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Die Wahrheit · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seile 4. Die Wahrheit Nr. 27. Die Auferstehung der „liberalen" Partei in Üngürn hat einen allgemein bedauerten Vorfall nicht verhindern können, 8ör schlagend beweist, wie mächtig, trotz des offiziellen Üiberülismiis, auch in Ungarn noch jene Kreise sind, die alle EkscheiNunßen des öffentlichen Lebens nur vom konfessionellen Gesichtspunkte aus beurteilen und Andersgläubigen gegenüber die größte Unduldsamkeit üben. Ueber den erwähnten Vorfall wird aus Budapest berichtet: „Lebhaftes Aufsehen ruft die Ernennung des außerordentlichen Professors, Leiters des Dermatologischen Instituts, Ludwig Nekan zum ordentlichen Professor der Dermatologie an der Bndapester Universität hervor. Zur Ernennung des Doktor Nekan meldete der .,Pester Lloyd", daß man von langer Hand darauf hingearbeitet habe, dem hiefür geeigneten Mann, dem ordentlichen Professor Dr. Ludwig T ö r e k, den Weg zu dieser Lehrkanzel zu verlegen. Obwohl Professor T ö r e k vom Referenten der medizinischen Fakultät als der zur Ernennung Berufene erklärt wurde, schlug die Fakultät, weil Professor T ö r e k I n d e ist, Professor M a r s chalko vor. was mit 12 gegen 4 Stimmen angenommen wurde. Die vier Gegner Marschalkos meldeten ein Separatvotum au, weil Marschal k o Freimaurer ist. Die Angelegenheit gelangte vor den Universitätsseuat, der unter dem Vorsitz des klerikalen Rektors Professor S h a g i dem Ünterrichtsminister die Ernennung des Professors Nekan vorschlug. Infolge dieses Vorschlages wurde nun Professor Nekan mit einer königlichen Entschließung vom 24. Mai. die jedoch erst jetzt publiziert wurde, ernannt. Wir können dazu folgendes mitteilen: Das Gutachten der medizinischen Fakultät über die Besetzung des Lehrstuhls enthält tatsächlich den Hinweis auf T ö r e k als den einzig wirklich Berufenen. T ö r e k ist unter den Bewerbern auch der einzige, der in der wissenschaftlichen Welt Europas einen Namen hat, wo man ihn und P h i l i p p s o n in Palermo als den Begründer einer neuen dermatologischen Methode kennt. Aber der Umstand, daß er Jude ist, macht seine Ernennung auch unter dem neuen „liberalen" Regime unmöglich, und ebenso mußte der als sein Ersatzmann vorgeschlagene Marschalko in Klausenburg, weil er Freimaurer ist, weichen. Gegen ihn protestierte der Klausenburger Bischof M a j l a t h, ein Intimus des Thronfolgers. Der neue Unterrichtsminister Graf Johann Z i ch y hat sich nach nuferer Kenntnis für die Angelegenheit selbst interessiert, aber gegen den mächtigen Protektor N e k a n s nichts auszurichten vermocht." * * n* r ~ * Zu dem Prozesse Lz ab o l c s i - Mak ai, über dessen Ausgang wir in voriger Nummer unseres Blattes kurz berichteten, bringt die „Ung. Wochenschr." folgende Details. Der Tropfen höhlt den Stein. Dies hat sich buchstäblich an dem wUckeren Redakteur des „Egyenlösek“ Max Szabolsci und an dem antisemitischen Sektionsrat im Kultusministerium Bela M a k a i bewährt. Saß da im Ministerium ein Mann mii einem Stein an der Stelle des Herzens, der die jüdischen Angelegenheiten zu leiten hat. und dies in einer Weise besorgte, daß jedem Juden, der bei ihm vorsprechen zu müssen das Malheur hatte, die Schamröte ins Gesicht getrieben wurde. Jüdische Persönlichkeiten gingen bei ihm aus und ein, um die Erledigung jüdischer Angelegenheiten zu urgieren, konnten jedoch den harten Mann nicht bewegen und mußten sich von ihm noch Insulten gefallen lassen. Da nahm ihn der Redakteur eines jüdisch-konfessionellen Blattes, Max Szabolcsi, in die Arbeit, und mit der Zeit gelang es dem bescheidenen David, den Hochmnth des Goliat zu brechen. In seiner Wut ging der Niedergestreckte zu Gericht. Und was da am jüngsten Samstag geschah, ist ja aus den Tagesblätlern genän bekannt geworden. Trotzdem wollen wir auch in unserem Blatte einige jener Hiebe feftnageln, die Szabolcsi dem Herrn Sektionsrat versetzt und die Staatsanwaltschaft inkriminiert hat. In einem der beanstandeten Artikel des „Egyenlösek“ heißt es: „Seit einigen Jahren inauguriert ein wichtiger Faktor im Kultus- und Unterrichtsministerium, der in erster Reihe die jüdischen konfessionellen Angelegenheiten