Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion und Ildniiuislralion Wien, II/, Novaragasse 27 Televiion: Redaktion 5107/Vlll. Administrarion t.938/iI. Inserate: Die viermal gespaltene Iionpareille-Zeiie 25 Heller. Slbonnemeiils- und JnsertionS^ betrage sind in 'Wien zahlvar und klagbar. K. k. österr. Bostivarkasia- Scheck-Konlo 3tr. 1000.918. ^abhängige Aeitschrift für jüöische Interessen. Erscheint jeden Kr ei tag. Motto: ,.Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Werugspreis: Äanzjävrig.K 14.— Halbjädrig.I< 7 — Zur StiiUuvbemute: «^aiizjäiirig.li tu. — Hilf Ausland: tAaiijjäNria.... .8 Mark t> Oiuöel oder It5 FrcS. llt. 27. Wie» 8. Inli I«1«. Inhalt: Ans der Woche. — Am Scheidewege. — Vom ersten znm zweiten Tempel. — Die Knlturräligkeit der Baron Hirsch-Stiimiig in Galizien. — Das Rassenproblem. — Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: — Moosröschen. — Austritte aus dem Judentum. Iie geehrten «Herren «Abonnenten werden um umgehende Erneuerung des Abonnements für das am 1. Iuti 1910 begonnene 3. Huartat ersucht, damit die regelmäßige Expedition des Mattes keine Unterbrechung erleide. Ans der Woche. An der Wiener Universität wurde, wie bereits berichtet, für das nächste Studienjahr ein jüdischer Professor zum Dekan der juridischen Fakultät gewählt. Daß er diese Ehrenstellung annahm, ist selbstverständlich, denn sie gehört znm Inbegriff seiner akademischen Rechte, von denen ein selbstbewußter Mann sich wohl kein Tüpfelchen rauben lassen möchte. Nicht so denken aber die jüdischen Professoren in Prag, die wiederholt die höchste akademische Würde ausgeschlagen haben. Diese allzu große Bescheidenheit ist keineswegs am Platze, und mit vollem Rechte bespricht die „Selbstwehr" die Ablehnung der Rektoratswürde durch Professor P i ck mit. folgender Glosse: „In Prag sind innerhalb drei Jahren au der deutschen Universität zweimal Inden zu Rektoren gewählt worden. Kolossal! Der erste war Goldschmiedt, der Chemiker, der vielleicht gegenwärtig als die größte Kapazität der Prager Gelehrtenwelt angesehen werden kann, da er das einzige wirk-! liche Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist. Er ist ein vornehmer Mensch, sehr reich und lebt nur der Wissenschaft. Man konnte ihn nicht umgehen, selbst wenn man gewollt hätte. Man wählte ihn, aber er hatte gleich viel Stimmen wie sein Gegenkandidat. Das Los entschied für ihn, aber er nahm nicht an. Warum? Wollte er beweisen, daß es Juden gibt, die nicht von eitlem Ehrgeiz beseelt sind und die daraus verzichten, die goldene Ehrenkette zu tragen? Oder hatte er Angst, auf die Kommerse der antisemitischen Studenten gehen und die Burschen in ihren Bestrebungen und namens der Universität aufmnntern zu müssen, wie die dentschfreisinnigen Rektoren es bisher getan haben? Oder fürchtete er sich, daß die antisemitischen Couleurs ihn als Rektor nicht anerkennen und seiner Wahl die Bestätignng verweigern? Die letztere Annahme hat viel Wahrscheinlichkeit für sich. Nun wurde in diesem Jahre Professor Dr. Georg Pick, ein Neffe Philipp Joses Picks, zum Rektor gewählt, an der Universität gleichfalls geschätzt durch seine mimosenhafte Zurückhaltung. Aber auch er nahm nicht an, auch er hatte Angst und lehnte ab. Nächstes Jahr kommen die Juristen dran; da wird man wahrscheinlich wieder einen Juden wählen, den Professor Zucker k a n d l. Man kann ruhig annehmen, daß auch er — natürlich mit Berufung auf wissenschaftliche Arbeit. Nervosität, Ueberlaftnng u. s. w. — ablehnen wird. Feigheit, Angst, Leisetreterei herrsch! seit jeher in den jüdischen Professoren der Prager Alma mater. Nnr einmal haben sie Mut bewiesen, damals nämlich, als es galt, den einzigen mutigen und überzeugungstreueu jüdischen Professor Prags, den Dozenten Mahler, eben wegen seines Mutes und seiner Gesinnung, hier unmöglich zu machen. * Namens der jüdisch-nationalen Parteileitung in der Bukowina erläßt der Abgeordnete Dr. Straucher folgenden Ausruf: Die unsäglich traurige wirtschaftliche Lage eines großen Teiles unserer Volksgenossen im Laude legt nns die unabweisbare Verpflichtung aus, geeignete Mittel und Wege ausfindig zu machen, um unseren bedrängten Brüdern ausreichende Hilfe zu bringen. Unaufhaltsam vollzieht sich ein V ere l en d un g spr o z eß, der eine wirtschaftliche Katastrophe Tausender jüdischer Existenzen befürchten läßt. In dieser peinvbllen Situation ist es unsere gemein s a m e Aufgabe, allen kleinlichen Streit und Hader zu bannen, Differenzen und Meinungsverschiedenheiten zu unterdrücken und vereint die drohende große Gefahr von unserem Volke abzuwenden. Die jüdisch-nationale Partei des Landes befaßt sich seit längerer Zeit intensiv mit dem Studium dieser Frage und wird schon in der nächsten Zeit Sanierungsvorschläge erstatten. Vor allem aber erachtet sie eine Aktion, durch welche im Wege der Parzellierung von zu erw erbe n d e n G ü t e r n im Lande jüdischen Landwirten geeigneter Grund und Boden verschafft werden soll — für dringend und unaufschiebbar, aber als zweckentsprechend, um einer größeren Anzahl von Volksgenossen, die sich mit der Landwirtschaft beschäftigen, die Möglichkeit der Grnnderwerbnng zu bieten. Zur Beratung dieser ganzen S a n i e r u n g s a k t i o n, insbesondere aber der Frage der G r u n d e r w e r b u n g, findet Montag, den 18. Juli d. I., 6 Uhr nachmittags im jüdischen Gemeindehause in Czernowitz eine Versammlung statt, zu welcher die persönlichen Einladungen ergehen werden. Schon heute werden jedoch alle jene jüdischen Gutsbesitzer und Gutspächter, welche sich an der Aktion zu beteiligen gedenken, gebeten, sich mit allem Eifer unserer Volkssache anzunehmen. * * *