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Die Wahrheit · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1910
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 26. Die Wahrheit Seite 5. jüdisches Leben undenkbar ist, ja diese Lehre Wurzel und Quelle des jüdischen Gemeindelebens darstellt, wird zugegeben werden müssen, daß die Lehre mit Recht an die erste Stelle, gesetzt und von den Gemeinden ehedem wie jetzt als eine der vornehmsten Erfüllungspflichten betrachtet worden ist. Der Umfang des Begriffes Lehre jedoch hat sich für uns Juden moderner Zeit gegenüber der Vergangenheit wesentlich erweitert. Das kommt selbst in den orthodoxesten Gemeinden bei der Erteilung des Religionsunterrichtes in allen Schulkategorien deutlich zum Ausdrucke. Während ehedem ausschließlich Bibel und Talmud gelehrt wurden, wird jetzt jüdische Geschichte und Literatur überall als durchaus integrierender Bestandteil des Religionsunterrichtes betrachtet und behandelt. Leider wird der erste und ältere Teil Bibel und Talmud oder, wie der technische Ausdruck lautet, Talmnd-Thora immer weniger gepflegt und gekannt, so daß er seine dominierende Stellung im religiösen Erziehnngsplane der Gemeinde, und zwar nicht zu deren Segen, eingebüßt hat. Die Gemeinden leisten, was sie leisten können und was sie den Ansprüchen der Gemeindemitglieder entsprechend, leisten müssen. Oft gehen sie darin über die Ansprüche hinaus. Denn eine sehr beachtenswerte Minorität verlangt unaufhörlich ein verschwindendes Mindestansmaß von Lehre. Die Einsicht der leitenden Kreise wird bei allem Entgegenkommen ein Richtmaß zu finden wissen. Aber nicht nur die Sorge für die Erteilung des in manchen Fällen auch vom Staatsgesetze geforderten Religionsunterrichtes ist Aufgabe der Gemeinde. Ihr obliegt auch die Weiterbildung der Erwachsenen. Soweit es möglich und denkbar ist. — Die Erweiterung des Begriffes der Lehre kommt hier der Erfüllungsmöglichkeit zu statten. Geschichte, Kultur und Literatur des Judentums sind ein so umfassendes und dem allermodernsten Geschmacke so anpassungsfähiges Gebiet, daß wissenschaftliche und populäre, der ganzen Gemeinde zugängliche Darbietungen und öffentliche Belehrungen sich als ausgezeichnete Erziehungsmittel erweisen. Es ist außer Frage, daß diese Modernisierung der Lehre, dem Sinne und Willen selbst der konservativsten Auffassung nachkommt. Die sorgsame, liebevolle Pflege der biblisch-talmudischen Literatur brauchte dabei nicht verkürzt zu werden, so weit sie in den religiösen Bedürfniskreis der Gemeindeangehörigen fällt. — Selbst für die Rabbiner und die Fachgelehrten hat sich der Begriff Lehre gewiß erweitert. Wenn sie die Aufgabe h a v e n, d i e traditionelle, rabbinische Wissenschaft zu pflegen u u b z u verbreite n, so wenig Dank, Anerkennung und Verständnis dafür vorhanden ist; so müssen sie den gewaltig anwachsenden und gar nicht mehr zu bezwingenden wissenschaftlichen, philosophischen, geschichtlichen, kulturgeschichtlichen theologischen, philologischen, soziologischen Stoff, der sich ihnen in Ueberfülle darbietet und durch tägliche neue Erscheinungen beinahe ins Unendliche anwächst, dennoch in ihren Wissenskreis ansnehmen, wenn sie nicht Zurückbleiben wollen. Sie haben aber die Aufgabe, die Resultate dieser Erkenntnissumme praktisch in der Seelsorge zu verwerten und jede sich darbietende Gelegenheit zur Anfklärnng und Belehrung zu benützen, ja diese Gelegenheit zu suchen.. Sie haben ein Lehramt im höchsten S i n u e. Wenn die alten Rabbiner ausschließlich, im Bet-Hamidrasch ihre Tätigkeit entfalteten und unaufhörlich lernte n, das heißt lehrten, so erwächst ihnen jetzt außerdem die Pflicht, die Lehre auf Kanzel und Katheder zu verkünden, die Lehre in jener gewaltig erweiterten Gestalt, ohne daß die Tiefe und die durch das Alter geweihte und erprobte Tradition Abbruch erleiden. Die Lehre in diesem Sinne und in dieser Bedeutung kann aber ihre so erprobte und segenbegleitete Wirkung unmöglich erzielen, wenn sie nur in Schulen und Lehrhäusern, auf Kanzel und Katheder verkündet wird, sie müßte in die Häuser."dringen und daselbst eine Stätte finden. Selbst in der lange verwichenen - klassischen Zeit ihrer Blüte hätte sie ohne diese intime häusliche Arbeit nicht wirken