Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 26. Die Wahrheit Seite 7. liehen Lebens. „Er (Gott) hat dir gesagt, was das Gute ist und was der Ewige von dir verlangt: nur das Recht zu üben, das 'Liebeswerk zu lieben und bescheiden wandeln vor deinem Gotte". Darin liegt alles. Zur tiefen Erkenntnis der Wahrheit dieser prophetischen Forderung und zur Möglichkeit ihrer Erfüllung gehört: die Kenntnis der Lehre, das gottesdienstliche Leben, die M en sch en l i e be; das heißt, es gehört d a z n die Zusammenfassung dieser drei Begriffe, d e r e n E r g e b n i s heißt: Religion. Religion in jüdischem Sinne und nach jüdischem Denken und Fühlen. — Hier finden alle Platz und Stelle, alle Würdigung und Anerkennung', die ernstlich Mitarbeiten. „Durch die Fülle der Kraft und Macht" dieses großen Glaubens ..fehlt nicht ein einziger." In diesem Sinne aber gehört in den heiligen Kreis der jüdischen Gemeinschaft, in das zum Priesterreich erwählte Israel, der konservative und liberale Jude. Sie mögen alle ihren gewiß wohlberechligten nicht mühelos beschreitbaren Weg gehen, aber .„bescheiden wandeln vor Gott". Zur Mode der Iionslöchter. Gegenwärtig, wo anläßlich der Einweihung der katholischen Marienkirche ans Zion und der evangelischen Oelberg- Stiftung bei Jerusalem durch die Anwesenheit des deutschen Kronprinzen Eitel Friedrich und seiner Gemahlin in Jerusalem die Aufmerksamkeit aller Welt wieder auf die alten geweihten Stätteü Palästinas gelenkt wurde, bekamen wir oft Berichte über verschiedene, im Alten Testamente, namentlich nn Buche „Jesäias" oft genannte Ortschaften, wie Zion. Nazareth, Damaskus, Bethlehem, Ephraimthal rc. zu lesen. Dadurch wird das öffentliche Interesse für die Schriften des Alten Testamentes, namentlich des Propheten Jesaias; dieses hervorragendsten alttestamentarischen Propheten wieder geweckt. Wird doch gerade dieser Prophet im.Neuen Testamente als Namensbruder von Jesus, als Ankündiger des Heilandes zitiert, und ist es doch gerade dessen staatsmänmsche Einsicht und klare Weltanschauung, dessen lebhafte Phantasie und echt orientalische, feurige, vom echten Patriotismus und wahrer Menschenliebe durchglühte Poesie, die noch heute die Bewunderung aller Kenner des Originals erregt. Es dürfte daher gerade gegenwärtig nicht ohne Interesse sein, die Schilderung des Hochmutes und des Stolzes der Zionstöchter, ihrer Mode- und Toilettentorheiten wiederzngeben, wie sie in diesem Buche Kapitel 3, Vers 16—31, als Ursache des sittlichen Verfalles des jüdischen Volkes dargestellt wird. Während der erste Teil dieses Kapitels, Vers 1—15, den moralischen Verfall, die anarchistischen Zustände der beiden sich damals blutig bekämpfenden Bruderstämme Juda und Israel in. den lebhaftesten Farben schildert, ist der zweite Teil desselben Kapitels, Vers 16—31, ausschließlich den -Eitelkeiten und den Modetorheiten der damaligen Zionstöchter gewidmet. Beim Lesen dieser Verse gewinnen wir einen Einblick in das Modeleben der Zionstöchter jener Zeit. Wir geben daher im folgenden diese Schilderung nach dem demnächst im Verlage von Bruno V o l g e r in Leipzig erscheinenden zweiten Teile der „Poesien des Alten Testamentes im deutschen Gewände" von Dr. Markus Epstein getreulich wieder, der wir zum Vergleich auch die Luther sehe Übersetzung derselben Vene in Prosa folgen lassen, woraus ersichtlich ist, daß die Schilderung in der Dr. Epstein scheu Uebertragung, die sich streng an das Original anschließt, sich, trotz der gewählten -metrischen Reimform, in ihrer schwungvollen echt poetischen Sprache leicht und sehr gefällig liest. Stolz d e r Z i o n s tö ch t e r. Jesaias, Kap. 3. 16. Doch Gott spricht dann noch weiter, Der Herr, der gerechte Weltenleiter: Weil die stolzen Zionstöchter, Diese echten Modewächter, Ihre Hälse, wie die Gecken, So stolz empor zur Höhe recken, Die Brauen sich mit Puder pinseln, Und mit den Augen gierig blinzeln. Ans den Fußen trippelnd gerne schreiten Und mit lüstern' Blick die Männer auch begleiten, In ihren Schuhen mit Glockenschellen Sich gerne auf der Straße niederstellen. 17. Drum' mach ich einstens ihre Schädel grindig Und ihre Haareslocken zum Eckel schwindig. Ihr Haupthaar wird gar bald erbleichen, Die Prachtfrisnr den eiternden Grinden weichen. 18. Gar bald werd' ich, um sie zu beschämen, Ihr Geschmeid', so kostbar, ihnen ab auch nehmen. Die bestrickenden Strnmpfbündchen Mit den schillernden Silberrändchen, Das schön gestickte Haargenetze, Mil allerlei Kopfgesetze, Die mondförmigen Stirnbänder Mit glänzendem Goldgeründer. 19. Die Ohrgehänge, Bontons allbekannt, Die Armbänder, Bracelets genannt, So zierlich um das Handgelenk gespannt Und den langen Seidenschleier Gar fein und selten teuer. 20. Die Prachtsrisuren mit den Löckchen, Die Hüte mit dem Blumenglöckchen. Die Riechfläschchen Und die Handtäschchen, 21. Die goldenen Fingerringe, Und die silbernen Nasenringe, 22. Und die Staatsgewänder Mit allerlei Geründer, Die Umhängtücher und die Handtäschchen Mit allerlei Pnderflüschchen. 23. Die Toilettenspiegel, Ihre Salbentiegel, Die feinen Spitzenhemden, Mit allerlei Geränden, Die netten Häubchen, Die weißen Nachtleibcheu, Die langen Modeschleppen, Die sie am Boden schleppen. 24. Statt des Parfnmes Woblgeruch Geb' ich ihnen Modergeruch, Statt der schönen Gürtelspangen Striemen, die den ganzen Leib umfangen; Statt der Locken Knnstgeflechte Eine Glatze mit Schädelflechte; Statt des Wintermantels weiter Hülle Einen Sack zur Leibesfülle; Statt der Schönheit und des Leibes Zier Brandmal und ein Leibgeschwür. 25. Euere Männer sollen fallen durch das Schwert, Euere Macht zunichte werden, durch den Krieg verheert. 26. In deinen Toren soll dann weilen Trauer nur und Jammer, Wie ansgeranbt wirst du dann sitzen am Boden deiner Kammer. vr. E—n. Nach Luther. 16. Und der Herr spricht: Darum, daß die Töchter Zions stolz sind und gehen mit aufgerichtetem Halse, mit geschminkten Angesichtern, treten einher und schwänzen und haben köstliche Schuhe an den Füßen;