Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1910
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 26. beiden Mordtaten von der alleinigen Täterschaft einstimmig freigesprochen, hiegegen wegen gemeinschaftlicher Mitwirkung bei der Ermordung der Hrnza und Klima verurteilt worden ist. Mit Recht meint der Verfasser, „daß Hilsner ein Held sein müßte, wie ihn die Kriminalliteratur bei Leuten seines Schlages wohl noch niemals verzeichnet haben dürfte," wenn er, der in seiner Todesangst und Beschränktheit sich nicht scheute, falsche Mitschuldige namhaft zu machen, die wahren Mitschuldigen — falls er solche gehabt hätte — seit nunmehr 11 Jahren nicht augibt. Ein Erfolg ist der Eingabe nicht beschieden gewesen, so scharfsinnig auch das Material znsammengestellt ist, so eindringlich die schweren Mängel der Beweise anfgezeigt wurden, deren bedeutsamster — die mit dem Zeugen Peschak vorgenommene Sehprobe — als falsch nachgewiesen ist. So bleibt denn nur die einzige Hoffnung, daß es einem Zufälle beschieden sein möge, einen Schuldspruch zu sühnen, welcher nicht nur nach der Anschauung des Verteidigers, sondern — gemäß dessen wiederholt veröffentlichten Mitteilungen — auch nach Anschauung des berufenen Schwnrgerichtsvorsitzenden einen Unschuldigen getroffen hat." Das Bndapester Schwurgericht verhandelte vor einigen Tagen über einen weitere Kreise interessierenden Preßprozeß, den der Sektionsrat im Ministerium für Kultus und Unterricht Bela M a k a y gegen den Redakteur des jüdischen Blattes „Egyenlöseg" (Gleichheit), Max Szabolcsi angestrengt hatte. S z a b o l c s i hatte einen Artikel veröffentlicht, worin er gegen den Sektionsrat. der als Referent für jüdische Knltnsangelegenheiten fungierte, die heftigsten Angriffe richtete und unter anderem erklärte, der Sektionsrat chikaniere die jüdischen Kultusorgane. Der Verteidiger Dr. Brody trat den Wahrheitsbeweis für die ans die Amtsführung des Sektionsrates bezüglichen Anschuldigungen an. Die Geschwornen erachteten den Wahr heisbeweis für erbracht und verneinten die Schuldfragen, worauf der Angeklagte f r e i g e s p r o ch e n wurde. Bei dem strengen Gerechtigkeitssinn des ungarischen Ministerpräsidenten dürfte dieser Freispruch für den durch denselben getroffenen Ministerialbeamten recht unangenehme Konsequenzen haben. * * . : * Gegenüber der von mehreren Blättern wiedergegebenen Mitteilung, daß die Deutsche Konserenzgemeinschaft der Alliance Jfraslite Universelle eine völlige Loslösung von der Pariser Zentrale und die Gründung einer deutschen Alliance beabsichtigt, werden wir seitens des Präsidenten der deutschen Konferenzgemeinschaft, Herrn Justizrat B. T i m e n d o r f e r um Veröffentlichung nachstehender Erklärung ersucht: „In verschiedenen Zeitungen wurde die Nachricht verbreitet, daß die Deutsche Konserenzgemeinschaft der Alliance Jsraslite Universelle beabsichtige, sich von der Zentrale in Paris loszulöseu und eine selbständige deutsche Alliance zu schaffen. Ich erkläre hiemit, wie ich dies auch in der außerordentlichen Tagung an der Deutschen Konferenzgemeinschaft vom 29. Mai getan habe, daß das Präsidium und der Geschäftsführer der Deutschen Konserenzgemeinschaft nicht daran denken und auch nie daran gedacht haben, sich von Paris zu trennen, um die deutsche Abteilung selbständig zu machen und gewissermaßen eine deutsche Alliauce Jsraelite Universelle, unabhängig von Paris zu schaffen. Ich habe damals erklärt und bin auch noch der Meinung, daß neben dem Hilfsverein der deutschen Juden in Deutschland absolut kein Platz für eine solche selbständige Organisation ist, und daß ich als stellvertretender Vorsitzender des Hilfsvereines der deutschen Juden mein Amt als Präsident der Deutschen Kouferenzgemeinschast sofort niederlegen müßte, falls ein solcher Plan auch nur im entferntesten von irgend einer Seite propagiert werden würde. Daß ich die Absicht hatte, zu demissionieren, entspricht den Tatsachen, ebenso wie es wahr ist, daß der Geschäftsführer Herr M. A. Klausner ieine Demission gegeben hat. Die-von mir beabsichtigte Demission ist einstweilen unterblieben, weil die