Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 6. Die Wahrheit Nr. .26. ausgeschlossen sein. Es gibt aber Tausende Juden, namentlich gehören dazu die zionistischen und nationalen, welche „Gott" und „Gottesdienst" als nicht wesentliche Bestandteile des Indenrums bezeichnen. Ich betone ausdrücklich, daß ich auch solche Juden als dazu gehörig betrachte, wenn ich auch weder die philosophische, noch die geschichtliche, noch die kulturhistorische, noch auch die logische Berechtigung des rein nationalen Standpunktes einräume und es von all diesen Standpunkten ans unbegreiflich sinde, wie man das Judentum von seinem Mntterboden und Urquell „Religion" zu trennen vermochte. Nichts Nationaleres h^ar das Judentum ans seinem Schoße geboren als den Monotheismus; nichts nationaleres erzeugt als sein nationales Schrifttum m ft s e iner literarischen und gesetzlichen Entwicklung. — Nichts Nationaleres gibt es, als das von m o n o t h e i st i s ch e r Le b e n s a u sch a u nng und Lebensa u f s a s s u n g durchdrungene u n d g e r e g e l t e Leben des R e l i g i o n s j u d e n. Und dennoch habe ich nie gezögert, den Zionisten und Nationalen ihr Recht als Juden einzuräumen. Die Abodah bleibt aber znrecht bestehen. Nicht der öffentliche Gottesdienst allein ist daruuter verst a nd en. sondern d a s n ach d en Wei s un g e n 1111 \ e i: er Religion eingerichtete Leben. Wir müssen itns recht verstehen. Das gottesdienstliche Leben ist für das Judentum als Religion, das Leben überhaupt. Es gibt kein anderes. So faßt der Jude strenger Observanz sein Leben auf. Danach ist sein Haus eingerichtet, seine Familie davon durchdrungen, sein gesellschaftlicher Verkehr und auch seine Berufserfüllung dadurch beeinflußt. Wir lassen jedoch diese umfassende Kraft des „Gottesdienstes" in feiner ursprünglichen und wahren Bedeutung unerörtert. Ich will nur mit Nachdruck betonen, daß ich diesen Gottesdienst in diesem Sinne für den weitaus wichtigeren und bedeutenderen halte. Er besorgt die Arbeit der Erziehung im jüdischen Geiste und Sinne in religiöser und nationaler Richtung; das ist religiös-nationale Praxis von unbedingter Verläßlichkeit und erprobter Erfolgsicherheit. Nun müssen wir aber mit der Tatsache rechnen, daß Hunderttausende unserer Brüder ihr Leben nicht mehr in dieser Weise eingerichtet haben; die einen einen Teil,'die anderen fast alles, andere alles anfgegeben haben; und viele Tausende nichts als den „Versöhnungstag" mit uns feiern und diesen nicht mehr in überlieferter Art und Weise. Ja, wie gesagt, zahlreiche schalten selbst den unbedingten Gottesglanben aus und wollen doch für. Volljuden gelten und genommen werden. Sie sind reine Nationaljuden. Andere endlich wollen als Inden nur die Ethik des Judentums üben. Auch diese gehören zu uns. Sie gehören zu uns, weil sie es wollend Und der Wille zum Judentum allein ist schon zwingende Tatsache. Sie sind alle unser. Unter den Gottesgläubigen selbst aber herrscht keine Einheit. — Für zahlreiche, die ihr Leben nach den allgemein-menschlichen, sittlichen Gesetzen der Welt ohne die besondere jüdische Art eingerichtet haben, besteht das Jüdische ausschließlich in der öffentlichen Bewährnng ihres Glaubens bei der öffentlichen Andachtsverrichtung oder in der Teilnahme an den für die Glaubensgenossen geschaffenen Wohlfahrtseinrichtungen. Das Letztere gehört in den dritten Teil meiner Betrachtung. Der öffentliche Gottesdienst aber befriedigt nicht alle in gleicher Weise. Die Grenzen dieser Befriedigung sind schwer abzustecken. Ein sehr beträchtlicher Teil unserer Glaubensgenossen sucht und findet sie in der althergebrachten Form. F ü rdiesehatalso in ersterReihe gesorgt zu werden. Die Fürsorge muß sich aber auch auf andere erstrecken. Es genügt nicht zu sagen: In dem nach althergebrachter. strenge der Ueberlieferung entsprechenden Gottesdienste des Wochentages, der Sabbathe, Feste und Gedenktage können alle etwas finden, was sie suchen. In einer so verschiedenartig zusammengesetzten Gemeinde — und das ist heute jede Großgemeinde — muß dem Andachtsbedürfnis Tausender entgegengekommen werden, wofern es nicht einer Laune, sondern einem aufrichtigen, herzlichen Bedürfnis entspringt. Wenn Taufende sich über eine annehmbare Form geeinigt, Art, Ort und Zeit