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Die Wahrheit · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. Die Wahrheit Nr. 27. Und bei .denen so wenig herauskommt. Immer dieselben Früchte j grauer Schulweisheit. — Dieselben logarythmischen Gleichungen und gequälten Übersetzungen alter und neuer Klassiker. Mir ekelt vor diesem und anderen „tintenklecksenden" Jahrhunderten, wenn ich sehe, welches Unheil die Tinte ungerichtet hat in jungen Köpfen. Und das sehnt sich alles nach der Natur draußen, mit ihren Wäldern und Bergen. Wälder und Berge freilich bietet die Hanna nicht. Sie ist das Land der Ebene,, aus welcher die Malz spendende Gerste üppig in die Halme schießt. Und K r e m s i e r die Stadt, in welcher unsere Brüder heute einen Festtag feiern, ist der Mittelpunkt der Hanna, das hanuakische Jerusalem genannt. Warum mau es so benannte, ist mir nicht ganz klar. Durch Zahl hat sich die Judengemeinde Kremsier nie hervorgetan. Da wurde sie schon durch das benachbarte Holleschau übertroffeu. Nach D'Elverts Buche „Zur Geschichte der Juden in Mähren", zählte die Gemeinde im Durchschnitte 100 bis 106 Familien mit 453 bis 542 Personen (1891: 704 Personen). Vielleicht wollte man mit der Bezeichnung Jerusalem Kremsier die Stadt der Schulen benennen. Das ließe sich hören. Das ehrwürdige, 224 Jahre alte, ehemalige Piaristengymnasium hat gar manchen hervorragenden Mann hervorgebracht. So war Kremsier ehemals, als die Schulen noch nicht wie die Pilze aus dem Boden hervorwuchsen, die Pilgerstätte für wißbegierige Jünglinge aus allen Gauen des Mährerlandes. Die Memorbücher dieser Gemeinde nun, welche durch . nahezu 600 Jahrhunderte unter kirchlichem Regimenle, unter dem des Bischofs, späteren Erzbischofs von Olmütz stand, verzeichnen getreulich alle Kämpfe, Verfolgungen. Anfeindungen, die sie erduldete, aber auch die Privilegien und Rechte, die sie sich seit ihrem Bestände, im 14. Jahrhunderte, zu erwerben wußte. In diesem Jahrhunderte hat auch Karl IV. .hier für kurze Zeit sein Hoflager aufgeschlagen, wie wir aus einer Urkunde „datum in Castro nostro Crembsier“ ersehen. Dessen Vater, Johann der Blinde, der fechtend in der Schlacht bei Ersetz (1346) fiel, ist es, mit dessen Namen die Entstehung der Judengemeinde Kremsier verbunden wird. Welch ein weiter Weg führt aber von dieser Zeit bis in die des 30jährigen Krieges, in welchem die Gemeinde besonders harten Drangsalierungen ausgesetzt war! Noch heute wird am Sabbathe vor dem Fasttage des 17. Thamus ein Gebet für das Seelenheil der Märtyrer Kremsiers verrichtet, die dem furchtbaren Wüten der S ch w e d i m, im Hebräischen gleichlautend mit S ch o d i m (Räuber), am 26. Juni 1643, (9. Thamus 5403), nach anderen am 3. Juli dieses Jahres, zum Opfer fielen. Der Rabbi M o r d e ch a i b e n M o s ch e h, Nachfolger des M e n a ch e m Mendel K r o ch m a l, war damals geistliches Oberhaupt der Gemeinde, als deren Märtyrer er angeführt wird. 100 Jahre später, im April 1742, während des österreichischen Erbfolgekrieges, fand in der Judengasse zu Kremsier ein furchtbares Gemetzel statt, das von ungarischen Husaren angerichtet wurde und dem mehrere Personen zum Opfer fielen. Man hat drei von ihnen in dem an den alten „Schulhof" angrenzenden Garten begraben. Nicht ohne heilige Scheu und ehrfurchtsvolles Schaudern betrachteten wir Kinder diese Gräber, die uns an eine alte, furchtbare Zeit erinnerten . . . Doch, wozu an diesem Festtage, den jetzt die Gemeinde Kremsier feiert, in alten Wunden wühlen? Gepriesen sei der Herr, der die Zeiten ändert. Die Kremsierer Gemeinde hat auch schöne Tage gesehen. Sie erschaute unmittelbar das Erwachen der jungen Freiheit vor 62 Jahren, sie hatte das Glück unseren erhabenen Monarchen vor 25 Jahren, bei Gelegenheit seiner Zusammenkunft mit dem russischen Zaren Alexander HL zu begrüßen. Damals fragte der Kaiser den Rabbiner Dr. Frankl-Grün auch über die Synagoge. Dieser erwiderte: „Wir besitzen eine alte Synagoge, die Kaiser Ferdinand, als er noch Kronprinz war, 1818, am Versöhnungstage besuchte. Obwohl der Bau einer neuen Synagoge notwendig wäre, gestatten diesen die armseligen Verhältnisse der Gemeinde nicht." Und jetzt, nach 25 Jahren, sehen wir, wie Opferwilligkeit