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Die Wahrheit · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr: 27. Die Wahrheit Seite t. Städten gesehen, aber von einer solchen sehr löblichen Eintracht nnd innigen Teilnahme nichts bemerkt. Und nun zur Schilderung der eigentlichen Weihe. Das <M Mä*täüwü ertönt nach Bei* Schlnßsteiülegnng. Um die Einstudierung der Gesänge machte sich der tüchtige Oberkantor Reich a r d besonders verdien^ der vor der Weihepredigt den ■84. Psalm eindrucksvoll vortrng. Mit schönen Worten begleitete der Rabbiner der Nachbargemeinde Holleschail. deren Mitglieder sich gar zahlreich eingefündeu halten, Herr Dr. Jälöb Frei m a n n. das Anzünden des ewigen Lichtes. Die sehr ergreifende Weihepredigt hielt der Rabbiner der Gemeinde, Dr. A. Frankl-Gr ü n, der auch eine fleißig gearbeitete Geschichte der Juden Kremsiers vor einlgen Jahren heransgegeben hat. In tschechischer Sprache, ungemein krästig und wirkungsvoll, hielt hieraus der Rabbiner von Gaya, Professor Dr. Julius R e a ch. die Weiherede. Unwillkürlich mußten wir wieder alt unsere Ahnen denken. Wenn diese hören könnten,, wie man in der Synagoge Kreml'iers t s ch e ch i s ch^ spricht. Welch ein Wandel der Zeiten! . . . Das erste Gebet, das nilil verrichtet wurde, war das für den erhabenen Monarchen, dessen Namen die neue Synagoge führt. T)ie Völkshymne schloß die Feier. — Dann ergoß sich die festlich gekleidete, freudig erregte Menge über die Straßen und Plätze. Vergessen wir nicht, daß sich auch ein jüdischer Veteranenverein, der von Holleschau, an der Feier beteiligte. Tschechische Predigt, jüdischer Veteranenverein mit Fahne, und da rede man nicht von einer neuen Zeit . . . Nachmittags großes Bankett, das mehr als 120 Festgäste vereinigte. Es regnet, aber nicht nur draußen, nachdem uns am Vormittage die prächtige Sonne geleuchtet hatte, sondern auch im Saale, aber hier regnets Toaste. Vorsteher I. K n ö p felmach e r. der sehr geehrt wird, spricht den Kaisertoast. Der 'Bürgermeister V e s e l s ky begrüßt die Judengemeinde Kremsier in tschechischer Sprache zu ihrem schönen Werke. Es wird auf den Statthalter, den Altbürgermeister, auf den Rabbiner und schließlich von dem, der diesen Artikel schrieb, ans unsere Jugend und Zukunft getoastet. . . Schnell sind die Stunden verflogen. Nun gilt es wieder zurück zur Arbeit. .. Dunkel hat sich über die duftenden Flirren und Felder der Hanna gebreitet. In unser Herz ist aber das Licht wahrer Freude eingezogen. Denn wir sehen: die Nachkommen haben sich der Vorfahren würdig gezeigt. -,Und der Herr verstößt sein Volk nicht um seines großen Namens willen." Starke Tatkraft und guter Wille haben in dieser Stadt Mährens, in dieser Stadt der Schulen, ein schönes Werk geschaffen, eine Zierde für die Stadt, ein Ruhmeswerk für das Judentum ... So geht denn unser Wunsch dahin: Entweihet die Heiligiünter Israels nicht, geheiliget werde der Name des Herrn in der Mitte seines Volkes, diesem zum Ruhme und gur Ehre des Judentums. Dr. M. G r ü u f e l d. Die KiMmliitigkeil der Davon Hirsch-Stiftnng in Galizien. Der eben erschienene Bericht des Kuratoriums gibt ein -anschauliches Bild der Knlturtätigkeit, die die segensreiche Stiftung in den seit ihrem Bestände abgelanfeuen zwei Jahrzehnten in Galizien entfaltete, und wir glauben einem allgemeinen Interesse zu dienen, wenn wir aus demselben einige Stellen wiedergeben : Im Jahre 1908 wurde in den Stiftnngsschulen das -60jährige Regiernngsjubiläum Sr. Majestät des Kaisers gefeiert und bei dieser Gelegenheit den Schulkindern in Erinnerung gebracht, daß vor zwanzig Jahren Moriz Freiherr v. Hirsch anläßlich des 40jährigen Negiernngsjubiläums unseres Kaisers der jüdischeit Bevölkerung Galiziens und der Bukowina jenes Geschenk machte, das sich als überaus segensreich erwiesen hat — die „Stiftung zur Beförderung des Volksschulnnterrichtes im Königreiche'Galizien und Lodomerien mit dem Großherzoglume Krakau und im Herzogtume Bukowina". Die Baron Hirsch-Stiftung