zwischen Paris und Berlin schwebenden sachlichen Differenzen einer allseitig befriedigenden Lösung sich nähern." B. Timendorfer. Auf der vor einigen Tagen in Kiew stattgefundenden Sitzung der Kommission für Rechtsbeistand an die Ausgewiesenen-wurde festgestellt, daß von 1150 Familien, über die die Ausweisung verfügt worden war, (abgesehen von den 238 Familien des Vorortes Demiewka) nur 170 in Kiew bleiben dürfen. — Daneben wurde noch festgestellt, daß in letzter Zeit immer neue Kreise in den Bann der Ausweisung gezogen werden. Die Zahl der Ausgewiesenen, die in der ursprünglichen Proskriptionsliste fehlten, wächst mit jedem Tag. In großem Schwünge sind zur Zeit die berichtigten „Nachthetzen" (Haussuchungen in Privatwohnnngen) auf wohnrechtlose Juden. Auch in Smolensk nehmen die Judenvertreibnngen von Tag zu Tag immer größere Dimensionen an, und die Hüter der öffentlichen Ordnung ergreifen die Gelegenheit, um ihren Diensteifer in einer Weise zu bekunden, die den Häschern der spanischen Inquisition zur Ehre gereicht haben würde. Der Höhepunkt raffinierter Grausamkeit hat der derzeitige Hexensabbat russischpolizeilicher Bestialität im Landflecken Potschinok, Gouvernement Smolensk. Diese durch ihren bedeutenden Getreidehandel bekannte Knotenstation bildet während der Handelssaison einen Anziehungspunkt für viele Juden ans den benachbarten Gonver-! nements. Vor kurzem ging nun die Smolensker Polizei auf die Suche nach wohnrechtlosen Juden aus. Eines schönen Tages wurde nun der gesamte Flecken von Smolensker berittenen Polizisten umzingelt. In sämtlichen Häusern wurden strenge Haussuchungen vorgenommen. An die zehn Inden wurden festgenommen und am folgenden Tage nach Smolensk in Polizeihaft gebracht. Während der Untersuchungen teilte jemand mit, daß viele Inden im benachbarten Walde sich versteckt hätten. Sofort wurde der Wald j von Polizisten umzingelt, und eine förmliche Hetzjagd begann, j Jagdhörner ertönten, Signalrufe wurden gewechselt und Flinten- 1 schüsse wurden abgefeuert, die das „Wild" ans seinem Versteck j aufschrecken sollten. Die Polizisten zerstreuten sich über den Wald, I und bald begann die Ablieferung ergriffener Juden an den Hauptmann T k a t s ch e w. Die „Jagd" dauerte bis tief in die Nacht hinein. Es wurden ca. 60 Inden ergriffen, vornehmlich jüngere Handelsangestellte. Von Potschinok ans begaben sich die Detektive und Polizisten nach einem anderen Handelsflecken, Stadol i sch Ische an der gleichen Eisenbahnlinie. Hier wiederholte sich die ganze Geschichte nach vorangegangenem Muster. Jndeß hatte hier die Polizei weniger Glück; es wurden nur acht Juden ergriffen. Die anderen hatten es in Erwartung der Hetzjagd vorgezogen, mit dem ersten Zuge abzureisen und ihr Hab und Gut der „Willkür des Geschicks" zu überlassen. Thora, Abodah, GerniUnth Cheffed. Eine unzeitgemäße Betrachtung. Bon Dr. David Feuchtwang. Gewiß. Es ist unzeitgemäß, über diese drei Säulen des Judentums zu sprechen, die nach der Meinung unserer ältesten Lehrer auch die festesten Träger und Stützen der Well und, Gesellschaft sind. Wir werden aber, glaube ich, bei eifrigster Suche nach neuen Stützen nicht über die allen hinauskommen. Wer von uns hätte nicht tief und ernst darüber nachgedacht? Wem das Judentum ein kostbares, ja das kostbarste Gut ist, das er besitzt, der hat schon oft genug darum gezittert und gebangt. Es muß aber doch klar werden, ob wir mit diesen alten, uralten Säulen, die nun den Ban schon Jahrtausende lang tragen, unser Auslangen finden. Die Klarheit darüber halte ich deshalb für eine nnabweisliche sittliche Forderung, weil von ihr alles abhängt. Thora. In diesem Zusammenhänge könnte Thora nichts anderes bedeuten als das, was es feit jeher bedeutet hat, die L e h r e. Die Lehre in ihrem ganzen Umfange. Es müßte zunächst jedoch darüber Einigung erzielt werden, ob wirklich die Pflege der Lehre an erste Stelle gehöre und auch darüber, was wir unter der Leh r e zu verstehen haben. Fraglos gehört die Pflege der Lehre in den Kreis der Aufgaben, welche die jüdische Gemeinde zu erfüllen hat. Und da ohne Unterweisung in der Lehre ein