erledigt, eine Praxis, welche in einem Rechtsstaate geradezu unglaubliche Zustände geschaffen hat: Wenn sich Jemand bei ihm darüber zu beschweren wagt, dann kann er noch von Giück sagen, wenn er nicht hinänsgeworfen wird. Dieser Herr leidet an dem Größenwahn, daß er ein zweiter Barküczy sei. Er vexiert die israelitischen ReligionsgemeindeN Unaufhörlich damit, daß er die dem Ministerium zur Genehmigung unterbreiteten Statuten monatelang ruhen läßt, um sie sodann unter nichtigen Vorwänden zur Modifikation immer und immer wieder an die Religionsgemeinde zurückzuschicken. Nach Jahren endlich gelangen die Statuten genehmigt zurück, doch auch in der Klausel wird der Gemeinde eins versetzt. Auf solche Weise entstehen die schlimmsten Gerüchte über den Grafen Albert Apponyi (Der Artikel würde noch unter dem früheren Kultusminister veröffentlicht: Die Red.), und doch ahiit er gewiß gar nicht, was in seinem Namen geschieht. Der Herr, der die jüdischen Angelegenheiten im Kultusministerium erledigterprobt seine perversen Machtgelüste an den Inden, die er seit Jahren ohne Grund und Zweck vexiert. Selbst einen Kutscher würde man von seiner Stelle entfernen, wenn es bekannt ist. daß es ihm eine Wonne bereitet, die Pferde zu quälen^ u. s. w. Das ist noch das Glimpflichste, was Szabolcsi dem Herrn Sektionsrate sagte. Und da er die Wahrheit seiner Behauptungen vollständig nachzuweisen in der Lage war, wurde er vom Schwurgerichte glänzend freigesprochen. * * * Daß der Deutsche Kaiser es für angemessen findet, Männer jüdischen Glaubens, die in Kunst und Wissenschaft, in Handel und Industrie sich einen Namen gemacht haben, in seinen Verkehr zu ziehen, wird ihm von den Antisemiten sehr verübelt und in ihrer geschmackvollen Weise kritisiert. Jnsbeson-. dere erregen die Beziehungen wes Monarchen zu dem Generaldirektor der „Hapag", B a l l i n, das Mißfallen der Antisemiten. So macht auch ein „alter preußischer Offizier" in den Spalten der „Staatsbürger-Zeitung" aus Aulaß der jüugsten Anwesenheit des Kaisers in Hamburg seinem gepreßten Herzen Luft. Er schreibt unter anderem: „Die Intimität mit dem Deutschen Kaiser, deren sich seit einigen Jahren die tonangebenden Hamburger Kreise, voran diejenigen um Ball in, die führenden Geister der Hamburger Schiffahrt und Hochfinanz, rühmen können, hat schon längst an gewissen Stellen des „übrigen" deutschen Vaterlandes Kopfschütteln und Verwunderung erregt. Und mit Recht. Gilt es doch als ausgemacht, daß unsere ganze innere und äußere Politik von den Einflüsterungen jener unverantwortlichen Freunde und Ratgeber des Kaisers merklich beeinflußt wird. Ostentativ meidet der Kaiser seit Jahren die deutschen Bundesfürsten und ihre Hauptstädte; die übrigen deutschen Volksstämme. selbst die altprenßischen, kennen deN deutschen Kaiser bald nur noch vom Hörensagen . . . Am schmerzlichsten aber wird dies empfunden, wenn man den Gründen nachgeht, aus denen heraus die Hineignng des Kaisers zu Hamburg sich allmählich entwickelt hat. Es ist rund heraus gesagt: die Vorliebe des Kaisers für alles Pompöse. Und das findet er eben nur in Hamburg und bei den Hamburger Kaufleuten . . . Wenn er auf einem Schiff der Amerika-Linie des Herrn B a l l i n bewirtet wird, oder in dem Hause eines sonstigen reichen Schiffahrtsmagnaten, da macht orientalisch-byzantinische Herrlichkeit das Auge trunken und läßt vergessen, daß die Kosten schließlich der Steuerzahler, der gute deutsche Michel im Inland tragen muß . . . Aber das sind ja eigentlich Privatsachen, die das deutsche Volk nichts angehen, denn der Kaiser kann sich seinen Umgang wählen, wie es ihm paßt, und wenn ihm die ältprenßische Schlichtheit nicht mehr gefällt, so wird es ihm Niemand verübeln, wenn er sich in den Kreisen Wühler fühlt, wo äußerer Glanz und Pracht, aber auch mehr innere Falschheit zu Hause sind." Der Verfasser entrüstet sich dann über die „Profitwut" der Hambltrger Kaufleute Und Schiffahrttreibenden und behauptet, daß auch das einzige Ideal ihrer Frauen und Töchter , das Geschäft sei. Und zu guter Letzt denunziert er als die 'Hauptschuldigen die dortigen — Juden.. Die eigentlichen i Drahtzieher seien in den Kreisen der Hamburger JudeNschaft

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