hat also das zweite Jahrzehnt ihres Bestandes hinter sich; da ist es nicht überflüssig, einen Augenblick inneznhalten zu einer Rück- und Jnnenschan. Welche Aufgaben hatte die Baron Hirfch-Sliftnng zu erfüllen? Welche von diesen Aufgaben hat sie bisher erfüllt und welche stehen ihr noch bevor? Baron Hirsch ging von der Tatsache ans, daß die jüdische Bevölkerung im Osten der Monarchie zum großen, vielleicht überwiegenden Teile in ihrem wirtschaftlichen und geistigen Leben weit hinter der jüdischen Bevölkerung des Westens zurück sei, und er st'ah die Quelle dieses schreienden Mißstandes darin, daß die Inden Galiziens und der Bukowina infolge eigentümlicher, in der Geschichte dieser Länder begründeter Umstände allzu zäh an dem jüdisch-deutschen Idiom festhielten, von außen kommende Kultur ablehnten, und endlich darin, daß ihr Erwerb ausschließlich auf den Kleinhandel beschränkt war. Baron Hirsch war davon überzeugt, daß eine Besserung der jüdischen Zustände im Osten nur dann eintreten könnte, erstens. wenn die Inden die Landessprache sich zu eigen machten, zweitens, wenn sie sich in weit größerem Umfange als bis jetzt dem Handwerk und dem Ackerbau znwendeten. Eine so durchgreifende Aenderung in der Denk- und Lebensweise war von den Erwachsenen nicht zu erwarten; aber das heranreifende Geschlecht konnte im Sinne eines solchen Wandels erzogen werden. Diese Erziehnngswerk sollte die Baron Hirsch-Stiftung vollbringen. Als das wichtigste Mittel hiezu wurde die Errichtung von Schulen in Aussicht genommen. Viele Eltern, die in aller von Nichtjnden vermittelten Bildung eine Gefahr für die Religion argwöhnten, und viele, die für ihre anders gekleideten und anders sprechenden Kinder eine unfreundliche Behandlung seitens der christlichen Schüler befürchteten, umgingen die Schulpflicht und hielten die jüdischen Knaben von der öffentlichen Volksschule fern. Diesen ängstlichen Gemütern kamen die Baron Hirsch-Schulen mit ihren jüdischen Lehrern auf halbem Wege entgegen. In der Tat fanden sich bald — wenn auch nicht gleich — Tausende von glanbenseisrigen, sogar chassidischen Vätern bereit, ihre Kinder in die Stiftungsschulen zu schicken; auf diese Weise wurden Tausenden von Knaben, die sonst kaum über die chinesische Mauer der Cdederknltur geblickt hätten, die Kenntnis der Landessprache und die Elemente der Schulbildung vermittelt. Ganz im Sinne des Stifters war das Kuratorium bemüht. die Knaben, welche eine Baron- Hirsch-Schule absolviert hatten, dem Handwerk zuzuführen. Zu diesem Zwecke wurden sie entweder nach Wien geschickt, wo der „Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten" für ihre weitere Ausbildung sorgte, oder nach größeren Städten Galiziens und der Bukowina, wo unsere Organe daraus sahen, daß sie bei tüchtigen Meistern untergebracht wurden. In den Stiftnngsschnlen selbst wird vielsach der Sinn für Handfertigkeit durch die Erteilung des Slöjdnnterrichtes geweckt. Das Kuratorium ist sich vollkommen klar darüber, daß die Stiftung mit der Erhaltung der jetzt vorhandenen 43 Schulen im Verhältnis zum wirklichen Bedürfnis der jüdischen Bevölkerung nur ein geringes Scherflein zur Hebung der Massen beitrügt; es ist sich ferner dessen wohl bewußt, daß selbst die wenigen vorhandenen Stiftnngsschulen einer weiteren Ausgestaltung dringend bedürfen. 1. Jede Stiflnngsschule sollte ausnahmslos ihren Arzt haben, damit den leider noch immer nicht seltenen Hautausschlägen und Augenkrankheiteu wirksamer als jetzt gesteuert werde, 2. Jede Stiftungsschnle sollte ausnahmslos mit einer Werkitätte verbunden sein, in der die Knaben von leichten Spielereien mit Pappendeckel und Holz bis zu schweren Eisenarbeiten aufznsteigen hätten. 3. Jede Stiftungsschnle sollte ausnahmslos von mehreren Joch Garten- und Ackergrund umgeben sein, wo den Kindern im Sinne des Stifters der Segen der Bodenarbeit vor Augen geführt, die Sehnsucht nach dem „Dufte des Feldes" ins Gemüt gepflanzt würde. m

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