNrig.8 Mark J 6 Rubel oder IN FrcS. I! ■■ — 11t. 28. Wien, 15 ll»10. Inhalt: Ans der Woche. — Baurat Wilhelm Stiaßny. — Die Kulturtätigkeit der Baron Hirsch-Stiftuna in Galizien. — Das Leben und Wirken der Juden in Oesterreich in vormärzlichen Zeiten. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Moosröschen. — Austritte aus dein Judentum. Ans der Woche. Seit der leidigen Hraba-Affaire, deren „friedliche" Beilegung so fein ausgeklügelt war, aber dennoch mißglückt ist, herrscht Angst und Schrecken in den Reihen der christlichsozialen Machthaber. Ihre Stühle werden wacklig, einer der Großen, der Abgeordnete Axmann, der vom kleinen Handlungsgehilfen zum einflußreichen Mitglied des Reichsrates, der Delegationen, des Landtages und Gemeiuderates emporgestiegen war und für die geleisteten Dienste mit Ehren, Würden und fetten Pfründen bedacht wurde, mußte bereits von der Partei geopfert werden, und mancher andere wird ihm Nachfolgen. Der Gestank der christlichsozialen Korruption und Mißwirtschaft steigt zum Himmel, und die traurigen Helden, die ansgezogen waren, um das christliche Volk vom „Drucke der Inden und des Großkapitals" zu befreien, aber nur ihre eigenen Taschen auf Kosten des Volkes füllten, zeigen sich in ihrer wahren Gestalt. Noch ist die Partei | groß und mächtig, noch ist die Zahl der Barrierestöcke nicht auf-! fallend vermindert, aber das Reinlichkeitsgefühl der Wiener! Bevölkerung ist durch die Enthüllungen H r a b a s geweckt i worden und die bösen Fortschrittlichen tun das ihre, um Anss klärung und Licht in das lange gehütete Dunkel zu bringen. j Sie dürfen dabei nicht ermatten, der Hochsommer ist vor der; Türe, der macht schläfrig und gedankenträge und der Wiener ist! besonders leicht vergeßlich. Da muß ununterbrochen und ziel-! bewußt gearbeitet werden, damit znm Herbste, wenn das politische Leben wieder beginnt, noch all die Mißbräuche und faulen Geschäfte, die den antisemitischen Führern nachgewiesen wurden, in frischer Erinnerung sind. Freilich legen die Antisemiten auch nicht die Hände in den Schoß, zudem ist ihr Einfluß auf die Regierung noch ungebrochen, und diesem ist es gewiß znzuschreiben, wenn gerade in diesem für die Partei kritischen Momente vom Handelsminister Weißkirchner das H a u s i e r v e r b o t für Wien erlassen wurde. Die ausgescheuchten Wählermassen sollen beruhigt werden, und da wirft man ihnen hunderte jüdischer Existenzen zum Opfer hin. Das ist ein altes, oft bewährtes Mittel, aber es scheint nicht mehr so stark zu ziehen wie ehedem, denn in den Versammlungen der letzten Tage trat es deutlich zutage, daß selbst erprobte Anhänger der antisemitischen Partei sich von den Hepp-Hepprufen nicht mehr täuschen lassen wollen und die alten Schlagworte allmählich die Geltung zu verlieren beginnen. Das ist ein klarer Beweis, daß es zu tagen beginnt. Das Vertrauen ist erschüttert und die Wiener christlichsoziale Partei geht langsam aber sicher dem Schicksal entgegen, das sie schon lange verdient hat. * * * Zur kommunalen Auszeichnung Schneiders macht der „Morgen" folgende treffende Bemerkungen: Mechaniker Ernst Schneider ist znm Bürger von Wien ernannt worden und was unter Lueger nicht möglich gewesen, gelingt selbstverständlich, schon um den Unterschied der Klasse deutlich zu illustrieren, unter dem Stadtregime des Doktor N e u m a y e r. Ernst Schneider ist in den letzten Jahren ein stiller Mann geworden, aber seine Taten ans vergangenen Zeiten bleiben ewig in Erinnerung und kennzeichnen diesen Herrn, der nun die Würden und Ehren eines Bürgers der Neichshanpt- und Residenzstadt erhielt. Es ist interessant, zu vernehmen, daß man sich bei der Beratung über den Vorschlag, Schneider auszuzeichnen, weniger mit der Aufzählung seiner guten und besonderen Eigenschaften beschäftigte, als vielmehr damit, ob sein Konsum alkoholischer Getränke nicht vielleicht doch ein Hindernis bilden könne, ihm das Bürgerrecht zu verleihen. Der neue Bürger von Wien hat in früheren Jahren viel für die christlichsoziale Partei getan und es ist bekannt, daß er, wenn es nottat. sogar dem Glück ein Schnippchen schlug und es frohgemut korrigierte. Damals nannte man dies brutal Fälschungen und Schneider, der neue Bürger von Wien, erhielt auch ein dementsprechendes Prädikat. Im Hinblick auf seine ruhmvolle Vergangenheit wäre es angezeigt, in sein Diplom auch jenes Gedicht einzuschalten, das seinerzeit, als er in den Achtzigerjahren im Abgeordnetenhaus einen Stimmzettel einer Korrektur unterzog, ihm gewidmet wurde. Das Gedicht lautet: Ich ging im Hause für mich hin. Etwas zu fälschen war mein Sinn. Aus Pulten iah ich ein Stück Papier, Mit Namen beschrieben, so schien es mir. Schnell strich ich den Namen, den feindlichen aus, Und machte in Eil' einen anderen daraus. Dann legt ich's wieder aus seinen Ort, So fälsch' ich immer, so fälsch ich fort. Herrn Schneider, dem neuen Bürger von Wien, könnten wir empfehlen, diesen Versen einen eigenen Reim anzuschließen, der sein Versprechen enthalten könnte, im Sinne alter Zeiten zu handeln:

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