ihres Strebens nach Andachtsbedürfnis und gottesdienstlicher Belehrung gefunden haben, dann ist es nichts als billig, wenn sie Rücksicht fordern.:—Rücksicht, wenn auch nicht völlige Preisgebnng. Ernste Männer werden imstande sein, eine Verständigung zu schaffen. Wenn znm Beispiel ein Wunsch geäußert würde, an bernfsfreien Tagen gottesdienstliche Versammlungen einznbernfen, bei denen Gemeindegesang und. Ansprachen die Hauptsache sein sollen, ich würde keinen Augenblick zögern, diesem Wunsche nach Möglichkeit znentsprechen. Und damit wäre viel geschehen; namentlich dann, wenn solche Versammlungen zur religiösen.ethischen und geschichtlichen Belehrung der Gemeinde, von Jung und Alt, Mann und Frau weise und ausdauernd benützt würden. Auch die Verlesung der heiligen Schriften könnte in diesen Versammlungen in geeigneter Form eine Stelle finden. Auf diese Weise wäre man jeder Reform enthoben und willkürlicher Nenerungssncht wäre ein Riegel vorgeschoben. Verloren wäre nichts, und nur gewonnen. — Solche Versammlungen müßten dann bei jedem festlichen Anlaß anberanmt werden. Die Feier unserer Sabbathe und Feste muß unberührt bleiben. Die Gemeinderepräsentanz und die Rabbiner haben sich allenthalben als Träger und Fortsetzer der Tradition zu betrachten und nicht als Religionsstifter und Sektengründer. Wenn ein Religionsstifter von höherer Inspiration und providenzieller Kraft entsteht, dann wird er sich Gehör zu verschaffen wissen, wie es die Propheten aller Zeiten verstanden haben. G e m i l l u t h C h e s s e d. Ans diesem Gebiete herrscht fast ungestörte Einmütigkeit. Die Pflicht der Nächstenliebe ist in allen jüdischen Herzen in ungebrochener Kraft lebendig. Sie ist seit urdenklichen Zeiten Ruhm und Stolz Israels. Und es hat keine Zeit gegeben, in der sie nicht geübt worden wäre. Uebertroffen hat uns kein Volk und keine Konfession darin, kaum erreicht. Daß diese sozial gerichtete Betätigung des Jndentums wesentlich zu ihm gehört, ist so zur unerschütterlichen Ueberzengnng aller geworden, daß diese Frömmigkeit — denn Wohltätigkeit und Uebnng von Liebeswerken ist Frömmigkeit — geradezu als „die Religion" bezeichnet wird und solche, die sie üben, jedweder anderen Betätigung der Religion entbunden zu sein glauben. Das ist zwar nicht der Fall, wir wollen aber und brauchen darüber nicht mehr zu sprechen, nachdem es uns klar geworden i st, daß Thora und Abodah ebenso wesentliche Teile des jüdischen Einzelnwie Gemeindelebens bilden. Das Bestehen der Knltusgemeinden und der konfessionellen Institutionen wäre sonst vollkommen überflüssig; noch überflüssiger die rein-gottesdienstlichen Einrichtungen. Die soziale Fürsorge wird als die Hauptaufgabe einer Kultnsgemeinde bezeichnet. Das heißt also, die Fürsorge von Inden für Juden. Es ist nun interessant, zu sehen, wie bei Besprechung der „Aufgaben einer Kultusgemeinde" unwillkürlich fortwährend die Behandlung rein ethisch-sozialer Aufgaben sachlich und logisch von der religiös-kulturell gerichteten Tätigkeit der Gemeinde durchbrochen wird und so die Themata vermengt werden. Das ist kein Vorwurf, sondern nur ein Beweis dafür, daß hier ein guuoti.ru vorliegt, über welches selbst die Freidenker nicht hinauskommen. Und unsere „Doppelnatnr als Glaubens- und Volksgenossenschaft" kommt überall deutlich znm Ausdruck. Das soll ja so sein. Unwillkürlich stehen alle unsere Stammes- und Glaubensgenossen — die sich weder für den nationalen, noch auch für den religiösen Standpunkt entscheiden, sondern ausschließlich den ethischen zugeben wollen — in einem Doppeldienste. Sie üben als Inden für Juden -— nicht nur als Menschen für Menschen edle Werke der Liebe. Hat sie nur der Zufall der Geburt in die Dienste gestellt? Und wenn, dann ist der Zufall doch mit den Jahren zur bewußten Lebensanschanung und sittlichen Ueberzengnng geworden. Die jüdische Uebnng humanitärer Werke ist nicht nur human, sondern auch jüdisch. Keinen Augenblick dürfen wir Bedenken tragen, dem edlen Glaubeusbruder, der nur die eine Säule der drei Stützen der jüdischen Gesellschaft aufrichten hilft, die Hand zu reichen. Die „sozial gewandte Frömmigkeit" ist eben ein unbedingt erforderlicher Teil, und zwar einer der wichtigsten, erhabensten und erfolgreichsten Teile des jüdischen, gottesdienst-