können, uni. wie viel weniger in unserer.Zeit. — Daß der Lehre eine zentrale Stelle im gott e s d i e n st l i ch e n L e.b e n zukommt, beweist eben der synagogale Gottesdienst, bei welchem sie an den Sabbathen und Festtagen (von den Montagen und Donnerstagen abgesehen) im Mittelpunkte der Gemeindeandacht stehen soll. Die feierliche Verlesung der Thoraabschnitte, ergänzt durch d i e P r op h e t e n l e k t i o n (Haftarah) sollte unter gespanntester A u f m e r ks a m k e i t der g a n z e n G e m e i n d e st a t t s i n d e n. Wird doch auf diese Lektionen die hoch st e Sorgfalt v e r w en d e t und ftnb et doch das Herausheben und Z u r ü ck st e l l e n der heiligen Rollen mit w ü r d e v o l l st e r Feierlichkeit statt. Die Thoravorlesung i st so als Höhepunkt des ganzen G o t t e s d i e n st e s gekennzeichnet. Es ist eine uralte Klage," die nie verstummt ist, daß dieser Höhepunkt nicht als solcher empfunden wird. Wieso? Die Antwort ist sehr deprimierend. Weil in der Mehrzahl unserer Synagogen der überwiegend größere Teil der Gemeinde die Thora-Lektionen nicht versteht, noch viel weniger versteht, als die hebräischen Gebete. Die Gemeinde hört die Vorlesung ans den heiligen Schriften verständnislos und darum vollkommen teilnahmslos. Man sagt, die Predigt, die sich an die Lektion schließt, greise hier wirksam ein. Das ist nur zum Teile wahr. Sie behandelt nie das Ganze, sondern immer nur einen sehr kleinen Bruchteil der Lektion. Und doch wäre das Verständnis, das tiefste, gründlichste Verständnis des gelesenen Thora- und Prophetenabschnittes das Wertvollste des ganzen Gottesdienstes; die eigentliche Frucht der Gemeindeandacht, der ethisch-religiöse Ertrag, den die versammelte Gemeinde ans der Synagoge mit in das stürmende Leben und in die Stille des Hauses tragen, sollte. Ich will aber sogleich bemerken und vorwegnehmen. daß ich das Gebet, so wenig Anklang es in unserer realistischen Zeit findet, für äußerst wichtig und unentbehrlich halte; der wahre Herze n s g o t t e s d i e u st war immer n n d i ft n o ch h e u t e das Gebet und nicht die Lehre. Unsere ganze Religion aber und darum auch unser öffentlicher Gottesdienst legen großes Gewicht auf Kenntnis, Einsicht und Verstand. Nicht nur Gefühle sollen erregt und dem persönlichen Bedürfnis nach religiöser Erbauung Rechnung getragen werden; die „andächtige Gemeinde" soll religiös belehrt, sittlich unterwiesen, geschichtlich aufgeklärt, v o m Gesichtspunkte u n s e re r T ra d i t i o ns l e h re über alle Lebensü n d G e s e l! s ch a f t s f r a g e n aufschlußreich unterrichtet werden. Sie soll tief davon durchdrungen werden, daß unsere heiligen Schriften uns keine Antwort schuldig bleiben. Hätten wir an jedem Sabbathe eine große Gemeinde vor uns, wie dies in vielen Gemeinden Deutschlands und in einheitlich konservativen Gemeinden die Regel ist, dann könnte die aüsabbathliche Predigt einen Teil dieser großen Aufgabe erfüllen. Ein ernster R a b b i n e r muß s i ch t i e f unglücklich fühlen, wenn er diese Aufgabe einfach deshalb nicht erfüllen kann, weil er am Sabbathe vereinsamt und verlassen, mit einem kleinen Häuflein Getreuer in der Synagoge steht. Die Festtage aber reichen absolut nicht dazu aus. Sie müssen der eingehenden Festesbetrachtung gewidmet werden. Auch die Verlegung der Predigt auf den Freitag-Abend-Gottesdienst hat nicht viel geholfen. Er ist sehr vielen, die gerne in den Tempel gehen, ebenso unzugänglich wie die Sabbath-Vormittags-Andacht; und übrigens fehlt ihm eben der Höhe- und Mittelpunkt, die Thora-Lektion. Diese mit ß, wenn nicht die ganze Sache auf den Kopf gestellt und eine Farce werden soll, neu belebt und wieder zu dem gemacht werden, was sie war und in hunderten Gemeinden noch ist. Die öffentliche Verbreitung der Lehre im a u s g e d e h n t e st e n S i n n e, d i e V e r l e s un g der Lehre mit der d a ra n g e k n ü p f t e n E r k l ä r u n g. A u s l e g u u g und Betrachtung muß wieder zu Ehren kommen. Dies aber führt uns bereits zum zweiten Teile der Betrachtung: A b o d a h. Abodah ist in diesem Zusammenhänge ^Gottesdienst". Eine Diskussion über die Notwendigkeit des Gottesdienstes sollte mm-r r ZTMWL'Z

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