und Energie einer nicht allzugroßen Gemeinde eiuen herrlichen Prachtbau geschaffen haben, um den sich der jetzige Vorsteher, Herr Ignaz K n ö p s e l m a ch e r, mü allen seinen Kräften bemühte, er und alle die wackeren Männer und Frauen, die ihm mutig zur Seite standen. Des Märtyrers Gebet: „EI mole Bachamim“, ba§ üor 267 Jahren angestimun wurde, hat sich in ein Jubellied verwandelt und wie es indem wunderbaren Psalm „Z u r Weihe des Hauses" heißt, so kann auch die ehrwürdige Gemeinde Kremsier singen und sagen: „Da wandtest du meine Klagen in Reigentanz, löstest meinen Sack und gürtetest mich mit Freude." Und so war denn die Weihe des neuen Gotteshauses ein wahrer Festtag, nicht nur für die jüdische Gemeinde, sondern auch für die anderen Bewohner dieser Stadt, welche so herrlich und anmutig zwischen prächtigen, uralten Gärten gebettet an den Usern der nun regulierten March sich ausdehnt. Denn diese neue, nach den Plänen des bestbekannten Architekten I. Gärtner, eines Sohnes unseren engeren Heimatslandes, erbaute Synagoge, muß wirklich eine Zierde der Stadt genannt werden. Architekt G a r t n e r, der auch die prächtige Synagoge in seiner Vaterstadt Olmütz erbaute, hat hier mit viel geringeren Mitteln ein Werk geliefert, das ihm zur höchsten Ehre gereicht. Aus der alten, dumpfigen Synagoge, über deren Feuchtigkeit und kellermäßige Kälte mein seliger Vater, der gewiß ein eifriger „Schulbesucher" war. schon vor mehr als 40 Jahren klagte, zieht nun die Gemeinde Kremsier in das neue Haus. Ein Symbol für die neuen und besseren Tage, die für uns angebrochen sind. Noch gedachte man, zum Abschiede vom alten Hause, der frommen Väter und Mütter dieser Gemeinde, deren Namen verzeichnet stehen in dem alten Memorbuche. aus dem bei jeder Haskarah die Namen der Verewigten verlesen werden. Und wieder steigt die Erinnerung au die selige Kindeszeit vor meinem geistigen Auge ans. Da sehe ich mich neben meinem verewigten Vater und höre mit Andacht längst verschollene Namen ertönen. Das Kind ahnte nur, welches Martyrium mit vielen dieser Namen verbunden war, welche das Epitheton „Hakodansch" führten . . . Die Verlesung der Namen durften wir Kinder schon anhören, wahrend wir uns bei der eigentlichen Haskarah im „Schulhofe" tummelten. Denn wir hatten noch das Gtück, Eltern zu besitzen . . . Später ist man über den frommen Aberglauben hinweggegangen und hat das geräuschvolle Verlassen der Synagoge vor der Haskarah den Kindern untersagt. Wie viele Erinnerungen erweckt doch ein neues, einschneidendes Ereignis im Leben einer alten Kehillah. Ein glänzender Sommertag ist angebrochen. Nun nichts mehr von den Toten. Wenden wir uns den Lebenden zu. Sie alle, Väter, Mütter, Greise. Kinder feiern mit gehobenem Gefühle de n Fe st tag der Weihe des zweiten Tempels, den die Gemeinde Kremsier, unterstützt von dem Sinne der Wohltätigkeit, der im Kreise unserer Volksgenossen noch nicht ausgestorben ist, errichtet hat. Die Namen der großen Spender und Förderer, welche diesen Bau aufrichten halfen, sind in ihm für künftige Zeiten und Geschlechter verewigt, eine Ermunterung für kommende Generationen, das alte Erbe Jakobs treu zu bewahren. 267 Jahre sind seit dem großen Gemetzel der „Schwedimzeit" verflossen, 600 Jahre nahezu seit der Begründung. der Gemeinde, 250 Jahre seit der Erbauung des ersten Tempels. Und.nun halten die alten Thora-Rollen ihren Einzug in das neue Haus. Sie werden von den Sekenim, den Aeltesten der Gemeinde getragen, und jugendliche, reizende Mädcheu» gestalten bilden eine Gasse, durch welche das alte, kostbare Gut seinen Einzug feiert in das vom glänzenden Weiß und elektrischem Lichte leuchtende, von Orgeltönen durchbrauste Haus. — Eine unabsehbare Menschenmenge drängt sich auf dem weiten Platze vor-dem Hanse. Sie alle, die Drängenden und Stoßenden, möchten die zu weihenden Räume betreten. Unmöglich. Und so wollen wir bemerken: Die Teilnahme der nichtjüdischen, meist tschechischen Bevölkerung, mit dem Bürgermeister Kremsiers an der Spitze, war eine außerordentliche, sehr erfreuliche. Hier scheint wirklich Frieden, zwischen den Konfessionen wenigstens, zu herrschen. Wir haben schon ähnliche Feiern in großen

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